Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 5 › Seite 35

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-06-29, Seite 35

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Paſtor 9

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meinde ſchon mit allerlei verführeriſchen Geiſtern
zu thun gehabt hat, welche gefährliche Lehren ein⸗
ſtreuen und dadurch die Schwachen irre machen
und eine Seele um die andere von ihrem recht⸗
müßigen geiſtlichen Hirten abzuziehen trachten.
Da gilt es fürwahr, nicht bloß in öffentlicher Pre⸗
digt zu warnen und zu ſtrafen, ſondern auch den
Wölfen ſelbſt getroſt entgegen zu gehen und die
verführten Seelen, ſo viel möglich, noch zu be⸗
rathen und eines Beſſern zu belehren.

Aber noch ſchmerzlicher iſt der zweite Fall, den
Paulus hier anführt: „auch aus euch ſelbſt
werden aufſtehen Männer, die da ver⸗
kehrte Lehren reden, die Jünger an ſich
zu ziehen.“ Das iſt gewiß das Allerſchmerz⸗
lichſte für einen Prediger, wenn auch diejenigen,
die ert ſein Wort mit Freuden annahmen, ſich
auf die böſe Seite ſchlagen und in der Gemeinde
Spaltungen und Rotten herbeiführen. Da gibt
es für einen treuen Seelſorger zu wachen und zu
beten, zu känpfen und zu wehren, daß er noch
rette, was zu retten iſt, damit das ausgebrochene
Feuer nicht Alles verzehre.

Aber gelingt es dem Feinde nicht auf eine
Weiſe, ſo verſucht er es auf zehnfach andre Weiſe,
unſre ausgeſtreute Saat des göttlichen Worts zu
verwüſten. Ja, iſt nicht der Acker, worauf wir
ſäen, allezeit mindeſtens viererlei Art? Da gibt
es unbußfertig⸗-ſichere, in Sünde und Laſter
verſunkene Herzen, denen der Teufel das Wort
alsbald hinwegnimmt, daß ſie nicht glauben und
ſelig werden. Da gibt es Wankelmüthige,
die einmal einen guten Anfang machen, und wenn
man wiederum nach ihnen ſieht, ſo ſind ſie abge⸗
fallen und iſt kein Glaube mehr zu finden. Da
gibt es Irdiſchgeſinnte, bei denen das Wort
vor Sorge, Reichthum und Wolluſt des Lebens
nicht zur Frucht kommen kann.

Sollen wir es denn nun damit laſſen abgethan
ſein, daß wir ſolchen Allen das Wort von der
Kanzel gepredigt haben? Mit nichten. Wenn
ſchon ein jeder Chriſt ſeine irrenden Nächſten, wo
er nur irgend kann, warnen, lehren, ſtrafen und
ermahnen ſoll, wieviel mehr ſollen das die beru⸗
fenen Lehrer und Seelſorger thun! Sollen ſie
nicht allezeit wachen über die Seelen, die ihnen
anvertraut ſind, und darum Sorge tragen, daß
dieſelben nicht verloren werden? Sollen ſie nicht
Rechenſchaft geben von einer jeglichen Seele, die
ihnen befoͤhlen iſt? Welche gewaltigen Donner⸗
worte ſind es darum, die der HErr durch den Pro⸗
pheten Heſekiel zu treuloſen Hirten ſagt: „Der
Schwachen wartet ihr nicht, die Kranken heilet
ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das
Verirrte holet ihr nicht, das Verlorne ſuchet ihr
nicht. — Darum, ihr Hirten, höret des HErrn
Wort: Ich will meine Heerde von euren Händen
fordern.“ Geſck. 34, 4. und 10.)

