# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 03 02_S106 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) nie geſehen habe, von Angeſicht zu Angeſicht ſchauen werde. „Meinem einigen hinterlaſſenen Sohn überlaſſe ich von irdiſchen Gütern wenig, dabei aber einen ehrlichen Namen, deſſen er ſich ſonderlich nicht wird zu ſchämen haben... „Es weiß mein Sohn, daß ich ihn von ſeiner zarten Kindheit an dem HErrn meinem Gott zu eigen gegeben, daß er ein Diener und Prediger ſeines heiligen Worts werden ſoll; dabei ſoll er nun bleiben, und ſich daran nicht kehren, daß er wenig gute Tage dabei haben möchte, denn da weiß der liebe Gott ſchon Rath zu, und kann das äußerliche Trübſal mit innerlicher Herzensluſt und Freudigkeit des Geiſtes gnugſam erſetzen. „Die heilige Theologiam ſtudire in reinen Schulen und auf unverfälſchten Univerſitäten, und hüte dich ja vor Syncretiſten, denn die ſuchen das Zeitliche, und ſind weder Gott noch Menſchen treu. „In deinem gemeinen Leben folge nicht böſer Geſellſchaft, ſondern dem Willen und Befehl deines Gottes. „Inſonderheit 10 thue nichts Böſes, in der Hoffnung, es werde heimtich bleiben, denn es wird nichts ſo klein geſponnen, es kommt an die Sonnen. 2) Außer deinem Amte und Beruf erzürne dich nicht. Merkſt du denn, daß dich der Zorn erhitzet habe, ſo ſchweige ſtockſtille, und rede nicht eher ein Wort, bis du erſtlich die zehen Gebote und den chriſtlichen Glauben bei dir ausgebetet haſt. 3) Der fleiſchlichen ſündlichen Lüſte ſchäme dich, und wenn du dermaleinſt zu ſolchen Jahren kommſt, daß du heirathen kannſt, ſo heirathe mit Gott und gutem Rath frommer, getreuer und verſtändiger Leute. 4) Thue Leuten Gutes, ob ſie dir es gleich nicht zu vergelten haben, denn was Menſchen nicht vergelten können, das hat der Schöpfer Himmels und der Erden längſt vergolten, da er dich er— ſchaffen hat, da er dir ſeinen lieben Sohn ge— ſchenket hat, und da er dich in der heiligen Taufe zu ſeinem Kinde und Erben auf- und angenom⸗ men hat. 5) Den Geiz fleuch, als die Hölle; laß dir gnügen an dem, was du mit Ehren und gutem Gewiſſen erworben haſt, obs gleich nicht allzuviel iſt. Beſcheret dir aber der liebe Gott ein Mehres, ſo bitte ihn, daß er dich vor dem leidigen Miß— brauch des zeitlichen Guts bewahren wolle. „Summa: bete fleißig, ſtudire was Ehrliches, lebe friedlich, diene redlich, und bleibe in deinem Glauben und Bekenntniß beſtändig, ſo wirſt du einmal auch ſterben und von dieſer Welt ſcheiden willig, fröhlich und ſeliglich! Amen.“ Dieſes ſchöne Teſtament iſt zugleich ein Zeug⸗ niß, daß Paulus Gerhardt dem reinen lutheriſchen Bekenntniß bis an ſein Ende treu geblieben, und noch zuletzt denſelben Abſcheu vor Halbheit und Unentſchiedenheit in Sachen des Glaubens be— wahrte, der vor zehn Jahren die Urſache ſeiner Entlaſſung war. „Die heilige Theologiam ſtu⸗ dire in reinen Schulen und auf unverfälſchten Univerſitäten, und hüte dich ja vor Syncretiſten, 106 denn die ſuchen das Zeitliche, und ſind weder Gott noch Menſchen treu.