Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 8 › Seite 61
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-12-08, Seite 61
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jeden ſonnenklar ins Auge, daß der HErr Ehri⸗
ſtus ſeine Kirche d. i. die Gemeinde der an Ihn
wahrhaft Gläubigen, weß Standes, Alters und
Geſchlechts ſie ſein mögen, nicht gleichſam als
einen ſteinernen Tempel anſieht, in dem des Him⸗
melreichs Schlüſſel ſollten im Schwange gehen
oder der etwa ſelber erſt durch den Löſeſchlüſſel
geöffnet werde, ſondern die Worte lauten einfältig
alſo, daß er dieſer ſeiner Gemeinde und wären
nach V. 20. auch nur zwei oder drei in ſeinem
Namen verſammelt, die Gewalt des Bindens
und Löſens d. i. des Sündebehaltens und Sün⸗
devergebens mittheile; und zwar ſolle es mit
dieſer von Ihm, dem Hausherrn, ſeiner Kirche,
als ſeiner Hausehre, mitgetheilten Gewalt ſich
dergeſtalt halten, daß, wenn ſie auf Grund der
heil. Schrift ſeine Stimme erſchallen laſſe
und auch in der brüderlichen Ermahnung und
Beſtrafung ſeine in V. 15—17. angezeigte Ord⸗
nung halte, ihr Binden ſein Binden und ihr
Löſen ſein Löſen ſei.
Und daraus erhellet ſchon jetzt, daß dieſe der
Kirche von Chriſto verliehene S chlüſſelgewalt an
und für ſich nicht etwa durch eine beſondere Ver—
Lordnung von ihm irgend welchen von Ihm be⸗
vorzugten und begabten Kirchgliedern zuſtehe, da
er ja ſelbſt, nach Joh. 20, 21 — 23. nicht die
Perſonen der verſammelten Jünger oder deren
erſt ſpäter zur Ausrichtung ihres apoſtoliſchen
Berufs empfangenen Gnaden-und Wunderga⸗
ben anſah, ſondern ihren Glauben an ihn, als
Gemeinde der Gläubigen, als die Kirche.
Dasſelbe bezeuget aber auch St. Petrus den
„erwählten Fremdlingen hin und her,“ d i. den
aus den Juden bekehrten Chriſten, die in ver⸗
ſchiedenen Landſchaften Kleinaſiens (1. Petr.
1, 1.) in der Zerſtreuung lebten und ſchwerlich
der geiſtlichen Wohlthat des ordentlich aufgerich⸗
teten Predigtamts theilhaftig waren. Denn er
ſchreibet an ſie 1. Petri 2, 9. alſo: „Ihr aber
(im Gegenſatz zu den ungläubig gebliebenen
Juden V. 7. 8.) ſeid das auserwählte Ge—
ſchlecht, das königliche Prieſterthum, das heilige
Volk, das Volk des Eigenthums, daß ihr ver—
tündigen ſollet die Tugenden deß, der euch berufen
hat von der Finſterniß zu ſeinem wunderbaren
Lichte.“
Auch hier tritt klärlich hervor, daß und wie auch
dieſe und jene örtlich zerſtreute Häuflein der Gläu⸗
bigen, und mögen ſie noch ſo ſehr „mit Schmach
bedeckt“ unter dem Kreuze liegen, nicht etwa nur
ſoolche Häuflein ſeien, an und in denen durch
»das Predigtamt die Schlüſſel ſich wirkſam erzei⸗
gen, alſo daß ſie ſich dabei nur leidentlich und
aufnehmend zu verhalten hätten, ſondern mäch⸗
niglich und unwidertreiblich beweiſet der h. Geiſt
durch den Mund St. Petri gerade das Gegen⸗
theil. —
Denn auch hier iſt offenbar, daß all dieſen
Häuflein, da ſie durch den heil. Geiſt mittelſt
des Glaubens in Chriſto waren und dieſer in
ihnen, die Gewalt der Schlüſſel vertraut war,
kraft deren ſie als das heilige Chriſtenvolk, der
beilige Chriſten ſtand nun auch ermüchtigt wa⸗
ren, Chriſtum und ſeine Tugenden auf allerlei
Weiſe zu verkündigen.
