Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 14 › Seite 111
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-03-02, Seite 111
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Gebet 7 · Geiz 4 · Geſangbuch · Geſang
darum iſt ſein Geſchmack ihm geblieben, und ſein
Geruch nicht verändert worden.“ Ueber dem
Keller ſtand ein Kornhaus, darinnen große Hau⸗
fen von Roggen, Dinkel und Weizen aufgeſchüttet
waren, aber nicht zum Verkauf, wie die Spe⸗
cereien in den andern Häuſern.
Sondern wenn der Kaufherr die erſten Schnee⸗
gänſe hörte, oder ſein Schaffner ihm ſagte: „Sie
ſind da“, hub er an, zwier in der Woche in ſein
Komhaus zu gehen, und wenig oder viel Malter
„dem Bäckermeiſter neben der Domkirche abzumeſ⸗
ſen. Der buk Brod daraus, den Laib zu drei
oder ſechs Pfunden, ſo weit es reichte. Den an⸗
dern Tag, wenn es kalt geworden war, kamen
arme Leute und holten es; gaben aber kein Geld
dafür, ſondern zeigten nur die Handſchrift des
Kaufherrn, und empfingen dagegen, was auf
em Blättlein ſtand.
Und in Sachſenhauſen (am linken Mainufer
der Stadt Frankfurt) waren zwei Schulen, und
darin viele Kinder reicher und armer Leute durch⸗
einander. Die reichen ließ der Schulmeiſter Vor⸗
nittags um die eilfte, und Nachmittags um die
dritte Stunde heim, und hielt ſie nicht auf; die
armen aber blieben auf ihren Bänken ſitzen und
warteten, bis der Knecht des Bäckers kam, einen
großen Korb Brod auf dem Kopfe, und einem
Ieglichen gab zwei oder drei Wecken, außen ſo
gelb, wie eine Citrone, und innen ſo weiß und
locker, wie Baumwolle.
Die Wecken waren aber auch von dem Kauf⸗
herrn, der damit fortfuhr, bis ihm das Schwal⸗
benpaar in ſeiner Hausflur anſagte, daß alle
Schneegänſe bis auf die letzte wieder heimgezogen
wären.
Nun hätte der Schaffner ſchon längſt gerne
wiſſen mögen, warum ſein Herr das Kornhaus
öffnete und ſchloß, wenn die Trommeter von Mit⸗
ternacht, die Gänſe, kamen oder gingen, und be⸗
fragte ihn um die Urſache eines Abends im Gar⸗
ten vor der Stadt, als er fröhlich war in dem
HErrn und gutes Muthes, wie das Volk, welches
Salomo nach dem großen Kirchweihfeſte in ſeine
Hütten ließ.
Der Kaufherr ſah ſeinen Diener faſt zorniglich
an, wie der König Ahasverus die Eſther, da ſie
ungerufen durch alle Thüren hinein kam vor
ſeinen Stuhl. Doch wandelte ſich ſein Unwille
alsbald zur Güte und er ſprach:
„Johann, ich weiß, daß du von dem Allen
nichts wieder ſagſt, bis ich mich zu meinen Vä⸗
tern verſammelt habe; darum höre. — Mein Va⸗
ter war ein armer Schuhflicker im Oberland, und
auf ſeinem Grund und Boden wuchs ihm nicht
mehr Getreide, denn drei oder vier Aehren des
Jahres in ſeiner verfaulten Dachrinne, wenn ein
Sperling ein Korn darin liegen ließ. Dazu hatte
er ſechs Kinder, und wenn er uns das Veſper⸗
brod ſchnitt, erging es dem Sechſerlaib, wie dem
Reif in den Sommerleithen (Bergabhang gegen
Mittag). Deshalb ſchaffte er das Veſperbrod
zwiſchen Martini und Lichtmeß ganz ab, weil er
bei ſich dachte: Um 11 Uhr wind zu Mittag ge⸗
ſpeiſ't, und um 5 Uhr zu Abend, da können die
Kindlein ungeſſen bleiben. — Und wenn doch
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eins von den Kleinſten in dieſer Faſtenzeit die
Tiſchlade zog und ſie leer fand, pflegte der Vater
zu ſagen: Die Schneegänſe ſind gekommen und
haben das Brod mitgenommen. — Seit dieſer
Zeit wird es mir immer ſo wunderlich um's Herz,
wenn ich die Tommeter von Mitternacht höre.“
So ſprach der Herr des Schaffners. Der Er⸗
zähler aber wünſcht, es möchten alle reichen Kauf⸗
herren gleich ihm auf das Vogelgeſchrei achten,
im Winter auf die Gänſe, und im Sommer auf
die jungen Sperlinge, welche rufen: Gieb! gieb!
(Volksblatt.)
Der Geizhals.
Es iſt einmal ein Erzgeizhals geweſen, der hat
viel Geld zuſammengeſcharrt, einen ganzen gro⸗
ßen Topf voll. In ſeinem Hauſe hielt er es aber
nicht für ſicher. Er traute ſeinen eigenen Leuten
nicht, und der Nachbar hätte durch die Wand
riechen können, wo es verborgen wäre. Daher
trug er es bei Nachtzeit in den Wald, recht in
das Dickicht und Dunkel hinein. Da ſtand eine
große Eiche mit kräftigen Zacken. Unter dieſer
grub er eine Höhle, ſetzte den Topf hinein, und
wälzte einen Stein darauf. Nun war in derſel⸗
ben Stadt ein armer Schlucker, der hatte das
Seine durchgebracht. An Buße dachte er nicht
und an einen Gott glaubte er nicht. Der ging
etliche Tage ſpäter in den Wald. Er nahm kei⸗
nen Topf voll Geld mit, aber einen Strick, denn
er wollte ſich aufhängen. Er kam unter dieſelbe
Eiche. Ihre Zacken waren ganz ſo, wie er ſie
ſuchte, aber doch ein Bißchen zu hoch. Darum
wälzte er den Stein, der die Höhle ſchloß, näher
dem Baume zu. Beim Wegwälzen bemerkte er
die Höhle und unterſuchte, was darin ſei. Fin⸗
den und Nehmen war bei ihm eins. Er packte
das ganze Geld ein und legte dafür ſeinen Strick
in den Topf. Den Stein wälzte er wieder auf
das Loch. Kurz darauf kam der Vergräber und
wollte ſehen, ob der Schatz noch vorhanden ſei.
