# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1852 08 16_S205 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) denn daher das Tridentiniſche Capitel ſo großen Lärm über dieſe Frage? Antwort: Weil ſie die Vollſtändigkeit, Wahrheit und Wirkſamkeit der Sacramente nicht ſchlechthin und allein in die Worte Chriſti ſetzen, ſondern theilweiſe auch in den Charakter, welcher vorgeblich bei der Ordi⸗ „ nation den Prieſtern eingedrückt werde. So wollen ſie alſo auch, daß der Troſt der Abſolu⸗ tion nicht ſowohl vom Worte des Evangeliums, als von der Perſon des Abſolvirenden abhän⸗ ge.“ (ſ. 394. 95.) Daß zur Verwirklichung des Sacramentes der rechtmäßige Beruf des Adminiſtrirenden gehöre, iſt eine bis dato in der proteſtantiſchen Kirche durchaus unerhörte, durchaus unbibliſche Lehre. Luther ſchreibt vielmehr (und hierin folgen ihm alle rechtgläu⸗ bigen Lehrer der wahren Kirche): „Wenn ge⸗ fragt wird: was für Stücke nothwendig ſind zum Weſen des Sacraments? ſo antworten wir: Es ſind drei Dinge, die zum Sacrament gehö⸗ ten. Erſtlich wird erfordert elementum, d. i. ein ſichtbarliches Zeichen; hernach muß die voll⸗ ſtändige Herſagung der Worte kommen; und drittens, muß der rechtmäßige Gebrauch nach Chriſti Einſetzung htnzugethan werden. Zum Erempel, das Element in der Taufe iſt das Waſſer; die Worte, die dabei hergeſagt werden müſſen, ſind dieſe: „Ich taufe dich im Namen des Vaters, und des Sohnes, und des heiligen Geiſtes; endlich die Eintauchung oder Begie— fung des Kindes ſelbſt enthält den rechtmäßi⸗ gen von Chriſto befohleuen Gebrauch. Ebenſo muß man auch vom Abendmahl ſagen. Zuerſt müſſen die vollſtändigen Elemente, Brod und Wein, daſein; hernach müſſen die Worte des Teſtaments ganz hergeſagt werden; endlich muß der rechtmäßige Gebrauch hinzukommen, d as iſt, das Eſſen und Trinken.“ (XIX. 1589.) Herr P. G. aber rechnet nun noch 4. hinzu, daß der, welcher bei dem Sacrament als Mi—- niſter fungirt, früher einmal in gehöriger Ord— nung berufen und daher auch auf rechtmäßige Weiſe ordinirt ſei!! Da nun Herr Paſtor Grabau uns bei Ue— berſendung ſeines Hirtenbriefes ſelbſt dazu auf— gefordert hatte, ihm unſere chriſtliche Ueberzeu⸗ gung von dem Inhalte deſſelben wiſſen zu laſ⸗ ſen, ſo konnten wir freilich nicht umhin, unter Anderem auch gegen die darin niedergelcgte, die oben angezeigte, Lehre von der Kraft des hl. Predigtamtes ein Zeugniß abzulegen. Wir ſahen uns um ſo mehr dazu aufgefordert, da mir damals kurz zuvor die betrübendſten Erfah— rungen von der Gefährlichkeit und Verderblich⸗ keit ſolches Irrthums gemacht hatten. Wir ſächſiſchen Prediger hatten uns nehmlich durch Stephan bethören laſſen, in Deutſchland un⸗ ſere Pfarränter niederzulegen und nach Ame⸗ rika mit mehreren Hunderten von Laien aus⸗ zuwandern, weil in Deutſchland die wahre Kir⸗ che nicht mehr zu erhalten ſei und daher auch Mann offenbar, und da er den erſten Anſtoß zu unſerer Auswanderung gegeben und alles ein Menſch dort ſchwerlich ſelig werden könne. Als wir hier ankamen, wurde aber Stephan zu unſer