Iſt nun aber für einen rechtſchaffenen Seel⸗
ſorger ſchon ſo viel an ſolchen Seelen zu thun,
die noch nicht zum wahren Glauben gekommen
ſind, ſo gibt es für ſie nicht minder, ja faſt noch
mehr an Solchen zu thun, welche zum geiſtlichen
Leben erwacht und gläubig geworden ſind. Ja,
da geht erſt die rechte Arbeit für uns an, daß wir

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der ſchwachen Kindlein, die unſerm Gott geboren
worden ſind, wie eine geiſtliche Amme warten und
pflegen, daß wir ihnen nicht ſtarke, ſondern die
rechte Milchſpeiſe geben, und doch auch ſie weiter
zu bringen ſuchen in aller Erkenntniß und Lehre;
daß wir ſie lehren, von den böſen Leuten ſich ſon⸗
rern, und ſie doch auch vor falſcher Abſonderung
und andern Abwegen bewahren, worauf ſie oft
auch wohl im beſten Wohlmeinen gerathen. Ach,
es iſt nicht ſo bald zu jauchzen, wie die Metho⸗
diſten thun, als ob ſolche geiſtlich aufgewachte
Seelen ſo bald über alle Berge der Gefahren, die
ihnen den Abfall drohen, hinweggeſetzt worden
wären. Beſonders finden ſich bei ſolchen Chriſten
unzählige Anfechtungen von innen und von
außen, worin wir gegen Fleiſch, Welt und Teufel
ſie ermahnen und ſtärken und in allerlei Trübſal
wider Noth und Tod ſie tröſten müſſen, wenn ſie
nicht in ihrem Glauben muthlos oder matt wer⸗
den oder gar wieder verlieren ſollen, was ſie kaum
erſt aus Gnaden erlangt haben. Doch dies We⸗
nige ſei genug, um anzudeuten, wie nothwendig
die Privatſeelſorge ſei. „Darum ſeid wacker“,
ſagt der Apoſtel im folgenden Vers, „und den⸗
fet daran, daß ich nicht abgelaſſen
habe drei Jahre, Tag und Nacht einen
Jeglichen mit Thränen zu vermahnen.“
Und hiermit hat er ſich nicht blos jenen Aelteſten
von Epheſus, ſondern allen Seelenhirten zum
Vorbild hingeſtellt und hat ihnen gezeigt, daß es
gar wohl möglich ſei, das Amt der Seelſorge
auch an einem jeglichen Glied zu verwalten.
Darum reden wir
3.

hierbei noch Einiges von der rechten Aus-
übung der Privatſeelſorge. Aber möchten
wir nicht alle zuvörderſt erröthen vor dieſer Treue
des Apoſtels, womit er bei ſeinen ſonſtigen Ar⸗
beiten, Mühen, Kämpfen und Trübſalen einen
Jeglichen bei Tag und Nacht mit Thränen er⸗
mahnt hat? Ja, wir haben wohl kaum eine
Vorſtellung davon, wie ihm dieß in der groben
Stadtgemeine zu Epheſus auch nur möglich ge⸗
weſen iſt. Und doch würde er es nicht ſagen,
wenn es nicht wahr geweſen wäre, und die an⸗
weſenden Aelteſten konnten es ihm bezeugen.

Warum aber hat er denn mit Thränen
einen Jeglichen ermahnt? Dies ſoll uns wohl
dreierlei anzeigen und zur Nachahmung lehren:
erſtlich ſehen wir daraus ſeinen brünſtigen Eifer,
womit er fürwahr nicht kalte, leere Worte gemacht,
ſondern die Seelen mit aller Kraft des Geiſtes
und bei dem Blute Chriſti gebeten und beſchworen
hat: Laßt euch verſöhnen mit Gott! Bleibet bei
Chriſto, der euch bis in den Tod geliebt hat! Ge⸗
denkt der Thränen Chriſti, die er einſt über Jeru⸗
ſalem geweint hat, und verſäumet nicht die Zeit,
darin ihr heimgeſucht ſeid! — Zweitens ſehen
wir aus dieſen Thränen des Apoſtels ſeine große
Leutſeligkeit, Geduld und Demuth, wie er nicht
über die Seelen geherrſcht, ſondern mit väterlicher
und mütterlicher Liebe ſie gelockt und erweicht hat,
wie er auch an die Theſſalonicher ſchreibt: „Ihr
wiſſet, daß wir, als ein Vater ſeine Kinder, einen
Jeglichen unter euch ermahnet und getröſlet

