Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 8, Nummer 8 › Seite 64
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-12-08, Seite 64
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brünſtiger Liebe zu dem Bräutigam ihrer Seelen
ein ſßer Geruch waren vor dem HErrn — mit—
unter jedoch auch hinausbrechend wie die Pro—
phetinnen des alten Bundes, und die gottloſen
Päpſte ſtrafend mit dem Worte des HErrn; da
waren auch unter den Lehrern der hohen Schu—
len, und unter den Prieſtern, hohen und niedri⸗
gen, einzelne geſunde fruchttragende Obſtbäume,
Zeugen der Wahrheit, deren Stimmen wir be—
reits oben vernommen haben; da gab es unter
allerlei Ständen mannhafte kräftige Eichen und
jugendlich kühne Buchen, die in ihrem Stande
und Berufe, wenngleich bei ſchwacher Erkennt—
niß, doch ſich im rechtſchaffenen Glauben an
Chriſtum als Pflanzen des HErrn zum Preiſe,
als Kinder der einen heiligen chriſtlichen Kir—
che erzeigten, die unter dem Papſtthum verborgen
war. Dieſe edlen Fruchtbäume und anmuthi—
gen Zierpflanzen im Garten Gottes, in ſeiner
heiligen Kirche hin und her zerſtreut in jener
gräulichen Wildniß und unter dem Unkraute des
Papſtthums — dieſe Heiligen des HErrn waren
es nun, die Angeſichts des ungeheuren Verder—
bens der Kirche in Lehre und Leben, ohne Unter—
laß klagten und zu Gott ſeufzten: „Hüter, iſt
dit Nacht ſchier hin?“ Sie waren es, die mit
herzlichen Seufzern und Thränen ihr Gebet zum
HErrn aufhoben u. beweglich ausriefen: „Ach!
daß die Hülfe aus Zion käme und der HErr
ſein gefangen Volk erlöſete, ſo würde Jakob ſich
freuen und Iſrael fröhlich ſein.“
Und wie? ſollte der gnädige und barmherzige
Gott, der durch ſeinen heiligen Geiſt ſolch' Fle—
hen und Seufzen, ſolch Beten und Fürbitten ſei⸗
ner gefangenen Kirche in das Herz gegeben hatte,
nicht endlich auch die ſo lange und bange er—
ſehnte Hülfe erſcheinen laſſen und das Gefäng—
niß ſeines Volkes wenden? Ja gewiß! Aber
wie geſchah denn ſolche Erlöſung? Wie führte
er ſein geiſtliches Iſrael aus dem Babel des
Papſtihums und zerriß ihre Stricke und machte
ſie los von ihren Banden? Etwa durch Kir—
chenverſammlungen und deren Beſchlüſſe, wie
dieſe und jene Zeugen der Wahrheit von daher
die Beſſerung hofften und keinen andern Rath
noch Hülfe wußten? Nicht alſo; denn dieſe
hätten, ſelbſt im beſten Falle, und wenn die
Päpſte aus menſchlicher Klugheit auf eine Weile
nachgegeben, doch nur auf eine Zeit lang dieſe
und jene groben Mißbräuche abgethan und ein—
zelne reif gewordene Geſchwüre aufgeſchnitten,
ohne doch die ins innerſte Mark gekrochene
Krankheit von Innen heraus gründlich zu hei—
len und neue Lebenskräfte in die verſchmachtete
und dahinſiechende Kirche auszugießen.
Nein! durch Menſchenweisheit und Menſchen—
kraft war hier die Hülfe nicht möglich; und wie
der Vater der Lügen durch Erweckung des anti⸗
chriſtiſchen Papſtthums das reine Wort Gottes
und die Lehre der Kirche unterdrückt und gefälſcht
hatte, alſo war die gründliche Reinigung und
Heilung der Kirche von Innen heraus nur dann
möglich, wenn der Vater des Lichtes ſein erleuch—
endes und heilendes Wort, und ſonderlich das
ſeligmachende Evangelium von ſeiner Gnade in
Chriſto, das allein der Glaube ergreife, in ſeiner
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Reinheit und Lauterkeit wieder hineinſcheinen
ließ in die papiſtiſche Finſterniß, um dieſe zu
durchbrechen und das antichriſtiſche Ungeheuer
des Papſtthums in der Schande ſeiner Blöße vor
den Augen Aller, die da ſehen wollten, im klaren
Lichte darzuſtellen.
