Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 16 › Seite 124
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-04-02, Seite 124
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Bann 2 · Bann 3
wir nicht zu ſicher in der Sünden, vermeſſen,
rohe und verrucht blieben; den Löſeſchlüſſel, daß
wir nicht auch in Sünden verzweifeln müßten
und uns alſo auf der Mittelſtraße zwiſchen Ver⸗
meſſenheit und Verzagen in rechter Demuth und
Zuverſicht erhalten, auf daß wir ja auf allen
Seiten reichlich verſorget wären. Denn wer nicht
fſündigt (wer ſündigt aber nicht?), oder worin er
nicht ſündigt, der hat das gemeine Evangelium;
wer aber etwa ſündigt, der hät über das Evange⸗
lium auch die Schlüſſel. (Schrift von den Schlüſ⸗
ſeln. XIX., 1184. 85.)
Nothwendigkeit des Bannes.
19. Chriſtus hat der Kirche zween Schlüſſel
gegeben, einen, damit ſie binden, den andern, da⸗
mit ſie löſen ſoll, welche der Pabſt als der rechte
Widerchriſt zu Dietrichen gemacht und ſchändlich
mißbraucht hat, wie man erfahren hal. Nun
aber, weil uns Gott ſein Wort aus Gnaden
wiederum rein gegeben hat, ſollen wir ſie recht
gebrauchen und nicht alſo in Winkel werfen und
verroſten laſſen, wie bisher geſchehen iſt, ſondern
wieder ganghaftig machen, daß ſie können zu⸗
und aufſchließen, binden und löſen, binden die
Ruchloſen, Unbußfertigen, ſo in öffentlichen Sün⸗
den, beide, wider die erſte und andere Tafel der
zehen Gebote Gottes, liegen, geben andern Aer⸗
gerniß entweder mit falſcher Lehre oder böſem Le⸗
ben; und da ſie einſt und zwier vermahnt ſind.
und ſich nicht beſſern wollen, verachten alle Ver⸗
mahnung, ſo ſchließe man ihnen den Himmel zu,
halte ſie für Heiden, wie Chriſtus ernſtlich befieh⸗
let: gebet ſie dem Teufel, deß eigen ſie allbereit
ſind, allein daß man's öffentlich erklärt, damit man
ſich vor ihnen hüten könne, bis ſo lang ſie ſich er⸗
kennen und bekennen, ſie haben Gott greulich er⸗
zürnet und die Kirche geärgert, begehren Verge⸗
bung der Sünde; alsdann ſoll man ſie wieder
losſprechen und annehmen. Wie St. Paulus
lehret mit ſeinem Exempel zu Corinth. Dies
ſind die zween Schlüſſel, die Chriſtus ſeiner lie⸗
ben Braut, der Kirche, befohlen und vertrauet
hat, da er zu ſeinen Jüngern (an welcher Statt
jetzt alle rechtſchaffene fromme treue Pfarrherrn
und Prediger und Kirchendiener ſind) ſprach:
Wahrlich, ich ſage euch, was ihr auf Erden bin⸗
den werdet, ſoll auch im Himmel gebunden ſein;
und was ihr auf Erden löſen werdet, ſoll auch im
Himmel los ſein. Matth. 18, 18., Joh. 20, 23.;
betheuret ſolchen ernſten Befehl mit einem harten
Eide, daß gewiß ja ſein ſoll im Himmel, was alſo
gebunden und gelöſet wird hie auf Erden; ſetzt
aber zuvor den Bindeſchlüſſel und darnach den
Löſeſchlüſſel, denn, ſoll einer aufgelöſet werden, ſo
muß er zuvor gebunden ſein; wer nun nicht füh⸗
let, daß er gebunden ſei vom Teufel in ſeinen
Sünden, erkennet noch bekennet ſie nicht, ja, will
nicht unrecht gethan haben, meint, er ſei frei und
ledig: demſelben kann man den Löſeſchlüſſel nicht
mittheilen, ſondern muß ihn alſo laſſen bleiben
gebunden und Gottes Gericht befehlen, ihn für
einen Heiden und Unchriſten halten und gehen
laſſen in ſeinem Hochmuth und Stolz; das kann
ihm die Kirche nicht wehren, ob ſie es wohl ſtra⸗
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fen und die andern davor warnen ſoll. (XXICI.,
970. 71.
