Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 16 › Seite 125
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-04-02, Seite 125
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krönen ewiglich. Hie muß er mit dem 109.
Pſalm, 28., ſingen: Fluchen ſie, ſo ſegne du.
Allein daß wir zuſehen, und die Gewalt nicht ver⸗
achten, ſondern unſre Unſchuld demüthig anzeigen;
wo das nicht hilft, ſo ſind wir los und entſchul⸗
diget vor Gott. Denn ſo wir ſchuldig ſind nach
dem Gebot Chriſti, Matth. 5, 25., unſerem Wi⸗
derſacher zu willfahren, wie viel mehr ſollen wir
der chriſtlichen Kirchen Gewalt zu willfahren, ſie
komme über uns mit Recht oder Unrecht, durch
würdige oder unwürdige Obrigkeit. Gleichwie
ein fromm Kind, ob es ſchon unverdienet von ſei⸗
ner Mutter geſtrafet wird, ſchadet ihm die un⸗
rechte Ruthe nicht, ja, durch ſolche ſeine Geduld
wird es der Mutter viel lieber und angenehmer;
wie viel mehr werden wir vor Gott lieb werden,
ſo wir unſerer geiſtlichen Mutter, der Kirchen,
unverdiente Strafe durch böſe Obrigkeit leiden.
Denn ſie bleibet Mutter, dieweil Chriſtus bleibet
und wandelt ſich nicht in eine Stiefmutter um
böſer Obrigkeit willen.“) (Sermon von der Kraft
des Bannes vom J. 1518. XIX., 1117. 18.)
Beiſpiel eines von Luther angedro⸗
heten Bannes.
25. Ein Bürger zu W. hatte ein Haus um
dreißig Gülden gekauft, da er's nun lange hat
inne gehabt und gebraucht und nichts Sonder⸗
liches drein verbauet, denn vier Stuben mit Lei⸗
men geklebet und getünchet, darnach wollte er's
wieder un 400 Gülden verkaufen; ſchlug dieſel⸗
ben vier Gemach an und machte die Rechnung,
da ſie würden vermiethet, könnte man zwanzig
Gülden daraus nehmen. Da ſagte Dr. Mar⸗
tinus: Will der Tropf einen faulen Balken und
gekleibte Dreckwand liegenden Gründen gleich
achten? will er ſo handeln, ſo werde ich ihn in
Bann thun und excommuniciren, daß er ſich der
Sacramente und des Chriſtenthums äußere und
enthalte. Und denke nur nicht, daß er in Him⸗
mel gehöret. Es wäre mehr, denn genug, wenn
er es um anderthalb hundert Gülden verkaufte.
Wir müſſen die Excommunication wieder auf⸗
richten. (Tiſchreden Lutheri. XXII., 955.
Der unſichtbare Bann.
26. Gleich aber wie dieſe äußerliche und ſicht⸗
bare Excommunication und Bann alleine die
angeht und wider die ſoll gebraucht werden, ſo in
öffentlichen Sünden leben und derſelben über⸗
weiſet und überzeuget werden, alſo iſt noch ein
anderer heimlicher und unſichtbarer Bann, der
nicht der Menſchen iſt, noch von Menſchen ge⸗
ſchieht, daß man's ſehen könne, ſondern iſt Gottes
ſelber und geſchieht von ihm allein. Denn Gott
richtet nicht allein nach den Werken, wie wir
Menſchen thun, ſondern ſiehet das Herz an und
richtet die Heuchler, welche die Kirche nicht richten
noch ſtrafen kann, nach dem gemeinen Spruch:
De occultis non judicat ecelesia: die Kirche
richtet nicht, was heimlich und verborgen iſt.
*) Luther redet hier natürlich von einem ungerechten
Bann, der von einer rechtgläubigen Gemeinde verhängt
wird; denn thuns die falſche Kirche zur Vertheidigung ihrer
falſchen Lehre, dann darf ſie nicht mehr als Mutter aner⸗
kannt werden.
