Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 21 › Seite 164
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-11-08, Seite 164
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Bekenntnisſchriften 2 · Lehre. — Falſche Lehrer 37
blinde Werkzeuge folgen. In der Kirche ſoll es
keine geiſtliche Bevormundung geben; die Kennt⸗
niß der Geheimniſſe der Religion ſoll nicht das
Monopol eines beſondern Standes, einer Prie⸗
ſterkaſte ſein. Jeder Chriſt ſoll das Urim und
Thummim der Wahrheit als ein geiſtlicher Prieſter
ſelbſt auf ſeiner Bruſt tragen. Der Laie ſoll da⸗
her ſelbſt in der Schrift forſchen, ſelbſt aus der
Quelle ſchöpfen und aus eigner freier Ueber⸗
zeugung glauben, ohne auf Menſchenautorität
zu bauen; er ſoll nicht, einer lebloſen Maſchine
gleich, ſagen, wie jener Köhler: „Ich glaube,
was die Kirche glaubt“, ohne den Glauben der
Kirche erkannt, geprüft und erprobt zu haben.
Der Laie ſoll ohne menſchliche, prieſterliche Ver⸗
mittelung ſeines Verhältniſſes zu Gott gewiß ſein
und Rede und Antwort ſelbſt geben können wegen
der Hoffnung, die in ihm iſt, ohne ſich auf die
beſſere Einſicht ſeines Lehrers berufen zu müſſen.
Ja, der Laie ſoll fähig ſein, und immer fähiger
werden, die Lehre ſeines Lehrers zu beurtheilen,
das Wahre von dem Irrthümlichen zu unterſchei⸗
den und ſo ſelbſt über ſeine Wächter zu wachen.
Chriſten ſollen Kinder an der Bosheit, aber
Männer am Verſtändniß ſein. Nur wenn die
Kirche ſo geſtaltet iſt, hat ſie die Geſtalt, welche
ihr ihr ewiger Stifter gegeben hat, welcher ſprach:
„Einer iſt euer Meiſter, Chriſtus; ihr aber ſeid
alle Brüder.“ Daher denn ſchon der Prophet von
der Kirche des neuen Bundes geweiſſaget hat,
„Keiner werde den andern lehren; ſondern ſie ſol⸗
len alle von Gott gelehrt ſein, beide klein und
groß“. (Jer. 31, 34. Joh. 6, 45.)
Unwiderleglich geht hieraus hervor, von wel⸗
chem hohen Intereſſe es für die Kirche iſt, daß ſie
eine Pflegerin der Wiſſenſchaft und Bildung ſei
in jeder Beziehung: es gebietet ihr das die heilige
Pflicht der Selbſterhaltung; ohne dieſe Pflege
würde die Kirche die durch die Reformation er⸗
rungenen Siegestrophäen wieder dahin geben und
ſich aufs neue in ein Pabſtthum verwandeln;
ſie würde ſich ſelbſt aufgeben, ihren Aufbau und
ihre Vertheidigung unterlaſſen und ſo zur Mör⸗
derin an ſich ſelbſt werden.
Nur noch auf Einen Punkt ſei mir vergönnt
hinzuweiſen: daß nemlich die Kirche eine Freun⸗
din und Pflegerin von Kunſt und Wiſſenſchaft ſei,
erfordert endlich auch die Aufgabe und der Beruf,
den ſie hat.
Sobald die großen Wahrheiten des Evange⸗
liums in der Seele eines Menſchen aufgenom⸗
men ſind, ſo bekommt der Menſch nicht nur einen
Sinn für das Geiſtliche, Göttliche, Himmliſche,
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Wie es aber eine natürliche Folge iſt des leben⸗irrte und unrichtige nachgewieſen werden kann, ſo
digen Glaubens an das Evangelium, daß ſich
vor den Augen des Gläubigen das Irdiſche, in⸗
ſofern es Gottes Creatur iſt, als Gotties Werk
verklärt, ſo iſt es auch der Beruf und die Auf⸗
gabe der Kirche, daß ſie das Werk Gottes in der
armen von der Sünde verderbten Welt anerkenne,
und an ihrem Theile mithelfe, daß die von Gott
in den Menſchen und in die Natur gelegten
Kräfte, Fähigkeiten und Gaben entwickelt, auch
die zeitliche allgemeine Wohlfahrt befördert, vor
Allem aber, daß Gott in ſeinen Werken erkannt
und geprieſen werde. Da nun aber die menſch⸗
lichen Wiſſenſchaften und Künſte auch gute Ga⸗
ben Gottes ſind, ſo haben nicht nur die Glieder
der Kirche auch daran ein herzliches Wohlgefal⸗
len, ſondern auch die Aufgabe und den Beruf,
ihre Pfleger zu ſein.
