Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 26 › Seite 208

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-08-16, Seite 208

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haben ſie alle einerlei Verrichtung? Ein jedes
hat ſeine Gabe und dient mit ſeiner Gabe dem
ganzen Leibe, aber darum ſind die Gaben nicht
gleich. Wem gebührt mit Recht in weltlichen,
wie in geiſtlichen Händeln ein größerer Antheil
an der öffentlichen Führung des Worts, dem,
der bei aller ſonſtigen Einfalt und Redlichkeit
des Herzens dennoch in ſeiner Auffaſſung der
Berhältniſſe kurzſichtig und beſchränkt iſt, oder
dem Gott geübte Sinne zur Unterſcheidung des
wahren und falſchen, und einen beredten Mund
gegeben hat, die Lehre klar und überzeugend
auseinanderzuſetzen? Was ſollte aus einer
Synode werden, wenn die Ordnung umgekehrt
wäre, wenn der Unverſtand herrſchen, und die
Weisheit ſich unterwerfen ſollte? Wollte wohl
Paſt. Grabau in ſeiner Synode eine ſolche Ord⸗
nung oder vielmehr Unordnung aufrichten; iſt es
nicht offenbar er ſelbſt, der in ſeiner Sunode das
gewichtigſte Wort führt, und könnten wir darum
nicht denſelben Vorwurf der Buffalo-Synode
machen, den er unſrer Synode macht? Ja ge⸗
wiß mit viel größerem Recht. Und wenn Paſt.
Grabau den glücklichſten Verſuch machte zu be—
weiſen, daß ſeine Herren Collegen und die mit
ihm verbundenen Gemeinden ganz unabhängig
von ihm ſeine Meinung in der vorliegenden
Streitſache theilen u. ſeine hierarchiſchen Grund—
ſätze verfechten, ſo wird er doch einen Menſchen—
kenner und guten Beobachter der Dinge nimmer
überreden, daß jene nicht ſollten von ihm merk⸗
lich beeinflußt ſein.

Die Unterzeichneten glauben dem Herrn Paſt.
Grabau im Namen ihrer Brüder von der Miſ⸗
ſouri Synode unbedenklich das Zugeſtänduiß
machen zu dürfen, daß allerdings unter uns die
Gaben unſerer hervorragenden Glieder anerkannt
und geehrt werden, und daß uns denſelben ge⸗
genüber eine gewiſſe Beſcheidenheit nicht übel,
ſondern vielmehr wohl anſteht. Aber dagegen
verwahren wir uns, daß wir ſollten von dem
Glanz der Gabe die Augen blenden laſſen und
unſer Gewiſſen unter das Anſehn der Menſchen
gefangen geben. Das Wort: „Einer iſteuer

Meiſter“ ſteht mit unauslöſchlichen Buchſtaben
in unſer Herz geſchrieben. Gott behüte uns, daß
wir je andre Meiſter aufwerfen ſollten.

Nur dann hätte Paſt. Grabau gerechten Grund
zu ſeiner Beſchuldigung; wenn von den Glie⸗
dern unſrer Synode, welche in dem ganzen Streit
mit ihm die handelnden Perſonen ſind, irgend et⸗
was geſchehen wäre, welches durchaus nicht nach
Gottes Wort zu rechtfertigen iſt; und die Synode
hätte es doch ungeprüft angenommen u. gebilligt.
Dann möchte er mit Recht auf die Unſebſtſtän⸗
digkeit der Synode folgern. Allein Herr Paſt.
Grabau erinnere ſich, daß auf der Synode von
1850 und '51 alle dieſe Sachen vor das Forum
derſelben gekommen ſind und jeder unſrer Glie⸗
der Gelegenheit gehabt hat den Stand der Dinge
kennen zu lernen und ſich ein Urtheil davon nach
Gottes Wort zu bilden. Es war jedem ver⸗
gönnt zu reden, der etwa Bedenken trug; jene
beiden Glieder unſerer Synode, von denen Paſt.
Grabau ſchreibt, ſie hätten die Synode zur
Buße ermahnt, wären aber von Herrn Prof.

