Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 5 › Seite 34
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-06-29, Seite 34
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Paſtar 7 · Paſtor 9 · Paſtor 1 · Paſtor 5
rigen Aufenthaltes in jener Stadt nicht abge⸗
laſſen habe, einen jeglichen mit Thrä—
nen zu vermahnen. Schon dieſes Eine Zeug⸗
niß läßt uns einen tiefen Blick in die treue Seel⸗
ſorge des großen Apoſtels thun, wie er ſich nicht
blos der Gemeinde im Ganzen, ſondern auch eines
jeden einzelnen Gliedes derſelben angenommen
und jegliche Seele gar ernſtlich und ſorgfältig
ermahnt habe. Aber eben darauf weiſen uns auch
die andern Theile unſers Textes hin und laſſen
uns ſomit erkennen, was wir jetzt nach Anleitung
dieſes Textes näher zu erwägen haben, nemlich:
Einige nöthige Stücke, die bei der Privätſeelſarge
in Beiracht kommen;
und zwar:
1., was dabei vorauszuſetzen und zum
Grund zu legen iſt;
2., wie nöthig dieſe Privatſeelſorge
i ſt; ö
3. einige Erinnerungen, wie ſie aus—
zuüben ſei, und
4., welchen Troſt dabei alle rechtſchaf—
fenen Seelſorger haben.
1.
„Habt Acht auf euch ſelbſt“, heißt es
zuerſt in unſerm Tert. Hier hören wir ſogleich
einen Hauptpunkt, der bei der rechten Seel⸗
ſorge vorauszuſetzen iſt, nemlich wer für die
Seelen Anderer ſorgen will, der muß
vor allen Dingen gelernt haben, für
ſeine eigene Seele zu ſorgen, und muß
Acht auf ſich haben, daß er ſelbſt den rechten Weg
kenne und gehe, den er Andere führen will.
Dies iſt ſchon bei der Predigt des Evangeliums
überhaupt nöthig, wenn wir nicht Andern predigen
und ſelbſt verwerflich werden wollen. Aber noch
mehr iſt es nöthig, wenn ich einen Einzelnen um
dieſer oder jener Sünde willen ſtrafen ſoll. Würde
ich da ſelbſt in dieſer Sünde wandeln, ſo würde er
mir ja zurufen müſſen: „Arzt, hilf dir ſelber!“
Nun ſind wir aber von Natur, wie alle Menſchen,
vor Gott gleiche Sünder und können auch nur aus
Gnaden ſelig werden durch den Glauben an un⸗
ſern HErrn IEſum Chriſtum. Darum wie
Paulus ſich ſelbſt erſt zu Gott bekehret hatte, ehe
er die Buße zu Gott und den Glauben an JIEſum
Chriſtum öffentlich und ſonderlich lehren konnte,
ſo müſſen auch wir freilich auf uns Acht haben,
ob wir uns ebenfalls als arme Sünder bußfertig
erkannt und im Glauben an Chriſtum Gnade
und Vergebung gefunden haben. Wie können
wir ſonſt Andern den Weg des wahren Glaubens
anpreiſen und ſagen: „ich glaube, darum rede ich“?
