Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 19 › Seite 164
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1852-05-11, Seite 164
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jeder thunlichen Förderung der Sache der Kirche
in Amerika freundlich ſeine Hand.
Am Abend kehrte ich wieder nach Leipzig
zurück. Bei dem diesmaligen nur ſehr kurzen
Aufenthalte in dieſer Stadt während des folgen—
den Vormittags hatte ich die Freude, in dem
Hauſe Herrn Dr. Marbach's mit dem Profeſſor
fen. Mit Vergnügen erinnerte ich mich noch
der höchſt intereſſanten Vorleſungen dieſes grund—
gelehrten Mannes, in denen ich einſt als jüngſt
erweckter Student mit Erſtaunen gehört hatte,
wie die Reſultate gerade der gründlichſten chro—
nologiſch⸗archäologiſchen Forſchungen immer die
überraſchendſten Beſtätigungen der geſchichtli⸗
chen Wahrheit der heiligen Schrift enthalten.
Meine Freude war aber um ſo größer, da ich in
dieſem alten geliebten Lehrer wider Erwarten
jetzt auch einen entſchiedenen Lutheraner wieder—
fand. Eine gleiche Freude bereitete mir das
Wiederſehen zweier junger Männer, welche einſt
meine Schüler geweſen waren und gegenwärtig
die reine lutheriſche Lehre mit große'n Eifer in
Wort und That bekennen; der eine iſt der Sohn
des bekannten, noch immer rüſtigen Dr. Volk-—
mann in Leipzig, welcher (der Sohn) eben die
Deſignation zu einem lutheriſchen Pfarramt er—
halten hatte; der andere iſt ein Student der
Rechtswiſſenſchaft, Richaurd Löber, ein Neffe
des ſeligen Paſtor Löber zu Altenburg, in Perry
County, Miſſouri.
Unſer nächſtes Reiſeziel war Preuß iſch—
Minden und die Umgegend, dahin Wyneken
mir bereits vorausgereiſt war und dahin ich nun
Mittags, den 2.Dezember von Leipzig aus ihm
nachreiſte. In Folge eines unterwegs gehabten
Aufenthalts kam ich erſt am nächſten Tage ohn⸗
gefähr um dieſelbe Zeit dort an. Die Veran-⸗
laſſung dazu, hierher zu reiſen, war dieſe: in
dieſer Gegend haben viele Glieder unſerer Ge—
meinden nahe leibliche und geiſtliche Verwandte,
auch zum Theil ihre vormaligen Seelſorger; da—
her ſie herzlich wünſchten, daß wir auch dieſe
Gegend beſuchen und ein Zeugniß von unſerem
Glauben ablegen möchten; um ſo mehr, da hier
viele jener ihrer zurückgelaſſenen Glaubensge—
ſchwiſier, ohne es zu wiſſen, in den Banden der
Union gefangen liegen und, durch von Amerika
aus erhaltene Nachrichten verleitet, jetzt wohl
gar von ihren nach Amerika gegangenen Glau—
bensgenoſſen beſorgen, daß ſelbige ihrem vorma—
ligen rechten Glauben untreu geworden ſeien,
indem ſie ſich hier den ſo genannten „Altluthe—
ranern“ angeſchloſſen haben.“) Ein Glied der
St. Louiſer lutheriſchen Gemeinde, welches mit
uns von St. Louis aus abgereiſt war, um in
ſeiner Heimath zu Ordnung ſeiner Familienan—
gelegenheiten einen Beſuch abzuſtatten, Herr
) Ja, es gibt leider nicht wenige ſogenannte „Evangeli⸗
ſche,“ welche, um den gegenwärtigen Stand derer, die ſich an
die hieſige Gemeinde angeſchloſſen haben, recht gehäſſig vor⸗
znſtellen, ſelbſt ſagen und da und dorkhin ſchreiben, daß jene
zu per Secte der „Stephaniſten“ übergegangen ſeien. Wir
können jedoch getroſt behaupten, daß der romaniſirende Ste⸗
phanismus zwar noch nicht ausgeſtorben, aber gewiß nirgends
weniger als un ter den vormaligen Stephaniſten, wohl aber zu⸗
weilen gerade unter deren entſchiedenſten Gegnern zu finden iſt.
