Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 20 › Seite 150
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-05-25, Seite 150
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Katechismus 3
hatte. Wie nun dieſe Leute um ihr täglich Brot
arbeiten ſollten, dazu noch von Steuern hörten,
waren ſie ſchnell wieder verlaufen.
Und der Biſchof mußte hören, daß noch gar
nicht al he Lutheriſchen aus dem Lande wä⸗
ren. Jetzt entſchloß er ſich denn zurückzuhalten,
was nur zurückzuhalten wäre. Neue Jeſuiten⸗
ſchwärme mußten herein und beſſer als die
früheren zureden, verheißen und drohen. Man
ſprengte allenthalben aus, die Exulanten wären
in Preußen von dem wilden Volke der Pohlen
zuſammengehauen worden, in Brandenburg
hätten ſie ſich empört und wären auf Befehl des
Königs in der Oſtſee erſäuft worden; die Ue⸗
brigen liefen als Bettler unſtät in den Ländern
umher und würden weder von Ka tholiken, noch
Proteſtanten als Confeſſionsverwandte an er⸗
kannt. Anfangs verurſachten dieſe Gerüchte
große Beſtürzung, allein gar bald erfuhr man
auch, daß es ſchändlich erſonnene Mährchen
ſeien. Jetzt wurde die vorige Strenge und
Grauſamkeit erneuert, beſonders gegen die Ge⸗
fangenen, welche noch nicht alle entlaſſen waren
(ſpäter mußten ſie doch entlaſſen werden).
Aber ich bin müde, die alten Jammergeſchich⸗
ten zu wiederholen, der Leſer kann fie ſich ſelbſt
denken. Ach, der Erzbiſchof griff es wieder ver⸗
kehrt an, er wollte die Lutheriſchen katholiſch
haben und das ging einmal nicht. Hätte er
ihnen Religionsfreiheit geſtattet, ſie wären, o
wie gerne, zurückgeblieben. Aber er erklärte
einſt mit dunkelrothem Angeſichte: „Ich will
keine Ketzer mehr im Lande wiſſen,
und wenn Dornen und Diſteln auf
den Aeckern wachſen ſollten!“
Es iſt ihm auch redlich wahr geworden.
Schaarenweiſe wanderten ſeine fleißigſten Unter⸗
thanen wieder fort; es war, wie wenn man.
einen Haufen Steine an einem Abhang rührt,
dem erſten rollen unaufhaltſam auch die andern
nach. Der Erzbiſchof aber wollte ſeinen zornigen
Ausſpruch halten, und, um vollends alle Ketzer
zu enidecken, ſchrieb er allen ſeinen Unterthanen
folgenden Eid vor: „Ich ſchwöre zu dem le⸗
bendigen Gott und allen Heiligen, daß ich nebſt
den Meinigen nicht allein zu dem allein ſelig
machenden römiſch⸗ katholiſchen Glauben mit
Herz und Mund mich bekennen, ſondern auch
glauben will, daß diejenigen, welche ausgewan⸗
dert ſind und noch auswandern werden, wirklich
zum Teufel fahren.“
Dieſer anbefohlene Eid hat freilich die letzten
und verborgenſten Anhänger der lutheriſchen
Kirche hervorgerufen; er hat auch die Berg⸗
leute aus dem Dürrenberg herausge⸗
führt.
Der Dürrenberg liegt nur vier Stunden von
der Hauptſtadt, und iſt ein großer Berg, der von
oben bis unten faſt aus lauter Salz beſteht.
Unzählige Gänge ſind durch ſein Inneres gezra⸗
ben, bis in die Tiefe hinab, und führen zu
großen ausgehauenen Räumen, welche faſt wie
Kirchen ausſehen. In dieſen un terirdiſchen
Werkſtätten arbeitet das ſtille ernſte Volk der
Knappen. Sie ſind gewohnt, mit Wenigem
zufrieden zu ſein, weil ſie ſich nur wenig erwer⸗
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ben können; Gedanken des Todes und Grabes
pflegen ſie mehr als Andere zu beſchäftigen, weil
ſie ja gleichſam bei lebendigem Leibe im Grabe
ſind, und weil einſtürzende Baue ſchon Manchen
ihrer Brüder, in der Frühzeit des Lebens, zum
Todesſchlaf zugedeckt haben.