“ Dieſe im Angeſicht des Todes, nach einem ſolchen Leben, ausgeſprochenen Worte waren ein ernſtes heiliges Vermächtniß für den Sohn, ſeit ihrer Bekanntmachung auch für die ganze evangeliſch-lutheriſche Kirche. Die Umſtände, welche die Amtsentſetzung Pau⸗ lus Gerhardts herbeiführten, lieſ't man am beſten bei E. L. G. Langbecker*) und Otto Schulz“*). Der reformirte Kurfürſt Friedrich Wilhelm hatte, um ſeinem von den Kämpfen zwiſchen der lutheriſchen und der reformirten Geiſtlichkeit ſeit ſo langen Jahren beunruhigten Lande endlich kirchlichen Frieden zu geben, die beiden Parteien zu einem Religionsgeſpräch eingeladen, ob ſich vielleicht eine verſöhnende Ausgleichung der ſtrei⸗ tigen Punkte finden laſſe. Paulus Gerhardt ver⸗ ſprach ſich wenig von dieſen Zuſammenkünften; er erklärte ſich durch ein in ſtreng logiſcher Form adgefaßtes Gutachten dagegen, weil dabei nichts herauskommen könne, als derſelbe Syneretismus, d. h. dieſelbe Vermengung von zweierlei Bekennt⸗ niſſen, zu welchem ſich die Rintler Theologen hät⸗ ten verleiten laſſen, ein Friede, der kein rechter Friede ſei. Gleichwohl nahmen die Zuſammen⸗ künfte ihren Anfang. Die Berliniſche Geiſtlich⸗ keit wich keinen Schritt von der Concordienformel, die Reformirten dagegen ließen dieſelbe nicht gelten. Paulus Gerhardt war die Seele der Berlini⸗ ſchen Geiſtlichkeit. Sein amtliches Geſchäft war, die Angriffs⸗ und Vertheidigungsſchriften zu ent⸗ werfen; dieſe ſind mit größter Gewandtheit und Schärfe, nicht ſelten ſelbſt mit Witz verfaßt, und liefern einen neuen Beweis, daß ſich ſcharfer Ver⸗ ſtand gar wohl mit dichteriſchem Gemüth ver⸗ einige. Denn wenn man dieſe, nach dem Zeit⸗ geſchmack ſo wunderlich mit Latein durchſchoſſenen Artikel lieſ't, ſollte man kaum meinen, daß der⸗ ſelbe Mann zu derſelben Zeit ſich und den Seinigen zu Troſt die ſchönſten geiſtlichen Lieder dichtete. Die Zuſammenkünfte hatten keinen Erfolg. Der große Kurfürſt ſah ſich in ſeinen Erwartun⸗ gen getäuſcht; er ſah die Parteien, ſtatt verſöhnt, nur in noch klarer gewordenen Gegenſätzen aus einander treten. Dazu kam, daß die Berliniſche Geiſtlichkeit ein dem Kurfürſten mißfälliges Auf⸗ treten ihres Sprechers Reinhart in der vorletzten Sitzung am 22. Mai 1663 in Schutz nahm und als in ihrem Sinne geſchehen anerkannte und bil⸗ ligte. Dies zog ihr Drohungen der Ungnade des Kurfürſten zu. Man nimmt an, daß P. Gerhardt damals das Lied: „Iſt Gott für mich, ſo trete gleich alles wider mich“ gedichtet habe. Der große Kurfürſt erließ darauf unterm 16. September 1664 ein Edict, in welchem den Geiſt⸗ lichen beider Parteien bei Vermeidung der Ent⸗ laſſung vom Amte und anderer Beſtrafung ſtreng und ſcharf befohlen wird, einander weder mit an⸗ züglichen Namen zu verunglimpfen, noch auch *) Leben und Lieder von Paulus Gerhardt. Berlin 1841. *) Paul Gerhardt's Geiſtliche Andachten u. ſ. w. Ber⸗ lin 1842. einander durch bloße Schlußfolgen Lehren beizu⸗ meſſen, die ungereimt oder gottlos ſeien, auch von der Gegenpartei geleugnet