Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 8 › Seite 65

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-12-08, Seite 65

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Luther ſeine Noth klaget: „Ihr wollt ein erdich⸗
teter (gemalter) Sünder ſein und Chriſtum für
einen erdichteten Heiland halten. Gewöhnt euch
daran, daß Chriſtus der wahrhaftige Heiland
und ihr ein wirklicher Sünder ſeid. Gott ſpielt
kein Schattenſpiel und ſcherzt nicht, da er ſeinen
Sohn uns ſendet und für uns dahin giebt.“

Da ſchickt der HErr Luthern aus demſelben
Munde, als er über die Verſehung und Gnaden⸗
wahl Gottes harte Anfechtung und Verſuchung
hatte, neuen Troſt durch die Worte: „in den
Wunden Chriſti wird die Verſehung verſtanden
u. gefunden, ſonſt nirgend nicht; denn es ſteht ge⸗
ſchrieben: den ſollt ihr hoͤren. Der Vater iſt zu
hoch; darum ſaget er: ich will euch einen Weg
geben, darauf man zu mir kommen möge, näm⸗
lich Chriſtum; an den gläubet und dem hanget
an; ſo wird ſichs zu ſeiner Zeit wohl finden,
wer ich bin. Denn Gott iſt unbegreiflich, und
wir können nicht verſtehen, noch uns denken,
was er ſei, viel weniger, wie er geſinnet iſt; er
wird auch nicht begriffen und will kurzum unge⸗
faſſet ſein, außer Chriſto.“

Ferner, als einſt die Rede auf das Wort
poenitentia oder Buße kam, ſagte Staupitz: es
ſei keine wahre Buße, als die, welche aus der
Liebe Gottes und ſeiner Gerechtigke't herfließt;
und dieſes Wort haftete — wie Luther Staupitzen
ſpäter bei Überſendung ſeiner Theſen ſelbſt er⸗
zählte — in ſeiner Seele, „wie der ſcharfe Pfeil
eines Starken.“

Dazu trieb ihn nun der Geiſt Gottes immer
mehr in die heil. Schrift und immer mehr ward
er zuerſt angeſtrahlt, je länger je mehr aber
auch innerlich erleuchtet von der ſeligmachenden
Wahrheit des Evangelii, ſonderlich in den Brie⸗
fen St. Pauli, daß der Sünder in Adam al⸗
lein aus Gnaden durch das Verdienſt Chriſti,
das er lediglich und ausſchließlich mittelſt des
Glaubens ergreife und ſich aneigne vor Gott
und ſeinem Gericht als gerecht erklärt und ſeiner
Schuld losgeſprochen werde, ohne Zuthun der

Werke.
Doch erſt nach und nach ward ihm dieſe ſelig—
machende Wahrheit aus Gottes Wort innerlich
bell und klar; langſam und allmählig erſt ge⸗
langte er zur innerlichen göttlichen Gewißheit
derſelben und zur rechten innern Erfahrung des
rechtfertigenden Glaubens; lange wehrten ſich
in ihm die papiſtiſchen Irrthümer gegen dieſe
beſeligende Wahrheit des Evangelii; lange
ſträubte ſich in ihm der hoffärtige werkeriſche
Mönch gegen das allgenugſame und vollgütige
Verdienſt Chriſti; und wiewohl ihm ſchon früher
der Spruch: „der Gerechte wird ſeines Glau-
bens leben.“ mit ſeiner göttlichen Kraft man⸗
nigfach das Gemüth gerühret hatte und mächtig
durchs Herz gegangen war, ſo war er, als er

1510 in Sachen ſeines Ordens ſich zu Rom auf⸗

hielt, doch noch ein ſo „toller Heiliger“ wie er ſich
ſelbſt nennt, daß er auf den Knieen die Stufen
an der ſogen. Pilatusſtiege hinaufrutſchte, um
den Ablaß zu empfangen, welchen der Papſt de⸗
nen, die ſolches Werk verrichten würden, ver⸗
ſprochen hatte.