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Friedrich Lange, erwartete uns in Minden, und
von demſelben wurden wir nun in verſchiedene
Kreiſe erweckter Chriſten jener Gegend einge—
führt. Mit Erſtaunen ſahen wir, daß hier in
Weſtphalen nicht nur ein Erweckungsfeuer, in—
ſonderheit unter den Landbewohnern, ausgebro⸗
chen ſei, wie in wenigen anderen Gegenden
der Archäologie Seyffarth zuſammenzutref⸗
Deutſchlands, ſondern daß jetzt auch vielen der
erweckten Seelen die Augen darüber mit Schre—
cken aufgehen, welch' gottloſes Spiel man mit
ihnen damit geſpielt, daß man ihnen heimlich
und unbemerkt die Schlinge der Union über den
Hals geworfen und ſie aus ihrer lutheriſchen
Mutterkirche mit Liſt und Gewalt herausge—
drängt hat, und daß ſich ſelbſt ihre „gläubigen“
Paſtoren zu willigen Werkzeugen bei dieſer geiſtli—
chen Verrätherei haben gebrauchen laſſen. Die ein⸗
fältigen Chriſten wiſſen recht wohl, daß es haupt—
ſächlich die alten wied er hervorgeſuchten lutheri⸗
ſchen Kernſchriften ein esLuther's, eines Arnd's, ei⸗
nes Heinrich Müller's, eines Lütkemann's, eines
Scriever's, oder auch eines Spener's, eines Auguſt
Hermann Franke's, ein es Bogatzky's, eines Con⸗
rad Rieger's ꝛc., gewe ſen ſind, wodurch das ſich
jetzt wieder ſo mächtig regende Leben über das
von ſeinen Hirten verlaſſene Volk ausgegoſſen
worden iſt. Sie laſſen ſich daher nicht ſo leicht
davon überreden, daß die alte lutheriſche Kirche
ein abgeſtorbener Baum ſei, der nun durch den
friſchen grünen Baum der unirten Kirche habe
erſetzt werden müſſen; durch jene alten Bücher
zu beſſerem Lichte gekommen, ſehen ſie immer
heller, welche zweidentigen Früchte der Unions—
baum hervorgebracht habe, und lernen ſie immer
beſſer auch die Predigten ihrer gefeiertſten unirten
Erweckungoprediger und das durch dieſelben ge—
wirkte kranthafte Glaubensleben und ſchwankende
Gefühlsweſen beurtheilen und nach Gottes Wort
richten. Inſonderheit fanden wir in dem nach
Minden eingepfarrten Dodenhauſen eine
große Schaar erweckter Chriſten, welche nicht nur
großen Eifer in Gottes Wort zeigten, ſondern
auch zu einem bedeutenden Theile im Begriff
waren, aus der unirten Kirche aus und in die
lutheriſche Kirche zurückzutreten.
Bei den Herrn Predigern jener Gegend, ſo
viel wir derſelben zu ſprechen Gelegenheit erhiel⸗
ten, fanden wir es ganz anders. Von denſelben
wollte zwar keiner, obwohl Diener der unirten
Kirche, die Vertheidigung derſelben übernehmen;
jeder erklärte vielmehr merkwürdigerweiſe, daß
er freilich eine Union, wie die in Preußen beſte—
hende, nicht gemacht haben⸗würde, aber eben
weil man ſie nicht gemacht, ſondern überkommen
habe, ſo müſſe man ſich eben darein fügen; dazu
ſei es ja augenſcheinlich, daß unter göttlicher Re—
gierung gerade durch die Union eine große An⸗
zahl reformirter Prediger und Gemeinden für
den lutheriſchen Glauben gewonnen worden ſei⸗
en, die ohne die Brücke der Union demſelben gewiß
fern geblieben ſein würden. Anſtatt alſo aus
den immer kräftiger in der unirten Kirche ſich
äußernden Elementen lutheriſchen Glaubens zu
erkennen, daß die ganze neuere Erweckung in
Deutſchland, weil eine göttliche durch die
Bibel, eine lutheriſche geweſen ſei; eine
Erweckung, durch welche und in welcher Gott
die von Zwingli, Oekolampad, Calvin, Beza
u. ſ. w. verführten Chriſten daher wieder in die
alte Kirche des einfältigen Bibelglaubens hat
zurückführen wollen: träumt man, die Urſache
der immer mehr ſich äußernden Hinneigung zum
lutheriſchen Glauben ſei die Un ion, die ja gerade!