Wie groß war ſein Schrecken, einen Strick für ſei⸗
nen Schatz zu finden. Er wußte keinen andern
Rath, als den Strick um den Eichenaſt zu ſchlei⸗
fen und ſich daran zu hängen. — Daraus kann
man ſehen, daß man ſein Herz nicht an einen
Topf voll Geld hängen ſoll, denn wenn der ge⸗
ſtohlen wird, hängt man ſich an einen Strick.
(Volksblatt.)
Irret euch nicht, Gott läßt ſich nicht ſpotten.
Ein merkwürdiger Vorfall hat ſich am 12.
Juli 1845 in Schwarzſtein, bei Raſtenburg, er⸗
eignet. Ein Losmann war kurze Zeit vor dem
erwähnten Tage eines Diebſtahls beſchuldigt und
in Folge deſſen vor das Gericht zu Raſtenburg
citirt worden, und erbot ſich zum Reinigungs⸗
eide; weil er aber als unmoraliſcher Menſch und
als Dieb berüchtigt war, ſo wurde er zum Schwur
nicht zugelaſſen. Da ſchwur er auf eigne Hand,
d. h. geſprächsweiſe, oder im gemeinen Leben,
wie man es zu nennen pflegt, und äußerte dabei:
„Das erſte Gewitter, das heraufkommt, möge
mich erſchlagen, wenn ich geſtohlen haben ſollte!“
— Am 12. Juli zog über Schwarzſtein ein ſchwe⸗
res Gewitter herauf und der erwähnte Losmann
befand ſich mit mehreren andern Perſonen, na⸗
mentlich mit vier Kindern und einem Hunde, in
ſeinem Wohnhauſe. Auf einmal erfolgte ein
Donnerſchlag. Der Blitz hatte in das Haus des
gedachten Losmann getroffen und den Miſſethäter
inmitten der übrigen Mitbewohner erſchlagen, die
zwar etwas betäubt, dennoch unverſehrt geblieben
waren. Der Strahl war ihm in die Naſe und
in den Mund gefahren. Da das Haus in Flam⸗
men ſtand, mußte der Getödtete hinausgetragen
werden, aber Niemand von den Einwohnern
Schwarzſteins wollte den, wie ſie erkannten, von
Gott Gerichteten berühren, trotz der Ermahnung
des Pfarrers, der, nachdem ſeine Vorſtellungen
fruchtlos geblieben waren, ſelbſt ihn angreifen
mußte. Das Haus brannte nieder, doch ver⸗
breitete ſich das Feuer nicht weiter. — Gewiß ein
merkwürdiger Vorfall, jedoch buchſtäbl ich
wahr. (Volksblatt.)
Das kürzeſte Tiſchgebet.
Luther, Melanchthon und Bugenhagen waren
einſt bei Camerarius verſammelt. Man warf
ſich die Frage auf, wer wohl das kürzeſte Tiſch⸗
gebet abfaſſen könnte.
Luther begann:
Dominus Jesus sit potus et esus.
Der HErr JEſus ſei uns Speiſ' und Trank.
Bugenhagen betete plattdeutſch:
Dit un dat,
Trocken un nat,
Geſegn' uns Gott.
Melanchthon ſagte:
Benedictus benedicat.
Der Geſegnete (Gebenedeiete) ſegne.
Melanchthon blieb Sieger.
(Zietz, Biographie Bugenhagen's.)
„Wer nur den lieben Gott läßt walten.“
Wer kennt nicht das ſchöne Lied: „Wer nur
den lieben Gott läßt walten“? Aber
wer kennt ſeine Entſtehung? Manche unſerer
Leſer gewiß nicht. Der Verfaſſer Georg Neu⸗
mark, geb. 16. März 1621, war nicht immer
Herzogl. Sächſiſcher Archivſecretair und Biblio⸗
thekar zur Weimar, ſondern es gab eine Zeit, da
war er ohne Verſorgung und lebte in ſo großer
Armuth zu Hamburg, daß er ſich einſt genöthigt
ſah, ſeinen Gefährten in manchen Leiden, ſeine
theure Viola di gamba, die er mit ſeltener Fer⸗
tigkeit ſpielte, zu verſetzen. Da er aber nicht
aufhörte, dem HErrn zu ſingen und zu ſpielen in
ſeinem Herzen, ſo blieb auch ein Zeichen der Er⸗
hörung nicht aus. — Neumark wurde nemlich
an den ſchwediſchen Reſidenten zu Hamburg, von
Roſenkranz, empfohlen. Zur Probe ließ ihn die⸗
ſer eine Schrift an die Reichsräthe in Schweden
aufſetzen, die die Ernennung zum Geſandtſchafts⸗
Sccretair zur Folge hatte. Sein erſtes Geld
mußte ſeine Viola heimholen und ſein dankerfüll⸗
tes Herz ergoß ſich in dem ſchönen Lied: „Wer
nur den lieben Gott läßt walten“, das
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