# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 06 29_S35 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) meinde ſchon mit allerlei verführeriſchen Geiſtern zu thun gehabt hat, welche gefährliche Lehren ein⸗ ſtreuen und dadurch die Schwachen irre machen und eine Seele um die andere von ihrem recht⸗ müßigen geiſtlichen Hirten abzuziehen trachten. Da gilt es fürwahr, nicht bloß in öffentlicher Pre⸗ digt zu warnen und zu ſtrafen, ſondern auch den Wölfen ſelbſt getroſt entgegen zu gehen und die verführten Seelen, ſo viel möglich, noch zu be⸗ rathen und eines Beſſern zu belehren. Aber noch ſchmerzlicher iſt der zweite Fall, den Paulus hier anführt: „auch aus euch ſelbſt werden aufſtehen Männer, die da ver⸗ kehrte Lehren reden, die Jünger an ſich zu ziehen.“ Das iſt gewiß das Allerſchmerz⸗ lichſte für einen Prediger, wenn auch diejenigen, die ert ſein Wort mit Freuden annahmen, ſich auf die böſe Seite ſchlagen und in der Gemeinde Spaltungen und Rotten herbeiführen. Da gibt es für einen treuen Seelſorger zu wachen und zu beten, zu känpfen und zu wehren, daß er noch rette, was zu retten iſt, damit das ausgebrochene Feuer nicht Alles verzehre. Aber gelingt es dem Feinde nicht auf eine Weiſe, ſo verſucht er es auf zehnfach andre Weiſe, unſre ausgeſtreute Saat des göttlichen Worts zu verwüſten. Ja, iſt nicht der Acker, worauf wir ſäen, allezeit mindeſtens viererlei Art? Da gibt es unbußfertig⸗-ſichere, in Sünde und Laſter verſunkene Herzen, denen der Teufel das Wort alsbald hinwegnimmt, daß ſie nicht glauben und ſelig werden. Da gibt es Wankelmüthige, die einmal einen guten Anfang machen, und wenn man wiederum nach ihnen ſieht, ſo ſind ſie abge⸗ fallen und iſt kein Glaube mehr zu finden. Da gibt es Irdiſchgeſinnte, bei denen das Wort vor Sorge, Reichthum und Wolluſt des Lebens nicht zur Frucht kommen kann. Sollen wir es denn nun damit laſſen abgethan ſein, daß wir ſolchen Allen das Wort von der Kanzel gepredigt haben? Mit nichten. Wenn ſchon ein jeder Chriſt ſeine irrenden Nächſten, wo er nur irgend kann, warnen, lehren, ſtrafen und ermahnen ſoll, wieviel mehr ſollen das die beru⸗ fenen Lehrer und Seelſorger thun! Sollen ſie nicht allezeit wachen über die Seelen, die ihnen anvertraut ſind, und darum Sorge tragen, daß dieſelben nicht verloren werden? Sollen ſie nicht Rechenſchaft geben von einer jeglichen Seele, die ihnen befoͤhlen iſt? Welche gewaltigen Donner⸗ worte ſind es darum, die der HErr durch den Pro⸗ pheten Heſekiel zu treuloſen Hirten ſagt: „Der Schwachen wartet ihr nicht, die Kranken heilet ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holet ihr nicht, das Verlorne ſuchet ihr nicht. — Darum, ihr Hirten, höret des HErrn Wort: Ich will meine Heerde von euren Händen fordern.“ Geſck. 