— 206—

Walther überredet und beſchwichtigt worden, ſind
eben ein Beweis, daß die Synode nichts auf
Treu und Glauben ihrer Stimmführer (wir bit⸗
ten, von dem übeln Sinn, den dieſes Wort ſonſt
hat, abzuſehn), angenommen hat. Sie wurden
gehört, alle ihre Bedenken erwogen, wie der
Synodalbericht von 1851 ausweiſt, und die
Zurücknahme jener beiden Spnodal-Glieder war
eine freiwillige aus Überzeugung. Hätten wir
von ihnen anders denken wollen, ſo würden wir
dieſen unſern lieben Brüdern gewiß nur weh ge⸗
than haben.

Alle die Thatſachen, die unſrer Synode von
der kirchlichen Praxis Paſtor Grabaus, beſon⸗
ders von der Handhabung des Bannes vorge⸗
legt und durch Zeugen beſtätigt wurden, waren
keineswegs geeignet, denſelben als einen recht—
ſchaffenen Seelenhirten im Gewiſſen eines je—
den Chriſten offenbar zu machen, und dasſelbe
zu beſtimmen, das bisherige Verfahren der Sy⸗
node, ſolchen der Härte und Herrſchſucht ihrer
Prediger zun Opfer gefallenen und der geiſtli—
chen Segnungen beraubten Seelen durch treue
Hirten dieſelben wiederum darzureichen, als un⸗
befugt und ungerecht zu verwerfen. Fürs andere
waren die Behauptungen Herrn Paſt. Grabau's
über die falſchen Lehren der von ihm ſogenann—
ten Miſſourier wirklich zu monſtrös, um in uns
die Überzeugung zu wirken, Grabau ſei ein rei—
ner Lehrer der lutheriſchen Kirche, und jene Chri—
ſten hätten ſich ſchwer verſündigt, die ſich von
ihm und ſeiner Synode getrennt hatten. Wenn
Paſtor Grabau fort und fort unſerer Synode
vorwirft, wir hätten falſche Lehre vom Predigt—
amt, vom Bann und Amt der Schlüſſel, vom
geiſtlichen Prieſterthum, vom rechten Beruf, von
der Ordination und von der Kirche, und wir
ſind uns doch bewußt, in allen dieſen Stücken
es treu und lauter mit der Schrift und den Be⸗
kenntniſſen unſrer Kirche zu halten; wie können
wir denn anders denken, als daß allerdings
Paſt. Grabau eine abweichende, durch hierarchiſche
Grundſätze gefärbte Lehre führen muß, wie es
ja auch in ſeinem Hirtenbrief und den darauf
bezüglichen Schriften klar am Tag liegt. Und
doch verlangt er von unſerer Synode, daß wir
wider unſer Gewiſſen den Leuten, die ſich an
ſeiner Lehre ſtoßen, ſagen ſollen: Ihr ſündigt,
wenn ihr euch von einem ſo reinen lutheriſchen
Lehrer, wie Paſtor Grabau iſt, trennt.

Nein, wahrlich, Herr Paſtor Grabau müßte
erſt ganz anders in unſerm Gewiſſen offenbar
werden, ehe er von uns verlangen kann, daß
wir wegen des nach ſeiner Meinung an ihm be—
gangenen Unrechts Buße thun ſollen. Und
würde er's, ſo ſollte es bei uns nicht erſt der
Aufforderung zur Buße bedürfen, ſondern wir
wollten ſie thun, ehe ſie gefordert würde. Das
möge aber doch Paſtor Grabau ja nicht denken,
daß er dadurch in unſerm Gewiſſen als ein treuer⸗
Knecht des Herrn offenbar wird, wenn er fort
und fort ſein Informatorium mit ſeiner Selbſt⸗
rechtfertigung und bittern Angriffen auf uns an⸗
füllt; ſondern das ſteigert unſer Mißtrauen.
Ein rechtſchaffner Lehrer wird nicht dadurch in
dem Gewiſſen Andrer offenbar, daß er für ſich

eifert, ſondern durch ſeine Lehre und durch ſein

Verhalten. Hätte nun die Lehre verbunden mit !
der That Herrn Paſtor Grabau als einen treuen
lutheriſchen Lehrer in den Augen und Gewiſſen
aller rechtſchaffenen Lutheraner beurkundet, es
wäre wahrlich nicht dahin gekommen, daß man
ausgeſchiedene oder gebannte Glieder ſeiner Ge⸗
meinde wider ihn hat in Schutz nehmen müſſen.

