Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 19 › Seite 148

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-05-13, Seite 148

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Jeruſalem hingerichtet worden und am Kreuze
geſtorben iſt, nicht nur ein wahrer Menſch, ſon⸗
dern in Einer Perſon auch der wahrhaftige ewige
Sohn des lebendigen Gottes geweſen ſei. Die
Chriſten bekennen vor aller Welt, daß ſich Gott
mit IEſus von Nazareth nicht nur, wie mit an⸗
deren frommen und heiligen Menſchen, in Gna⸗
den vereinigt, ſondern daß die ganze Fülle der
Gottheit leibhaftig, das heißt, perſönlich in ihm
gewohnt habe, daß Gott in IEſu Menſch, das
ewige Wort, das im Anfang bei Gott und Gott
war, Fleiſch geworden und daß daher IEſus ein
neues, ſonſt weder im Himmel, noch auf Erden
ſich findendes, Weſen, nehmlich ein Gott—
menſch geweſen ſei. Die Chriſten bekennen
vor aller Welt, daß alſo der verachtete, in
Knechtsgeſtalt einſt einhergehende IEſus der
vom Himmel herabgekommene und menſchgewor⸗
dene Gott der Allerhöchſte ſelbſt, der Schöpfer,
Erhalter und Regierer der Welt, der HErr aller
Engel und Menſchen, geweſen ſei, dem alle Crea⸗
turen dienen und den alle Engel und Menſchen
als ihren einigen Gott erkennen, bekennen und
anbeten müſſen, außer welchem es keinen Gott
gibt, ſo daß, wer dieſen JEſus nicht zu ſeinem
Gott annehmen will, ohne Gott und ohne Hoff⸗
nung iſt in dieſer Welt. —

Dieſes Bekenntniß iſt nun freilich in den
Ohren der ganzen Welt etwas ganz Unerhörtes
und Unleidliches, denn dieſes Bekenntniß macht
aller Welt Weisheit und ſelbſtgemachte Gottes⸗
dienſte zunichte. Als es einſt die ſelbſtgerechten
Juden vernahmen, da war es ihnen ein Arger⸗
niß, ſie hoben zum Gegenbeweis Steine auf und
riefen endlich ergrimmt das Kreuzige! Kreuzige!
Als es den feingebildeten Griechen vorgelegt
ward, da achteten ſie es für eine Thorheit und
ſprachen: „Was will uns dieſer Lotterbube ſa⸗
gen? Es ſcheint, als wollte er neue Göttter
verkündigen.“ Mit Entrüſtung hörten es die
Bekenner des Islam und zogen, für ihren Einen
Gott, für ihren Allah eifernd, alsbald ihre blu⸗
tigen Schwerter. Und als eine des großen
Gottes unwürdige und mit allen Grundſätzen
der Vernunft ſtreitende Lehre verwerfen und ver⸗
achten dieſes Bekenntniß alle, welche zu den
Weiſen und Klugen dieſer Welt gehören wollen,
noch heute.

Und es iſt wahr, m. L., wir Chriſten müſſen
es ſelbſt geſtehen, unſer Bekenntniß: „Ich glau⸗
be, daß IEſus Chriſtus, wahrhaftiger Gott,
vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahr⸗
haftiger Menſch, von der Jungfrau Maria ge⸗
boren, ſei mein HErr,“ — dieſes unſer Bekennt⸗
niß iſt ein ſo ſeltſames, wunderbares, allen Ge⸗
danken der menſchlichen Vernunft und allen
Ahnungen des menſchlichen Herzens zuwider⸗
laufendes Bekenntniß, daß der, welcher es mit
freudigem Glauben und voller Zuverſicht able⸗
gen will, dazu allerdings einen guten, feſten,
unumſtößlichen Grund haben und alle Welt

überzeugende und unwiderlegliche Beweiſt vor⸗

zulegen im Stande ſein muß. Denn es iſt un⸗
denkbar, daß Gott Menſch geworden ſein und
das Heil und die Seligkeit aller Menſchen da⸗
von abhängig gemacht haben ſollte, daß ſie ihn in

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dieſer Geſtalt erkennen, ohne daß Gott zugleich,
allen Menſchen, den Einfältigſten wie den Ge⸗
lehrteſten, leicht erkennbare und unwiderſprech⸗
liche Beweiſe, daß er es wirklich ſei, dazu gege⸗
ben haben ſollte.

