Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 14 › Seite 95
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-03-02, Seite 95
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: SGeiz 5 · Vater Unſer. —5. Bitte 8
tergeweht hatte, weckte mich wieder auf. Feuer
und Helle waren verſchwunden. Die immer zahl⸗
reicheren Häuſer, die im Dunkel der Nacht zu er⸗
kennen waren und in denen alles im tiefen Schlafe
lag, zeigten mir, daß wir den Ort unſerer Be⸗
ſtimmung erreicht hatten.
Es war Nachts halb ein Uhr, als wir ganz
ſteif gefroren hier ankamen. Nach kurzer kalter
Nachtruhe im leichten amerikaniſchen Bette machte
ich am frühen Morgen mit einem Pack Bücher
und Schriften unterm Arm eine Wanderung durch
die Stadt. Bald ſah ich deutſche Geſichter und
hörte deutſche Sprache. Ich machte mich zu zwei
Müännern, die in der Straße bei einander ſtanden,
ſagte ihnen, wer ich ſei und was ich hier wolle,
und ſie wieſen mich zu einem Färber, den ſie mir
als den Vorſteher einer in Davenport ſich bilden⸗
den lutheriſchen Gemeinde bezeichneten. Der
Mann nahm mich freundlich auf und erzählte
mir, daß in und um Davenport circa 200 Fami⸗
lien deutſcher Lutheraner, meiſt Holſteiner, ſich
befänden, die erſt ſeit einem Jahre angekommen
wären; daß dieſelben zu einer Gemeinde zuſam⸗
menzutreten geſonnen ſeien und bereits von Zeit
zu Zeit unter ſich Gottesdienſt hielten, der bis zur
Verſorgung mit einem eigenen Paſtor von einem
der mit ihnen angekommenen vier holſteiniſchen
Schullehrer geleitet würde. Das klang meinem
Ohre erfreulich. Indem er mir das erzählte, kam
auch ein anderer Vorſteher herzu, einer von den
Schullehrern. Ich ſprach mit ihnen dies und
das, überreichte ihnen etliche „Lutheraner“, Löhe's
„Zuruf“ und unſere Synodalconſtitution und
gab ihnen meine Bereitwilligkeit zu erkennen, am
Sonntag zu predigen, falls es von ihnen als
Vorſtehern gewünſcht würde. Sie nahmen es
an, aber der Färber bemerkte, ich möchte jedoch bei
meiner Predigt die Leute nehmen, wie ſie ſeien.
Ich verſtand ſeinen Wink und erwiderte, daß
ich von Herzen Diener der lutheriſchen Kirche
ſei und Gottes Wort predige, ob es gefalle
oder nicht.
Nachmittag ſollte eine Beerdigung in der nur
ſieben Meilen von der Stadt entfernten holſteini⸗
ſchen Niederlaſſung, Probſtei gen annt, ſtatſfinden.
Die Leute kennen zu lernen, begab ich mich dorthin.
Ich fand unter ihnen deutſche Art und Sitte, aber
ach, auch deutſchen Unglauben, und unter etlichen
Schullehrern, die ich kennen lernte, deutſchen
Schulmeiſterdünkel. Dies wurde ich beſonders
bei der Beerdigung ſelbſt inne, bei der einer der
Schullehrer die Grabrede hielt, ein Machwerk des
ſchalſten Rationalismus.
Mir ward es wehe ums Herz, als ich in die
. Stadt zurückkehrte. So erfreut ich anfänglich
war, hier ein ſo großes Ackerfeld anzutreffen, ſo
wurden meine erwachten Hoffnungen durch die
Erfahrungen des Nachmittags doch bedeutend
herabgeſtimmt. Morgen ſoll die Predigt ſtattfin⸗
den. Ich verſpreche mir aber wenig Erfolg.