34, 4. und 10.) Iſt nun aber für einen rechtſchaffenen Seel⸗ ſorger ſchon ſo viel an ſolchen Seelen zu thun, die noch nicht zum wahren Glauben gekommen ſind, ſo gibt es für ſie nicht minder, ja faſt noch mehr an Solchen zu thun, welche zum geiſtlichen Leben erwacht und gläubig geworden ſind. Ja, da geht erſt die rechte Arbeit für uns an, daß wir 35 der ſchwachen Kindlein, die unſerm Gott geboren worden ſind, wie eine geiſtliche Amme warten und pflegen, daß wir ihnen nicht ſtarke, ſondern die rechte Milchſpeiſe geben, und doch auch ſie weiter zu bringen ſuchen in aller Erkenntniß und Lehre; daß wir ſie lehren, von den böſen Leuten ſich ſon⸗ rern, und ſie doch auch vor falſcher Abſonderung und andern Abwegen bewahren, worauf ſie oft auch wohl im beſten Wohlmeinen gerathen. Ach, es iſt nicht ſo bald zu jauchzen, wie die Metho⸗ diſten thun, als ob ſolche geiſtlich aufgewachte Seelen ſo bald über alle Berge der Gefahren, die ihnen den Abfall drohen, hinweggeſetzt worden wären. Beſonders finden ſich bei ſolchen Chriſten unzählige Anfechtungen von innen und von außen, worin wir gegen Fleiſch, Welt und Teufel ſie ermahnen und ſtärken und in allerlei Trübſal wider Noth und Tod ſie tröſten müſſen, wenn ſie nicht in ihrem Glauben muthlos oder matt wer⸗ den oder gar wieder verlieren ſollen, was ſie kaum erſt aus Gnaden erlangt haben. Doch dies We⸗ nige ſei genug, um anzudeuten, wie nothwendig die Privatſeelſorge ſei. „Darum ſeid wacker“, ſagt der Apoſtel im folgenden Vers, „und den⸗ fet daran, daß ich nicht abgelaſſen habe drei Jahre, Tag und Nacht einen Jeglichen mit Thränen zu vermahnen.“ Und hiermit hat er ſich nicht blos jenen Aelteſten von Epheſus, ſondern allen Seelenhirten zum Vorbild hingeſtellt und hat ihnen gezeigt, daß es gar wohl möglich ſei, das Amt der Seelſorge auch an einem jeglichen Glied zu verwalten. Darum reden wir 3. hierbei noch Einiges von der rechten Aus- übung der Privatſeelſorge. Aber möchten wir nicht alle zuvörderſt erröthen vor dieſer Treue des Apoſtels, womit er bei ſeinen ſonſtigen Ar⸗ beiten, Mühen, Kämpfen und Trübſalen einen Jeglichen bei Tag und Nacht mit Thränen er⸗ mahnt hat? Ja, wir haben wohl kaum eine Vorſtellung davon, wie ihm dieß in der groben Stadtgemeine zu Epheſus auch nur möglich ge⸗ weſen iſt. Und doch würde er es nicht ſagen, wenn es nicht wahr geweſen wäre, und die an⸗ weſenden Aelteſten konnten es ihm bezeugen. Warum aber hat er denn mit Thränen einen Jeglichen ermahnt? Dies ſoll uns wohl dreierlei anzeigen und zur Nachahmung lehren: erſtlich ſehen wir daraus ſeinen brünſtigen Eifer, womit er fürwahr nicht kalte, leere Worte gemacht, ſondern die Seelen mit aller Kraft des Geiſtes und bei dem Blute Chriſti gebeten und beſchworen hat: Laßt euch verſöhnen mit Gott! Bleibet bei Chriſto, der euch bis in den Tod geliebt hat! Ge⸗ denkt der Thränen Chriſti, die er einſt über Jeru⸗ ſalem geweint hat, und verſäumet nicht die Zeit, darin ihr heimgeſucht ſeid! — Zweitens ſehen wir aus dieſen Thränen des Apoſtels ſeine große Leutſeligkeit, Geduld und Demuth, wie er nicht über die Seelen geherrſcht, ſondern mit väterlicher und mütterlicher Liebe ſie gelockt und erweicht hat, wie er auch an die Theſſalonicher ſchreibt: „Ihr wiſſet, daß wir, als ein Vater ſeine Kinder, einen Jeglichen unter euch ermahnet und getröſlet haben, und wie wir als Chriſti Apoſtel euch nicht haben mögen ſchwer ſein, ſondern mütterlich bei euch geweſt ſind.