# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1854 05 25_S150 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) hatte. Wie nun dieſe Leute um ihr täglich Brot arbeiten ſollten, dazu noch von Steuern hörten, waren ſie ſchnell wieder verlaufen. Und der Biſchof mußte hören, daß noch gar nicht al he Lutheriſchen aus dem Lande wä⸗ ren. Jetzt entſchloß er ſich denn zurückzuhalten, was nur zurückzuhalten wäre. Neue Jeſuiten⸗ ſchwärme mußten herein und beſſer als die früheren zureden, verheißen und drohen. Man ſprengte allenthalben aus, die Exulanten wären in Preußen von dem wilden Volke der Pohlen zuſammengehauen worden, in Brandenburg hätten ſie ſich empört und wären auf Befehl des Königs in der Oſtſee erſäuft worden; die Ue⸗ brigen liefen als Bettler unſtät in den Ländern umher und würden weder von Ka tholiken, noch Proteſtanten als Confeſſionsverwandte an er⸗ kannt. Anfangs verurſachten dieſe Gerüchte große Beſtürzung, allein gar bald erfuhr man auch, daß es ſchändlich erſonnene Mährchen ſeien. Jetzt wurde die vorige Strenge und Grauſamkeit erneuert, beſonders gegen die Ge⸗ fangenen, welche noch nicht alle entlaſſen waren (ſpäter mußten ſie doch entlaſſen werden). Aber ich bin müde, die alten Jammergeſchich⸗ ten zu wiederholen, der Leſer kann fie ſich ſelbſt denken. Ach, der Erzbiſchof griff es wieder ver⸗ kehrt an, er wollte die Lutheriſchen katholiſch haben und das ging einmal nicht. Hätte er ihnen Religionsfreiheit geſtattet, ſie wären, o wie gerne, zurückgeblieben. Aber er erklärte einſt mit dunkelrothem Angeſichte: „Ich will keine Ketzer mehr im Lande wiſſen, und wenn Dornen und Diſteln auf den Aeckern wachſen ſollten!“ Es iſt ihm auch redlich wahr geworden. Schaarenweiſe wanderten ſeine fleißigſten Unter⸗ thanen wieder fort; es war, wie wenn man. einen Haufen Steine an einem Abhang rührt, dem erſten rollen unaufhaltſam auch die andern nach. Der Erzbiſchof aber wollte ſeinen zornigen Ausſpruch halten, und, um vollends alle Ketzer zu enidecken, ſchrieb er allen ſeinen Unterthanen folgenden Eid vor: „Ich ſchwöre zu dem le⸗ bendigen Gott und allen Heiligen, daß ich nebſt den Meinigen nicht allein zu dem allein ſelig machenden römiſch⸗ katholiſchen Glauben mit Herz und Mund mich bekennen, ſondern auch glauben will, daß diejenigen, welche ausgewan⸗ dert ſind und noch auswandern werden, wirklich zum Teufel fahren.“ Dieſer anbefohlene Eid hat freilich die letzten und verborgenſten Anhänger der lutheriſchen Kirche hervorgerufen; er hat auch die Berg⸗ leute aus dem Dürrenberg herausge⸗ führt. Der Dürrenberg liegt nur vier Stunden von der Hauptſtadt, und iſt ein großer Berg, der von oben bis unten faſt aus lauter Salz beſteht. Unzählige Gänge ſind durch ſein Inneres gezra⸗ ben, bis in die Tiefe hinab, und führen zu großen ausgehauenen Räumen, welche faſt wie Kirchen ausſehen. In dieſen un terirdiſchen Werkſtätten arbeitet das ſtille ernſte Volk der Knappen. Sie ſind gewohnt, mit Wenigem zufrieden zu ſein, weil ſie ſich nur wenig erwer⸗ * —1 