Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 26 › Seite 206

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-08-16, Seite 206

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Brauche iſt, wozu es Gott geordnet hat. Jener
Gebrauch beſteht aber ſowohl im Leſen, als im
Hören des Wortes, denn es iſt ein und dasſelbe
Wort Gottes, mag es nun geleſen, oder gepre⸗
digt und gehört werden: daher jene heilſamen
Wirkungen, welche die Schrift der Predigt des
Wortes der Schrift zuſchreibt, auch der Leſung
und Bedenkung desſelben zugeſchrieben werden
müſſen; gleichwie jemand nicht nur ſeinen Freund
hört und von deſſen Worten bewegt wird, ſon⸗
dern auch wenn er einen Brief von ihm lieſt.“
(doc. de min. eccl. § 253).

Der Streitpunct zwiſchen den Lutheranern
und den Reformirten in Betreff der Lehre vom
heiligen Predigtamt beſtand zweitens nicht
eiwa darin, daß die Lutheraner die Verwirkli⸗
gung, Gültigkeit und Kraft der heiligen Sacra⸗
mente von der Rechtmäßigkeit des Berufes, der
Ordination oder irgend einer Qualität des Pre⸗
digers abhängig gemacht, und die Reformirten
dies geleugnet hätten. Es findet das gerade
Gegentheil ſtatt. So ſchreibt z. B. Calvin
in ſeinen Inſtitutionen: „Die Verwaltung ſo⸗
wohl dieſes (des Sacraments der Taufe), wie
des Nachtmahls iſt ein Theil des Kirchenamtes,
denn Chriſtus hat weder den Weibern, noch den
Menſchen ohne Unterſchied befohlen, zu tau⸗
fen; ſondern die er zu Apoſteln beſtellt hatte,
denen hat er dieſen Befehl ertheilt.“ (Buch 4,
Cap. 15. 5 20.) Derſelbe Calvin ſchreibt daher
gegen Weſtphal: „Es ſei beſſer, daß man die
Taufe gänzlich unterlaſſe, als daß dieſelbe von
einem Weibe verwaltet werde;“ und in ſeinem
278 Briefe nennt er die Taufe durch Frauen
eine gräuliche Verunehrung des Predigtamites.“
Ja, Chamier, geweſener ref. Profeſſor zu Mon⸗
tauban ſchreibt in ſeiner Schrift von der Taufe:
„Wir ſagen, daß das Recht, die Taufe zu er⸗
theilen, nur bei denen ſei, welche ein öffentliches
Amt in der Kirche führen, und daß eine Taufe,
welche ein Menſch ertheilt hat, der nur einepri⸗
vatperſon war, keine Kraft habe, das iſt, daß
ſie kein Sacrament, ſondern ein verwegenes
Spiel ſei, das in der Kirche durchaus nicht ge⸗
duldet werden dürfe.“) (Buch 5. Cap. 14.
No. 8.) Ganz anders lehren die Lutheraner,
wie wir oben bereits geſehen haben. Hier möge
nur noch folgendes Zeugniß Platz finden: „Got⸗
tes Wort,“ ſo ſchreibt die theologiſche Fakultät
zu Helmſtädt, „und die hochwürdigen Sacra⸗
miente ſammit der Abſolution haben ihren. valo-
rem (Gültigkeit), Kraft und Wirkung nicht von
den Menſchen, ſondern von Gott, ſeiner heiligen
Ordnung und Einſetzung. Denn weder der da
pflüget, oder der da begeußt, iſt etwas, ſondern
Gott, der das Gedeihen giebt, wie zu leſen iſt
1 Cor. 3, 7., und Röm. 3, 2. ſpricht Paulus,
raß der Menſchen Unglaube Gottes Glauben
nicht aufhebe. Dannenhero unſer lieber Heiland
Matth. 23. ermahnt, daß ſie den Schriftgelehr—
ten und Phariſäern, ſofern ſie auf Moſis Stuhl

) Es iſt allerdings außer Zweiſel, daß die Reformirlen ſo
lebren, nicht aus beſonderem Reſpekt vor dem heiligen Pre⸗
digtamte, ſondern weil ſie die Tauft gering achten u. es ihnen
vaher ärgerlich iſt, daß man liebtr ein Weib taufen laſſen, als
tin Kind ohne Tauſe ſerben laſſen will. D. R.

