Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 26 › Seite 205
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-08-16, Seite 205
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denn daher das Tridentiniſche Capitel ſo großen
Lärm über dieſe Frage? Antwort: Weil ſie die
Vollſtändigkeit, Wahrheit und Wirkſamkeit der
Sacramente nicht ſchlechthin und allein in die
Worte Chriſti ſetzen, ſondern theilweiſe auch in
den Charakter, welcher vorgeblich bei der Ordi⸗
„ nation den Prieſtern eingedrückt werde. So
wollen ſie alſo auch, daß der Troſt der Abſolu⸗
tion nicht ſowohl vom Worte des Evangeliums,
als von der Perſon des Abſolvirenden abhän⸗
ge.“ (ſ. 394. 95.) Daß zur Verwirklichung
des Sacramentes der rechtmäßige Beruf des
Adminiſtrirenden gehöre, iſt eine bis dato in
der proteſtantiſchen Kirche durchaus unerhörte,
durchaus unbibliſche Lehre. Luther ſchreibt
vielmehr (und hierin folgen ihm alle rechtgläu⸗
bigen Lehrer der wahren Kirche): „Wenn ge⸗
fragt wird: was für Stücke nothwendig ſind
zum Weſen des Sacraments? ſo antworten wir:
Es ſind drei Dinge, die zum Sacrament gehö⸗
ten. Erſtlich wird erfordert elementum, d. i.
ein ſichtbarliches Zeichen; hernach muß die voll⸗
ſtändige Herſagung der Worte kommen; und
drittens, muß der rechtmäßige Gebrauch nach
Chriſti Einſetzung htnzugethan werden. Zum
Erempel, das Element in der Taufe iſt das
Waſſer; die Worte, die dabei hergeſagt werden
müſſen, ſind dieſe: „Ich taufe dich im Namen
des Vaters, und des Sohnes, und des heiligen
Geiſtes; endlich die Eintauchung oder Begie—
fung des Kindes ſelbſt enthält den rechtmäßi⸗
gen von Chriſto befohleuen Gebrauch. Ebenſo
muß man auch vom Abendmahl ſagen. Zuerſt
müſſen die vollſtändigen Elemente, Brod und
Wein, daſein; hernach müſſen die Worte des
Teſtaments ganz hergeſagt werden; endlich muß
der rechtmäßige Gebrauch hinzukommen, d as
iſt, das Eſſen und Trinken.“ (XIX. 1589.)
Herr P. G. aber rechnet nun noch 4. hinzu,
daß der, welcher bei dem Sacrament als Mi—-
niſter fungirt, früher einmal in gehöriger Ord—
nung berufen und daher auch auf rechtmäßige
Weiſe ordinirt ſei!!
Da nun Herr Paſtor Grabau uns bei Ue—
berſendung ſeines Hirtenbriefes ſelbſt dazu auf—
gefordert hatte, ihm unſere chriſtliche Ueberzeu⸗
gung von dem Inhalte deſſelben wiſſen zu laſ⸗
ſen, ſo konnten wir freilich nicht umhin, unter
Anderem auch gegen die darin niedergelcgte,
die oben angezeigte, Lehre von der Kraft des
hl. Predigtamtes ein Zeugniß abzulegen. Wir
ſahen uns um ſo mehr dazu aufgefordert, da
mir damals kurz zuvor die betrübendſten Erfah—
rungen von der Gefährlichkeit und Verderblich⸗
keit ſolches Irrthums gemacht hatten. Wir
ſächſiſchen Prediger hatten uns nehmlich durch
Stephan bethören laſſen, in Deutſchland un⸗
ſere Pfarränter niederzulegen und nach Ame⸗
rika mit mehreren Hunderten von Laien aus⸗
zuwandern, weil in Deutſchland die wahre Kir⸗
che nicht mehr zu erhalten ſei und daher auch
Mann offenbar, und da er den erſten Anſtoß
zu unſerer Auswanderung gegeben und alles
ein Menſch dort ſchwerlich ſelig werden könne.