8— ben können; Gedanken des Todes und Grabes pflegen ſie mehr als Andere zu beſchäftigen, weil ſie ja gleichſam bei lebendigem Leibe im Grabe ſind, und weil einſtürzende Baue ſchon Manchen ihrer Brüder, in der Frühzeit des Lebens, zum Todesſchlaf zugedeckt haben. Solche Leute ſind beſonders empfänglich für einen Glauben, welcher die Seelen für den Aus⸗ gang in die Ewigkeit am beſten vorbereitet; und wie ſchon am Anfang der Reformation unter den Bergleuten des böhmiſch⸗ſächſiſchen Erzgebirges das Evangelium recht tiefe Wurzeln geſchlagen hatte, ſo hatte es auch in den verborgenen Woh⸗ nungen des Dürrenbergs ſeine beſte Stätte ge⸗ funden, als es nur einmal durch die Schachten eingedrungen war. O wie ſchöne Gottesdienſte mögen da gefeiert worden ſein, wenn in dieſen ſtillen unterirdiſchen Kirchen, recht als die An⸗ beter unter der Erde, (Phil. 2, 10.) die frommen Knappen ihre Kniee beugten, wenn der Steiger ihnen aus dem h. Bibelbuche vorlas und das ewige Licht des neuen Teſtamentes ihnen im Schooße der immerwährenden Racht helle ſtrahl⸗ te, tauſend mal heller, als das Licht all' ihrer Lampen, die ſich in dem Salzkryſtall der Wände abſpiegelten! Aber in der Reſidenz hatte man wenigſtens dieſen großen Schrecken nicht erwartet, daß die Ketzerei unter die Erde hinabdringen werde. Als daher die Bergleute nach Bekanntmachung jenes Eides durch vier abgeſandte Männer ihr Glau⸗ bensbekenntniß angeben ließen, war Alles aufs äußerſte betroffen. Man wollte es nicht glauben, man ließ ſchleunigſt unterſuchen, und man fand.— daß wirklich Alle zuſammen, vom Oberſten bis zum Unterſten, Sieben hundert und ſeien. Das war dem Erzbiſchof einer der här⸗ teſten Schläge, denn die unendliche Salzmenge aus ſeinem Dürrenberg trug allein beinahr mehr ein, als alle ſeine Gold⸗ und Silberbergwerke, und nun konnte er nicht gleich wieder genug Knappen zu der benöthigten Arbeit finden. Am 9. November beſtiegen ſie Alle die Schiffe mit Weib und Kind. Der Erzbiſchof ſtand an einem Fenſter ſeines Schloſſos, und wie er ſein ganzes Vergamt den Strom hinabgleiten ſah, da hat er mit den Zähnen geknirſcht. Im folgenden Frühjahre, 1733, wanderten noch Zweitauſend aus. Nun hörte man gar nichts mehr von Hohn und Verwünſchung. Schweigend gingen die Katholiſchen an ihnen vorüber, traurig blickten ſie den Scheidenden nach. Jetzt war das Land leer von Ketzern; öde und ſtill lag es auf ganzen Dörfern und über ganzen Thälern. In allem waren drei⸗ ßigtauſend Menſchen ausgewan⸗ dert. Zum Lohn für ſein grauenhaftes Ver⸗ fahren gegen die Ketzer empfing der Erzbiſchof von dem Papſt den Titel Excelsus, d. i. der Erhabene. Mit dieſen zuletzt noch Ausgewanderten wen⸗ den denn auch wir unſer Auge von dem armen, unglücklichen, ſeines größten Schatzes verluſtig gewordenen Salzburger Lande und folgen unſern theueren, bewährten Brüdern und Schweſtern fünfzig Mann, von der Ketzerei angeſteckt ins Exil, oder beſſer in die neue Heimath, in der es ihnen bald ſo wohl wurde. O wie wohl thut es, ſie dahin im Geiſte zu begleiten und an ihnen das Wort Jeſu ſchon in dieſer Welt in Erfüllung gehen zu ſehen: „Wer verläſſet Häu⸗ ſer, oder Brüder, oder Schweſtern, oder Vater, oder Mutter, oder Weib, oder Kinder, oder Aecker um meines Namens willen, der wirds hundert⸗ fältig nehmen und das ewige Leben ererben.