haben, und wie wir als Chriſti Apoſtel euch nicht
haben mögen ſchwer ſein, ſondern mütterlich bei
euch geweſt ſind.“ 1 Theſſ. 2, 7. 11. Wir ſchlie⸗
ßen aber gewiß drittens mit Recht aus den Thrä⸗
nen des Apoſtels auch dieſes, daß er viel ſchmerz⸗
liche und bittere Erfahrungen in ſeiner Seelſorge
zu machen und mit vielen und großen Hinder⸗
niſſen dabei zu kämpfen hatte. Und wer unter
uns möchte nicht wenigſtens in dieſer Hinſicht
dem Apoſtel nachweinen, oder mit Jeremias ſagen:
„Ach, daß ich Waſſers genug in meinem Haupte
hätte und meine Augen Thränenquellen wären“,
um den Jammer und die Blindheit zu beweinen,
womit ſo viele der uns anvertrauten Seelen alle
beſondere Zucht und Vermahnung zum HErrn
von ſich ſtoßen und uns als ihre Dränger und
Feinde anſehen, wenn wir uns ihrer annehmen
und ſie retten wollen.

Hierbei wäre noch viel zu ſagen von den man⸗
cherlei andern Nothſtänden, wodurch uns die
Hände in unſrer Seelſorge ſo oft gebunden ſind.
Aber, theure und geliebte Brüder, wie wir ſehen,
daß der theure Apoſtel bei allem Widerſtand und
Kummer, den er erleiden mußte, dennoch nicht
abließ, immer wieder einen Jeglichen mit Thrä⸗
nen zu vermahnen, ſo laßt auch uns bei allen
Schwierigkeiten, womit wir zu kämpfen haben,
dennoch den Muth nicht aufgeben, und ja nicht
überſehen, wie viel wir immer noch Zeit und Ge⸗
legenheit haben, auch für jegliche einzelne Seele
zu ſorgen, die uns befohlen iſt: Fürs erſte unter⸗
richten die mieiſten unter uns die Kinder ihrer
Gemeinden ſelbſt; und iſt das nun auch in vieler
Beziehung beſchwerlich und nicht unſer eigent⸗
liches Amt, ſo iſt es doch eine Gelegenheit, wie
wir jene zarten Lämmer zu Chriſto führen und
vielleicht manche Eltern ihnen nach ziehen können.
Wir halten wohl auch alle Kirchenexamina,
oder haben wenigſtens doch die Vorbereitung
der Confirmanden, wodurch wir Gelegen⸗
heit haben, um unter der Jugend herum zu kom⸗
men und dem Einzelnen an's Herz reden zu kön⸗
nen. Wir haben die Anmeldung der Com⸗
municanten oder wenigſtens das Recht, zu
dem, der ſich nicht ſelbſt melden will, in das Haus
zu gehen und ihn über die Hauptſtücke der heil⸗
ſamen Lehre zu befragen und zur Buße zu ver⸗
mahnen, ſo wir anders ihm das hochwürdige
Sacrament reichen ſollen. Und wem ues durch
Gottes Gnade gelingt, auf dem Wege der Be⸗
lehrung die heut zu Tage von ſo Vielen in Un⸗
kenntniß und Vorurtheil verachtete, oder durch
mancherlei Schwierigkeiten gehemmte Privat⸗
beichte wieder empor zu bringen, der wird ge⸗
wiß erfahren, was unſere Väter ſo oft bezeug
haben, welche Stütze darin der Privatſeelſorg
gegeben ſei, um das öffentlich gepredigte Wort
hier auf die Einzelnen anzuwenden und das Ge
ſetz zur ULebung der Buße, das Evangelium aber
durch die troſtreiche Privatabſolution zur Uebung
und Stärkung des Glaubens der einzelnen Sa
inſonderheit einzuſchärfen. Wir haben ferner bei
allerlei Aergerniſſen oder Zwiſtigkeiten!
die vielleicht in unſern Gemeinden zwiſchen Ehegat⸗
ten, oder Nachbarn und dergl. vorkommen, die gan

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