Werden wir nun aber dieſen Glauben immer
mehr üben, mit Gottes Wort fleißig umgehen
und als Vorbilder unſerer Heerden auch darin
den Glauben beweiſen wollen, daß wir der Hei⸗
ligung im Leben mit Ernſt nachjagen, ſo wird es
uns nicht an Anfechtungen aller Art fehlen, da
uns der Teufel, die Welt und unſer Fleiſch allent⸗
halben zuſetzen und zuwider ſein werden. Doch
eben darin will Gott der HErr ſeine Diener zu
treuen Seelſorgern machen, die mit dem Troſt,
womit er ſie ſelbſt in ihren Kümmerniſſen tröſtet,
—4.—
hernach auch andere Traurige zu Zion tröſten
können. Und hierbei ſollen wir abermals nur ja
unſerer ſelbſt wahrnehmen, daß wir auch die
Tröſtungen des Evangeliums im rechten Glau⸗
ben uns zueignen und ihre Kraft an unſerem
eigenen Herzen erfahren und ſchmecken, damit wir
auch Anderen zurufen können: „Schmecket und
ſehet, wie freundlich der HErr iſt. Wohl dem, der
auf ihn trauet!“ Darum ſollen wir auch über
uns ſelbſt wachen, daß wir den Heiligen Geiſt
nicht dämpfen, und müſſen fleißig beten, daß er
uns leiten und regieren möge, ſo werden wir dann
auch in Kraft dieſes Geiſtes auf die ganze Heerde
Acht haben und, wie Gott mit uns Geduld hat,
auch jegliches Glied der Heerde mit Geduld leh⸗
ren, ſtrafen, tröſten und vermahnen, wie es nö⸗
thig iſt.
Dabei iſt aber ferner nach unſerem Text voraus
zu ſetzen, was wir jetzt nicht weiter ausführen
können, daß wir in rechter Ordnung über
die Heerde geſetzt und alſo nicht ſelbſt ins
Amt gelaufen, ſondern rechtmäßig berufen und
vom Heiligen Geiſt getrieben worden ſind, um der
Liebe Chriſti willen, wie unſer Tert ſagt, die Ge⸗
meinde Gottes zu weiden, die er als wahrer Gott
und Menſch mit ſeinem eigenen Blute erworben
hat. O, woher will ein Prediger, der ſich einer
Gemeinde ſelbſt aufgedrungen hat, das gute Ge⸗
wiſſen und das freudige Aufthun des Mundes
nehmen, um auch nur einen einzigen Sünder von
Gott und Amtes wegen, wo er nicht geſendet iſt,
kräftig zu ſtrafen, oder zu tröſten? Wiederum
aber, woher ſoll auch ein rechtberufener Prediger
Muth und Beharrlichkeit nehmen, um das aller⸗
ſchwerſte und meiſt ſchlecht belohnte Werk der
Seelſorge unverdroſſen zu treiben, wenn ihn die
Liebe Chriſti nicht dringet, womit er ſelbſt, der
allerheiligſte Gottes-und Menſchenſohn, als ein
guter Hirte ſein Leben für ſeine Schafe gelaſſen
hat? —
Wohl, eine Predigt zu halten, die vielleicht Auf⸗
ſehn und Bewunderung erweckt, das vermag auch
Einer, der nur in eigener Liebe und um ſeiner
Ehre willen ſein Amt treibt; aber den einzelnen
verlornen Schafen Chriſti nachgehen, und Hohen
und Niedern, Lenkſamen und Störrigen ſagen,
daß ſie ohne dieſen IEſum verdammt und ver⸗
loren ſind; ſeine unendliche Liebe ihnen anpreiſen,
womit er ſie durch ſein heiliges Gottesblut erwor⸗
ben hat, und ſie immer wieder zu Chriſto locken
und rufen, das wird kein anderer Prediger zu ihun
vermögen, als der ſelbſt vom Heiligen Geiſt ge⸗
trieben iſt, an Chriſtum zu glauben, und zu ihm
ſagen kann: HErr, du weißt es, daß ich dich lieb
habe; darum weide ich auch deine Schafe und
will dir mein ganzes Leben zum Dienſt und
Opfer bringen.
