Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 21 › Seite 163
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-11-08, Seite 163
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Bekenntnisſchriften 2 · Wiſſenſchaft 5
Zuhörer zu erwecken, daß heute der Grund zu
einem Werke gelegt werde, auf welches Gott mit
Wohlgefallen herabſieht und wovon Kirche und
Staat und vor allem die deutſche proteſtantiſche
Bevölkerung unſeres Weſtens eine gute, wenn
auch noch ſo geringe Frucht noch für ſpäte Zeiten
ſich verſprechen dürfe.
Schicke ich mich nun an, die Löſung der mir
geſtellten Aufgabe zu verſuchen, nemlich den Be⸗
weis zu führen, daß die Kirche eine treue auf⸗
richtige Pflegerin der Kunſt und Wiſſenſchaft
immer geweſen ſei und ihrem Weſen und ihrem
Berufe nach immer ſein mußte, ſo verweiſe ich
vor allem auf die Geſchichte der Kirche; denn, auf
die Geſchichte derſelben verweiſend, kann ich ge⸗
troſt es ausſprechen: Die Kirche hat ihre Liebe
zu Kunſt und Wiſſenſchaft nicht nur im Munde
geführt, ſie hat dieſe Liebe auch allezeit bewie⸗
ſen und bethätigt.
Verſchaffte ſich die Kirche Eingang unter ſchon
gebildeten Völkern, wie u. a. die Griechen und
Römer waren, ſo unterdrückte ſie den bereits
im Volke lebenden Sinn für Wiſſenſchaft und
Kunſt nicht, ſondern heiligte ihn nur, gab ihm
eine höhere Richtung und eine göttliche Begeiſte⸗
rung. Die höheren Schulen, welche die Kirche
der erſten Jahrhunderte unter den Griechen und
Römern vorfand, nahm ſie in ſich auf und trieb
darin nicht nur die theologiſchen, ſondern auch
philoſophiſchen Disciplinen.“) Ja, die Kirche
war weit entfernt, in ſchwärmeriſcher Beſchränkt⸗
heit aus ihren Gelehrtenſchulen das Leſen der
claſſiſchen Schriftſteller des Heidenthums zu ver⸗
bannen; ſie beuutzte dieſe Meiſterwerke des Styls,
der Anlage und des Scharfſinnes vielmehr weis⸗
lich dazu, daraus ihre Studirenden Sprachkennt⸗
niß ſchöpfen und Urtheil und Geſchmack daran
ſich üben und bilden zu laſſen. Schon im zwei⸗
ten Jahrhundert finden wir daher im Schooße
der Gemeinde zu Alexandrien ein berühmtes Col⸗
legium, in welchem im Laufe der Zeiten die aus⸗
gezeichnetſten Gelehrten, unter andern ein Pan⸗
tänus, ein Clemens Alexandrinus, ein Origenes
u. a., namentlich mehrere zum Chriſtenthume be⸗
kehrte berühmte Philoſophen als Lehrer wirkten;
eine Anſtalt, welche neben anderen chriſtlichen
Akademien, wie der zu Cäſarea, bald alle hohen
Schulen der griechiſchen und römiſchen Welt⸗
weiſen weit hinter ſich ließ, ſo daß Kaiſer Julian,
der Abtrünnige, eiferſüchtig gegen die Fortſchritte
der Chriſten in gelehrter Bildung, den Chriſten
im vierten Jahrhundert unterſagte, die claſſiſchen
Schriftſteller des Alterthums in ihren Schulen
zu treiben. Doch größer noch war das Verdienſt,
welches ſich die Kirche durch die Anlegung von
ihren ſogenannten Katechetenſchulen innerhalb der
einzelnen Gemeinden erwarb, durch welche eine
höhere Erkenntniß Gemeingut auch des Volks
oder der Laien wurde. Während es unter den
gebildeten Heiden nur für Forſcher vom Fach
oder für die Jugend aus den höheren Ständen
Schulen gab, weckte erſt die Kirche das Bedürf—
*) Euſebius nennt inſonderheit Grammatik, Rhetorik,
Geometrie, Arithmetik (et. Lib. VI, c. 3. 18. VII, 32.).
