# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 11 08_S164 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) blinde Werkzeuge folgen. In der Kirche ſoll es keine geiſtliche Bevormundung geben; die Kennt⸗ niß der Geheimniſſe der Religion ſoll nicht das Monopol eines beſondern Standes, einer Prie⸗ ſterkaſte ſein. Jeder Chriſt ſoll das Urim und Thummim der Wahrheit als ein geiſtlicher Prieſter ſelbſt auf ſeiner Bruſt tragen. Der Laie ſoll da⸗ her ſelbſt in der Schrift forſchen, ſelbſt aus der Quelle ſchöpfen und aus eigner freier Ueber⸗ zeugung glauben, ohne auf Menſchenautorität zu bauen; er ſoll nicht, einer lebloſen Maſchine gleich, ſagen, wie jener Köhler: „Ich glaube, was die Kirche glaubt“, ohne den Glauben der Kirche erkannt, geprüft und erprobt zu haben. Der Laie ſoll ohne menſchliche, prieſterliche Ver⸗ mittelung ſeines Verhältniſſes zu Gott gewiß ſein und Rede und Antwort ſelbſt geben können wegen der Hoffnung, die in ihm iſt, ohne ſich auf die beſſere Einſicht ſeines Lehrers berufen zu müſſen. Ja, der Laie ſoll fähig ſein, und immer fähiger werden, die Lehre ſeines Lehrers zu beurtheilen, das Wahre von dem Irrthümlichen zu unterſchei⸗ den und ſo ſelbſt über ſeine Wächter zu wachen. Chriſten ſollen Kinder an der Bosheit, aber Männer am Verſtändniß ſein. Nur wenn die Kirche ſo geſtaltet iſt, hat ſie die Geſtalt, welche ihr ihr ewiger Stifter gegeben hat, welcher ſprach: „Einer iſt euer Meiſter, Chriſtus; ihr aber ſeid alle Brüder.“ Daher denn ſchon der Prophet von der Kirche des neuen Bundes geweiſſaget hat, „Keiner werde den andern lehren; ſondern ſie ſol⸗ len alle von Gott gelehrt ſein, beide klein und groß“. (Jer. 31, 34. Joh. 6, 45.) Unwiderleglich geht hieraus hervor, von wel⸗ chem hohen Intereſſe es für die Kirche iſt, daß ſie eine Pflegerin der Wiſſenſchaft und Bildung ſei in jeder Beziehung: es gebietet ihr das die heilige Pflicht der Selbſterhaltung; ohne dieſe Pflege würde die Kirche die durch die Reformation er⸗ rungenen Siegestrophäen wieder dahin geben und ſich aufs neue in ein Pabſtthum verwandeln; ſie würde ſich ſelbſt aufgeben, ihren Aufbau und ihre Vertheidigung unterlaſſen und ſo zur Mör⸗ derin an ſich ſelbſt werden. Nur noch auf Einen Punkt ſei mir vergönnt hinzuweiſen: daß nemlich die Kirche eine Freun⸗ din und Pflegerin von Kunſt und Wiſſenſchaft ſei, erfordert endlich auch die Aufgabe und der Beruf, den ſie hat. Sobald die großen Wahrheiten des Evange⸗ liums in der Seele eines Menſchen aufgenom⸗ men ſind, ſo bekommt der Menſch nicht nur einen Sinn für das Geiſtliche, Göttliche, Himmliſche, 163 Wie es aber eine natürliche Folge iſt des leben⸗irrte und unrichtige nachgewieſen werden kann, ſo digen Glaubens an das Evangelium, daß ſich vor den Augen des Gläubigen das Irdiſche, in⸗ ſofern es Gottes Creatur iſt, als Gotties Werk verklärt, ſo iſt es auch der Beruf und die Auf⸗ gabe der Kirche, daß ſie das Werk Gottes in der armen von der Sünde verderbten Welt anerkenne, und