Wenn es aber in unſerm Text heißt, daß der
Heilige Geiſt jene Aelteſten zu „Biſchöfen“,
d. h. zu Wächtern und Aufſehern über die Ge⸗
meinde geſetzt habe, ſo wird endlich auch das vor⸗
ausgeſetzt, daß ein Seelſorger gewiſſe Amts ga⸗
ben und Eigenſchaften habe, die ihn tüch⸗
tig machen, die Seelen Anderer weiden und
führen zu können. Auch von dieſen Gaben und
Eigenſchaften, ſofern ſie zum Predigtamt über⸗
haupt nöthig ſind, iſt an einem andern Ort aus⸗
führlicher zu reden, wie der heilige Apoſtel davon
in ſeinen Briefen an den Timotheus und Titus
den trefflichſten Unterricht ertheilet. Zur Seel⸗
ſorge aber gehört noch inſonderheit, daß Einer ein
kluger und treuer Haushalter ſei, der mit göttlicher
Weisheit einem jeglichen in der Gemeinde ſein
Gebühr zu geben wiſſe und das Wort recht theile;
daß er die halsſtarrigen Sünder mit dem Geſetz
ſtrafe, die Betrübten aber mit dem Evangelio
tröſte; doch alſo, daß er dabei die Geiſter vorher
wohl prüfe und erforſche und mit aller Vorſichtig⸗
keit am rechten Ort und zu rechter Zeit den Stab
„Wehe“ und den Stab „Sanft“ führen lerne;
daß er die Ungezogenen vermahne, die Kleinmü⸗
thigen tröſte, die Schwachen trage, und geduldig
ſei in ſeinem Herzen gegen Jedermann. Dabei
iſt es beſonders auch eine Gabe Gottes, die wir
uns zu erbitten haben, daß wir lehrhaftig ſein,
und nicht nur in der öffentlichen Predigt ob dem
Wort der reinen Lehre halten und dasſelbe klar
und deutlich vorzutragen wiſſen, ſondern auch
mächtig ſeien, dieſe heilſame Lehre auf die man⸗
cherlei Stände der Gemeinde und auf die einzel⸗
nen Glieder derſelben je nach ihrem beſondern
Zuſtand alſo anzuwenden, daß ſie das gehörte
Wort auch in Kraft und Uebung bringen und
unſerer Vermahnung zum HErrn treulich nach—
kommen, wobei es gilt, jetzt vielleicht Widerſpre⸗
cher zu ſtrafen, ein andermal vorgelegte Zweifel
und Fragen genügend zu beantworten, wieder ein
andermal heilsbegierigen Seelen, die ſich um uns
verſammeln, den Rath Gottes noch fleißiger aus⸗
zulegen. Mit Einem Wort: wir ſollen „Allen
Alles ſein“ lernen, auf daß wir immerdar we⸗
nigſtens Etliche für unſren HErrn Chriſtum ge⸗
winnen mögen. Darum fürwahr: wer ein Bi⸗
ſchofsamt begehrt, der begehret ein köſtlich, ein
großes, ein ſchweres Werk, wobei nicht wenig
voraus zu ſetzen und zum Grunde zu legen iſt.
2.
Laßt uns nun zweitens aus den zwei folgenden
Verſen unſers Textes nur an einigen Beiſpielen
zeigen, wie überaus nothwendig jene
Seelſorge ſei. „Denn“, heißt es ferner,
„das weiß ich, daß nach meinem Ab—-
ſchied werden unter euch kommen greu⸗
liche Wölfe, die der Heerde nicht ver—
ſchonen werden.“ Was damals Paulus ge⸗
fürchtet, das iſt auch hernach, wie man aus ſeinen
Briefen an den Timotheus ſieht, wirklich geſchehen,
daß nemlich falſche Lehre „den Glauben vieler
Chriſten verkehrte und um ſich fraß wie der Krebs“.
(2 Tim. 2, 17. und 18.) Und ſolcher Irrgeiſter
und Verführer hat es zu allen Zeiten gegeben,
welche ſich erfrechen, den Grund der reinen Lehre
anzutaſten und rechtſchaffene Chriſten irre zu
machen. Ja wo das Wort Gottes in irgend einem
Lande oder einer Gemeinde frei auf die Bahn
kömmt und Seelen dadurch zur Erkenntniß der
Wahrheit gelangen, da kann man ſich ſicher darauf
verlaſſen, daß Satan nicht fern iſt, um ſein Un⸗
kraut unter den Weizen zu ſäen. Darum iſt auch
unter uns wohl Keiner, der nicht in ſeiner Ge⸗
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