Solche Leute ſind beſonders empfänglich für
einen Glauben, welcher die Seelen für den Aus⸗
gang in die Ewigkeit am beſten vorbereitet; und
wie ſchon am Anfang der Reformation unter den
Bergleuten des böhmiſch⸗ſächſiſchen Erzgebirges
das Evangelium recht tiefe Wurzeln geſchlagen
hatte, ſo hatte es auch in den verborgenen Woh⸗
nungen des Dürrenbergs ſeine beſte Stätte ge⸗
funden, als es nur einmal durch die Schachten
eingedrungen war. O wie ſchöne Gottesdienſte
mögen da gefeiert worden ſein, wenn in dieſen
ſtillen unterirdiſchen Kirchen, recht als die An⸗
beter unter der Erde, (Phil. 2, 10.) die frommen
Knappen ihre Kniee beugten, wenn der Steiger
ihnen aus dem h. Bibelbuche vorlas und das
ewige Licht des neuen Teſtamentes ihnen im
Schooße der immerwährenden Racht helle ſtrahl⸗
te, tauſend mal heller, als das Licht all' ihrer
Lampen, die ſich in dem Salzkryſtall der Wände
abſpiegelten!
Aber in der Reſidenz hatte man wenigſtens
dieſen großen Schrecken nicht erwartet, daß die
Ketzerei unter die Erde hinabdringen werde. Als
daher die Bergleute nach Bekanntmachung jenes
Eides durch vier abgeſandte Männer ihr Glau⸗
bensbekenntniß angeben ließen, war Alles aufs
äußerſte betroffen. Man wollte es nicht glauben,
man ließ ſchleunigſt unterſuchen, und man fand.—
daß wirklich Alle zuſammen, vom Oberſten bis
zum Unterſten, Sieben hundert und
ſeien. Das war dem Erzbiſchof einer der här⸗
teſten Schläge, denn die unendliche Salzmenge
aus ſeinem Dürrenberg trug allein beinahr mehr
ein, als alle ſeine Gold⸗ und Silberbergwerke,
und nun konnte er nicht gleich wieder genug
Knappen zu der benöthigten Arbeit finden.
Am 9. November beſtiegen ſie Alle die Schiffe
mit Weib und Kind. Der Erzbiſchof ſtand an
einem Fenſter ſeines Schloſſos, und wie er ſein
ganzes Vergamt den Strom hinabgleiten ſah, da
hat er mit den Zähnen geknirſcht.
Im folgenden Frühjahre, 1733, wanderten
noch Zweitauſend aus. Nun hörte man
gar nichts mehr von Hohn und Verwünſchung.
Schweigend gingen die Katholiſchen an ihnen
vorüber, traurig blickten ſie den Scheidenden
nach. Jetzt war das Land leer von Ketzern; öde
und ſtill lag es auf ganzen Dörfern und über
ganzen Thälern. In allem waren drei⸗
ßigtauſend Menſchen ausgewan⸗
dert. Zum Lohn für ſein grauenhaftes Ver⸗
fahren gegen die Ketzer empfing der Erzbiſchof
von dem Papſt den Titel Excelsus, d. i. der
Erhabene.
Mit dieſen zuletzt noch Ausgewanderten wen⸗
den denn auch wir unſer Auge von dem armen,
unglücklichen, ſeines größten Schatzes verluſtig
gewordenen Salzburger Lande und folgen unſern
theueren, bewährten Brüdern und Schweſtern
fünfzig Mann, von der Ketzerei angeſteckt
ins Exil, oder beſſer in die neue Heimath, in
der es ihnen bald ſo wohl wurde. O wie wohl
thut es, ſie dahin im Geiſte zu begleiten und an
ihnen das Wort Jeſu ſchon in dieſer Welt in
Erfüllung gehen zu ſehen: „Wer verläſſet Häu⸗
ſer, oder Brüder, oder Schweſtern, oder Vater,
oder Mutter, oder Weib, oder Kinder, oder Aecker
um meines Namens willen, der wirds hundert⸗
fältig nehmen und das ewige Leben ererben.“
(Matth. 19, 29.)