Möge denn auch das Haus, zu welchem wir
heute den Grundſtein legen wollen, ein obwohl
ſtummer, doch verſtändlicher Zeuge dafür werden
und bleiben: daß auch unſere evangeliſch⸗luthe⸗
riſche Kirche eine treue und aufrichtige Pflegerin
der Kunſt und Wiſſenſchaft ſei; möge beides hier
eine ungeſtörte, ſtille Stätte finden und als ein
Baum aufwachſen, der ſeine Krone nach dem
Himmel ſtreckt und ſeine Zweige zur Erde neigt;
deſſen Früchte Viele bier mit treuem Fleiß bei
Sonnen⸗ und Lampenlicht aufſammeln und dann
hinaustragen in die Welt. Möge aber auch hier
Kunſt und Wiſſenſchaft nie der Götze werden,
dem man Altäre bauet, ſondern allein das Mit⸗
tel, daß die Kirche auf dem Grunde der Apoſtel
und Propheten auch in dieſem Abendlande ge⸗
bauet, herrlich ausgeziert und tapfer und ſiegreich
vertheidigt, die wahre Aufklärung und Wohl—
faͤhrt der Welt befördert, vor Allem aber Gottes
Ehre verbreitet und ſein Name hoch gelobet und
geprieſen werde bis an das Ende der Tage.
Amen!
(Eingeſandt.)
Der Miſſionsbote.
Der Miſſionsbote“) erläßt in ſeiner 3. Num⸗
mer ein Sendſchreiben „an die lutheriſche Kirche
Nordamerika's“, worinn er ſeine „Ueberzeugung“
ausſpricht, die er „Kraft des Heiligen Geiſtes
erlangt“ hat. Er führt an, daß es ſein Vorſatz
geweſen ſei, ſich „nicht in die Confeſſionen zu
miſchen“, er ſei nun aber „dazu aufgefordert im
Lutheraner, durch die Miſſionare Auch und
Maier“. Eine ſolche „Aufforderung“ iſt nun
wohl im Lutheraner nicht aufzufinden, und es
dürfte dieſe Sache darum auch nicht weiter berück⸗
ſondern überhaupt für alles Schöne, Wahre und
Gute. Nicht nur das Reich der Gnade ſchließt
ſich einem ſolchen Menſchen auf, ſondern auch
das Reich der Natur. Er blickt nun die von Gott
in den Menſchen und andere Creaturen gelegten
Kräfte, Fähigkeiten und Gaben mit ganz anderen
Augen an, als vorher. Er bewundert ſie mit
darum gebeten hätte.
ſichtigt werden, wenn der Miſſionsbote nicht ſelbſt
Denn er ſagt: „Dieſes“
(ſeine kraft des Heiligen Geiſtes erlangte Ueber⸗
zeugung nemlich) „lege ich allen nachdenkenden
und aufrichtigen Brüdern, die es redlich mit der
Kirche und dem Reiche Gottes unter Juden, Tür⸗
ken und Heiden meinen, zum Nachdenken vor,
dem innigſten Wohlgefallen als herrliche Werke
und Schöpfungen Gottes und als Offenbarun⸗
gen ſeiner unendlichen Güte.
und wenn meine Ueberzeugung mir als eine ver⸗
*) Herausgegeben von P. Steiner, Maſſillon, Ohio.
