Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 19 › Seite 148

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-05-11, Seite 148

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kam uns alsbald mit einer ſo herzgewinnenden
Innigkeit entgegen, daß es uns leicht wurde,
gegen denſelben uns unverholenſt auszuſprechen.
Auch er gab uns zu erkennen, daß der in den
öffentlichen ſymboliſchen Schriften unſerer Kirche
niedergelegte Glaube der Glaube ſeines Herzens
ſei, und nachdem wir ihm den Standpunkt ge—
nauer bezeichnet hatten, welchen die kirchliche Ge—
meinſchaft einnehme, als deren Delegaten wir
hier erſchienen, ſprach derſelbe darüber ſeine herz—
lichſte Freude aus. Es ſicherte uns derſelbe
alsbald nicht nur die Anwendung ſeines ganzen
Einfluſſes dafür zu, daß uns unſer Geſuch ge—
währt werden möge, ſondern verhielt uns auch
die Überzeugung nicht, daß er auf die Entwicke—
lung der rechtgläubigen lutheriſchen Kirche in
Amerika mit eben ſo großen Hoffnungen hin—
blicke, als er mit Beſorgniſſen in die Zukunft
der lutheriſchen Kirche Deutſchlands hinaus—
ſchaue, und daß er daher um ſo frendiger die
Gelegenheit zur Anknüpfung einer Verbindung
mit der rechtgläubigen lutheriſchen Kirche Nord—
amerika's ergreife. Während wir ſonſt in
Deutſchland bei nur zu vielen Pfarrern für das
unter der Aſche offenbar noch glimmende Feuer
einer ſicher zu ſeiner Zeit wiederkehrenden, aber
dann gewiß furchtbareren Revolntion kein Auge,
ſondern vielmehr eine uns unerklärliche Zuver—
ſicht zu den wiederrungenen Verhältniſſen vor⸗
fanden, ſo fanden wir gerade hier, bei dem Herrn
Dekan, wie bei dem Herrn Oberconſiſtorialrath,
einen hellen Blick in die Unſicherheit, in welcher
ſich nicht weniger die politiſchen, als die kirch⸗
lichen Zuſtände in Deutſchland befinden.

Als wir endlich den Herrn Oberconſiſtorialrath
verlaſſen wollten, machte uns derſelbe noch im
Vertrauen die Eröffnung, daß ſich das Oberron—
ſiſtorium, in welchem er Herrn Paſtor Löhe
bisher beſtens zu vertreten geſucht, leider ge—
nöthigt geſehen habe, auf die letzte von Herrn
Paſtor Löhe und mehreren ihm gleichgeſinnten
Pfarrern eingegebene Erklärung in Betreff der
gemiſchten Abendmahlsgemeinſchaft (ſiehe hier—
über die vorige Nummer) ein Reſcript zu erlaſſen,
worin den Genannten die Alternative geſtellt
werde, entweder die beanſpruchte kirchliche
Sonderſtellung aufzugeben, ſich mit der Zuſiche—
rung des Oberconſiſtoriums, daß dasſelbe die
nach und nach eingetretenen Mißſtände in thun⸗
licher Weiſe abſtellen wolle, zu beruhigen, und
alſo ohne Bedingung im Compler der Landes—
kirche zu verbleiben — oder ihre Amter
niederzulegen! Dieſe Eröffnung war
uns, inſonderheit nach den Erklärungen des
Herrn Oberconſiſtorialraths über ſeinen kirch—
lichen Standpunkt, eine ſo unerwartete und
niederſchlagende, daß wir uns eiligſt empfahlen,
um erſt vor Gott reiflich zu erwägen, welche
Stellung wir nach dieſer uns mitgetheilten Ver—
änderung der Sachlage nun einzunehmen hatten.
Wir ſahen, in welcher Gefahr wir ſchwebten,
unſer Gewiſſen zu verletzen. Es bedurfte daher
auch hier keiner langen Berathungen. Unſer
Entſchluß war bald gefaßt, und zwar: die von
uns geſtellte Bitte um Unterſtützung zurückzuzie—
hen. Die meiſte Sorge machte uns die Abgabe