“ (Matth. 19, 29.) In mehreren Zügen nach einander, wie aus der bisherigen Erzählung erhellt, traten unſere lieben Glaubensgenoſſen über die Grenze. So lange ſie durch katholiſche Gegenden wanderten, wurden ſie mit mistrauiſchen und ungünſtigen Augen angeſchaut; Erweiſungen der allgemei⸗ nen Menſchenliebe erfuhren ſie wenige, wohl aber hin und wieder ſogar bittere Kränkungen. Wie ſie aber ihren Fuß in die evangeliſchen Län⸗ der ſetzten, da hieß es mit einem Male: „Das Alte iſt vergangen, ſiehees iſtalles neu worden.“ Glocken wurden geläutet, wo ſie ſich nahten, Alt und Jung eilte ihnen zum Willkommen entgegen, man drückte ihnen die Hände und ſchloß ſie freudig in die Arme. Mit der zärtlichſten Sorgfalt wurden ſie gepflegt, ſo lange ſie an einem Orte weilten, geſpeiſt und getränkt, gewärmt und gekleidet und für die Weiterreiſe reichlich verſehen, und wenn ſie dann von einem Orte wieder aufbrachen, ſo weinten die Leute, als ob ſie Glieder ihrer eigenen Fa⸗ milie müßten von ſich laſſen. Die Züge der Salzburger durch die proteſtantiſchen Gegenden warenTriumphzüge; man betrachtete ſie als be⸗ krönte Märtyrer des HErrn. Andere wären dadurch vielleicht eitel und hoffärtig geworden, ſie aber blieben ſich vom Anfang bis zum Ende gkeich, demüthig und beſcheiden vor Gott und Menſchen, dankbar gegen die lieben Brüder und Schweſtern, die ſie vordem nie geſehen hatten und die ihnen ſo viel Gutes thaten, noch viel dankbarer aber gegen den Vater im Himmel, der die Herzen der Menſchen lenket wie Waſſerbäche, daß ſie das Dürre und Matte erquicken, der ſie nach der Anfechtung ſo reichlich tröſtete. Aber tief in ihrem Innern wurde die Hoffnung immer lebendiger, mächtiger. und ſüßer, daß die erſehn⸗ te und beſſere Zeit ihnen wohl noch auf dieſer Erde zu Theil werden würde. Manche der Auswanderer fanden gleich im Bayernlande eine Unterkunft; die Meiſten aber zogen in verſchiedenen Richtungen gen Preußen. Der König Friedrich Wilhelm I. von Preußen hatte nämlich ſie einladen laſſen ſich in ſeiner durch die Peſt entvölkerten Provinz Lithau⸗ en niederzulaſſen, hatte mit väterlicher Huld für ihre Aufnahme dortſelbſt Vorſorge getroffen, ja ſie dahin ſicher zu geleiten und für ihre Be⸗ dürfniſſe auf der Reiſe zu ſorgen, wo es Noth that, ihnen Kommiſſäre entgegen geſendet. Begleiten wir denn nun die Wanderer auf dieſer ihrer Reiſe durch die proteſtantiſchen Ge⸗ genden, und haben wir gerade an den erzählten einzelnen Beiſpielen aus der Zeit ihrer Verfol⸗ gung uns ihre Drangſal deſto lebendiger vor⸗ ſtellen können, ſo mögen uns nun ebenfalls ein⸗ zelne Beiſpiele am beſten zeigen, mit welcher Liebe und Wonne ſie überall von ihren Glau⸗ bensgenoſſen aufgenommen wurden. (Fortſetzung folgt.)