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ſitzen und die Moſaiſche Lehre treiben, folgen
ſollen. Alles, ſpricht er, was ſie euch ſagen,
das ihr halten ſollt, das haltet und thut. Aber
nach ihren Werken ſollt ihr nicht thun. Und
wenn die Kraft des Wortes Gottes und der hoch⸗
würdigen Sacramente an der Vocation und Le⸗—
ben eines Lehrers und Predigers hinge, würde
folgen, daß das Wort Gottes von einem zum
Amte nicht ordinirten Menſchen, doch rein und
lauter geprediget, ganz unkräftig ſei; item, das
heilige Sacrament der Taufe, im Falle der Noth
von Privat⸗, doch chriſtlichen, gläubigen Perſo—
nen adminiſtrirt,“) gar ungültig wäre. Wel⸗
ches doch mit Grund der Wahrheit nicht kann
geſagt werden, es wäre denn, daß die Donati⸗
ſterei . wahr wäre.“ (Siehe: Dedekenni the-
saur. II., f.407. Vergleiche J. Gerhards Loci
1. de bapt. à§ 22. Quenſtedts Theologia I. de
sacram. sect. 1. thes. 7.)

Der eigentliche Streitpunct in dem Streit der
Lutheraner und Reformirten über die Kraft des
heiligen Predigtamtes beſtand endlich drit—
tens darin. Die Lutheraner lehrten, das
Wort Gottes, das geſchriebene wie gepredigte,
geleſene wie gehörte, hat in ſeinem Weſen, d. i.
in Betreff ſeines Sinnes, göttliche Kraft, nicht
nur anzuzeigen, zu verkündigen, vorzuſtellen, zu
erzählen, was der Wille Gottes, welcher der
Weg zum ewigen Leben, was der Glaube, die
Wiedergeburt, die Heiligung ꝛc. ſei, ſondern auch
alle geiſtliche Wirkungen ſelbſt hervorzubringen;
das Wort Gottes hat nicht eine bloße moraliſche
Überzeugungskraft, ſondern iſt kraft göttlicher
Ordnung mit göttlichem Geiſte und göttlicher
Kraft beſeelt, ſo daß es wirklich und wahrhaftig
den heiligen Geiſt mit ſich bringt, das Herz des
Menſchen durchdringt, innerlich ändert, und dar⸗
in Bekehrung, Wiedergeburt ꝛc. wirkt. Dieſe
Kraft kommt bei dem Gebrauche des Wortes
nicht erſt zu demſelben, ſondern haftet daran
unzertrennlich, demſelhen vermöge göttlicher Mit—
theilung inwohnend.
her das Inſtrument zur Bekehrung des Men—
ſchen ꝛc., nicht blos als ein Hammer, ein Stab
und andere todte Inſtrumente, die in ſich keine
Kraft haben, ſondern erſt wirkſam werven durch
die Hand deſſen, der ſie führt, ſondern auch als
ein Feuer, als ein Saame, als eine Speiſe, als
eine Leuchte und andere Werkzeuge, die ihreKraft
in ſich ſelbſt tragen. Was aber dem Worte zu⸗
kommt, das kommt auch den heiligen Saera—
menten zu, welche das ſichtbare Wort und, wie
Gerhard ſich ausdrückt, gleichſam ein kurzer Aus—
zug des ganzen Evangeliums ſind. Und was
endlich, um uns hier wieder von Gerhard ge—
brauchter Worte zu bedienen, „was in der Schrift
dem Amte des Wortes und der Sacramente zu⸗
geſchrieben wird, dies wird auch den Dienern,
den Verkündigern des Wortes und den Verwal⸗
tern der Sacramente zugeſchrieben, nicht in Rück—
ſicht ihrer Perſon, ſondern in Rückſicht ihres Am-
tes, ſofern ſie nehmlich das Wort predigen und
die Sacramente verwalten. So iſt das Evan⸗

2 Wir bemerken hier, daß Herr Paſtor Grabau glücklicher⸗
weiſe die Inconſequenz begeht, die Nothtaufe durch nicht
zum Amte Berufene für gältig zu halten. D. R.