— 16
niß von Volksſchulen, und ſo wuchſen denn die⸗
ſelben allein unter dem Schatten der Kirche und
des Evangeliums auf und zeichnen noch jetzt die
chriſtlichen Völker vor allen andern Völkern der
Erde aus.
Wie jedoch die Kirche die Wiſſenſchaft
heiligte und pflegte, ſo auch die Kun ſt. Neue
Felder eröffnete die Kirche u. a. der Rhetorik oder
Redekunſt durch das Predigtamt, welches nun in
jeder, auch der kleinſten, Gemeinde aufgerichtet
wurde und im Schwange ging; der Poeſie oder
Dichtkunſt durch die großen Thaten Gottes, die
ſie predigte; der Malerei und den plaſtiſchen
Künſten durch die großen Gegenſtände der heili⸗
gen Geſchichte und Offenbarung, die ſie denſelben
vorlegte; der Baukunſt durch die Gotteshäuſer,
deren ſie bedurfte; der Muſik durch die gemein⸗
ſamen Geſänge, die zu ihrem Gottesdienſte ge⸗
hörten. Kurz, es war kein Gebiet des menſch⸗
lichen Wiſſens und menſchlicher Kunſt, welchem
die Kirche und das Chriſtenthum nicht neues
Leben und Bewegung eingehaucht und in das ſie
nicht neue Gegenſtände zu einer heiligen Begei⸗
ſterung gebracht hätte.
Noch glänzender aber hat die Kirche erwieſen,
wie ſie eine Pflegerin der Bildung, Kunſt und
Wiſſenſchaft ſei, wenn ſie die Völker aufſuchte,
welche noch im Zuſtande der Rohheit ſich befan⸗
den. So oft die Kirche mit dem Evangelium in
der Hand in die unwirthbaren Wälder drang,
deren ungebildete, in ſinnloſen Götzendienſt ver⸗
ſunkene Bewohner in wilden Horden unſtät um⸗
herſtreiften, da lehrte die Kirche dieſelben nicht
nur den unſichtbaren Gott, ihren Schöpfer und
Erlöſer, kennen, ſondern kaum flatterte unter ihnen
das Panier des Kreuzes, ſo folgte ihm Pflug,
Spaten und Sichel; die dunklen Wälder lichte⸗
ten ſich, und in Kurzem war Cultur, Geſittung,
die Kunſt zu ſchreiben und zu leſen, und endlich
jegliche höhere Kunſt und Wiſſenſchaft in der
zum fruchtbaren, lachenden Gefilde umgeſchaffe⸗
nen, mit Dörfern und Städten beſäeten vorma⸗
ligen Wüſte heimiſch. Was würde das deutſche
Volk noch jetzt anders ſein, als das Volk der
Eingebornen Amerika's, hätte die Kirche nicht
unſere heidniſchen Urväter in ihren finſteren
Eichenwäldern und ſchauerlichen Jagdgründen
aufgeſucht?
Verfolgt man den Lauf des Stromes der Ge⸗
ſchichte der Kirche nur mit eilendem Blicke, ſo
ſieht man daher, wie mit dem Verfall der Kirche,
u. a. durch das Pabſtthum, auch Kunſt, und in⸗
ſonderheit die Wiſſenſchaft ſank. Was iſt das
von aller Welt ſo genannte „finſtere“ Mittel⸗
alter anderes, als das Zeitalter des tiefſten Ver⸗
falles der Kirche? Und die Werke der
Kunſt und Wiſſenſchaft, die auch in jener Zeit
hervorgebracht worden ſind, wo anders ſind auch
dieſe geboren worden, als in dem Schooße der in
Schutt begrabenen Kirche? Und als vor drei⸗
hundert Jahren die Kirche aus ihrem Grabe er⸗
ſtand und die Sonne des Evangeliums wieder
hellleuchtend über den Völkern aufging: ſiehe!
da entſtand auch mit ihr wieder die Kunſt und
die Wiſſenſchaft, und erſtieg endlich unter dem
Schirme der Reformation den Gipfel, auf wel⸗
chem ſie gegenwärtig ſteht.