Als wir hier ankamen, wurde aber Stephan
zu unſer aller Schrecken als ein unredlicher
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nach ſeinem Willen dabei geleitet hatte, ſo wur⸗
de auch allen gar bald die Rechtmäßigkeit unſe⸗
rer Amtsniederlegung in Deutſchland und des
ganzen Auswanderungswerks zweifelhaft. Ja,
endlich wurde es uns klar, daß die Sache ein
arger Betrug des Teufels geweſen ſei, obwohl
wir zugleich einſahen, daß die Sache unter
göttlicher Geduld geſtanden und daß Gott bei
dem Gelingenlaſſen derſelben ſeine heiligen und
gnädigen Abſichten gehabt haben müſſe und end⸗
lich, wie bei der Verkaufung Joſeph's nach Ae—
gypten, das Böſe noch zum Guten lenken werde.
Bei Vielen in unſeren Gemeinden, die uns hier
berufen hatten, entſtand aber nun der Zweifel,
ob wir Prediger, die wir unſere Aemter in
Deutſchland unrechtmäßig verlaſſen hätten, auch
hier wieder einen rechtmäßigen Beruf erhalten
haben könnten. Bei einigen ſtand es bald feſt,
daß unſer nunmehriger Beruf ein unrechtmäßi⸗
ger ſei, indem dieſe nun auch behaupteten, un⸗
ſere Gemeinden, welche ſich widerrechtlich von
der Kirche in Deutſchland getrennt und ſo vie⸗
ler Sünden und Irrungen ſich ſchuldig gemacht
hätten, ſeien keine Theile der wahren Kirche,
ſondern Sekten, daher habe auch keine derſelben
einen rechtmäßigen Beruf ausſtellen können, am
wenigſten an Prediger, welche aus ihren vori⸗
gen Aemtern wider Recht und Pflicht gegangen
ſeien. Man ging aber nun, namentlich in den
im Lande (in Perry County, Miſſouri) woh-
nenden Gemeinden, weiter; mehrere ſonderten
ſich ab und erklärten, daß wir Prediger, da wir
keinen rechten Beruf hätten, auch nicht gültig
und kräftig das heilige Predigtamt verwalten
könnten, daß daher alle unſere Amtshandlun⸗
gen, alle unſere Abſolutionen, alle unſere A-
bendmahls⸗Dispenſationen, ja, alle unſere Tau⸗
fen, null und nichtig und vor Gott ohne alle
Kraft und Gültigkeit ſeien. Es entſtand nun
in unſeren Gemeinden eine nicht geringe Un—
ruhe und Noth. Gerade unſere beſten Chriſten,
die uns Predigern meiſt perſönlich innig zuge—
than waren und keinem Zweifel an unſere Red⸗
lichkeit Raum geben wollten, geriethen in nicht
geringe Gewiſſensnoth: nur mit Angſt und Un⸗
ruhe bedienten ſich jetzt noch die meiſten unſeres
Amtes; mit verwundetem Gewiſſen gingen ſie
in unſere Kirche, ungewiß, ob ſie damit nicht
vielleicht eine Sünde thäten, anſtatt Segens ſich
Fluch holten, anſtatt eines Gottesdienſtes damit
einen Teufelsdienſt leiſteten. Da haben wir
venn lebendig erfahren. wie wichtig es iſt, daß
die Lehre rein und lauter, klar und helle er⸗
halten werde: daß bei der Frage nach der Gül⸗
tigkeit der göttlichen Einſetzungen, der Abſolu⸗
tion, der Taufe, des hl. Abendmahls, nicht nur
nicht auf die Würdigkeit, ſondern auch nicht
auf die Rechtmäßigkeit des Berufes des Amtie⸗
renden, ſondern allein darauf geſehen werden
müſſe, ob die göttlichen Einſetzungen ſo ver⸗
waltet worden ſeien, welchergeſtalt ſie Chriſtus
angeorvnet hat; daß zwar der, welcher ohne
ordentlichen Beruf das Anmt verwaltet, ſich da⸗
mit ſchwerlich verſündigt, und auch die, welche
wiſſentlich einen ſolchen Prediger anerkennen
und ſich ſeines Dienſtes gebrauchen, daß aber
dieſe Sünde den göttlichen Stiftungen an ihrer
Gültigkeit und Kraft nichts nimmt, wie hinge⸗
gen Heiligkeit und Rechtmäßigkeit des Berufs
des Amtierenden der Kraft des Wortes und der
Sacramente nichts hinzu fügt. Gott hat uns
jedoch damals gnädig aus aller Noth geholfen.