würden, am aller⸗ wenigſten aber dürfe beides auf der Kanzel vor⸗ kommen. Die Geiſtlichen aber ſollten durch Aus⸗ ſtellung von Reverſen ſich verpflichten, den kurfürſtlichen Edicten nachzuleben. Von der luthe⸗ riſchen Geiſtlichkeit der Stadt Berlin weigerten ſich zunächſt der Probſt Lilius und der Archidiaconus Reinhart, einen ſolchen Revers zu unterſchreiben, und wurden alsbald, im April 1665, ihres Amtes entſetzt; Lilius, der ſich im Anfang des folgenden Jahres zur Ausſtellung eines Reverſes bewegen ließ, ward ſogleich wieder in ſein Amt eingeſetzt.) **) „Dieſelbe Verfügung, durch welche Lilius in ſein Amt wieder eingeſetzet wurde, enthielt auch den Auftrag an das Conſiſtorium, Paul Gerhardt zur Unterſchrift des Reverſes aufzufordern, und im Weigerungsfalle ihm die Entlaſſung von ſei⸗ nem Amte anzukündigen. Wie gemäßigt Paul Gerhardt ſich auf der Kanzel und im Leben be⸗ zeigt haben mochte, bei dem großen Kurfürſten ſtand es feſt, daß er bei dem Religionsgeſpräch im Jahre 1662 und 1663 nächſt Reinhart der hef⸗ tigſte Gegner des Friedens zwiſchen den Refor⸗ mirten und Lutheriſchen geweſen ſei. Als man Reinhart im Conſiſtorio den Vorwurf machte, daß er ſeine Collegen zur Widerſetzlichkeit verleite, hatte er mit einiger Wärme erklärt, es verhalte ſich nicht ſo, er ſelbſt habe vielmehr Reinhart, wenn er habe weichen wollen, zugeredet; er ſei älter an Jahren und älter im Amte, und da ſollte es ihm leid thun, wenn er Andern erſt folgen ſollte. Bei einer ihm zugeſloßenen Krankheit hatte er auch ſeine Colle⸗ gen zu ſich eingeladen, und ſie ernſtlich ermahnt, den Revers nicht zu unterſchreiben, wenigſtens waren alle dieſe Umſtände dem großen Kurfürſten hinterbracht worden, und ſomit erſchien es der Abſicht desſelben ganz angemeſſen, daß man, nach Reinharts Entfernung und Lilius' Rücktritt vom Kampfe, zunächſt den bedeutendſten und, wie man glaubte, den heftigſten Gegner der Reformirten, der zugleich die Seele des Berliniſchen Miniſterii war, auf irgend eine Weiſe unſchädlich mache. „Paul Gerhardt wurde am 6. Februar 1666 zugleich mit Lilius vor das Conſiſtorium geladen, und zur Ausſtellung des Reverſes aufgefordert. Man bewilligte ihm anfangs zur Abgabe ſeiner Erklärung noch eine Bedenkzeit von acht Tagen, er nahm ſie im erſten Augenblick der Beſtürzung auch an, erklärte aber noch in der nämlichen Sitzung, er habe ſich ſchon längſt bedacht, und werde ſich wohl nicht ändern, worauf ihm die Ab⸗ ſetzung vom Amte im Namen des Kurfürſten an⸗ gekündigt wurde. „Hatte des alten Lilius und des geachteten, aber minder geliebten Reinharts Abſetzung bei dem Magiſtrat und der Bürgerſchaft große Beſtürzung *) Bekanntlich iſt Lilius wegen dieſer Untreue ſpäter in große Gewiſſensnoth, ja an den Rand der Verzweiflung ge⸗ kommen, doch endlich nach bußfertigem Bekenntniß ſeiner Uebelthat unter Gerhardt's evangeliſchem Zuſpruch mit dem Troſt der Vergebung in dem HErrn entſchlafen. D. Red. **) Paul Gerhardt's Geiſtliche Andachten ꝛc. von Otto Schulz. Berlin 1842. S. 67 ff.