Leute, die ſich ſelbſt in den Bann thun.
20. Unſere Wucherer, Säufer, Schwelger,
Hurentreiber, Läſterer und Spötter dürfen wir
nicht in Bann thun, ſie thun ſich ſelbſt in Bann,
ja, ſind allbereit darinnen bis über die Ohren;
ſie verachten das Wort. Gottes, kommen in keine
Kirche, hören keine Predigten, gehen nicht zum
Sacrament. Nun wohlan, wollen ſie keine Chri⸗
ſten ſein, ſo ſeien ſie Heiden; immerhin, wer fragt
groß darnach? Wenn ſie den Pfarrherrn ihre
Güter und Einkommen nehmen und alles zu ſich
reißen, ſo ſoll ihnen der Pfarrherr auch keine Ab⸗
ſolution ſprechen, ihnen keine Sacramente reichen,
ſie ſollen zu keiner Taufe kommen, noch ſtehen, zu
keiner ehrlichen Hochzeit, auch zu keinem Begräb⸗
niß; ſollen ſich alſo halten, wie die Heiden unter
uns; das ſie auch gern thun. Und wenn ſie
ſterben wollen, ſoll kein Pfarrherr, kein Capellan
zu ihnen kommen, und wenn ſie geſtorben ſind,
ſoll ſie der Henker in die Schindergrube zur
Stadt hinaus ſchleifen, da ſoll kein Schüler, kein
Capellan zukommen; weil ſie wollen Heiden ſein,
wollen wir ſie auch als Heiden halten. (XXII.,
974. 75.)
Auflöſung des Bannes.
21. Alſo muß die chriſtliche Kirche auch thun,
wo ſie einen in den Bann thut und dem Teufel
gibt, wie St. Paulus den zu Corintho, 1 Cor.
5, 5., und ſagt ihm ab die Sacramente und alle
Gemeinſchaft, auf daß ſie ſeiner Sünde nicht
theilhaftig werde. Das iſt ja ein ſchrecklich Ur⸗
theil und greulicher Zorn, und doch nicht eines
Menſchen, ſondern Gottes Zorn; denn ſie wollte
viel lieber, daß ſich der Menſch bekehrte, und ihm
geholfen würde; wie ſie auch thut, wo er ſich be⸗
kehret; da nimmt ſie ihn auf als ihren lieben
Sohn und freuet ſich über ihn ſammt allen En⸗
geln, wie Chriſtus von dem verlornen Schaf und
verdorbenen Sohn ſagt, Luc. 15. (Kirchen⸗
poſtille, über das Evangelium des 6. Sonnt.
nach Trin.)
Warum iſt der Bann verfallen?
22. Jetzt zur Zeit ſind ihrer viel, die die Kir⸗
chendiener, Pfarrherrn und Prediger beſchuldigen,
als ſei der Bann (die Ausſchließung der offen⸗
baren Sünder aus der Kirchengemeinſchaft) durch
ihre Nachläſſigkeit gefallen. . .. Aber der Spruch
und Befehl Chriſti (Matth. 18.) zeigt klar, man
ſoll den Sünder inſonderheit und heimlich zuvor
vermahnen und warnen, ehe die, ſo im öffentlichen
Predigtamt ſind, den Sentenz (das Urtheil) fäl⸗
len; und auch alsdann ſoll ſolcher Sentenz nicht
eher öffentlich gefällt werden, es ſei denn, daß ein
öffentlicher Kirchendiener zuvor eine ernſtliche und
chriſtliche Bermahnung gethan habe. Verachtet
der Sünder dieſelbige, und fährt in Sünden fort,
will nicht aufhören, noch von Sünden ablaſſen,
alsdann ſoll man ihn öffentlich in Bann thun.