Das Wort Gottes iſt da⸗

gelium eine Kraft Gottes zur Seligkeit, Röm. 14
16., und Timotheus, das Evangelium predi⸗
gend, macht ſich und die, welche ihn hören, ſelig.
1 Tim. 4, 16.“ Dies iſt lutheriſche Lehre. Was
haben nun hingegen die Reformirten gelehrte
Sie haben gelehrt und lehren noch, wie folgt. ʃ4
Das Wort, welches die Menſchen erleuchte, b⸗

eigentlich nicht das äußerliche Wort, das in der

geleſen, ſondern das ewige Wort, welches in
Gott iſt. Wie die Saeramente, ſo ſei auch das
äußerliche hörbare Wort nur ein Zeichen der in⸗
nerlichen Gnadenwirkungen, welche Gott bei

gen wolle. Das äußerliche und geſchriebene
mündliche Wort habe an ſich nur eine moraliſcht
durch Gründe und Vorſtellungen überzeugende

chem der wirkende Geiſt hergehe, dem aber keine
göttlich geiſtliche Kraft inwohne.
das Wort Gottes ſanimt den Saeramenten auch
an denen, welche Gott nicht erwählt habe und
in denen daher Gott nicht wirken wolle, nicht
die geringſte Kraft. Der an ſie ergehende Beruf
ſei kein ernſtlich gemeinter und geſchehe nur, um
ſie unentſchulobar zu machen. Ja, weil das
Wort nur eine leere Verkündigung und Erzäh⸗
lung ſei, ſo ſei die Abſolution nicht etwa ein die
Gnade Gottes und die Vergebung der Sünden
bringender und mittheilender Akt, auf den
ſich ein armer Sünder als auf eine Handlung
Gokttes verlaſſen könne, ſondern nur eine Ver⸗
kündigung des gnädigen Willens Gottes, welche
dann Wahrheit werde, wenn Gott in dieſem und

komme. Bei dieſer Lehre machen ſie natürlich
das Predigtamt gänzlich zu nichte, denn da ſie
dem äußerlichen Worte die Kraft zu geiſtlichen
Wirkungen abſprechen, ſo ſprechen ſie dieſe Kraft

cramente verwalten.

Reformirten und Lutheranern hier nicht darum,
in welchem Verhältniß die Kraft des Wortes
und der heiligen Saeramente, ſofern dieſelben
von einem berufenen Pfarrer gehandhabt wer⸗
den, zu der Kraft dieſer Gnadenmittel ſtehen,
ſofern dieſelben von einem nicht rechtmäßig Be⸗

den; ſondern es handelt ſich hier um das Amt.
des Wortes und der Sacramente an ſich, möͤ⸗
gen dieſelben nun ihr Amt durch das Pfarramt
oder durch irgend einen Menſchen thun.

Damit aber kein Unkundiger meine, wir bür⸗
deten hier den Reformirten Irrlehren auf, zu
denen ſich dieſelben nie ſelbſt bekannt, ſo mögen
hier einige Ausſprüche über den Gegenſtand von

Reſormirten ſich beſchweren, wenn handgreifliche Irrthümer
als „Reformirte“ Irrthümer aufgeſührt werden. Aber mü

ten Irrthümer nicht mehr, ſo ſind ſie eben keine Reformirten

lich, ſich von der reformirten Kirche loszuſagen.

kehre, wiedergebäre, den Glauben wirke ꝛc. ſei

Bibel enthalten iſt, werde es nun gehöͤrt oder. A

Gelegenheit der Predigt des Wortes hervorbrin⸗

Kraft und ſei ein todter Buchſtabe, neben wel⸗

Daher habe

jenem Falle, nehmlich bei den Erwählten, hinzu

noch vielmehr den Predigern ab, welchen die⸗
ſelbe eben nur inſofern zugeſchrieben wird, als
ſie Gottes Wort predigen und die heiligen Sa⸗

Der Leſer ſieht, es handelt ſich zwiſchen den

rufenen oder von einem Laien gehandhabt wer⸗

) Es geſchieht nicht ſelten, daß die jetzigen ſogenannten

Unrecht. Haben einige ſogenaunteReformirte die einſt gelehr⸗ ‚

im geſchichtlichem Sinne und ihre Pflicht wäre es dann eigent⸗ x

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