Aber wie geſchah ſolches? Etwa durch Schaa—
ren der Evangeliſten, wie zur Apoſtel Zeit, die
da gleichzeitig ausgingen nach allen Ecken und
Enden der verderbten Kirche in Begleitung von
Zeichen und Wundern, die durch ihre Hände ge⸗
ſchahen? Oder etwa durch das Zuſam menwir—
ken gelehrter und berühmter Lehrer der Kirche⸗
die das herrſchende Verderben erkannten?
Nicht alſo. Denn es gefiel ſeiner Weisheit,
ſich für dieſes neue Auf- und Durchleuchten ſei⸗
nes allmächtigen und erneuernden Wortes eines
vor der Welt gar geringen und armſeligen Werk⸗
zeugs zu bedienen, damit alle Ehre und Ruhm
Ihm allein bleibe und ſeinem Worte.
Wie aber Johannes der Täufer zuvor in der
Wüſte war, daſelbſt zu- und vorbereitet von dem
Geiſte und Worte des HErrn in der Stille und
Einſamkeit, ehe denn er hervortreten ſollte mit
ſeiner Heroldsſtimme und mit ſeinem Zeugniß
von Chriſto vor die Kinder Iſrael: alſo erzog
ſich der HErr auch zuvor in dem ſtillen Kloſter
und in der einſamen Mönchszelle jenen Zeugen
der Wahrheit, unſern herzlieben Vater in Chri—
ſto und Lehrer, Dr. Martin Luther, und be⸗
reitete in in der Schule ſeines heiligen Geiſtes
durch ſein Wort und darnach zugleich durch al⸗
lerlei äußere Erlebniſſe und innere Erfahrungen,
ehe denn er als Prediger der Gerechtigkeit münd—
lich und ſchriftlich ſeine Stimme erheben ſollte
als eine Poſaune, um, angethan mit Kraft aus
der Höhe und in gleichſam prophetiſcher Macht—
vollkommenheit, mit unwiderſtehlicher Gewalt die
evangeliſche Wahrheit unerſchrocken und unab⸗
läſſig zu bezeugen.
Zuvor aber mußte er in der Verborgenheit
des Kloſters die verzehrende Heiligkeit und den
Fluch des göttlichen Geſetzes ſammt der Ohn—
macht der papiſtiſchen Satzungen und Werke, um
dieſen Fluch zu tilgen, gründlich an ſeinem Her—
zen erfahren; dieſer Hammer des Geſetzes, wel—
ches das in Adam von Gott geſchenkte göttliche
Ebenbild vom Menſchen wiederforderi, und da
es das ſelbe nirgends findet, zeitliche Strafen,
den Tod und die ewige Verdammniß über alle
Menſchen als das gerechte Gericht Gottes aus—
ſpricht — dieſer Hammer der heil. zehn Gebote
mußte zuvor alle natürliche und mönchiſch dazu
gethane Selbſtgerechtigkeit und Werkheiligkeit
in ihm gründlich zerſchlagen und zermalmen.
Der verzehrende Feuereifer des heiligen und ge—
rechten Gottes wider den Sünder in Adam, auch
wenn dieſer noch ſo rechtſchaffen, ehrbar und
ſittig vor der Welt bis daher gelebt hatte, mußte
zuerſt die Spinnweben-Kleider der papiſtiſchen
Buße und ihrer verdienſtlichen Genugthuungen,
ſammt allem mönchiſchen Beten, Faſten, Wachen,
Kaſteien, Ringen und Kämpfen ) gleichſam im
*) „Auch ich ſelbſt — ſagt Luther — bin zwanzig Jahre
ein Mönch geweſen nnd habe mich gemartert mit Beten,
Faſten, Wachen, Fritren, daß ich allein für Froſt möchte
Nu verzehren und ihn bis auf das Mark verſen⸗
gen, daß er wie ohnmächtig und todt da lag un⸗
ter dem Zorn und Gericht Gottes, unter dem
Fluche des Geſetzes, in der Angſt des Gewiſſens,
in der Furcht des Todes, unter den Schreckniſ⸗
ſen des Satans und in dem Vorſchmack der Höͤl⸗
lengual. Denn alſo mußte er den geiſtlichen
Tod ſeines erbſündlichen Verderbens, die unver⸗
letzliche und dem Sünder unerträgliche Heilig⸗
keit und Strafgerechtigteit Gottes, die völlige
Ohnmacht aller Selbſthülfe und aller papiſtiſchen
Sühnmittel durch die Arbeit des heiligen Geiſtes
mittelſt des Geſetzes zuvor gründlich an ſeinem
Herzen und Gewiſſen erfahren, damit er völlig
und durchaus an aller eigenen Kraft verzweifelte,
auch nur ſtückweiſe die Gerechtigkeit vor Gott
mitzuwirken und die Vergebung der Sünde,
Leben und Seligkeit ſich mitzuverdienen, kurz
um eben der arme Sünder in Adam zu
werden.