Was hindert denn jetzt in unſern Zeiten den
Bann? Nichts, denn daß niemand in dieſem
Stücke thut, was einem Chriſten gebührt und zu⸗
ſteht. Du haſt einen Nachbar, welches Leben und
Wandel dir wohl bewußt und bekannt iſt, deinem
Pfarrherrn aber iſt es entweder gar unbewußt,
oder je nicht ſo wohl bewußt; denn wie kann er
eines jeglichen Leben inſonderheit wiſſen, wie es
iſt? Darum, wenn du ſieheſt, daß dein Nachbar
durch unrechte Hantierung oder Handel reich
wird; ſieheſt, daß er Unzucht oder Ehebrecherei
treibet, oder ſein Geſinde unfleißig und nachläſſig
zeucht und regieret, ſo ſollſt du ihn erſtlich ver⸗
mahnen und chriſtlich verwarnen, daß er wollte
ſeiner Seligkeit wahrnehmen und Aergerniß mei⸗
den. Und o wie gar ein gut heilig Werk haſt dn
gethan, wenn du ihn alſo gewinneſt! Aber, Lieber,
wer thut es? Denn aufs erſte iſt die Wahr⸗
heit ein feindſelig Ding; wer die Wahrheit ſagt,
dem wird man gram. Darum wiltſt du lieber
deines Nachbarn Freundſchaft und Gunſt behal⸗
ten, ſonderlich wenn er reich und gewaltig iſt,
denn daß du ihn wolleſt erzürnen und dir zum
Feinde machen. Deßgleichen, wenn der andere,
dritte, vierte Nachbar auch alſo thut, ſo fället mit
der erſten Vermahnung auch die andere und
dritte in den Brunnen, dadurch der Nächſte hätte
können wieder auf den rechten Weg gebracht wer⸗
den, ſo du nur mit Vermahnen thäteſt, was du
pflichtig und ſchuldig biſt.
Zum andern geſchieht es auch darum, weil
wir ſchier alle dergleichen Laſtern unterworfen und
damit beſchmitzt ſind; ſo fürchten wir, wenn wir
das Stäublein aus des Nachbars Augen neh⸗
men wollten, man möchte uns vorwerfen und
ſagen von dem Balken, der in unſern Augen her⸗
vorſteckt. Dies iſt die rechte und fürnehmſte
Urſache, daß der Bann ſchier allenthalben gefallen
iſt, darum, daß der rechten Chriſten allenthalben
wenig, und gar ein kleines Häuflein von geringer
Anzahl iſt. Denn ſo wir allzumal, wie es wohl
recht und billig wäre, ja ſein ſollte, die rechte
Gottſeligkeit und Gottes Wort von Herzen lieb
hätten, ſo würden wir des HErrn Chriſti Befehl
größer und theurer achten, denn alle Güter dieſes
zeitlichen Lebens. Denn dies Gebot, den Bru⸗
der, der da ſündiget, zu vermahnen und zu war⸗
nen, iſt gleich ſo nöthig, als das: Du ſollſt nicht
tödten; du ſollſt nicht ſtehlen ꝛe. Sintemal all⸗
hie, ſo du dieſe Vermahnung entweder aus Furcht
oder um einer andern Urſache willen nachläſſeſt,
in Gefahr ſtehet nicht des Nächſten Leib und Gut,
ſondern ſeiner Seelen Seligkeit.“ (Luthers Werke.
Halle. IV. Seite 2404 bis 6.)
Ungerechter Bann.
23. Wenn ſie ſagen: Unſer Bann iſt zu fürch⸗
ten, er ſei recht oder unrecht; ſagen wir dagegen:
Ja, es iſt wahr; aber das iſt auch wahr, dein
unrechter Bann iſt niemand ſchädlich, denn dir
allein an Leib und Seele. (XIX., 1109.)
Unſchuldig Verbannte.
24. Der unrechte Bann iſt viel köſtlicher, denn
der rechte Bann oder die äußerliche Gemeinſchaft
(verlieren). Er iſt ein edles, großes Verdienſt
vor Gott, und ſelig, gebenedeiet iſt der, der in
unrechtem Bann ſtirbet. Denn um der Wahrheit
willen, ob der er wird verbannet, wird Gott ihn
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