# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 04 02_S124 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) wir nicht zu ſicher in der Sünden, vermeſſen, rohe und verrucht blieben; den Löſeſchlüſſel, daß wir nicht auch in Sünden verzweifeln müßten und uns alſo auf der Mittelſtraße zwiſchen Ver⸗ meſſenheit und Verzagen in rechter Demuth und Zuverſicht erhalten, auf daß wir ja auf allen Seiten reichlich verſorget wären. Denn wer nicht fſündigt (wer ſündigt aber nicht?), oder worin er nicht ſündigt, der hat das gemeine Evangelium; wer aber etwa ſündigt, der hät über das Evange⸗ lium auch die Schlüſſel. (Schrift von den Schlüſ⸗ ſeln. XIX., 1184. 85.) Nothwendigkeit des Bannes. 19. Chriſtus hat der Kirche zween Schlüſſel gegeben, einen, damit ſie binden, den andern, da⸗ mit ſie löſen ſoll, welche der Pabſt als der rechte Widerchriſt zu Dietrichen gemacht und ſchändlich mißbraucht hat, wie man erfahren hal. Nun aber, weil uns Gott ſein Wort aus Gnaden wiederum rein gegeben hat, ſollen wir ſie recht gebrauchen und nicht alſo in Winkel werfen und verroſten laſſen, wie bisher geſchehen iſt, ſondern wieder ganghaftig machen, daß ſie können zu⸗ und aufſchließen, binden und löſen, binden die Ruchloſen, Unbußfertigen, ſo in öffentlichen Sün⸗ den, beide, wider die erſte und andere Tafel der zehen Gebote Gottes, liegen, geben andern Aer⸗ gerniß entweder mit falſcher Lehre oder böſem Le⸗ ben; und da ſie einſt und zwier vermahnt ſind. und ſich nicht beſſern wollen, verachten alle Ver⸗ mahnung, ſo ſchließe man ihnen den Himmel zu, halte ſie für Heiden, wie Chriſtus ernſtlich befieh⸗ let: gebet ſie dem Teufel, deß eigen ſie allbereit ſind, allein daß man's öffentlich erklärt, damit man ſich vor ihnen hüten könne, bis ſo lang ſie ſich er⸗ kennen und bekennen, ſie haben Gott greulich er⸗ zürnet und die Kirche geärgert, begehren Verge⸗ bung der Sünde; alsdann ſoll man ſie wieder losſprechen und annehmen. Wie St. Paulus lehret mit ſeinem Exempel zu Corinth. Dies ſind die zween Schlüſſel, die Chriſtus ſeiner lie⸗ ben Braut, der Kirche, befohlen und vertrauet hat, da er zu ſeinen Jüngern (an welcher Statt jetzt alle rechtſchaffene fromme treue Pfarrherrn und Prediger und Kirchendiener ſind) ſprach: Wahrlich, ich ſage euch, was ihr auf Erden bin⸗ den werdet, ſoll auch im Himmel gebunden ſein; und was ihr auf Erden löſen werdet, ſoll auch im Himmel los ſein. Matth. 18, 18., Joh. 20, 23.; betheuret ſolchen ernſten Befehl mit einem harten Eide, daß gewiß ja ſein ſoll im Himmel, was alſo gebunden und gelöſet wird hie auf Erden; ſetzt aber zuvor den Bindeſchlüſſel und darnach den Löſeſchlüſſel, denn, ſoll einer aufgelöſet werden, ſo muß er zuvor gebunden ſein; wer nun nicht füh⸗ let, daß er gebunden ſei vom Teufel in ſeinen Sünden, erkennet noch bekennet ſie nicht, ja, will nicht unrecht gethan haben, meint, er ſei frei und ledig: demſelben kann man den Löſeſchlüſſel nicht mittheilen, ſondern muß ihn alſo laſſen bleiben gebunden und Gottes Gericht befehlen, ihn für einen Heiden und Unchriſten halten und gehen laſſen in ſeinem Hochmuth und Stolz; das kann ihm die Kirche nicht wehren, ob ſie es wohl ſtra⸗ 12³ fen und die andern davor warnen ſoll. (XXICI., 970. 