Gleichwohl hatte der vielgetreue, väterlich er⸗
ziehende Gott, der dieſes ſein auserwähltes
Rüſtzeug alſo vorbereitete, dafür geſorgt, daß
unter dieſem jahrelangen Fordern, Drohen, Flu
chen, Tödten und Verdammen ſeines heiligen
Geſetzes, und in der ſteten Angſt und Arbeit von
Luthers Seele das Glaubensfünklein nicht er⸗
loſch, das von der heiligen Taufe her in ihm
war, und das der HErr dann durch ſeinen heili—
gen Geiſt mitteiſt des Evangeliums zur hellen
Flamme anblies, nachdem das Geſetz ſein Werk,
der Hauptſache nach, an ihm gethan hatte und er
an aller eigenen Vernunft und Kraft völlig ver⸗
zweifelt war, um durch deren Anſtrengungen
einen gnädigen Gott zu erlangen und die Ver⸗
gebung der Sünden, Leben und Seligkeit ſich
auch nur ſtückweiſe mitzuverdienen. ö
Da ſendet ihm Gott in ſeinen Kämpfen und
Angſten, va all ſein Meßhalten ihm keinen Troſl
geben will, einen alten Bruder im Kloſter zum
Beichtvater zu; der tröſtet ihn herzlich — wie
Mattheſius ſchreibet — und weiſet ihn auf das
dritte Stück des apoſtoliſchen Glaubensbekennt⸗
niſſes: ich glaube „die Vergebung der Sünden;“
und dieſes iſt ein lebendiger Troſt in ſeinem
Herzen geweſen, wie er dieſes ſeines Beichtvaters
mit großen Ehren oft erwähnet.
Da giebt Gott dem Dr. Staupitz, Luthere
geiſtlichem Obern, die zugleich ſtrafenden und
tröſtenden Worte in Herz und Mund, da ihm
geſtorben ſein.“ — „Da ich Goit geſuchet babe mit großer
Arbeit und Abbrechen meines Leibes durch Faſten, Wachen,
Singen und Beten; denn ich hätte mich, wenns länger ge⸗
währet, damit zu Tode gemartert;“ — „doch je mehr ich
ſuchte und meinte ihm näher zu kommen, je weiter ich vor
ihm kam. Nein, er läßt ſich nicht alſo finden; er will vor
uns ungefunden ſein; er muß zuvor ſelbſt zu uns on
und uns daheim ſuchen; mit unſrem Nachlauſen und Jage
läßt er ſich nicht erhaſchen noch fangen.“ (Luth. 7
Altenb. Ausg. 7, 53. Leipziger Ausg. 11, 53. 14, 351
b. 21, 21.) Darin iſt zugleich auch die Wideriegung dei
giftigen papiſtiſchen Lügen cuthalten — denn er ſchrieb j
Solches und Ahnliches zu der Zeit, da gar manche ſeine
früheren Kloſterge ſellen noch lebeten, die ihn ja dann baren
der Lüge zeihen und ſeinen ganzen Ruf verderben können —
als ſei vuther von Hauſe aus ein luſtiger Lebemann geweſen,
der auch nur um des Heirathenswillen aus dem Kloſter ge⸗
gangen ſei, um ihn dadurch, obwohl wider alle geſchichtliche
und allbekannte Wahrheit, den Katholiken verhaßt und
verächtlich zu machen. ö
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