Meint Herr Paſtor Grabau, daß er ſich uns
dadurch empfiehlt oder in unſerer Synode Syn⸗
pathien für ſich erweckt, wenn er nunmehr ganz
ſchonungslos ſelbſt den Character unſrer von uns“
ſehr geliebten und hochgehaltenen Mitbrüder an⸗
greift, ſo irrt er ſich; er erſtickt dadurch in uns
das letzte Fünklein Vertrauens, und macht, wenn
nicht Gott Wunder thut, jede Vereinbarung un⸗
möglich, die vielleicht nicht ſo unmöglich geweſen
wäre, wenn ſich Herr Paſt. Grabau leidenſchafts⸗
loſer gezeigt hätte. Wüßte Paſtor Grabau, wie
es als ein Mordſchwerdt in unſere Seele ſchnei⸗
det, und wie es vielleicht Tauſende von redlichen
Kindern Gottes mit tiefſter Betrübniß, wenm
nicht ſogar mit gerechtem Zorn und Unwillen er⸗
füllt, wenn er, wie er in No. 17 ſeines Infor⸗
matoriums gethan hat, eins der verehrteſten und;
verdienſtvollſten Glieder unſerer Synode einen
ſtephaniſtiſchen Fuchs, einen ſtephaniſtiſchen
Schlangenkopf“) und dergleichen nennt; er
würde ſich bedacht haben, ſo etwas niederzu⸗
ſchreiben.

In ſolchen Ausdrücken kann man nichts als
ein mit bittrer Galle erfülltes Gemüth leſen.
Der leidenſchaftliche, verketzerungsſüchtige Eifer
der ehemaligen ſogenannten Orthodoren in ih⸗
rem Streit wider die Pietiſten iſt, ſo wenig auch!
deren Richtung von geſundem kirchlichen Stand⸗
punkt aus zu rechtfertigen iſt, bis auf den heu⸗
tigen Tag ein Schandfleck in der Geſchichte der
lutheriſchen Kirche; will denn Hr. P. Grabau
einen ähnlichen Schandfleck auf ſich und die
lutheriſche Kirche Amerikas laden? Könnenz
Brüder im eignen Hauſe ihre Familienzwiſte,
daß ich ſo ſage, nicht auf eine andere Weiſe ab⸗
thun, als daß ſie ſich einander zerfleiſchen und
zerreißen; oder beſteht der Eifer für Gottes Ehre
darin, daß man ſich einander den ehrlichen Na⸗
men nimmt, dem Teufel ein Hohnlachen berei⸗
tet, viele unſchuldige Gemüther irre macht, da⸗
durch den Lauf des Evangelii hindert und dit
Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhält? Ein
Wunder wäre es nicht, wenn die erbitterten An⸗
griffe Grabau's, für welche das Informato⸗
rium ausſchließlich geſchaffen zu ſein ſcheint,
auch auf unſrer Seite die Leidenſchaftlichkeit ge⸗
reizt hätten (welches eben der Satan gern woll⸗
te); und doch muß jeder Unbefangene, ja Hr.
P. Grabau ſelbſt, geſtehen, daß ihm nicht mii
dergleichen fleiſchlichen Waffen begegnet worden
iſt, wie er ſie geführt hat. Der unpartheiiſcht“
Leſer beider Blätter muß ſich oft wundern,
wie öfters ganz wohlgemeinten, unverfänglichen

*) Welch' eine Erbitterung und Verfinſterung muß nicht ö
in einem Herzen ſein, wo man Brüdern ihre Verirrungen,
die längſt erkannt, öffentlich bekannt und von Gott und
Menſchen verziehen ſind, immer wieder mit gehäſſigen

Schimpfworten vorwirft. Vergebene Sünden vorrücken
iſt des Satans Werk. Anm. d. Ein.

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