an ihrem Theile mithelfe, daß die von Gott in den Menſchen und in die Natur gelegten Kräfte, Fähigkeiten und Gaben entwickelt, auch die zeitliche allgemeine Wohlfahrt befördert, vor Allem aber, daß Gott in ſeinen Werken erkannt und geprieſen werde. Da nun aber die menſch⸗ lichen Wiſſenſchaften und Künſte auch gute Ga⸗ ben Gottes ſind, ſo haben nicht nur die Glieder der Kirche auch daran ein herzliches Wohlgefal⸗ len, ſondern auch die Aufgabe und den Beruf, ihre Pfleger zu ſein. Möge denn auch das Haus, zu welchem wir heute den Grundſtein legen wollen, ein obwohl ſtummer, doch verſtändlicher Zeuge dafür werden und bleiben: daß auch unſere evangeliſch⸗luthe⸗ riſche Kirche eine treue und aufrichtige Pflegerin der Kunſt und Wiſſenſchaft ſei; möge beides hier eine ungeſtörte, ſtille Stätte finden und als ein Baum aufwachſen, der ſeine Krone nach dem Himmel ſtreckt und ſeine Zweige zur Erde neigt; deſſen Früchte Viele bier mit treuem Fleiß bei Sonnen⸗ und Lampenlicht aufſammeln und dann hinaustragen in die Welt. Möge aber auch hier Kunſt und Wiſſenſchaft nie der Götze werden, dem man Altäre bauet, ſondern allein das Mit⸗ tel, daß die Kirche auf dem Grunde der Apoſtel und Propheten auch in dieſem Abendlande ge⸗ bauet, herrlich ausgeziert und tapfer und ſiegreich vertheidigt, die wahre Aufklärung und Wohl— faͤhrt der Welt befördert, vor Allem aber Gottes Ehre verbreitet und ſein Name hoch gelobet und geprieſen werde bis an das Ende der Tage. Amen! (Eingeſandt.) Der Miſſionsbote. Der Miſſionsbote“) erläßt in ſeiner 3. Num⸗ mer ein Sendſchreiben „an die lutheriſche Kirche Nordamerika's“, worinn er ſeine „Ueberzeugung“ ausſpricht, die er „Kraft des Heiligen Geiſtes erlangt“ hat. Er führt an, daß es ſein Vorſatz geweſen ſei, ſich „nicht in die Confeſſionen zu miſchen“, er ſei nun aber „dazu aufgefordert im Lutheraner, durch die Miſſionare Auch und Maier“. Eine ſolche „Aufforderung“ iſt nun wohl im Lutheraner nicht aufzufinden, und es dürfte dieſe Sache darum auch nicht weiter berück⸗ ſondern überhaupt für alles Schöne, Wahre und Gute. Nicht nur das Reich der Gnade ſchließt ſich einem ſolchen Menſchen auf, ſondern auch das Reich der Natur. Er blickt nun die von Gott in den Menſchen und andere Creaturen gelegten Kräfte, Fähigkeiten und Gaben mit ganz anderen Augen an, als vorher. Er bewundert ſie mit darum gebeten hätte. ſichtigt werden, wenn der Miſſionsbote nicht ſelbſt Denn er ſagt: „Dieſes“ (ſeine kraft des Heiligen Geiſtes erlangte Ueber⸗ zeugung nemlich) „lege ich allen nachdenkenden und aufrichtigen Brüdern, die es redlich mit der Kirche und dem Reiche Gottes unter Juden, Tür⸗ ken und Heiden meinen, zum Nachdenken vor, dem innigſten Wohlgefallen als herrliche Werke und Schöpfungen Gottes und als Offenbarun⸗ gen ſeiner unendlichen Güte. und wenn meine Ueberzeugung mir als eine ver⸗ *) Herausgegeben von P. Steiner, Maſſillon, Ohio. helfet mir, nach der Ermahnung der Schrift, zu⸗ recht, mit ſanftmüthigem Geiſte, aber nicht mit Schimpf⸗ und Schmähworten und mit poltern⸗ der Sprache laſſe ich mir Sand in die Augen ja⸗ gen, ſondern durch gründliche Beweiſe aus der heiligen Schrift.