Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 19 › Seite 166

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-05-11, Seite 166

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ſammentreffens wieder entſchwunden ſind, kamen
uns ſämmilich mit einer wahrhaft beſchämenden
Liebe entgegen. Inſonderheit war es Herr Prof.
Dr. Krabbe, der uns mit einer Innigkeit und
Herzlichkeit begegnete, die uns über dem Chriſten
den Gelehrten oft vergeſſen ließ, ſo daß wir ge—
gen denſelben unſer Herz unverholen ausſchüt—
teten. Aus früheren in dem Meklenburgiſchen
Kirchenblatt publicirten Aufſätzen ſahen wir, daß
derſelbe damals in der Lehre von Amt und Kir—
che einen, mit dem von uns feſtgehaltenen Lehr—
topus bis in alles Einzelne hinein gleichen, ver—
treten habe; jetzt ſchien derſelbe wenigſtens ſich
nicht mehr völlig treu geblieben zu ſein; doch
traf das Zeugniß, welches wir dem Herrn Pro—
feſſor Krab⅛be von unſerer Ueberzeugung ab—
legten, auf keinen entſchiedenen Widerſtand,
während daſſelbe bei Herrn Prof. Dr. Ba um⸗
garten, der eben an einem zu veröffentlichen—
den Commentar über die Apoſtelgeſchichte arbei—
tete, einen entſchiedenen Anklang fand. Herr
Prof. Becker, der, obwohl kein Theolog, (aber
ein Lutheraner von ganzem Herzen), bisher an
der Spitze des in Roſtock entſtandenen Vereines
für die lutheriſche Kirche in Amerika geſtanden
hatte, beklagte, daß dieſer Verein in neueſter Zeit
durch Mancherlei in ſeinem erſten Eifer gehemmt
worden ſei; derſelbe nahm aber von unſerer Er—
ſcheinung in Roſtock ſogleich Gelegenheit, die
Glieder des Vereins zu erneutem Eifer in der
Sache anzuregen. In Herrn Prof. Röper
lernten wir in dem Hauſe des Herrn Landraths
eine höchſt intereſſante Perſönlichkeit kennen; es
iſt derſelbe ein chriſtlicher, dem lutheriſchen Be—
kenntniß zugethaner Naturhiſtoriker. Eine Re—
de, die derſelbe bei einer gewiſſen öffentlichen
Frierlichkeit gehalten und hierauf in den Druck
gegeben, worin er das Thema: „Der Friede in
der Natur—kein Friede in Chriſto,“ höchſt an—
ziehend und in chriſtlichem Geiſte behandelt, gab
er uns in mehreren Exemplaren zu einem Au—
denken und Zeugniß ſeines glaubensbrüderlichen
Verbundenſeins mit. Herr M. Serrius end⸗
lich, ein treuherziger lieber Mann, forderte mich
auf, an dem in die Zeit unſerer Anweſenheit in
Roſtock fallenden dritten Adventsſonntage für
ihn zu predigen. Ich nahm die Aufforderung
an und fand ſo Gelegenheit, in derfelben Kirche
und auf derſelben Canzel, wo einſt der alte gott—
ſelige Dr. Heinrich Müller, dieſer (wie Dr.
Rudelbach ihn nennt,) „Autheriſche Chryſoſtoö—
mus,“ gepredigt hat, als ſein geringſter Schüler
das ſüße Evangelium von dem, der da kommen
ſollte, vor einer großen aufmerkſamen Zuhörer⸗
ſchaft zu verkündigen. An Leib und Geiſt reich—
lich geſtärkt und erquickt, (RNoſtock war uns wirk—
lich, was ſein Name anzeigt, —ein Roſenſtock ge—
worden,) reiſten wir endlich am Montag den 15.
Decbr. wieder von Roſtock ab. —

Auf unſerer Reiſe durch Deutſchland waren
wir oft nach Darſtellung unſerer hieſigen Ver—
hältniſſe darauf aufmerkſam gemacht worden,
wie wichtig es für unſer hieſiges Seminar ſei,
daß an demſelben auch ein ſolcher deutſcher Theo—
log angeſtellt ſei, der mit den neueſten Produkten
auf dem Felde ſowohl der Theologie, als Philo⸗

