# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 06 29_S34 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) rigen Aufenthaltes in jener Stadt nicht abge⸗ laſſen habe, einen jeglichen mit Thrä— nen zu vermahnen. Schon dieſes Eine Zeug⸗ niß läßt uns einen tiefen Blick in die treue Seel⸗ ſorge des großen Apoſtels thun, wie er ſich nicht blos der Gemeinde im Ganzen, ſondern auch eines jeden einzelnen Gliedes derſelben angenommen und jegliche Seele gar ernſtlich und ſorgfältig ermahnt habe. Aber eben darauf weiſen uns auch die andern Theile unſers Textes hin und laſſen uns ſomit erkennen, was wir jetzt nach Anleitung dieſes Textes näher zu erwägen haben, nemlich: Einige nöthige Stücke, die bei der Privätſeelſarge in Beiracht kommen; und zwar: 1., was dabei vorauszuſetzen und zum Grund zu legen iſt; 2., wie nöthig dieſe Privatſeelſorge i ſt; ö 3. einige Erinnerungen, wie ſie aus— zuüben ſei, und 4., welchen Troſt dabei alle rechtſchaf— fenen Seelſorger haben. 1. „Habt Acht auf euch ſelbſt“, heißt es zuerſt in unſerm Tert. Hier hören wir ſogleich einen Hauptpunkt, der bei der rechten Seel⸗ ſorge vorauszuſetzen iſt, nemlich wer für die Seelen Anderer ſorgen will, der muß vor allen Dingen gelernt haben, für ſeine eigene Seele zu ſorgen, und muß Acht auf ſich haben, daß er ſelbſt den rechten Weg kenne und gehe, den er Andere führen will. Dies iſt ſchon bei der Predigt des Evangeliums überhaupt nöthig, wenn wir nicht Andern predigen und ſelbſt verwerflich werden wollen. Aber noch mehr iſt es nöthig, wenn ich einen Einzelnen um dieſer oder jener Sünde willen ſtrafen ſoll. Würde ich da ſelbſt in dieſer Sünde wandeln, ſo würde er mir ja zurufen müſſen: „Arzt, hilf dir ſelber!“ Nun ſind wir aber von Natur, wie alle Menſchen, vor Gott gleiche Sünder und können auch nur aus Gnaden ſelig werden durch den Glauben an un⸗ ſern HErrn IEſum Chriſtum. Darum wie Paulus ſich ſelbſt erſt zu Gott bekehret hatte, ehe er die Buße zu Gott und den Glauben an JIEſum Chriſtum öffentlich und ſonderlich lehren konnte, ſo müſſen auch wir freilich auf uns Acht haben, ob wir uns ebenfalls als arme Sünder bußfertig erkannt und im Glauben an Chriſtum Gnade und Vergebung gefunden haben. Wie können wir ſonſt Andern den Weg des wahren Glaubens anpreiſen und ſagen: „ich glaube, darum rede ich“? Werden wir nun aber dieſen Glauben immer mehr üben, mit Gottes Wort fleißig umgehen und als Vorbilder unſerer Heerden auch darin den Glauben beweiſen wollen, daß wir der Hei⸗ ligung im Leben mit Ernſt nachjagen, ſo wird es uns nicht an Anfechtungen aller Art fehlen, da uns der Teufel, die Welt und unſer Fleiſch allent⸗ halben zuſetzen und zuwider ſein werden. Doch eben darin will Gott der HErr ſeine Diener zu treuen Seelſorgern machen, die mit dem Troſt, womit er ſie ſelbſt in ihren Kümmerniſſen tröſtet, —4.— hernach auch andere Traurige zu Zion tröſten können. Und hierbei ſollen wir abermals nur ja unſerer ſelbſt wahrnehmen, daß wir auch die Tröſtungen des Evangeliums im rechten Glau⸗ ben uns zueignen und ihre Kraft an unſerem eigenen Herzen erfahren und ſchmecken, damit wir auch Anderen zurufen können: „Schmecket und ſehet, wie freundlich der HErr iſt. Wohl dem, der auf ihn trauet!“ Darum ſollen wir auch über uns ſelbſt wachen, daß wir den Heiligen Geiſt nicht dämpfen, und müſſen fleißig beten, daß er uns leiten und regieren möge, ſo werden wir dann auch in Kraft dieſes Geiſtes auf die ganze Heerde Acht haben und, wie Gott mit uns Geduld hat, auch jegliches Glied der Heerde mit Geduld leh⸗ ren, ſtrafen, tröſten und vermahnen, wie es nö⸗ thig iſt. Dabei iſt aber ferner nach unſerem Text voraus zu ſetzen, was wir jetzt nicht weiter ausführen können, daß wir in rechter Ordnung über die Heerde geſetzt und alſo nicht ſelbſt ins Amt gelaufen, ſondern rechtmäßig berufen und vom Heiligen Geiſt getrieben worden ſind, um der Liebe Chriſti willen, wie unſer Tert ſagt, die Ge⸗ meinde Gottes zu weiden, die er als wahrer Gott und Menſch mit ſeinem eigenen Blute erworben hat. O, woher will ein Prediger, der ſich einer Gemeinde ſelbſt aufgedrungen hat, das gute Ge⸗ wiſſen und das freudige Aufthun des Mundes nehmen, um auch nur einen einzigen Sünder von Gott und Amtes wegen, wo er nicht geſendet iſt, kräftig zu ſtrafen, oder zu tröſten? Wiederum aber, woher ſoll auch ein rechtberufener Prediger Muth und Beharrlichkeit nehmen, um das aller⸗ ſchwerſte