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des von Herrn Oberhofprediger Dr. Harleß
an die Königin gerichteten Bittſchreibens an
Herrn Dekan Burger, welches derſelbe mit
einem empfehlenden Begleitſchreiben baldigſt ab—
zuſenden uns verſprochen hatte. Wir mußten
fürchten, daß der Herr Dekan durch eine ſolche
uns erwieſene Freundlichkeit leicht nicht ganz
ohne unſere Schuld compromittirt werden könnte.
An ihn ſendeten wir daher ſogleich ein kurzes
Billet ab, worin wir zunächſt die Bitte ausſpra—
chen, er wolle mit der Übergabe des an Ihre
Majeſtät die Königin gerichteten Schreibens
Anſtand nehmen. Gegen Herrn Oberconſiſtorial⸗
rath Boeckh erklärien wir uns jedoch hierauf
ſchriftlich eines Weiteren: daß uns die von ihm
uns gemachte vertrauliche Eröffnung in nicht
geringe Beſtürzung geſetzt und überzeugt habe,
daß wir ohne Verletzung unſers Gewiſſens, in—
ſonderheit der chriſtlichen Aufrichtigkeit, die ihm
vorgetragene Bitte an ein hohes Obertonſiſtorium
nicht ſtellen können, indem wir mit Herrn Paſtor
Löhe darin vollkommen einſtimmig ſeien, daß
die Praris, vormalige Reformirte und Unirte zu
unſerer Sacramentsverwaltung zuzulaſſen, ohne
daß man denſelben den dadurch bewirkten fakti—
ſchen Übertritt zur lutheriſchen Kirche ausdrück—
lich bezeugt habe, mit der Lehre unſerer Kirche
unvereinbar ſei und daß ſich daher allerdings
ein Lutheraner von ſolcher Praxis losſagen und
verhüten müſſe, ſich daran auf irgend eine Weiſe
zu betheiligen.
tend an ein hohes Oberconſiſtorium wenden, ſo
würden wir den Schein anf uns laden, als ob
auch wir eine Gegenſtellung gegen den treuen Pa—
ſtor Löhe und gegen ſeine auf geſunden Prinzi—
pien lutheriſcher Lehre ruhende Handlungsweiſe
einnehmen wollten ꝛc. Zugleich erklärten wir
uns zu jeder näheren mündlichen Ausſprache
willig und bereit.

Herr Dekan Burg er meldete uns hierauf
ſchriftlich, daß unmittelbar nach unſerem Weg—
gehen aus ſeinem Hauſe ein königlicher Bedien—
ter gekommen ſei, durch den er das von uns mit⸗
gebrachte Schreiben, um es nicht aufzuhalten,
ſogleich bereits an die hohe Adreſſe abgeſendet
habe. Herr Oberconſiſtorialrath Boeckh aber
antwortete uns mit der ſchriftlichen freundlichen
Bitte, daß wir ihn am folgenden Tage (als am
Mittwoch den 12. November) noch einmal be—
ſuchen möchten. Da wir nun ſo genöthigt wa—
ren, eine ganze Reihe von Stunden in Mün⸗
chen zuzubringen, ohne etwas den Zweck unſe—
rer Delegation Betreffendes thun zu können, ſo
benutzten wir einige dieſer freien Zwiſchenſtunden
dazu, die in dieſer Stadt, wie wohl kaum in
einer zweiten Deutſchlands, aufgehäuften Kunſt—
ſchätze aller Gattungen, inſonderheit einige der
dortigen prachtvollen neuen Kirchen, die Pina-
kothek (Bildergallerie) und die Glyptothek (das
Muſeum der Bildhauerkunſt), in Augenſchein
zu nehmen, dahin uns dortige Künſtler, welche
mir nahe verwandt ſind, Eintritt verſchafften. Ich
muß jedoch geſtehen, daß mein Geiſt zu ſehr mit dem
oben Erwähnten beſchäftigt war, als daß ich dem
Leſer von den ungewohntenHerrlichkeiten, die mein
leibliches Auge ſah, etwas erzählen könnte.