VPVFVFVI
—58—
Daraus iſt alſo erſichflich, daß alich die Ge⸗
walt der öffentlichen Verkündigung des Evan⸗
gelii nebſt angehängter Verwaltung der heil.
Sakramente oder der Kirchendienſt, das Pfarr—
amt, von Chriſto in die Gemeinde ſeiner Gläu—
bigen gelegt, nicht aber gleichſam unmittelbar
vom Himmel herabgelaſſen und als eine Art
Papſt oder Prieſter-und Mittlerſtand zwiſchen
Chriſtum und die Gemeinde hereingeſchoben ſei.
Aber in That und Wahrheit: fließt dieſer
Dienſt und Amt nicht aus der Gemeinde —
hat die Hausfrau nicht vom Hausherrn die Ge⸗
walt empfangen, Haushalter zurAusrichtung die⸗
ſes Dienſtes und zur öffentlichen Verwaltung der
Schlüſſel nach der von Ihm vorgeſchriebenen Ord⸗
nung zu beſtellen: ſo bleibt nichts anders übrig,
als die geſetzlich „levitiſche episkopaliſtiſch⸗papi—
ſtiſche Annahme, die aber ſchnurſtracks wider den
evangeliſchen Grundbegriff vom Weſen der Kir—
che Gottes anläuft, daß von den Apoſteln her,
als den erſten ſonderlich geheiligten Amtsträgern
und der Art nach über die Gemeinde geſtellten
Amtsperſonen durch die Ordination, als eine
ſakramentlichePrieſterweihe, ja geiſtliche Zeugung
von Geſchlecht zu Geſchlecht ein über den gemei—
nen Chriſtenſtand erhabener geiſtlicher Adels—
und Prieſterſtand fortgepflanzt werde, dem, als
ſolchem, die Schlüſſel und deren öffentliche Ver—
waltung nach göttlichem Vorrechte zuſtehe, alſo
daß die Gemeinde d. i. die Nicht-Prieſter nur
durch Vermittelung dieſes Standes Antheil an
den Heilsgütern und Segnungen des Cvangelii
habe. Denn zwiſchen dieſem geſetzlich gemach⸗
ten Wahne, der den geiſtlichen Hochmuth zum
Vater und die geiſtliche Herrſchſucht zur Mutter
hat und jener evangeliſchen Grundwahrheit,
nach welcher von Chriſto die Gewalt der Schlüſ⸗
ſel ſeiner Kirche d. i. nicht blos der Geſammtheit
aller chriſtlichen Gemeinden, ſondern auch irgend—
welchem Häuflein der Gläubigen (Matth. 18,20.)
vertraut ſei, giebt es keinen irgendwie haltbaren,
zwiſchen beiden gleichſam vermittelnden Stand⸗
punkt.
Solche Wahrheit nun, daß die Verſammlung
der Gläubigen, ſie ſei nun örtlich hie und da,
groß oder klein, die Gewalt der Schlüſſel
habe und nicht blos ein Gegenſtand für deren
öffentliche Verwaltung ſei, begründet, wie oben
angezeigt, nicht blos die heil. Schrift, ſondern
eben auf Grund dieſer letzteren wird ſie auch von
unſern kirchlichen Symbolen bezeuget. Erſtlich
Schmalkald. Artikel Th. 3. Art. 7. „die Schlüſſel
ſind ein Amt und Gewalt, der Kirche von
Chriſto gegeben ꝛc.“, desgleichen im kl. Katechis—
mus Lutheri auf die Frage: „Was iſt das Amt
der Schlüſſel?“ es iſt die ſonderbare Gewalt,
die Chriſtus ſeiner Kirche auf Erden hat
gegeben ꝛc.; endlich im Anhange zu den Schmal⸗
kaldiſchen Artikeln, „von der Biſchöfe Gewalt
und Jurisdiction und ferner im Anhang: von
der Gewalt und Oberkeit des Papſtes (S. 473,)
lantet es alſo:
„über das muß man je bekennen, daß die
Schlüſſel nicht einem Menſchen allein, ſondern
der ganzen Kirche gehören und gegeben ſind, wie
denn ſolches mit hellen und gewiſſen Urſachen
..