“ — Weil nun der Miſſionsbote gern eine Erwiederung haben möchte, ſo mögen ihm dieſe Zeilen dazu dienen, in welchen er, wie wir hoffen, weder Schimpf- und Schmähworte, noch auch eine polternde Sprache finden wird, die ſeinen Augen Sand einzujagen ſucht. Es ſind nun faſt drei hundert Jahre her, als ſich mehrere fromme Theologen zuſammen thaten, um den Schaden, den der offenbare und verſteckte Calvinismus in der lutheriſchen Kirche angerich⸗ tet hatte, unter Gottes Beiſtand, zu heilen, und den Sauerteig falicher Lehre auszufegen. Ihr Be⸗ mühen wurde auch herrlich gekrönt; denn es war im Namen Gottes unternommen worden und hatte die Ehre Gottes und das Heil der Menſchen zum Zweck. Und ſo kam im Mai des Jahres 1577 das herrliche Buch „die Eintrachtsformel“ zu Stande, das „Symbol der Theologen und Gelehrten“. Das Buch, welches am „erwogen⸗ ſten und am gemeinſamſten abgefaßt iſt von allen lutheriſchen Symbolen und die nothwendige Er⸗ gänzung der übrigen zu einem vollſtändigen Gan⸗ zen bildet“. Dieſes Buch, wie es die Ehre und Freude iſt aller treuen lutheriſchen Chriſten, aller, die von Herzen und ohne Falſch der Augsburgi⸗ ſchen Confeſſion zugethan ſind: ſo iſt es auch von jeher der Zankapfel und Stein des Anſtoßes ge⸗ weſen für alle diejenigen, deren verſteckte falſche Lehre darinn aufgedeckt und geſtraft wird. Und wie in der erſten chriſtlichen Kirche auch die Ketzer das Apoſtoliſche Symbolum ſich gefallen liepen, hingegen aber das Symbolum Nieänum nicht ver⸗ tragen konnten, weil es ihre Irrlehre aufdeckte und verwarf: ſo iſt es auch von jeher in der pro⸗ teſtantiſchen Kirche gegangen. Die Augsburgiſche Confeſſion läßt man ſich wohl noch gefallen, weil man ihre einfachen Worte ſich nach ſeinem Gefal⸗ len drehet und dann meint, ſie ſtimme mit der eignen „Ueberzeugung“ überein; die Eintrachts⸗ formel bingegen kann man nicht ertragen, obgleich ſie nichts ſein will und nichts iſt, als eine „gründ⸗ liche, lautere, richtige und endliche Wiederholung und Erklärung etlicher Artikel Augsburgiſcher Confeſſion“, weil nemlich die Eintrachtsformel ſolcher Leute verſteckte Irrlehre aufdeckt, mit dem Worte Gottes beleuchtet und verwirft. Und ſo iſt in der ganzen Zeit ihres Beſtehens gar man⸗ cher Pfeil verſteckt und offenbar gegen ſie losge⸗ ſchoſſen worden, aber ſiehe da! noch hat man ihr nicht nur keine Niederlage beibringen, ſondern auch nicht einmal eine Blöße abgewinnen können. Immer noch ſiebt ſie da nach allen Seiten gerüſtet, das Schwert des Wortes Gottes in ihrer treuen Hand, mit der ſie zu nichte gemacht hat, und wohl auch ferner zu nichte machen wird Alle, die ſich ihr kampfluſtig nahen. In Deutſchland, ihrem Vaterlande, hat ſie ſich daher auch ſchon ſolchen Reſpect erworben, daß man nicht mehr einen of⸗ fenen Kampf mit ihr wagen mag, nur ſie zuwei⸗