aller Schrecken als ein unredlicher ——— — 203— nach ſeinem Willen dabei geleitet hatte, ſo wur⸗ de auch allen gar bald die Rechtmäßigkeit unſe⸗ rer Amtsniederlegung in Deutſchland und des ganzen Auswanderungswerks zweifelhaft. Ja, endlich wurde es uns klar, daß die Sache ein arger Betrug des Teufels geweſen ſei, obwohl wir zugleich einſahen, daß die Sache unter göttlicher Geduld geſtanden und daß Gott bei dem Gelingenlaſſen derſelben ſeine heiligen und gnädigen Abſichten gehabt haben müſſe und end⸗ lich, wie bei der Verkaufung Joſeph's nach Ae— gypten, das Böſe noch zum Guten lenken werde. Bei Vielen in unſeren Gemeinden, die uns hier berufen hatten, entſtand aber nun der Zweifel, ob wir Prediger, die wir unſere Aemter in Deutſchland unrechtmäßig verlaſſen hätten, auch hier wieder einen rechtmäßigen Beruf erhalten haben könnten. Bei einigen ſtand es bald feſt, daß unſer nunmehriger Beruf ein unrechtmäßi⸗ ger ſei, indem dieſe nun auch behaupteten, un⸗ ſere Gemeinden, welche ſich widerrechtlich von der Kirche in Deutſchland getrennt und ſo vie⸗ ler Sünden und Irrungen ſich ſchuldig gemacht hätten, ſeien keine Theile der wahren Kirche, ſondern Sekten, daher habe auch keine derſelben einen rechtmäßigen Beruf ausſtellen können, am wenigſten an Prediger, welche aus ihren vori⸗ gen Aemtern wider Recht und Pflicht gegangen ſeien. Man ging aber nun, namentlich in den im Lande (in Perry County, Miſſouri) woh- nenden Gemeinden, weiter; mehrere ſonderten ſich ab und erklärten, daß wir Prediger, da wir keinen rechten Beruf hätten, auch nicht gültig und kräftig das heilige Predigtamt verwalten könnten, daß daher alle unſere Amtshandlun⸗ gen, alle unſere Abſolutionen, alle unſere A- bendmahls⸗Dispenſationen, ja, alle unſere Tau⸗ fen, null und nichtig und vor Gott ohne alle Kraft und Gültigkeit ſeien. Es entſtand nun in unſeren Gemeinden eine nicht geringe Un— ruhe und Noth. Gerade unſere beſten Chriſten, die uns Predigern meiſt perſönlich innig zuge— than waren und keinem Zweifel an unſere Red⸗ lichkeit Raum geben wollten, geriethen in nicht geringe Gewiſſensnoth: nur mit Angſt und Un⸗ ruhe bedienten ſich jetzt noch die meiſten unſeres Amtes; mit verwundetem Gewiſſen gingen ſie in unſere Kirche, ungewiß, ob ſie damit nicht vielleicht eine Sünde thäten, anſtatt Segens ſich Fluch holten, anſtatt eines Gottesdienſtes damit einen Teufelsdienſt leiſteten. Da haben wir venn lebendig erfahren. wie wichtig es iſt, daß die Lehre rein und lauter, klar und helle er⸗ halten werde: daß bei der Frage nach der Gül⸗ tigkeit der göttlichen Einſetzungen, der Abſolu⸗ tion, der Taufe, des hl. Abendmahls, nicht nur nicht auf die Würdigkeit, ſondern auch nicht auf die Rechtmäßigkeit des Berufes des Amtie⸗ renden, ſondern allein darauf geſehen werden müſſe, ob die göttlichen Einſetzungen ſo ver⸗ waltet worden ſeien, welchergeſtalt ſie Chriſtus angeorvnet hat; daß zwar der, welcher ohne ordentlichen Beruf das Anmt verwaltet, ſich da⸗ mit ſchwerlich verſündigt, und auch die, welche wiſſentlich einen ſolchen