das unheilvolle Werk geweſen iſt, wovurch der 1
wieder erwachende einfältige bibliſche Glaube
vielfach erſtickt und Gleichgültigkeit gegen Glau—
bensfälſchung und-Mengerei erzeugt worden iſt.
JIe näher wir übrigens hier Einſicht in die Ver⸗
hältniſſe der unirten Kirche zu nehmen Gelegen⸗
heit hatten, je offenbarer und gewiſſer wurde eoͤ
uns, daß überall, wo reges Leben iſt, die Union
ihrer Auflöſung entgegengeht. Mögen die Ge⸗
lehrten und Hochgeſtellten unter den „gläubi⸗
gen“ Unirten, deren Gefeiertheit mit der Sache
der Union unzertrennlich verflochten iſt, noch ſo
große Anſtrengungen machen, die Union durch à
ihre berühmten Namen auch bei den Gläubigen 4
in Anſehen zu erhalten: das Volk, wo es zum
Glauben an Gottes Wort erwacht, wird ſich in
der durch königliche Gewalt allerhöchſt anbefoh—
lenen und von after und ungläubigen Theolo⸗
gen etablirten Kirche nicht halten laſſen. Was
Gott zuſammengeflügt hat, das ſoll freilich der=
Menſch nicht ſcheiden; was aber Menſchen ohne
Gott zuſammengefügt haben, obwohl es nicht zu—
ſammengehört, das kann kein Menſch zuſannnen⸗
halten. Endlich wird man das ganze Gebäude;
der unirten Kirche die Rationaliſten allein er⸗“
ben laſſen müſſen, als das Haus, in welchem es
ſich für dieſelben noch am bequemſten wohnen
läßt. Die unirten Prediger, mit denen wir hier
in Berührung gekommen ſind, ſind Herr Paſtor!
Rädecker in Gehlenbeck, Herr Staupfarrer!
Menſing in Minden und Herr Suprrinten⸗
dent Prieß in Lahde bei Minden. Der erſtere
iſt ſchon hochbetagt, und obwohl auch er der
Union das Wort nicht reden mag, ſondern bei
ſeiner Augsburgiſchen Confeſſion versvleiben will,
mag er doch den Kampf, in den ihn ein Austrittes
aus der Union verwickeln würde, in ſeinen alten
Tagen nicht antreten. Herr Stadtpfarrer
Menſing meint mitten in der unirten Kirche
ein Lutheraner ſein zu können; ſo auch Her 4
Superintendent Prieß. Letzterer forderte mich
daher ſogar auf, ſelbſt nachdem wir ihm unſere
Stellung zur Union auscinander geſetzt hatten,
für ihn einmal zu predigen. Ich ſchlug es ihm
natürlich ab. Aber ſeltſam genug drang derſelbe
dennoch in mich, ſeiner Aufforderung Folge zu
leiſten. Ich erklärte dem Herrn Superintenden⸗
ten endlich, daß ich nur unter einer Bedingung
auf ſeiner Kanzel würde predigen können, die er
natürlich würde zurückweiſen müſſen (denn ich “
ſelbſt würde unter einer ähnlichen mir geſtellten!
Bedingung nimmermehr Jemandem meine Kan⸗
zel öffnen, ganz abgeſehen davon, daß ich über⸗
haupt nur einem rechtgläubigen luthe⸗
riſchen Prediger meine Viees im Predigen *
übertragen könne). Meine Bedingung ſei nehm⸗
lich dieſe, daß er mir ſelbſt ausdrück⸗
lich geſtatte, in meiner Predigt die
unirte Kirche zu verwerfen. Ich er⸗
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