Da geſchah es nun aber, während er, in ſei⸗

nem immer noch in der Menſchenlehre gefange⸗
nen Gewiſſen, ſolches Narrenwerk ausrichtete,
daß ihm auf einmal nicht anders zu Muthe
ward, als wenn ihm eine Donnerſtimme zurief:
„Der Gerechte lebt ſeines Glaubens.“

Nach ſeiner Heimkehr aber ging er von Neuem
daran, dieſen Spruch in und mit der Schrift
noch genauer und ſchärfer zu betrachten und zu
erwägen; und endlich durchbrach dieſe Sonne
der evangeliſchen Wahrheit in ſeiner Seele die
Nebel der Geſetzes- und Menſchenlehre mit gro⸗
ßer Gewalt und erfüllte ſein Herz mit Gerechtig⸗—
keit, Friede und Freude im heiligen Geiſt, davon
er ſelbſt dieſe denkwürdigen Worte ſchreibet:
„Hier fühlte ich alsbald, daß ich ganz neu gebo⸗
ren wäre und nun gleich eine weite aufgeſperrte
Thür, in das Paradies, ſelbſt zu gehen, gefun⸗
den hätte; es ſahe mich auch die liebe heilige
Schrift nunmehr viel anders an, denn zuvor ge⸗
ſchehen war, lief derhalben bald durch die ganze
Bibel, wie ich mich derſelbigen erinnern konnte,
und ſammelte auch in andern Worten, nach die⸗
ſer Regel, alle ihre Auslegung zuſammen, als,
daß Gottes Werk dies heiße, das Gott in uns
ſelbſt wirket; Gottes Kraft, damit er uns kräftig
und ſtark machet; Gottes Weisheit, damit er uns
weiſe machet, alſo die anderen, Gottes Stärke
Gottes Heil, Gottes Herrlichkeit und dergleichen.
Wie ich nun zuvor dieſes Wörtlein „Gottes Ge⸗
rechtigkeit“ mit rechtem Ernſt haſſete, ſe fing ich
auch dagegen an, dasſelbe als mein allerliebſtes
und tröſtliches Wort theuer und hoch zu achten
und war nun derſelbige Ort in St. Paulo in
der Wahrheit die rechte Pforte des Paradieſes.“

Und dieſelbe ſeligmachende Wahrheit vom
rechtfertigenden Glauben bezeuget er auch ſpäter
in einem Briefe an ſeinen Freund und Ordens⸗
bruder Georg Spenlein in Memmingen, darin
er unter andern alſo ſchreibet: „Darum, mein
lieber Bruder, lerne Chriſtum und zwar den
Gekreuzigten, lerne ihm ſingen und an dir ſelbſt
verzweifelnd ſprechen: „Du, mein HErr Jeſu,
biſt meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde.
Du haſt angenommen, was mein iſt und mir
gegeben, was dein iſt. Du haſt angenommen
was du nicht warſt, und mir gegeben, was ich
nicht war.“

(Schluß folgt.)

27

Berichtigung eines Artikels im „kirchlichen

Informatorium“ des Herrn Paſt. Grabau,

die Angelegenheiten der lutheriſchen Ge—
meine zu Detroit, Mich., betreffend.

(Fortſetzung.)

Seine Willensmeinung, die Sache durchaus
von einer zu berufenden Comittee verhandeln zu
laſſen, hatte Winkler am Schluß des bereits an⸗
geführten Briefes vom 16. März v. J. mit dür⸗
ren Worten erklärt. Es hieß darin:

„Des Unterzeichneten Wahl iſt bereits getrof⸗
„fen: Ihnen als Klägern liegt es jetzt ob, Ihre
„Wahl auch zu treffen, damit die Sache eine
„Erledigung finde. — Sie mögen Ihre getrof⸗

„fene Wahl ſchriftlich entweder an mich oder ſonſt

teeglied erſehen habe.

*

„an ein Glied des Kirchenvörſtands in Kürze

„einſenden.“ *.

