Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 10, Nummer 9 › Seite 70

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1854-01-05, Seite 70

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fahrt ver Kirche das Mittel des Treubruchs
heilige, nicht aufzuheben erlaubt und gerathen
hätten. Wir erinnern nur an das „unwiderrufl.
Edict vou Nantes und an den Weſtphäliſchen
Frieden. Die Aufhebung des erſtern erzwangen
die Jeſuiten, an der Aufhebung des letzteren
haben ſie jedoch ohne Erfolg nur gear⸗
beiet. Auch von dieſen ſchändlichen Grundſä⸗
tzen, daß man unter Umſtänden ſein Wort und
inſonderheit Ketzern nicht Glauben zu halten
habe, liegt die Wurzel ſchon in dem Inſtitutum
des Ordens, worin es u. A, heißt: „Gelübde,
welche die Unſrigen, als ſie noch in der Welt
waren, gethan haben, ſind in unſerer Societät
aufgehoben, und ſo muß man einſehen, daß die
Verbindlichkeit derſelben (Gelübde) aufhöre, ſo
lange ſie in dem Orden bleiben.“ (I, 700.)
Man ſieht hieraus, mit dem Eintritt in den Je⸗
ſuitenorden muß ſogleich alles Gewiſſen fär die
Heiligkeit eines gethanenen Verſprechens aus
der Seele des Eintretenden verſchwinden.

Maldonatus: Cin Richter ſündigt nicht,
wenn er Jemanden nach dem Geſetz ver⸗
dammt, obgleich er ſelbſt weiß, daß derſelbe
unſchuldig ſei.“ (Summ. quacst. 7. art. 3.)

Caſtro Palao: „Endlich ſo oft eine ehr⸗
liche Urſache ſich darbietet, die Wahrheit zu ver⸗
decken, kann man ſich ohne Sünde eines doppel⸗
deutigen Schwures bedienen ꝛ2c. Deßhalb, wie
Sanchez, Bonacina und Andere in deren Schrif⸗
ten wohl ſagen, wenn auch einer bittet,
man möge alle Zweideutigkeit bei
Seite laſſen, — ja eidlich fordert,
man möge die Wahrheit aufrichtig
und unzweideutig ſagen, ſo kann
man doch immer doppelſinnig ſchwö⸗
ren und Rückhalte gebrauchen, weil
es ſich hier von ſelbſt verſteht, daß man keine
unrechte Art der Doppeldeutung gebrauche.“
(L. III. tr. 14. p. 7.) Wer mag nun hiernach
den jetzigen Jeſuiten glauben, ſelbſt wenn ſie es
mit einen leiblichen Eide betheuerten, daß ſie
jetzt die alte Praxis ihrer Vorfahren, bei dem
Eide doppelſinnige Worte zur Hintergehung An⸗
derer zu gebrauchen, aufgegeben hätten? Sind
die jetzigen Jeſuiten anders geworden, warum
treten ſie jetzt als der erneueuerte alte
ZJeſuitenorden auf? warum ſchämen ſie
ſich nicht eines Namens, der an eine Geſellſchaft

erinnert, die ſyſtematiſch alle Sitlichteit vergiftet
und ver⸗nichtet hat?

Der Leſer ſieht, die Jeſuiten haben die um⸗
gekehrten zehn Gebote. Sie lauten: du ſoll ſt
andere Götter haben; du ſollſt den Namen
Gottes mißbrauchen; du brauchſt nicht den
Feiertag zu heiligen: du brauchſt nicht Va⸗
ter und Mutter zu ehren; du kannſt tödten; du
kann ſt ehebrechen; du kannſt falſches Zueg⸗
niß reden wider deinen Nächſten; du kann ſt
deines Nächſten Gut begehren. Die Jeſuiten
haben ſich und denen, die ſich ihnen anvertrau⸗
en wollen, durch ihren Grundſatz, daß der gute
Zweck das ſchlechte Mittel heilige, alle zehn Ge⸗
bote vom Halſe geſchafft. Sie ſind es von de⸗
nen Jeſaias Cap. 28 geweiſſagt hat: „Ihr
ſprechet: wir haben mit dem Tode eiren Bund