Würden wir aber uns jetzt bit-

In Folge erhaltener Einladung erſchienen
wir am folgenden Tage Mittags an der Taftl!
des Herrn Dekans und hörten hier von demſel⸗
ben, daß die Königin das Schreiben geleſen und
ihm, dem Dekan, ſogleich zur Begutachtung!
wieder zugeſendet habe. Wir freuten uns
herzlich, daß die Sache noch nicht weiter gedie⸗
hen ſei, und baten den Herrn Dekan, die uns
gütigſt verſprochene Empfehlung nun zu untet⸗
terlaſſen, indem uns unſer Gewiſſen nicht ge—
ſtatte, unſerer Bitte Fortgang zu geben. Wir“
konnten hier leider! nur im Allgemeinen unſern
Standpunkt andeuten, da die von Herrn Dr.
Boeckh uns gemachte Eröffnung damals noch eine
confidentielle (im Vertrauen geſchehene) war, von
welcher Gebrauch zu machen nicht in unſerer Frei—
heit ſtand. Nach freundlichem Abſchied von hier,
ſtatteten wir nun unſeren zweiten Beſuch bel dem
Herrn Oberconſiſtorialrath Dr. Boeckh ab.“
Derſelbe nahm uns wieder mit demſelben Wohl⸗
wollen, ja mit wo möglich noch größerer Herz⸗
lichkeit auf, als das erſte Mal. Er erklärte, daß
gerade die Offenheit und Geradheit, mit welcher
wir uns über unſern Standpunkt ausgeſprochen,
ſein Zutrauen und ſeine Liebe zu. uns und ſeine
Willigkeit, uns zu dienen, geſteigert habe; daß
er ja auch im Grunde mit uns ſelbſt in dem.
Punkte, die gemiſchte Abendmahlsgemeinſchaft
betreffend, übereinſtimme, und daß die Diffe—
renz wohl nur die Art und Weiſe angehe, wie
ein ſolcher Mißſtand zu heben ſei. Als wir nun
hierauf erwiederten, daß, wenn wir auch unter
andern Umſtänden von ihm, dem Herrn Ober⸗
conſiſtorielrath, nach offener Darlegung unſerer
Grundſätze eine Unterſtützung anzunehmen uns
nicht ſcheuen würden, wir doch den anderenHerren
entweder wider chriſtliche Aufrichtigkeit unſere
Geſinnung verſchweigen oder, wenn wir mit der⸗
ſelben Offenheit handeln wollten (wie wir denn
nicht anders könnten), die Gewährung unſerer
Bitte ſelbſt unmöglich machen müßten: ſo ſchloß
der theure Mann endlich damit ab, daß er al⸗
lerdings wohl ſehe, wie es unter den gegenwär—
tigen Umſtänden für unſer Gewiſſen das Sicher⸗
ſte ſei, unſere Bitte bis zu Aus trag der Sache
zurückzuziehen; indemter hinzuſetzte, daß, wenn
Gott einen glücklichen Ausgang herbeiführen
ſollte, wir jederzeit unſere Bitte ſchriftlich er—
neuern könnten, er wolle dann unſere Sache in
unſerem Namen, wie ſeine eigene, führen. So
verabſchiedeten wir uns denn mit dem Gefühle
der innigſten Hochachtung gegen den liebenswür—
digen Mann. Zugleich konnten wir uns auch
beiderſeits einer tiefen Wehmuth nicht erwehren,
wenn wir die ſchwierige Stellung überdachten,
die derſelbe als Glied eines Collegiums einnimmt,
wie das des proteſtantiſchen Oberconſiſtoriums
im Königreich Baiern iſt. Lebendig war bei
allen gepflogenen Verhandlungen vor unſere
Seele getreten, in welchen kaum durchzuführen⸗
den Kampf ein Mann, der lutheriſcher Über—
zeugung iſt, geführt werden müſſe, ſo er ſeine
Seele retten wolle.

») Noch während derBeit unſerer Anweſenheit in Deutſch⸗

land haiten übrigens Herr Paſtor Löhe und ſeine Freunde
auf das Entweder — Oder des Oberconſiſtoriums mit einem

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