Zwar, man will hier eine Gemeinde bilden und
einen lutheriſchen Paſtor ſich berufen; aber gerade
an der Spitze ſtehen ungläubige, vom Rationa⸗
lismus mehr oder weniger angeſteckte Leute —
zum Schaden der ganzen Sache. Ein aus den⸗
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ſelben zuſammengeſetztes Committee ſoll bereits
eine Gemeindeordnung entworfen haben. Ich
habe ſie noch nicht geſehen; aber ich habe ſchon
genug von dem, was mir aus derſelben mündlich
mitgetheilt wurde. Sie iſt ein weiter Mantel,
unter dem allerlei Leute Raum genug finden, ſich
„frei“ zu bewegen. Sie führt den beliebten Na⸗
men „evangeliſch“, bekennt ſich bloß zum apoſtoli⸗
ſchen Symbolum, trennt Kirche und Schule, be⸗
ruft den Paſtor auf zwei Jahre und dergleichen.
Was iſt da viel zu hoffen? Doch, im Na⸗
men des HErrn will ich morgen einen Verſuch
wagen.
(Fortſetzung folgt.)
Warnung an verlorene lutheriſche Prediger.
In Nro. 10. des „Lutheraner“ vom 10. Ja⸗
nuar dieſes Jahres finde ich eine Aufforderung
an Prediger mit der Ueberſchrift: „Prediger ge⸗
ſucht“ und ferner: daß der Prediger lutheriſch
ſein und zu einer lutheriſchen Synode gehören
muß ꝛc. und daß der Gehalt früher 200 Dol⸗
lars war.
Da nun ein lutheriſcher Prediger geſucht wird,
und wahrſcheinlich doch mit der Abſicht, daß man
auch einen findet: ſo muß doch auch nothwendi⸗
ger Weiſe jeder lutheriſche Prediger, dem jene
Aufforderung zu Geſicht kommt, glauben: daß
auch eine lutheriſche Gemeinde in Richmond,
Ind., vorhanden ſei! Es iſt während meinem hie⸗
ſigen nun bald 7jährigen Wirken im Weinberge
des HErrn ſo weit gekommen, daß ich anno 1844
eine lutheriſche Gemeinde organiſirte und Predi⸗
ger und Gemeinde ſich auf die Symbole der
lutheriſchen Kirche verpflichteten, u. a. 1846
eine Kirche zu ihrem Gebrauche errichtete, die
nebſt Zubehör als eine ſolche im hieſigen Gerichte
recordet (eingetragen) wurde. Die Kirche ſteht
freilich noch da, aber die Gemeinde iſt leider weit,
ſehr weit von lutheriſcher Lehre, Glauben, Kir⸗
chen⸗Zucht und-Ordnung gewichen. Die ſoge⸗
nannte „lutheriſche St. Johannis⸗Gemeinde“
ſucht nun wohl einen lutheriſchen Prediger, aber
hört es, lieben Brüder! der Prediger ſoll hier auf
ein Jahr gemiethet werden, alſo daß man ihn,
wenn ſein Dienſt-Jahr um iſt, nach Belieben
bebalten oder fortſchicken kann. Er hat nichts zu
thun, als nur das Evangelium zu predigen, da⸗
für wird er bezahlt, die Glieder können tanzen,
ſaufen und dergleichen. Das Alles geht ihm
nichts an. Ich bin deswegen von ihnen ver⸗
ſtoßen, weil ich namentlich den Tänzern das hei⸗
lige Abendmahl nicht reichen und ihr ungöttliches
Weſen nicht dulden konnte. Mehrere Glieder
der alten Gemeinde und noch viele Andere, die
ſich wegen der Gottloſigkeit und der Ungerechtig⸗
keit der alten Gemeinde nicht anſchließen konnten
(30 männliche an Zahl), haben mich erſucht, ihr
Prediger zu bleiben, ich habe auch dazu eingewil⸗
ligt, ſie wollen zur lutheriſchen Lehre und Kirchen⸗
Zucht und ⸗Ordnung zurückkehren, und die für
dieſen Zweck erbaute Kirche als ihr Eigenthum
an ſich bringen und benutzen, welches bald ent⸗
ſchieden ſein wird.