Aber wohl uns Chriſten! wir bekennen zwar
einen Glauben, dem in aller Welt widerſprochen
wird, aber derſelbe iſt auf einen Felſen gebaut,
auf dem wir fröhlich unſere Glaubensfahne
ſchwingen und ruhig auf das bewegte Meer
menſchlicher Meinungen herabſehen können, und
den keine Weisheit dieſer Welt umzuſtoßen, keine
Macht der Hölle zu erſchüttern vermag. Wir
bekennen zwar einen Glauben, welcher Geheim—
niſſe enthält, die nur in unmittelbarer Offen⸗
barung ihren Urſprung haben können und die
kein Verſtand der Menſchen ergründen und be⸗
begreifen kann, aber wir ſind allezeit nicht nur
bereit, ſondern auch wohlgerüſtet für Verant—
wortung Jedermann, der Grund fordert der
Hoffnung, die in uns iſt.

Wer unſerem Bekenntniß, daß IEſus von

Nazareth ſei, wofür er ſich ſelbſt erklärt, nehm⸗
lich der eingeborne Sohn Gottes, nicht glauben
will, zu dem können wir erſtlich ſagen: Komm
mit uns nach Judäa! Siehſt du da die zahl⸗

loſen Schaaren von Kranken und Elenden aller!

Art, welche für menſchliche Kunſt unheilbar wa⸗
ren? — Jeéſus ſprach ein Wort, und ſie waren
geſund; — Siehſt“ du da die Schaaren von
Blinden, Lahmen, am ganzen Leibe Verkrüppel⸗

ten, Tauben und Stummen, die dies von Mut⸗
terleibe an waren und denen daher kein Menſch

helfen konnte? — IEſus ſprach ein Wort, und
die Blinden ſahen plötzlich mit Entzücken, was

bisher für ſie mit undurchdringlicher Nacht bedeckt

geweſen war; JIEéſus ſprach ein Wort, und die
Lahmen und Krüppel wandelten und hüpften

nun plötzlich mit Freude und Frohlocken;

JIEſus ſprach ein Wort und das bisher ver⸗
ſchloſſene Ohr der Tauben that ſich plötzlich
auf und ſie hörten nun voll Jubel und Wonne
den noch nie gehörten ſüßen Klang menſch—
licher Rede. IEſus ſprach ein Wort, und das
Band der Zunge der Stummen ward plötzlich
los und ſie lobten und prieſen nun laut Gott,
ihren Schöpfer und Helfer! — Siehſt du,
Zweifler, ferner dort den Himmel zürnend ſich in
Nacht hüllen und die von einer Windsbraut ge—
peitſchten Meereswellen das Schifflein Petri be—

decken und hörſt du darinnen den gellenden Ver⸗

zweiflungsſchrei der Schiffer: „HErr, hilf uns,

wir verderben!?“ — Siehe, IEſus ſpricht ein

Wort, und plötzlich ſchweigt der heulende Sturm;
der Himmel wird plötzlich klar; das empörte
Meer glättet ſich plötzlich zur heiteren ruhigen
Spiegelfläche und es entſteht eine große Stille,
die nur die Schiffsleute mit dem Ausruf unter⸗
brechen: „Was iſt das für ein Mann, daß ihm
Wind und Meer gehorſam iſt?“ — Siehſt du
endlich dort den entſeelten Leichnam des zwölf⸗
jährigen Töchterleins eines Schuloberſten und
Vater und Mutter ihn mit ihren Thränen netzen?
ſiehſt du dort die verblichene Hülle des Jüng⸗
lings von Nain bereits dem Grabe zutragen und
die weinende Mutter ſeinem Sarge folgen? ſiehſt

du endlich den ſchon in Verweſung übergegange⸗

nen Leib des Bruders der ſchluchzenden Maria

und Martha dort in der Gruft? — Siehe!
IEſus ſprach ein Wort und alle dieſe Todten
waren lebendig!