“ 1 Theſſ. 2, 7. 11. Wir ſchlie⸗ ßen aber gewiß drittens mit Recht aus den Thrä⸗ nen des Apoſtels auch dieſes, daß er viel ſchmerz⸗ liche und bittere Erfahrungen in ſeiner Seelſorge zu machen und mit vielen und großen Hinder⸗ niſſen dabei zu kämpfen hatte. Und wer unter uns möchte nicht wenigſtens in dieſer Hinſicht dem Apoſtel nachweinen, oder mit Jeremias ſagen: „Ach, daß ich Waſſers genug in meinem Haupte hätte und meine Augen Thränenquellen wären“, um den Jammer und die Blindheit zu beweinen, womit ſo viele der uns anvertrauten Seelen alle beſondere Zucht und Vermahnung zum HErrn von ſich ſtoßen und uns als ihre Dränger und Feinde anſehen, wenn wir uns ihrer annehmen und ſie retten wollen. Hierbei wäre noch viel zu ſagen von den man⸗ cherlei andern Nothſtänden, wodurch uns die Hände in unſrer Seelſorge ſo oft gebunden ſind. Aber, theure und geliebte Brüder, wie wir ſehen, daß der theure Apoſtel bei allem Widerſtand und Kummer, den er erleiden mußte, dennoch nicht abließ, immer wieder einen Jeglichen mit Thrä⸗ nen zu vermahnen, ſo laßt auch uns bei allen Schwierigkeiten, womit wir zu kämpfen haben, dennoch den Muth nicht aufgeben, und ja nicht überſehen, wie viel wir immer noch Zeit und Ge⸗ legenheit haben, auch für jegliche einzelne Seele zu ſorgen, die uns befohlen iſt: Fürs erſte unter⸗ richten die mieiſten unter uns die Kinder ihrer Gemeinden ſelbſt; und iſt das nun auch in vieler Beziehung beſchwerlich und nicht unſer eigent⸗ liches Amt, ſo iſt es doch eine Gelegenheit, wie wir jene zarten Lämmer zu Chriſto führen und vielleicht manche Eltern ihnen nach ziehen können. Wir halten wohl auch alle Kirchenexamina, oder haben wenigſtens doch die Vorbereitung der Confirmanden, wodurch wir Gelegen⸗ heit haben, um unter der Jugend herum zu kom⸗ men und dem Einzelnen an's Herz reden zu kön⸗ nen. Wir haben die Anmeldung der Com⸗ municanten oder wenigſtens das Recht, zu dem, der ſich nicht ſelbſt melden will, in das Haus zu gehen und ihn über die Hauptſtücke der heil⸗ ſamen Lehre zu befragen und zur Buße zu ver⸗ mahnen, ſo wir anders ihm das hochwürdige Sacrament reichen ſollen. Und wem ues durch Gottes Gnade gelingt, auf dem Wege der Be⸗ lehrung die heut zu Tage von ſo Vielen in Un⸗ kenntniß und Vorurtheil verachtete, oder durch mancherlei Schwierigkeiten gehemmte Privat⸗ beichte wieder empor zu bringen, der wird ge⸗ wiß erfahren, was unſere Väter ſo oft bezeug haben, welche Stütze darin der Privatſeelſorg gegeben ſei, um das öffentlich gepredigte Wort hier auf die Einzelnen anzuwenden und das Ge ſetz zur ULebung der Buße, das Evangelium aber durch die troſtreiche Privatabſolution zur Uebung und Stärkung des Glaubens der einzelnen Sa inſonderheit einzuſchärfen. Wir haben ferner bei allerlei Aergerniſſen oder Zwiſtigkeiten! die vielleicht in unſern Gemeinden zwiſchen Ehegat⸗ ten, oder Nachbarn und dergl. vorkommen, die gan