Merkwürdig iſt dabei, daß er wie hier ſo nir⸗
gend erwähnt, wen er ſeiner Seits als Comit⸗
teeglied berufen habe, und doch in Nro. 3 des
kirchlichen Informatoriums ſagt, ſeine Wahl
ſei nicht nach dem Wunſch derjenigen Prediger von
der Miſſouri⸗Synode geweſen, die ſich in dieſer
Angelegenheit betheiligt hätten; ja ſich die Mühe
gibt, weitläufig mit Gründen zu beweiſen, war⸗
um ſeine Wahl ſo und nicht anders habe aus⸗
fallen müſſen. Weiß doch Herr Paſtor Winkler
gar wohl, daß der Unterzeichnete erſt am 15,
Juni, am Ende ſeiner Verhandlungen mit ihm,
aus ſeinem Munde erfuhr, wen er als Comit⸗
Es kann alſo von einer
Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit ſeiner
Wahl gar nicht die Rede ſein. Aber ſo geht's,
wenn man einmal um jeden Preis eine ſchlechte
Sache als gut darſtellen will, dann kann man
das Dichten und Lügen ſelbſt da nicht laſſen, wo
es gar nicht einmal dem böſen Zwecke etwas
dient. Winkler erzählt weiter: die Beſchwerde⸗
führenden hätten zwar den vorgeſchlagenen Weg
der Unterſuchung angenommen, hätten aber Wo⸗
chen lang nicht hören und ſehen laſſen, daß ſie
etwas in der Sache thäten. Auch dies iſt der
Wabrheit nicht gemäß. In einem Briefe vom
21. März hatten die Leute zwar, wiewohl „nicht
als Kläger, ſondern als Bittſteller,“ darein ge⸗
willigt, die Sache „einem ehrlichen, competen⸗
ten, bekenntnißmäßigen, kirchlichen Gericht zur
Unterſuchung und reſp. Entſcheidung zu unter⸗
werfen,“ hatten aber auch gebeten, daß ihnen
Winkler ſein Committeeglied nennen möchte, da⸗
mit ihre Wahl nicht auf denſelben Mann falle
und abermals Verzug entſtünde. Da nun Wink⸗
ler in ſeiner Antwort vom 26. März dieſer Bitte
nicht willfahren mochte, ſo haben ſich die Leute
ſchon am folgenden Tage brieflich an den Präſes
unſerer Synode mit der Bitte gewendet, ſich ih⸗
rer Sache anzunehmen. Derſelbe hat auch be⸗
reits unterm 5. April an den Unterzeichneten
Meldung ergehen laſſen, daß er ihn mit dieſer

„Angelegenheit betraue und ihn gebeten, ſich zu

dem Zwecke nach Detroit zu begeben. Der Brief,‚
der dies enthielt, trägt das St. Louiſer Poſtzei⸗
chen vom 7. April, ging aber leider ſtatt unmit⸗
telbar nach Bridgeport (der damaligen Poſtoffice
des Unterzeichneten), zuvor nach Bridgewater
in die Irre, wie auf dem Couvert deutlich zu er⸗
ſehen iſt, und ſo kam er erſt den 24. April am
Ort ſeiner Beſtimmung an. Mittlerweile hatte
Winkler unterm 9. April folgendermaßen an die

Leute geſchrieben:

„Wie ſchon am 16. und am 26. März geſche⸗
„hen, werden Sie hiermit noch einmal dringend

„erſucht, Ihren Theil der Committee zu wählen

„und uns die Zeit zu beſtimmen, wann unſer
„Theil hier ſein ſoll. Wenn nichts der Art in
„den nächſten drei Tagen geſchieht, ſo ſind wit
„genöthigt, ohne Rückſicht auf ſpätere Beſtim⸗
„mungen vonIhrer Seite unſere eignen Wege in
„dieſer Sache zu gehen.“

Dies ſchien ſelbſt zweien ſeiner Vorſtände zu

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