Prediger anerkennen und ſich ſeines Dienſtes gebrauchen, daß aber dieſe Sünde den göttlichen Stiftungen an ihrer Gültigkeit und Kraft nichts nimmt, wie hinge⸗ gen Heiligkeit und Rechtmäßigkeit des Berufs des Amtierenden der Kraft des Wortes und der Sacramente nichts hinzu fügt. Gott hat uns jedoch damals gnädig aus aller Noth geholfen. Als das Gewiſfenmachen und Toben unſerer Separatiſten immer größer wurde, wurde den⸗ ſelben von uns damaligen Predigern in Perry County, dem ſeligen Paſtor Löber, dem Paſtor Gruber (dermalen noch daſelbſt), dem Paſtor Keyl, und dem Schreiber dieſes eine öffentliche Disputation über die in Frage geſtellten Artikel und Verhältniſſe angeboten. Man nahm dieſe Disputation an, und der Erfolg war, daß un⸗ ſere Gemeinden in dieſer Sache gewiß und ru⸗ hig wurden, die Separatiſten zum Theil zurück⸗ kehrten, zum Theil fortzogen. Kaum war nun dieſer Streit bei uns ausge⸗ kämpft, ſo erſchien der Hirtenbrief des Hrn. P. Grabau. Es war daher freilich etwas ganz Natürliches, daß wir gegen einige darin auf⸗ geſtellten Grundſätze, deren Verfolgung uns ſo ſchmerzliche Wunden geſchlagen hatte, die wir noch empfanden, entſchieden proteſtirten. Hr. P. Grabau ſtellt nun freilich die Sache ſo dar, als ob wir die Kraft des hl. Predigt⸗ amtes gegen ihn angegriffen und reformirte Lehre in dieſem Punkte geführt hätten und noch führten. Allein der liebe Mann thut uns da⸗ mit ſchreiend Unrecht. Er behandelt uns dabei als verſtockte unbußfertige Sünder, wirft uns Lüge, Verleumdung, Bosheit ꝛc. vor, ſo daß es wahrlich kein Wunder wäre, wenn wir uns rei⸗ zen und verführen ließen, in derſelben Weiſe wider ihn aufzutreten. Wir bitten aber Gott, daß er uns die Gnade ſchenken wolle, alle dieſe erfahrenen Unbilden mit chriſtlicher Geduld und Sanftmuth zu tragen, ruhig die Sache ausein⸗ ander zu ſetzen und Gott es anheim zu ſtellen, daß Er unſere Sache führe, von der wir ja ge⸗ wiß ſind, daß es eigentlich nicht unſere, ſon⸗ dern Seine, nehmlich Gottes, Sache iſt. — Doch wir gehen weiter. Welches war denn eigentlich der status controversiæ in dem Streite der Lutheraner und Reformirten über die Kraft des heiligen Predigtamtes.? Er beſtand erſſtlich nicht darin, daß die Lutheraner dem von einem Prediger gepredigten Wort eine beſondere Kraft zugeſchrieben, und daß die Reformirten dieſe beſondere Kraft ihm abgeſprochen hätten. Vielmehr haben die Lu⸗ theraner das geſchriebene und gepredigte, das geleſene und gehörte Wort einander immer gleich⸗ geſtellt. So ſchreibt u. A. Johann Gerhard in ſeiner Widerlegung der Irrthümer Schwenkfelds und der Reformirten von der Kraft des Predigt⸗ amtes: „Die Bekehrung und Seligkeit der Menſchen wird dem Worte Gottes zugeſchrieben, nicht ſofern dasſelbe auf dem Papiere ſteht oder mit dem Munde ausgeſprochen wird außerhalb ſeines von Gott geordneten eigentlichen und rechtmäßigen Gebrauchs, ſondern ſofern es ver⸗ kündigt, gepredigt, geleſen, in Gedanken erwo⸗ gen wird, das heißt, ſofern es in ſeinem eigent⸗ lichen, rechtmäßigen und ordentlichen Amt und