genugſam kann erwieſen werden. Denn gleich⸗
wie die Verheißung des Evangelii gewiß und
ohne Mittel (immediate) der ganzen Kirche
zugehöret, alſo gehören die Schlüſſel ohne
Mittel (d. i. alſo ohne Vermittelung eines
urſprünglich von Chriſto über die Kirche ge⸗
ſetzten Prieſterſt andes) der ganzen Kirche, die⸗
weil die Schlüſſel nichts anders ſind, denn das
Amt, dadurch ſolche Verheißung Jedermann, wet
es begehret, wird mitgetheilet, wie es denn im
Werk für Augen iſt, daß die Kirche Macht
habe, Kirchendiener zu ordiniren.
Und Chriſtus ſpricht bei dieſen Worten: was
ihr binden werdet ꝛe. und deutet, wem er die
Schlüſſel gegeben, nämlich der Kirche: „wo zwern
oder drei verſammelt ſind in meinem Namen u—
item Chriſtus giebt das höheſte und letzte Gericht
der Kirche, da er ſpricht: Sags der Kirche, denn
wo die Kürche iſt, da iſt je Befehl, das Evan⸗
gelium zu predigen. Darum müſſen die Kir⸗
chen die Gewalt behalten, daß ſie Kirchendienet
fordern, wählen und ordiniren. Und ſolche Ge⸗
walt iſt ein Geſchenk, welches der Kirchen eigent⸗
lich von Gott gegeben und von keiner menſchli⸗
chen Gewalt der Kirchen kann genommen wer⸗
den, wie St. Panlus zeuget Epheſ. 4. da er
ſagt: „Er iſt in die Höhe gefahren und hat Ga⸗
ben gegeben den Menſchen und unter ſolche Ga⸗
x
ben, die der Kirche eigen ſind, zählt er Pfarrher⸗
ren und Lehrer und hänget daran, daß ſolcht
gegeben werden zur Erbauung des Leibes Chri⸗
ſti.“ Darum folget, wo eine rechte Kirche iſt,
daß auch da die Macht ſei, Kirchendiener zu
wählen und orviniren, wie denn in der Noth“)
auch ein ſchlechter (gewöhnlicher) Laye einen
andern abſolviren und ſein Pfarrherr werden
kann, wie St. Auguſtin eine Hiſtorien ſchreibet,
daß zween Chriſten in einem Schiffe beiſammen
geweſen, deren einer den andern getauft um
darnach von ihm abſolvirt ſei.
Hieher gehören die Sprüche Chriſti, welche
zeugen, daß die Schlüſſel der ganzen Kirche und
nicht etlichen ſondern Perſonen (darunter Me⸗
lanchthon die Biſchöfe meinet) gegeben ſind, wie
der Tert ſaget: „wo zween oder drei in meinen
Namen verſammelt ſind, bin ich mitten unter
ihnen.“ (Matth. 18, 20.)
Zum Letzten wird ſolches auch durch den
Spruch Petri bekräftigt, da er ſpricht: „In
ſeid das königliche Prieſterthum ꝛe. (I. Petri 2,
9. Dieſe Worte betreffen eigentlich die rechte
Kirche, welche, weil ſie allein das Prieſtethun
hat, muß ſie auch die Macht haben, Kirchen⸗
diener zu wählen und ordiniren.“ x
Hier wird alſo das geiſtliche Prieſterthum der
Gläubigen ganz klärlich als die Mittel-Urſache
angezeiget, aus welcher dann, als deren Wi⸗
kung, der Kirchendienſt oder das Pfarramt her⸗
fließe, das durch ordentliche Berufung — davon
*) Die Noth aber erzeuget nicht ein Recht und Macht del
geiſtlichen Prieſterthuns der Gläubigen, was ſie nicht ſchor
urſprünglich durch den Glauben beſäßen, ſondern bringi
dasſelbe in ſeinem Weſen und ſeiner Ausdehnung nur in
Tage, wo kein Kirchendiener da iſt und alſo ſein ihm ron der
Gemeinde übertragenes, alſo abgeleitetes Recht und Mach
d. i. die öffentliche Verwaltung der Schlüſſel nicht verlett
wird.
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