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ſophie völlig vertraut ſei, und inſonderheit die
Erzeugniſſe auf dem letztgenannten Gebiete nicht
nur in ſich aufgenommen, ſondern auch durch
Klarheit chriſtlicher Erkenntniß und Kraft chriſt—
lichen Glaubens innerlich überwunden und der
chriſtlichen Wiſſenſchaft dienſtbar gemacht habe.
Zu gleicher Zeit wurden wir aber dann immer
auf einen gewiſſen Ur. Franke, einen jungen,
rüſtigen Theologen (einen Pfarrersſohn aus
Sachſen-Altenburg,) aufmerkſam gemacht, der
vor kurzem Licentiat an der Leipziger Univerſität
geworden ſei, aber gegenwärtig als Lehrer am
Gymnaſium zu Ratzeburg im Lauenburgi—
ſchen arbeite. Man hoffte, daß dieſer Mann uns
gewiß vor vielen anderen zuſagen werde, indem
er bei ſeinen ſonſtigen eminenten Kenntniſſen
und Gaben ſich noch inſonderheit durch die
gründlichſte Kenntniß der alten lutheriſchen dog—
matiſchen Werke und durch eine tiefe Ehrfurcht
vor denſelben auszeichne. Wir beſchloſſen daher,
wenigſtens die uns jetzt gegebene Gelegenheit zu
perſönlicher Bekanntſchaft zu benützen. Weil
uns jedoch unſer Weg nach Ratzeburg wieder
über Schwerin führte, ſo hielten wir uns bei
unſerer diesmaligen Durchreiſe durch dieſe Stadt
hier wieder einige Stunden auf. Erſt in Roſtock
waren wir nehmlich darauf aufmerkſam gemacht
worden, daß wir in Schwerin außer den von
uns daſelbſt beſuchten Herrn noch einen anderen
einflußreichen und eifrigen Freund und Beför—
derer der Kirche in Nordamerika an dem Herrn
Staatsrath von Schröder haben. Wir
machten daher demſelben unſere Aufwartung
und machten hier die ſeltene Erfahrung, daß ein
hoher Staatsmann doch zugleich ein wahrhaft
demüthiger Chriſt und entſchiedener Lutheraner
ſein könne, unwillkührlich an einen Veit Ludewig
Freiherrn von Seckendorf erinnert.

In Ratzeburg endlich am Abend des 15.
Deceinber angekommen *), fanden wir, was uns
von Herrn Dr. Franke Günſtiges bezeugt wor—
den war, ſo weit wir nach kurzer Bekanntſchaft
zu urtheilen vermochten, durchaus beſtätigt und
denſeiben für den Fall eines an ihn ergehenden
Rufes wenigſtens nicht ſchlechterdings abgeneigt,
ſolchen anzunehmen. — Wir konnten es uns
natürlich nicht verſagen, die uns jetzt zu einem

*) Auf unſerer Reiſe von Schwerin nach Ratzeburg mach⸗
ten wir in dem meklenburgiſchen Dorfe Roſenberg eine
Erſahrung, die wir nicht mit Stillſchweigen übergehen können.
Wir kehrten hier in einer kleinen Gaſtwirthſchaft ein, von de⸗
rem Wirth wir hörten, daß er darin auf Pacht ſitze. Das
Geſpräch lentte ſich aufden traurigen Ausgang der in Mek—
lenburg in den letzten Jahren gemachten politiſchen Freiheits⸗
beſtrebuigen. Wir fragten den Wirth, was er zu dieſem
Ausgange ſage? Der Wirth erklärte, er ſei darüber keines⸗
weges betrübt. In jenen Tagen, wo die Freiheitshelden
große Macht in den Händen gehabt, ſei eines Tages eine
ganze Schaar derſelben auf dem Wege zum Landtage in
Schwerin bei ihm eingekehrt, habe ſich Alles, was die Wirth⸗
ſchaft an Speiſen und Getränken vermocht, auftragen laſ⸗
ſen, endlich aber Schüſſel, Teller, Flaſchen, Gläſer ꝛc. ein⸗
gepackt und mit auf den Wagen genommen; auf die Forde⸗
rung der Bezaͤhlung jedoch ſei die ſaubere Geſellſchaft unter
lautem Gelächter und dem Rufe: „Jetzt iſt Freiheit, lieber
Freund!“ ſchnell auf und davon gefahren. Der Wirth
meinte, da habe er die beabſichtigte Freiheit und ihre Göt⸗
ſo kennen gelernt, daß ihm der Freiheitskitzel für immer ver⸗
gangen ſei. Er gebe ſeinem Gutsherrn einen billigen Pacht-

zins, eſſe ſein Brod in Ruhe und Frieden, begehre daher
keine Anderung.