In mehreren Zügen nach einander, wie aus
der bisherigen Erzählung erhellt, traten unſere
lieben Glaubensgenoſſen über die Grenze. So
lange ſie durch katholiſche Gegenden wanderten,
wurden ſie mit mistrauiſchen und ungünſtigen
Augen angeſchaut; Erweiſungen der allgemei⸗
nen Menſchenliebe erfuhren ſie wenige, wohl
aber hin und wieder ſogar bittere Kränkungen.
Wie ſie aber ihren Fuß in die evangeliſchen Län⸗
der ſetzten, da hieß es mit einem Male: „Das
Alte iſt vergangen, ſiehees iſtalles
neu worden.“ Glocken wurden geläutet,
wo ſie ſich nahten, Alt und Jung eilte ihnen
zum Willkommen entgegen, man drückte ihnen
die Hände und ſchloß ſie freudig in die Arme.
Mit der zärtlichſten Sorgfalt wurden ſie gepflegt,
ſo lange ſie an einem Orte weilten, geſpeiſt und
getränkt, gewärmt und gekleidet und für die
Weiterreiſe reichlich verſehen, und wenn ſie dann
von einem Orte wieder aufbrachen, ſo weinten
die Leute, als ob ſie Glieder ihrer eigenen Fa⸗
milie müßten von ſich laſſen. Die Züge der
Salzburger durch die proteſtantiſchen Gegenden
warenTriumphzüge; man betrachtete ſie als be⸗
krönte Märtyrer des HErrn. Andere wären
dadurch vielleicht eitel und hoffärtig geworden,
ſie aber blieben ſich vom Anfang bis zum Ende
gkeich, demüthig und beſcheiden vor Gott und
Menſchen, dankbar gegen die lieben Brüder und
Schweſtern, die ſie vordem nie geſehen hatten
und die ihnen ſo viel Gutes thaten, noch viel
dankbarer aber gegen den Vater im Himmel, der
die Herzen der Menſchen lenket wie Waſſerbäche,
daß ſie das Dürre und Matte erquicken, der ſie
nach der Anfechtung ſo reichlich tröſtete. Aber
tief in ihrem Innern wurde die Hoffnung immer
lebendiger, mächtiger. und ſüßer, daß die erſehn⸗
te und beſſere Zeit ihnen wohl noch auf dieſer
Erde zu Theil werden würde.
Manche der Auswanderer fanden gleich im
Bayernlande eine Unterkunft; die Meiſten aber
zogen in verſchiedenen Richtungen gen Preußen.
Der König Friedrich Wilhelm I. von Preußen
hatte nämlich ſie einladen laſſen ſich in ſeiner
durch die Peſt entvölkerten Provinz Lithau⸗
en niederzulaſſen, hatte mit väterlicher Huld
für ihre Aufnahme dortſelbſt Vorſorge getroffen,
ja ſie dahin ſicher zu geleiten und für ihre Be⸗
dürfniſſe auf der Reiſe zu ſorgen, wo es Noth
that, ihnen Kommiſſäre entgegen geſendet.
Begleiten wir denn nun die Wanderer auf
dieſer ihrer Reiſe durch die proteſtantiſchen Ge⸗
genden, und haben wir gerade an den erzählten
einzelnen Beiſpielen aus der Zeit ihrer Verfol⸗
gung uns ihre Drangſal deſto lebendiger vor⸗
ſtellen können, ſo mögen uns nun ebenfalls ein⸗
zelne Beiſpiele am beſten zeigen, mit welcher
Liebe und Wonne ſie überall von ihren Glau⸗
bensgenoſſen aufgenommen wurden.
(Fortſetzung folgt.)
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