Ihr daher, die ihr die Kirche als eine Feindin
ſelbſt wahres Lichtes, wahrer Aufklärung und
Bildung, wahrer Kunſt und Wiſſenſchaft dem
Volke ſo gerne darſtellet, um damit ihr himmli⸗
ſches Licht verdächtig zu machen, ihr werdet eure
Zwecke nicht eher vollſtändig erreichen, als bis ihr
die Schrift, die in das Buch der Geſchichie ein⸗
getragen iſt, ausgelöſcht habet. Denn da ſteht es
auf dem Blatte jedes Jahrhunderts in großen
Zügen geſchrieben: daß die Kirche durch die That
als eine Freundin und Pflegerin der Volksbil⸗
dung ſich erwieſen hat.
Doch alſo hat ſich die Kirche nicht nur erwie⸗
ſen, alſo muß ſie ſich nothwendig erweiſen; das
erfordert ihr eignes heiliges Intereſſe.
Die Kirche iſt, wie der größte Herold des Evan⸗
geliums unter den Heiden ſchreibt, gegründet auf
den Grund der Apoſtel und Propheten, da IEſus
Chriſtus der Eckſtein iſt, oder auf das Wort Got⸗
tes Alten und Neuen Teſtamentes. Dieſes Wort
iſt aber in gewiſſen heiligen Urkunden ſchriftlich
niedergelegt in Sprachen, welche ſchon ſeit langen
Jahrhunderten von keinem Volke der Erde ge⸗
ſprochen werden. Dies zeigt uns den erſten
Grund, warum es im Intereſſe der Kirche ſelbſt
liegt, daß Kunſt und Wiſſenſchaft gepflegt und
fortgepflanzt werde; denn verlöre die Kirche die
Kenntniß der alten Sprachen, die Kenntniß der
Geſchichte, die Kenntniß der Alterthümer, die
Kenntniß der Zeitrechnung und dergleichen: ſo
verlöre ſie zugleich das Verſtändniß der Schriften,
auf welche ſie ſich gründet. Mit vollem Rechte
ſchreibt daher der große Reformator der Kirche:
„So lieb uns das Evangelium iſt, ſo hart laßt
uns über den Sprachen halten.“ Hierzu kommt
nun noch, daß die chriſtliche Kirche achtzehn Jahr⸗
hunderte hindurch in Schriften der verſchiedenſten
Sprachen unermeßliche Schätze der Erkenntniß
und Erfahrung aufgeſpeichert hat, welche alle mit
der Wiſſenſchaft der Kirche der Gegenwart ver⸗
loren gehen würden.
Wie aber die Kirche der Wiſſenſchaften bedarf
zu ihrem Aufbau und Fortbau, ſo bedarf ſie der⸗
ſelben eben ſo ſehr zu ihrer Vertheidigung. Die
Wiſſenſchaft iſt von jeher eine furchtbare Waffe
in den Händen der Feinde geweſen, die Kirche zu
zerſtören; und ganz beſonders in unſeren Tagen
wird dieſe Waffe gegen die Kirche von den begab⸗
teſten und kenntnißreichſten ihrer Feinde geſchwun⸗
gen. Wehe daher der Kirche, wenn ſie ſäumig
ſein und den Feinden dieſe Waffe nicht aus den
Händen winden wollte! So würde ſie bald im⸗
mer neue Niederlagen, als Folgen ihrer eigenen
Schuld, beklagen müſſen.
Hiernach möchte es nun freilich ſcheinen, als
liege allein dies im Intereſſe der Kirche, daß
Wiſſenſchaft unter ihren Lehrern und Vorkämpfern
blühe; allein die Kirche ſoll nicht ein religiös⸗
despotiſcher Staat, nicht ein Pabſtthum, weder
im Großen noch im Kleinen, ſein. Die Lehrer
ſollen darin nicht über die Gewiſſen ihrer Zuhörer
herrſchen und die Zuhörer ihren Lehrern nicht als
English translation
Not yet translated.