Beſuch des hochwürdigen Veteranen unſekrer

evangeliſch-lutheriſchen Kirche, des hieſigen Hemn!
Superintendenten Catenhuſen, dargebotente
Gelegenheit zu benutzen.
ten wir hier aus dem beredten Munde desſelben,
wie das Herzogthum Lauenburg unter der alten,
noch bis dieſe Stunde vollgütigen Lauenbui—
giſchen Kirchenordnung aus der Refor⸗
mationszeit wohl weniger, als irgend ein luthe⸗
riſches Land Deutſchlands von dem Unglauben
und Abfall dieſer letzten Zeit verwüſtet worden,
ſondern in vieler Beziehung eine grünende Oaſe

neuerer Zeit ohne Zweifel hauptſächlich eine
Frucht des treuen Dienſtes des, dieſem Landes⸗
kirchlein väterlich vorſtehenden, Biſchofs im wah⸗!
rem Sinne des Wortes, des hochwürdigen Hern
Superintendenten Catenhuſen. Derſelbe
iſt in Luthers Schriften, die ihm ein Paradies!)
ſind, ſo bewandert, daß er ganze längere Stel⸗
len daraus über verſchiedene wichtige Punkte
Wort für Wort recitiren kann.

In Folge einer getroffenen ſchriftlichen Vet
abredung wurden wir am 17. December von ei⸗
nem größeren Kreiſe gläubiger kutheriſcher Pre⸗
diger in und im Stade erwartet, dahin wir
daher auch ſchon am Tage vorher von Ratzeburg
aus über Hamburg eilten. In Stade fanden
wir in dem Hauſe des Herrn Advokaten Dr.
Ernſt Wyneken's die herzlichſte Aufnahme.
Außer dieſem theuren Manne ſelbſt, waren es
aber noch folgendeHerren, deren gewinnreicher Ge—
meinſchaft wir hier, zum Theil mehrere Tagt,
lang, genoſſen: in Stade ſelbſt wohnend, Con⸗
ſiſterialrath Dr. von Hanffſtengel ), die
Paſtoren Weſtphal und Leiding, der
Schullehrerſeminar-Director Eickenrodt und
Gymnaſial-Conrector Schmidt (der begabte
Herausgeber des in Stade unter dem Titel
„Sonntagsblatt“ erſcheinenden politiſch-religiö⸗
ſen Volksblatites); aus der Umgegend von Stade
waren es die Paſtoren Guſtav Wyneken
aus Pülkau (auch ein Bruder unſers Wynekens),
Harms, Pfannkuche, Wolff (Bruder,
unſeres Wolff in Perrpville, Mo.), Wend,
Roth und Zeidler, Candidat Harms,
Bürgermeiſter Neuburg aus Stade.

Da dieſe ſämmtlichen theuren Brüder alte Be⸗
kannte und zum Theil innige vertraute Freundt
meines lieben Begleiters, des Paſtors Wyneken,
waren, ſo ſahen wir uns um ſo mehr dazu auf⸗
gefordert, unter denſelben um ſo rückhaltsloſer
uns auszuſprechen. Nicht immer freilich fanden
wir uns da ganz gleicher Überzeugung; daher
es denn über viele wichtige Punkte zu ſehr le⸗
haften Discuſſionen kam. So unangenehm aber
dabei zuweilen der erſte Zuſammenſtoß war, ſo
zeigte ſich doch immer zuletzt, daß trotz manchet
bisher beſtandener Verſchiedenheiten in der The⸗
or ie die Eine Liebe, die alle wahre Chriſten un⸗
auflöslich verbindet, die Liebe zur Wahrheit
uns beiderſeits ſo innig verbunden habe, daß
nicht nur keine durch die Heftigkeit des Streites

*) Der Herr Conſiſtorialrath hatte ſo eben das theoloi⸗

ſche Doktor⸗Diplom von Göttingen erhalten.

Mit Erſtaunen hö⸗F

in der deutſchen Kirchenwüſte geblieben ſei; in E.

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