71. Leute, die ſich ſelbſt in den Bann thun. 20. Unſere Wucherer, Säufer, Schwelger, Hurentreiber, Läſterer und Spötter dürfen wir nicht in Bann thun, ſie thun ſich ſelbſt in Bann, ja, ſind allbereit darinnen bis über die Ohren; ſie verachten das Wort. Gottes, kommen in keine Kirche, hören keine Predigten, gehen nicht zum Sacrament. Nun wohlan, wollen ſie keine Chri⸗ ſten ſein, ſo ſeien ſie Heiden; immerhin, wer fragt groß darnach? Wenn ſie den Pfarrherrn ihre Güter und Einkommen nehmen und alles zu ſich reißen, ſo ſoll ihnen der Pfarrherr auch keine Ab⸗ ſolution ſprechen, ihnen keine Sacramente reichen, ſie ſollen zu keiner Taufe kommen, noch ſtehen, zu keiner ehrlichen Hochzeit, auch zu keinem Begräb⸗ niß; ſollen ſich alſo halten, wie die Heiden unter uns; das ſie auch gern thun. Und wenn ſie ſterben wollen, ſoll kein Pfarrherr, kein Capellan zu ihnen kommen, und wenn ſie geſtorben ſind, ſoll ſie der Henker in die Schindergrube zur Stadt hinaus ſchleifen, da ſoll kein Schüler, kein Capellan zukommen; weil ſie wollen Heiden ſein, wollen wir ſie auch als Heiden halten. (XXII., 974. 75.) Auflöſung des Bannes. 21. Alſo muß die chriſtliche Kirche auch thun, wo ſie einen in den Bann thut und dem Teufel gibt, wie St. Paulus den zu Corintho, 1 Cor. 5, 5., und ſagt ihm ab die Sacramente und alle Gemeinſchaft, auf daß ſie ſeiner Sünde nicht theilhaftig werde. Das iſt ja ein ſchrecklich Ur⸗ theil und greulicher Zorn, und doch nicht eines Menſchen, ſondern Gottes Zorn; denn ſie wollte viel lieber, daß ſich der Menſch bekehrte, und ihm geholfen würde; wie ſie auch thut, wo er ſich be⸗ kehret; da nimmt ſie ihn auf als ihren lieben Sohn und freuet ſich über ihn ſammt allen En⸗ geln, wie Chriſtus von dem verlornen Schaf und verdorbenen Sohn ſagt, Luc. 15. (Kirchen⸗ poſtille, über das Evangelium des 6. Sonnt. nach Trin.) Warum iſt der Bann verfallen? 22. Jetzt zur Zeit ſind ihrer viel, die die Kir⸗ chendiener, Pfarrherrn und Prediger beſchuldigen, als ſei der Bann (die Ausſchließung der offen⸗ baren Sünder aus der Kirchengemeinſchaft) durch ihre Nachläſſigkeit gefallen. . .. Aber der Spruch und Befehl Chriſti (Matth. 18.) zeigt klar, man ſoll den Sünder inſonderheit und heimlich zuvor vermahnen und warnen, ehe die, ſo im öffentlichen Predigtamt ſind, den Sentenz (das Urtheil) fäl⸗ len; und auch alsdann ſoll ſolcher Sentenz nicht eher öffentlich gefällt werden, es ſei denn, daß ein öffentlicher Kirchendiener zuvor eine ernſtliche und chriſtliche Bermahnung gethan habe. Verachtet der Sünder dieſelbige, und fährt in Sünden fort, will nicht aufhören, noch von Sünden ablaſſen, alsdann ſoll man ihn öffentlich in Bann thun. Was hindert denn jetzt in unſern Zeiten den Bann? Nichts, denn daß niemand in dieſem Stücke thut, was