— 68—

und mit der Hölle einen Verſtand gemacht;

wenn die Fluth daher gehet, wird ſie uns nicht
treffen; denn wir haben die Lügen unſere Zu⸗
flucht und die Heuchelei unſeren Schirm gemacht.“
Wie tief gerade jetzt die römiſche Kirche geſun⸗
ken iſt, iſt daher ſchon daraus offenbar, daß ſie
jetzt faſt durchgängig die Jeſuiten preiſt und
dieſelben in dieſer Zeit zu Hülfe gerufen hat.
Wir konnten noch eine große Menge Zeugniſſe
für die Verworfenheit der Moral des Jeſuiten⸗
ordens anführen (ja gerade die ſcheußlichſten
das Schaamgefühl beleidigenden haben wir weg⸗
gelaſſen), aber es eckelt uns, mehr abzuſchrei⸗
ben. Dies ſei für diesmal geuug. Jeder Le⸗
ſer urtheile nun ſelbſt, was er von dem hieſigen
„Herold des Glanbens“ zu denken habe, wenn
derſelbe den Jeſuitenorden „eine Geſellſchaft, die
ſich um die Welt in jeder Beziehung ſo verdient
gemacht hat und einzig daſteht“, nennt, und der
ſich nicht entblödet zu ſchreiben: Zum Schluße
wöchten wir gerne irgend eine Schrift oder
ein Werk eines Jeſuiten wiſſen, wo⸗der Grund⸗
ſatz ausgeſprochen iſt, daß der gute Zweck ein
ſonſt böſes Mittel heilige.“ Es iſt klar, ſo kann
nur ein Jeſuit, dem nie eine Schamröthe in
das Antlitz tritt, fragen und ſagen.

(Fortſetzung folgt.)
X 7 ᷑mm —

(Ciugeſandt.)
Ueher Beſelſches Pampblet von der
„Kleinen Taufe“ im diesjäbrigen
Jahresbericht.

Der Unterzeichnete hat zu ſeinem Bedauern
dieſen Artikel im diesjährigen Jahresbericht ge—
leſen, und fühlt ſich um der Sache des
Herrn willen gedrungen, hierüber einige
Berichtigung zu geben.

Daß der „Styl“ nicht nach Wunſch in dem
Schriftchen über die Kindertaufe gerathen ſei,
darüber ließe ſich Manches ſagen. Hier aber
nur dieſes. Man ſtelle ſich das anweſende
Publikum vor. Auf der einen Seite Menſchen,
die vor der Zeit, da ich die Gemeinde an-
trat, ſeit 28 Jahren von trägen, höchſt ge⸗
wiſſenloſen Unionsmachern alle 4 Wochen mit
einer flachen Predigt beſucht worden ſind. Un⸗
ter ihnen ſtehen zwar jetzt einige liebe Chriſten
und verſtändige Männer, die zu meiner Zeit
aus der Union austraten; aber man bedenke
doch den andern Haufen, und zwar Viele auch
unter meiner Gemeinde, denen man geiſtliche
Dinge gleichſam vorkauen, wieder und immer
wieder erklären und einbläuen muß; ſo daß ich
genöthigt war, ſogar in Predigten und noch mehr
beim Schulunterricht eine Menge deutſche Wor⸗
te ins ſog. Penſylvanier⸗Deutſch (vielmehr eng⸗
liſch welſch) einzukleiden, und im Umgang mei⸗
ne Sprache ſo nach der ihrigen zu richten, daß
ich heute noch an jenes Kauderwelſch mehr als
mir lieb iſt, gewöhnt bin. Alles darum, um je⸗
nen vernachläßigten Leutlein beizukommen und
ſie zum Heiland zu führen. Wer ſolches als
Stylverhunzen tadeln will, bedenke, ich habe es
alſo ſein laſſen, weil es mir am Seelenheil der