Getroſt können wir, die wir bekennen, daß
IEſus Chriſtus der eingeborne Gottesſohn ſei,
auf dieſe ſeine Werke hinweiſen und mit Nicode⸗
mus ſprechen: Dieſe Zeichen kann niemand thun,
es ſei denn Goͤtt mit ihm. Denn dies waren
Thaten, die die Kraft eines Menſchen, ja, die
Kräfte aller erſchaffenen Weſen unendlich über—
ſteigen; dies waren Werke, die nur durch die
Kraft deſſen vollbracht werden können, der die
Natur und ihre Geſetze in ſeiner Hand hat, der
da lebendig machen, wie tödten, und dem rufen
kann, das da nicht iſt, daß es ſei; mit einem
Worte: dies waren Wunder. Wer ſolche
wahre Wunder thut, der beweiſt damit, daß er
mit Gott ſelbſt im Bunde ſteht; für den tritt
damit Gott ſelbſt als Zeuge auf. Da aber der
heilige wahrhaftige Gott unmöglich ein falſcher
Zeuge ſein oder Lüge und Betrug beſiegeln
kann, ſo iſt auch ein jedes wahres Wunder ein
unwiderleglicher Beweis für die Wahrheit deſ—
ſen, zu deſſen Beſtätigung das Wunder verrich⸗
tet wird. Mit ſeinen Wundern hat es daher
auch JEſus unwiderleglich bewieſen, daß ſein
Wort Wahrheit ſei und daß man daher auch
dem Zeugniß' glauben könne und müſſe, das
er von ſich ſelbſt abgelegt hat, auch dem, da er
von ſich ſelbſt zeugt, daß er der ſei, dem alle
Gewalt gegeben iſt im Himmel und auf Erden,
der Beherrſcher der Natur, der Herr ſelbſt über
Leben und Tod, kurz, der eingeborne Sohn des
Vaters, der bei ihm Klarheit hatte, ehe die Nelt
war.

Doch, obgleich JEſu Zeugniß von ihm ſelbſt
ſchon durch eine Anzahl der herrlichſten, von den
erbittertſten Feinden und zwar von ganzen ihn
verwerfendenVölkern *) nicht abgeleugneten, ſon-
dern beſtätigten, Wunder göttlich und darum
unwiderſprechlich beglaubigt iſt: ſo ſollte doch
er, der eingeborne Sohn Gottes ein noch unver—
gleichlich größeres, herrlicheres, glänzenderes
Zeugniß hab en, als alle jene großen Zeichen und
Wunder waren; ein Zeugniß, wie es keinem
auch der größten Geſandten und Propheten Got⸗
tes gegeben worden iſt, und dieſes Zeugniß war
ſeine glorreiche Auferſtehung.

) So ſcheußliche Läſterungen nehmlich auch die Juden
wider JEſum mündlich und ſchriftlich immer ausgeſtoßen ha⸗
ben, ſo iſt es doch eine unter ihnen auch durch ibren Tal⸗
mud fortgepflanzte Tradition, daß ſus viele Wunder ge⸗
than und ſelbſt Todte erweckt habe; ſie ſuchen dies freilich
daraus zu erklären, daß JEſus den Schem Hamphoraſch
d. i. den geheimnißvollen Namen Gottes aus dem Temyel
geſtohlen habe. Je abgeſchmackter und lächerlicher aber die ſe
Erklärung der Sache iſt, deſio wichtiger iſt die ſes Zeugniß
eines ganzen Volkee, welches mit dem glühendſten Haß Chriſi
erfüllt iſt. — Vekanntlich leugnen auch die Muhamedaner
Chriſti Wunder keinesweges. In ihrem Koran heißt es
unter Anderem: „Gott ſagt: O du Jeſus, Sohn der
Maria, gedenke meiner Guade gegen dich und deine Mut⸗
ter, ich habe dich ausgerüſtet mit dem beil. Geiſt. Mit mei⸗
nem Willen heilteſt du einen Blindgebornen, und einen
Ausſätigen, und mit meinem Willen brachteſt du Todte aus
ihren Gräbern.““ (Siehr: Der Koran, überjetzt von
Dr. Uumann. S. 91. Sura V.)

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