einem Chriſten gebührt und zu⸗ ſteht. Du haſt einen Nachbar, welches Leben und Wandel dir wohl bewußt und bekannt iſt, deinem Pfarrherrn aber iſt es entweder gar unbewußt, oder je nicht ſo wohl bewußt; denn wie kann er eines jeglichen Leben inſonderheit wiſſen, wie es iſt? Darum, wenn du ſieheſt, daß dein Nachbar durch unrechte Hantierung oder Handel reich wird; ſieheſt, daß er Unzucht oder Ehebrecherei treibet, oder ſein Geſinde unfleißig und nachläſſig zeucht und regieret, ſo ſollſt du ihn erſtlich ver⸗ mahnen und chriſtlich verwarnen, daß er wollte ſeiner Seligkeit wahrnehmen und Aergerniß mei⸗ den. Und o wie gar ein gut heilig Werk haſt dn gethan, wenn du ihn alſo gewinneſt! Aber, Lieber, wer thut es? Denn aufs erſte iſt die Wahr⸗ heit ein feindſelig Ding; wer die Wahrheit ſagt, dem wird man gram. Darum wiltſt du lieber deines Nachbarn Freundſchaft und Gunſt behal⸗ ten, ſonderlich wenn er reich und gewaltig iſt, denn daß du ihn wolleſt erzürnen und dir zum Feinde machen. Deßgleichen, wenn der andere, dritte, vierte Nachbar auch alſo thut, ſo fället mit der erſten Vermahnung auch die andere und dritte in den Brunnen, dadurch der Nächſte hätte können wieder auf den rechten Weg gebracht wer⸗ den, ſo du nur mit Vermahnen thäteſt, was du pflichtig und ſchuldig biſt. Zum andern geſchieht es auch darum, weil wir ſchier alle dergleichen Laſtern unterworfen und damit beſchmitzt ſind; ſo fürchten wir, wenn wir das Stäublein aus des Nachbars Augen neh⸗ men wollten, man möchte uns vorwerfen und ſagen von dem Balken, der in unſern Augen her⸗ vorſteckt. Dies iſt die rechte und fürnehmſte Urſache, daß der Bann ſchier allenthalben gefallen iſt, darum, daß der rechten Chriſten allenthalben wenig, und gar ein kleines Häuflein von geringer Anzahl iſt. Denn ſo wir allzumal, wie es wohl recht und billig wäre, ja ſein ſollte, die rechte Gottſeligkeit und Gottes Wort von Herzen lieb hätten, ſo würden wir des HErrn Chriſti Befehl größer und theurer achten, denn alle Güter dieſes zeitlichen Lebens. Denn dies Gebot, den Bru⸗ der, der da ſündiget, zu vermahnen und zu war⸗ nen, iſt gleich ſo nöthig, als das: Du ſollſt nicht tödten; du ſollſt nicht ſtehlen ꝛe. Sintemal all⸗ hie, ſo du dieſe Vermahnung entweder aus Furcht oder um einer andern Urſache willen nachläſſeſt, in Gefahr ſtehet nicht des Nächſten Leib und Gut, ſondern ſeiner Seelen Seligkeit.“ (Luthers Werke. Halle. IV. Seite 2404 bis 6.) Ungerechter Bann. 23. Wenn ſie ſagen: Unſer Bann iſt zu fürch⸗ ten, er ſei recht oder unrecht; ſagen wir dagegen: Ja, es iſt wahr; aber das iſt auch wahr, dein unrechter Bann iſt niemand ſchädlich, denn dir allein an Leib und Seele. (XIX., 1109.) Unſchuldig Verbannte. 24. Der unrechte Bann iſt viel köſtlicher, denn der rechte Bann oder die äußerliche Gemeinſchaft (verlieren). Er iſt ein edles, großes Verdienſt vor Gott, und ſelig, gebenedeiet iſt der, der in unrechtem Bann ſtirbet. Denn um der Wahrheit willen, ob der er wird verbannet, wird Gott ihn