helfet mir, nach der Ermahnung der Schrift, zu⸗
recht, mit ſanftmüthigem Geiſte, aber nicht mit
Schimpf⸗ und Schmähworten und mit poltern⸗
der Sprache laſſe ich mir Sand in die Augen ja⸗
gen, ſondern durch gründliche Beweiſe aus der
heiligen Schrift.“ — Weil nun der Miſſionsbote
gern eine Erwiederung haben möchte, ſo mögen
ihm dieſe Zeilen dazu dienen, in welchen er, wie
wir hoffen, weder Schimpf- und Schmähworte,
noch auch eine polternde Sprache finden wird,
die ſeinen Augen Sand einzujagen ſucht.
Es ſind nun faſt drei hundert Jahre her, als
ſich mehrere fromme Theologen zuſammen thaten,
um den Schaden, den der offenbare und verſteckte
Calvinismus in der lutheriſchen Kirche angerich⸗
tet hatte, unter Gottes Beiſtand, zu heilen, und
den Sauerteig falicher Lehre auszufegen. Ihr Be⸗
mühen wurde auch herrlich gekrönt; denn es war
im Namen Gottes unternommen worden und
hatte die Ehre Gottes und das Heil der Menſchen
zum Zweck. Und ſo kam im Mai des Jahres
1577 das herrliche Buch „die Eintrachtsformel“
zu Stande, das „Symbol der Theologen und
Gelehrten“. Das Buch, welches am „erwogen⸗
ſten und am gemeinſamſten abgefaßt iſt von allen
lutheriſchen Symbolen und die nothwendige Er⸗
gänzung der übrigen zu einem vollſtändigen Gan⸗
zen bildet“. Dieſes Buch, wie es die Ehre und
Freude iſt aller treuen lutheriſchen Chriſten, aller,
die von Herzen und ohne Falſch der Augsburgi⸗
ſchen Confeſſion zugethan ſind: ſo iſt es auch von
jeher der Zankapfel und Stein des Anſtoßes ge⸗
weſen für alle diejenigen, deren verſteckte falſche
Lehre darinn aufgedeckt und geſtraft wird. Und
wie in der erſten chriſtlichen Kirche auch die Ketzer
das Apoſtoliſche Symbolum ſich gefallen liepen,
hingegen aber das Symbolum Nieänum nicht ver⸗
tragen konnten, weil es ihre Irrlehre aufdeckte
und verwarf: ſo iſt es auch von jeher in der pro⸗
teſtantiſchen Kirche gegangen. Die Augsburgiſche
Confeſſion läßt man ſich wohl noch gefallen, weil
man ihre einfachen Worte ſich nach ſeinem Gefal⸗
len drehet und dann meint, ſie ſtimme mit der
eignen „Ueberzeugung“ überein; die Eintrachts⸗
formel bingegen kann man nicht ertragen, obgleich
ſie nichts ſein will und nichts iſt, als eine „gründ⸗
liche, lautere, richtige und endliche Wiederholung
und Erklärung etlicher Artikel Augsburgiſcher
Confeſſion“, weil nemlich die Eintrachtsformel
ſolcher Leute verſteckte Irrlehre aufdeckt, mit dem
Worte Gottes beleuchtet und verwirft. Und ſo
iſt in der ganzen Zeit ihres Beſtehens gar man⸗
cher Pfeil verſteckt und offenbar gegen ſie losge⸗
ſchoſſen worden, aber ſiehe da! noch hat man ihr
nicht nur keine Niederlage beibringen, ſondern
auch nicht einmal eine Blöße abgewinnen können.
Immer noch ſiebt ſie da nach allen Seiten gerüſtet,
das Schwert des Wortes Gottes in ihrer treuen
Hand, mit der ſie zu nichte gemacht hat, und wohl
auch ferner zu nichte machen wird Alle, die ſich
ihr kampfluſtig nahen. In Deutſchland, ihrem
Vaterlande, hat ſie ſich daher auch ſchon ſolchen
Reſpect erworben, daß man nicht mehr einen of⸗
fenen Kampf mit ihr wagen mag, nur ſie zuwei⸗
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