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Aber nicht alle ſind mit öffentlichen Aergerniſſen
alſo groß beſchmitzt, daß man ſie einiger Miß⸗
handlung und Unthat öffentlich, wie recht, be⸗
zichtigen und beſchuldigen könne. Denn wiewohl
viel Geizhälſe, Hurer, Ehebrecher ꝛc. ſind, doch
gehen ſie ſo vorſichtig damit um, machen es ſo
heimlich, daß man es nicht wohl auf ſie bringen,
noch beweiſen kann, wie ſich's gebühret. Darum
ſind ſie mit in der Kirche, unter der chriſtlichen
Gemeinde, hören Predigt und Gottes Wort,
brauchen auch mit den anderen rechtſchaffenen
Chriſten der Sacramente, und ſind doch de facto
(mit der That) von Gott verbannet, weil ſie in
Sünden leben wider ihr Gewiſſen und beſſern
ſich nicht, nach dem Spruch St. Pauli, 1 Cor.
6, 9. 10.: „Die Hurer, Trunkenbolde und Ehe⸗
brecher ꝛc. werden Gottes Reich nicht ererben.“
Aber Gottes Gericht wird nicht ewig, für und
für bleiben, noch weit von ihnen ſein, daß es ſie
nicht treffe. Menſchen zwar betrügen ſie, aber
Gott können ſie nicht betrügen. Gal. 6, 7. Der⸗
ſelbige wird zwar am jüngſten Tag ſeine Engel
laſſen ſammeln alle Aergerniſſe und in den Feuer⸗
ofen werfen. Matth. 13, 41. Wer nun dieſes
heimlichen Bannes will los und ledig ſein, der
hüte ſich vor Sünden und thue Buße, d. i. beſſere
ſein Leben von Herzen, lebe ſtets in Gottesfurcht,
bete fleißig und gläube, daß ihm ſeine Sünden
um Chriſti willen aus Gnaden erlaſſen und ver⸗
geben ſeien. Dieß iſt der einzige Weg, daß man
dieſem heimlichen Bann Gottes entfliehen kann.
Wirſt du aber in Sünden fortfahren, und dich
dieſes als eines Privilegii und Freiheit freuen,
tröſten und damit behelfen wollen, daß du mit
anderen deſto ſicherer und freier ſündigen mögeſt,
ſo wirſt du nichts anderes thun, denn daß du dich
ſelber betreugſt, und ein härter und ernſter Urtheil
wider dich reizeſt und verurſacheſt. Denn ob⸗
wohl der äußerliche Bann, was das Ende und
den Effect oder die Wirkung belanget, dem heim⸗
lichen und verborgenen Bann gleich iſt (denn
Gott hält im Himmel drüber und beſtätiget ihn),
doch ſollte uns der äußerliche und öffentliche Bann
darum deſto lieber ſein, daß er iſt gleich als eine
Arznei, dadurch wir zur Buße berufen werden.
Aber der heimliche und verborgene Bann, weil er
eine Weile und (wie man ſagt) einer Galgenfriſt
lang nicht gefühlet wird, ſtärket und mehret die
Sicherheit. (XXII., 967—69.)
*
(Eingeſandt.)
An meinen pennſylvaniſchen Vetter.
Lieber Chriſtian!
Seit längerer Zeit wird mir der „Jugend⸗
freund“ zugeſandt, ein Blatt, das von S. K.