Als das Gewiſfenmachen und Toben unſerer
Separatiſten immer größer wurde, wurde den⸗
ſelben von uns damaligen Predigern in Perry
County, dem ſeligen Paſtor Löber, dem Paſtor
Gruber (dermalen noch daſelbſt), dem Paſtor
Keyl, und dem Schreiber dieſes eine öffentliche
Disputation über die in Frage geſtellten Artikel
und Verhältniſſe angeboten. Man nahm dieſe
Disputation an, und der Erfolg war, daß un⸗
ſere Gemeinden in dieſer Sache gewiß und ru⸗
hig wurden, die Separatiſten zum Theil zurück⸗
kehrten, zum Theil fortzogen.
Kaum war nun dieſer Streit bei uns ausge⸗
kämpft, ſo erſchien der Hirtenbrief des Hrn. P.
Grabau. Es war daher freilich etwas ganz
Natürliches, daß wir gegen einige darin auf⸗
geſtellten Grundſätze, deren Verfolgung uns ſo
ſchmerzliche Wunden geſchlagen hatte, die wir
noch empfanden, entſchieden proteſtirten.
Hr. P. Grabau ſtellt nun freilich die Sache
ſo dar, als ob wir die Kraft des hl. Predigt⸗
amtes gegen ihn angegriffen und reformirte
Lehre in dieſem Punkte geführt hätten und noch
führten. Allein der liebe Mann thut uns da⸗
mit ſchreiend Unrecht. Er behandelt uns dabei
als verſtockte unbußfertige Sünder, wirft uns
Lüge, Verleumdung, Bosheit ꝛc. vor, ſo daß es
wahrlich kein Wunder wäre, wenn wir uns rei⸗
zen und verführen ließen, in derſelben Weiſe
wider ihn aufzutreten. Wir bitten aber Gott,
daß er uns die Gnade ſchenken wolle, alle dieſe
erfahrenen Unbilden mit chriſtlicher Geduld und
Sanftmuth zu tragen, ruhig die Sache ausein⸗
ander zu ſetzen und Gott es anheim zu ſtellen,
daß Er unſere Sache führe, von der wir ja ge⸗
wiß ſind, daß es eigentlich nicht unſere, ſon⸗
dern Seine, nehmlich Gottes, Sache iſt. —
Doch wir gehen weiter. Welches war denn
eigentlich der status controversiæ in dem Streite
der Lutheraner und Reformirten über die Kraft
des heiligen Predigtamtes.?
Er beſtand erſſtlich nicht darin, daß die
Lutheraner dem von einem Prediger gepredigten
Wort eine beſondere Kraft zugeſchrieben, und
daß die Reformirten dieſe beſondere Kraft ihm
abgeſprochen hätten. Vielmehr haben die Lu⸗
theraner das geſchriebene und gepredigte, das
geleſene und gehörte Wort einander immer gleich⸗
geſtellt. So ſchreibt u. A. Johann Gerhard in
ſeiner Widerlegung der Irrthümer Schwenkfelds
und der Reformirten von der Kraft des Predigt⸗
amtes: „Die Bekehrung und Seligkeit der
Menſchen wird dem Worte Gottes zugeſchrieben,
nicht ſofern dasſelbe auf dem Papiere ſteht oder
mit dem Munde ausgeſprochen wird außerhalb
ſeines von Gott geordneten eigentlichen und
rechtmäßigen Gebrauchs, ſondern ſofern es ver⸗
kündigt, gepredigt, geleſen, in Gedanken erwo⸗
gen wird, das heißt, ſofern es in ſeinem eigent⸗
lichen, rechtmäßigen und ordentlichen Amt und
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