Der Gehalt war früher, nur ſeit dem 1. April
1848 für 3 Monate 550.00, die aber nur mit
harter Mühe aufgebracht werden konnten, und die
Accidenzien kaum 530.00, und ſo viel ich weiß,
iſt für dieſen Zweck noch kein Dollar da, und
wird auch, wenn keine andere Ausſicht vorhanden
iſt, kaum 100 Dollars aufgebracht werden können.
J. C. Schulze,
Mitglied des „Miniſteriums der
deutſchen ev.⸗luth. Synode von Ohio
u. a. Staaten“.
*
„Vergebet, ſo wird euch vergeben.“
Als Kaiſer Heinrich VIII. einſtmals von einem
Predigermönch eine vergiftete Hoſtie bei Reichung
des heiligen Abendmahls bekam und der Kaiſer
alsbald merkte, daß er vergiftet ſei, rief er dem
Meuchelmörder zu: Eile ſchnell von dannen, du
Verräther meines Seligmachers, ehe dich meine
Diener ergreifen und in Stücken zerreißen. Zit⸗
ternd und bebend floh hierauf der Mönch von
dannen.
Ein ähnliches Beiſpiel wahrhaft chriſtlicher
Verſöhnlichkeit und Sanftmuth gab der fromme
Biſchof Euſebius. Derſelbe kämpfte mit großem
Ernſt und Eifer gegen die Secte der Arianer,
welche Chriſti Gottheit leugnete. Dies hatte eine
arianiſche Frau ſo gegen ihn aufgebracht, daß ſie
eines Tages, als Euſebius an ihrem Hauſe vor⸗
überging, denſelben ſo heftig mit einem Ziegel an
den Kopf warf, daß er bald darauf an der erhal⸗
tenen Verletzung ſtarb. Ehe der theure Mann
geſtorben war, hatte er aber nicht nur dem feind⸗
lichen Weibe Verſöhnung angeboten, ſondern ſelbſt
ſeinen Freunden einen Eid abgenommen, daß ſie
ihn auch nach ſeinem Tode an ſeiner Mörderin
nicht rächen wollten.
„Freuet euch mit den Fröhlichen, und weinet
mit den Weinenden.“
(Röm. 12, 15.)
Niemand iſt wohl ſo ſteinern, daß er nicht den,
der im Unglück iſt, beweinen ſollte; aber den, der
im Glück iſt, nicht nur nicht zu beneiden, ſondern
ſich auch mit ihm zu freuen, dazu bedarf es ſchon
eines edleren Gemüthes. Der Apoſtel ſpricht
aber nicht: Nimm ihm das Unglück ab, damit
du nicht oft einwenden könneſt, das ſei dir unmög⸗
lich; ſondern er gebietet dir etwas Leichteres, was
in deiner Macht immer ſteht. Denn kannſt du auch
dem Bruder die Noth nicht wegnehmen, ſo ſollſt
und kannſt du doch deine Thränen ihm dazu brin⸗
gen und damit haſt du ihm ſchon ein Großes ab⸗
genommen; und kannſt du auch des Bruders Glück
nicht vermehren, ſo ſollſt und kannſt du doch deine
Freude ihm zulegen, und damit haſt du ihm ſchon
viel zugelegt.
Ch ryſoſtomu 8 (geſt. 407).
Wie einem Geizhals ſein böſer Wunſch er⸗
füllt ward.
Ein armer Menſch ſprach zu Zeiten bei einem
wohlhabenden Verwandten und deſſen Geldbörſe
zu. Einmal wurde letzterer ſo unwillig darüber,
daß er ſprach: Kommſt du auch wieder? Wenn
ich nur dich nicht mehr ſehen dürfte! Dieſer
Wunſch ward ihm bald darauf erfüllt; nicht aber
ſo, daß der Arme geſtorben wäre, — auch nicht ſo,
daß er ſelbſt geſtorben wäre, — nein! er wurde
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