Leute lag. Auf der andern Seite waren die
langbärtigen Amiſchen, eine Abart Menn o⸗
niten, welche aber weder Menno's noch
Dietrichs Lehre ſtreng beobachten, ſondern
wieder ein Mittelding, eine eigne Sekte bilden.
Sie haben ſich in großer Menge dort angeſiedelt,
ſind meiſt ſehr reich, und-voller Verführungsliſtz
dazu hat der Gott dieſer Welt ſie dermaßen ver⸗
blendet, daß ſie zum wahren Wort- oder Schrift⸗
glauben nicht nur höchſt untüchtig, ſondern auch
für die Verſpottung wichtiger Glaubensartikel
gar tauglich ſind. Wie nun mit ſolchen Leuten
reden? Antwort: in ihrer Weiſe und wie man
ihnen beikommen kann, und wie das zu thun
kann nur der wiſſen, der unter ihnen wohnt.
Gefliſſentlich wurde alſo die zu vorufgeſchrie⸗
bene Disputation in einer, den Zuhörern
faßlichen Sprache abgefaßt, ohne anf gu⸗
ten Styl Rückſicht zu nehmen. Ein klarer Be⸗
weis dafür, daß es mir nie in den Sinn gekom⸗
men iſt, dieſes Büchlein durch den Druck zu
veröffentlichen; ſonſt hätte ichs wohl ein wenig
abgeſchliffen. —

Auch die „Darſtellung“ iſt nicht gera⸗
then. Als ich dieſes las, verſetzte ich mich im
Geiſt wieder unter jene Leute, deren Sinn und
Pfeile ich ja längſt kannte. Der Teufel
war dort, wie ſonſt oft, ein dummer Teufel, ſonſt
hätte er nicht ein Glied, und zwar ein abgeſand⸗
tes Glied der Amiſchen Gemeinde dazu bewo⸗
gen, zwei MalAbends zu mir zu kommen und aus
der Schule zu plaudern. Somit wußte ich alſo
ſchon zum Voraus, welche Pfeile gegen mich ab⸗
gedrückt werden ſollten. Und denen hielt ich den
Schild vor, gleichviel, ob ſonſt das Eine hieher,
oder das Andere dorthin gehört; genug, ich ſtand
allein vor vielen giftigen Feinden und nahm
das Baurenkriegsrecht in Anſpruch, wo ſtudirte
Taftik unberückſichtigt bleibt, denn man wehrt
ſich, wie man kann. Dabei läuft nun freilich
Manches mit unter, was dem Zuſchauer
von Ferne etwas ungereimt roh und unpaſſend
erſcheint! da muß man aber eben wieder die Sa⸗
che und das anweſende Volk berückſichtigen. Und
welcher treugeſinnte Hirte wird ſolche unver⸗
ſchämte und grobe Wolfsmenſchen noch ſtreicheln,
die ſeit dreißig Jahren ſo viele, viele Familien
verführten, daß ſie ihre Kinder ungetauft groß
werden ließen! Fand ich voch nur in meiner klei⸗
nen, 12 Familien zäblenden Gemeinde 19 Kin⸗
der, die ungetauft umherliefen, und wie viele
warens noch außer meiner Gemeinde unter
deutſchen Familien! Dies bedenke man!

Endlich, auch der „Inhalt“ iſt nicht gera⸗
then. Bisher habe ich noch nichts gefunden,
was dem Worte Gottes zuwiderliefe. Daß ich
aber den Tertullian ſo hart angelaſſen habe,
weil er gegen die Kindertaufe ꝛc. geweſen, da⸗
rüber muß ich hier öffentlich bekennen, daß ich
gerade dieſen Satz im mündlichen Vortrag aus⸗
ließ und erſt auf Gutheißen meines Amtsnach⸗
folgers im Manuſcripte ungeſtrichen ließ. Ich
entnahm dieſen ganzen Satz aus Browunle's
Vertheidigung der Kindertaufe, und geſtehe, daß
ich ſtatt deſſen (was ich wörtlich mit Bemerkung
des Namens hinſtellte) die Quelle hätte aufſu⸗

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