Brobſt in Allentown, Pennſylvanien, heraus⸗
gegeben wird. Du ſchreibſt mir, dasſelbe gelte in
Pennſylvanien für etwas ganz Ausgezeichnetes
und werde auch von den dortigen Gelehrten ſehr
gelobt. Das mag wohl ſein. Wie ich ſehe,
fließt es ſogar ſelbſt von ſeinem eigenen Lobe be⸗
ſtändig über. So läßt es ſich Band 3, Nro. 6,
von einem evangeliſch-lutheriſchen Prediger ſagen:
„Du biſt deinem Alter nach noch ein Kind, aber
ſchon ſtark wie ein Mann, ſagſt du einem Jeden
die Wahrheit ſo dreiſt in's Geſicht. Ja, ich kann
mich oft, wenn ich dich leſe, nicht enthalten, vor
Freuden den Kopf zu ſchütteln und zu lächeln
und muß auch oft unwillkürlich ſagen: es iſt
doch gut!“ denn du hältſt mir, und ich hoffe, auch
allen, die dich leſen, oft ſo vortreffliche Predigten,
und ſagſt es nach altem deutſchen Zeugenmuth
ohne die neue Mode ſo unumwunden, und in
einer ſo populären Sprache, daß faſt jedes Kind
dich verſtehen kann“ u. ſ. w. B. 1, Nro. S. er⸗
klärt ſich Herr Brobſt auch ſelbſt darüber, warum
er gerade beſonders befähigt ſei, ein ſo köſtliches
Blatt zu liefern: „Hier in Allentown athmen
wir reine Luft, genießen geſundes Obſt, eſſen
gutes Fleiſch und Brod, trinken friſches
Waſſer, leſen oft in der Bibel und gehen fleißig
in die Kirche; daher ſcheint es uns, die Zeitungs⸗
ſchreiber und Zeitungsdrucker in Allentown könn⸗
ten ein ebenſo gutes Blatt liefern, als in den
großen Städten.“ Das Allentowner Obſt wird
bald berühmt werden. Wer früher ein tüchtiger
Zeitungsſchreiber werden wollte, der bedurfte län⸗
gerer Studien, um ſich die nöthigen Kenntmiſſe
zu erwerben. Das iſt nun nach Herrn Brobſt
nicht mehr nöthig. Er darf ſich nur einige
Bushel geſunde Allentowner Backbirnen anſchaf⸗
fen, ſo kaun er ſchon ein gutes Blatt ſchreiben.
Du ehlrliche Seele meinſt, daß der „Jugend⸗
freund“ ein chriſtliches Blatt ſein müſſe, könnteſt
du ſchon aus dem Titel ſchließen, denn darauf
ſtehe ein Bildchen, ein Buch mit der Ueberſchrift:
„Holy Bible“, und darunter die Worte unſeres
Heilandes: „Weide meine Lämmer.“ Aber du
weißt doch, lieber Chriſtian, es iſt nicht alles Gold,
was glänzt, und mit Speck fängt man Mäuſe.
Der „Jugendfreund“ benutzt dieſen frommen Aus⸗
hängeſchild und die ſchönen Worte des HErrn
dazu, um einfältige Leute anzulocken und zu be⸗
trügen. Wenn du mich nach meinem Urtheile
über den „Jugendfreund“ fragſt, ſo bekenne ich
dir, der „Jugendfreund“ mag ſein, was er will,
aber ein chriſtliches Blatt iſt er nicht. Das kann
ich dir leider nur zu deutlich beweiſen. Wäre der
„Jugendfreund“ nur in ſittlicher Beziehung rein,
ſo wollte ich mit ſeinen übrigen zahlreichen Ge⸗
brechen gerne Geduld haben, ſo mit ſeinen Sprach⸗
fehlern. B. 3, Nro. 7. heißt es: Sie war immer
ſo gut zu mir, ſtatt: gegen mich; ferner: Unter
den Indianern hat es auch Odd Fellows, ſlaatt:
gibt es. Zuweilen kommen auch völlig undeutſche
Sachen vor, z. B. heißt es B. 3, Nro. 6. in
einem Liede:
Da Joſeph ſein' Brüder anſah
In Hungersnoth ſtehen allhier;
Sein Herz mit Erbarmen war da:
Er fühlte, er weinte für ſie, u. ſ. w.
Da Herr Brobſt offenbar zu den Gebildeten
gehören will, ſo ſollte er ſich in ſeinem „Jugend⸗
freunde“ der reinſten deutſchen Sprache befleißigen
und ſich aller bloß pennſplvaniſchen Redensarten,
ſo wie aller Anglicismen ſorgfältig enthalten. —
Gewiß wirſt du einem Dichter im Ausdrucke alle
Freiheit gewähren, allein dies iſt doch nicht zu
verſtehen, als ob ein Dichter das Recht hätte, uns
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