und meiſt ſchlecht belohnte Werk der Seelſorge unverdroſſen zu treiben, wenn ihn die Liebe Chriſti nicht dringet, womit er ſelbſt, der allerheiligſte Gottes-und Menſchenſohn, als ein guter Hirte ſein Leben für ſeine Schafe gelaſſen hat? — Wohl, eine Predigt zu halten, die vielleicht Auf⸗ ſehn und Bewunderung erweckt, das vermag auch Einer, der nur in eigener Liebe und um ſeiner Ehre willen ſein Amt treibt; aber den einzelnen verlornen Schafen Chriſti nachgehen, und Hohen und Niedern, Lenkſamen und Störrigen ſagen, daß ſie ohne dieſen IEſum verdammt und ver⸗ loren ſind; ſeine unendliche Liebe ihnen anpreiſen, womit er ſie durch ſein heiliges Gottesblut erwor⸗ ben hat, und ſie immer wieder zu Chriſto locken und rufen, das wird kein anderer Prediger zu ihun vermögen, als der ſelbſt vom Heiligen Geiſt ge⸗ trieben iſt, an Chriſtum zu glauben, und zu ihm ſagen kann: HErr, du weißt es, daß ich dich lieb habe; darum weide ich auch deine Schafe und will dir mein ganzes Leben zum Dienſt und Opfer bringen. Wenn es aber in unſerm Text heißt, daß der Heilige Geiſt jene Aelteſten zu „Biſchöfen“, d. h. zu Wächtern und Aufſehern über die Ge⸗ meinde geſetzt habe, ſo wird endlich auch das vor⸗ ausgeſetzt, daß ein Seelſorger gewiſſe Amts ga⸗ ben und Eigenſchaften habe, die ihn tüch⸗ tig machen, die Seelen Anderer weiden und führen zu können. Auch von dieſen Gaben und Eigenſchaften, ſofern ſie zum Predigtamt über⸗ haupt nöthig ſind, iſt an einem andern Ort aus⸗ führlicher zu reden, wie der heilige Apoſtel davon in ſeinen Briefen an den Timotheus und Titus den trefflichſten Unterricht ertheilet. Zur Seel⸗ ſorge aber gehört noch inſonderheit, daß Einer ein kluger und treuer Haushalter ſei, der mit göttlicher Weisheit einem jeglichen in der Gemeinde ſein Gebühr zu geben wiſſe und das Wort recht theile; daß er die halsſtarrigen Sünder mit dem Geſetz ſtrafe, die Betrübten aber mit dem Evangelio tröſte; doch alſo, daß er dabei die Geiſter vorher wohl prüfe und erforſche und mit aller Vorſichtig⸗ keit am rechten Ort und zu rechter Zeit den Stab „Wehe“ und den Stab „Sanft“ führen lerne; daß er die Ungezogenen vermahne, die Kleinmü⸗ thigen tröſte, die Schwachen trage, und geduldig ſei in ſeinem Herzen gegen Jedermann. Dabei iſt es beſonders auch eine Gabe Gottes, die wir uns zu erbitten haben, daß wir lehrhaftig ſein, und nicht nur in der öffentlichen Predigt ob dem Wort der reinen Lehre halten und dasſelbe klar und deutlich vorzutragen wiſſen, ſondern auch mächtig ſeien, dieſe heilſame Lehre auf die man⸗ cherlei Stände der Gemeinde und auf die einzel⸗ nen Glieder derſelben je nach ihrem beſondern Zuſtand alſo anzuwenden, daß ſie das gehörte Wort auch in Kraft und Uebung bringen und unſerer Vermahnung zum HErrn treulich nach— kommen, wobei es gilt, jetzt vielleicht Widerſpre⸗ cher zu ſtrafen, ein andermal vorgelegte Zweifel und Fragen genügend zu beantworten, wieder ein andermal heilsbegierigen Seelen, die ſich um uns verſammeln, den Rath Gottes noch fleißiger aus⸗ zulegen. Mit Einem Wort: wir ſollen „Allen Alles ſein“ lernen, auf daß wir immerdar we⸗ nigſtens Etliche für unſren HErrn Chriſtum ge⸗ winnen mögen. Darum fürwahr: wer ein Bi⸗ ſchofsamt begehrt, der begehret ein köſtlich, ein großes, ein ſchweres Werk, wobei nicht wenig voraus zu ſetzen und zum Grunde zu legen iſt. 2. Laßt uns nun zweitens aus den zwei folgenden Verſen unſers Textes nur an einigen Beiſpielen zeigen, wie überaus nothwendig jene Seelſorge ſei. „Denn“, heißt es ferner, „das weiß ich, daß nach meinem Ab—- ſchied werden unter euch kommen greu⸗ liche Wölfe, die der Heerde nicht ver— ſchonen werden.“ Was damals Paulus ge⸗ fürchtet, das iſt auch hernach, wie man aus ſeinen Briefen an den Timotheus ſieht, wirklich geſchehen, daß nemlich falſche Lehre „den Glauben vieler Chriſten verkehrte und um ſich fraß wie der Krebs“. (2 Tim. 2, 17. und 18.) Und ſolcher Irrgeiſter und Verführer hat es zu allen Zeiten gegeben, welche ſich erfrechen, den Grund der reinen Lehre anzutaſten und rechtſchaffene Chriſten irre zu machen. Ja wo das Wort Gottes in irgend einem Lande oder einer Gemeinde frei auf die Bahn kömmt und Seelen dadurch zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen, da kann man ſich ſicher darauf verlaſſen, daß Satan nicht fern iſt, um ſein Un⸗ kraut unter den Weizen zu ſäen. Darum iſt auch unter uns wohl Keiner, der nicht in ſeiner Ge⸗