Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 12 › Seite 90
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-02-05, Seite 90
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Gemeindeglied 5
Falſchen unterſcheiden lernen, ſo muß man nicht
bloß ſolche hören, die einerlei Anſicht ſind, ſondern
wenn man Prediger verſchiedener Glaubensmei⸗
nungen hört, ſo kann man am beſten das Wahre
herausfinden.
Gotth. Und dieſe verſchiedenen Prediger
und Secten mit ihren verſchiedenen Glaubens⸗
meinungen werden dich am Ende ſo verwirrt
machen, daß du den Glauben gar darüber ver⸗
lierſt, wenn dich Gott nicht aus beſonderer Barm⸗
herzigkeit bewahrt.
Gebh. Ach Gott! wer mag doch in dieſer
jammerwollen, zerriſſenen Zeit errettet und ſelig
werden; man weiß gar nicht mehr, woran man
ſich halten ſoll.
Gotth. An nichts, als an das ewige feſte,
unüberwindliche Wort Gottes. Das iſt der helle
Stern und das klare Licht, das uns nicht irren
läßt, das iſt die untrügliche und unwandelbare
Richtſchnur, darnach wir alles prüfen und richten
können.
Gebh. Aber haben nicht auch die Secten dieſe
Richtſchnur, behaupten ſie nicht auch nach dieſer
Richtſchnur zu glauben und zu leben? und doch
glauben ſie anders als wir; das bringt einen
manchmal in Zweifel, ob man in allen Fällen ge⸗
wiß entſcheiden könne, welches die rechte Lehre des
göttlichen Wortes ſei.
Gotth. Dieſer Zweifel wird durch das Bei⸗
ſpiel der edlen Bervenſer widerlegt (Apg. 17, 11.);
dieſe nahmen die heilige Schrift zu ihrer Richt⸗
ſchnur und prüften darnach die Lehre des Apoſtels
Paulus. Gelang es nun dieſen, dadurch zur un⸗
umſtößlichen Glaubensgewißheit zu kommen,
warum ſollte es nicht einem jeden redlichen Chri⸗
ſten gelingen? Wenn man es nur auch ſo machte
wie ſie, Gott ernſilich um Erleuchtung ſeines Hei⸗
ligen Geiſtes bäte, bußfertig von ſeinen Sünden
ließe und ſein Leben nach Goites Wort anſtellte,
ſo würde es nicht lange Zeit bedürfen, um zu einer
feſten gewiſſen Ueberzeugung der ſeligmachenden
Wahrheit zu kommen. Aber daran fehlt es bei den
Meiſten; ſie hören wohl mitunter eine Predigt,
empfangen einige Eindrücke, loben dieſelbe; aber
weiter kommt's nicht. So wird denn auch nimmer
ein feſter Glaubensgrund im Herzen gelegt, es
läßt ſich wägen und wiegen von jeglichem Wind
der Lehre und hängt ganz von augenblicklichen
Eindrücken ab. Da kann's ja wohl ſein, daß ein⸗
mal eine nervenerſchütternde Methodiſtenpredigt
einen ſtärkern Eindruck auf ein ſolches ungewiſſes
Herz macht, als eine glaubensgeſunde lutheriſche
Predigt, und der nächſte Gedanke iſt, ob man nicht
lieber zu den Methodiſten gehen ſollte. Geht es
dir nun etwa auch ſo, ſo rathe ich dir, doch einmal
recht nüchtern zu werden, und dein Herz zu grün⸗
den auf die ungefälſchte Lehre des göttlichen Wor⸗
tes, wie du ſie ganz einfach, klar und gründlich
findeſt in unſerer unübertrefflichen Augsburgiſchen
Coufeſſion und in dem Katechismus Luthers.
Den ſtudire und verwandle in Saft und Blut,
und du wirſt dich bald des Hin- und Herlaufens
ſchämen, und keine andere Speiſe mehr begehren,
als die kerngeſunde Nahrung, die dir unſere Kirche
darreicht.
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Gebh. Nun, die Augsburgiſche Confeſſion
und Luthers Katechismus iſt ja das Grundbe⸗
kenntniß unſres Glaubens; ich habe noch nie
daran gezweifelt, daß die darin enthaltene Lehre
die rechte reine Lehre des göttlichen Wortes ſei.
Gotth. Und doch kannſt du noch anſtehen,
dich einer Kirche anzuſchließen, die dieſes Grund⸗
bekenntniß hat? Es ſcheint faſt, als wäreſt du mit
dir ſelbſt in Widerſpruch.
Gebh. Ich wüßte nicht, warum?
Gotth. Du bekennſt dich, ſo wie du dich jetzt
erklärt haſt, zu der Lehre und zu dem Glauben
unſrer Kirche, aber dieſes Bekenntniß verleugneſt
du wieder durch die That, indem du dich der
Kirche nicht anſchließen willſt, deren Glauben du
bekenneſt.
Gebh. Was hat denn das Bekenntniß des
Glaubens zu thun mit dem Anſchluß an die
Kirche?
Gotth. Du kannſt ja deinen Glauben nicht
anders öffentlich bekennen, als wenn du dich der
Kirche gliedlich anſchließeſt, deren Glauben du
bekennſt. Wer will denn ſonſt wiſſen, was du
für einen Glauben haſt, wenn du dich keiner
Kirche anſchließeſt. Es trifft dich dann der ge⸗
gründete Verdacht, daß du nichts glaubſt. Schon
die in Gottes Wort gebotene Pflicht des Bekennt⸗
niſſes macht dir den Anſchluß an die Kirche zur
unerläßlichen Gewiſſenspflicht.
Gebh. In dem Stücke gebe ich dir Recht,
aber doch ſehe ich nicht ein, warum ich ſchlechter⸗
dings in äußerliche, gliedliche Gemeinſchaft mit
einer Gemeinde treten müſſe. Um ein Glied am
Leibe Chriſti zu ſein, gehört ja nichts als der le⸗
bendige Glaube an ihn. Wenn's der äußere
Kirchenverband thun ſollte, dann müßten auch
die Heuchler und Maulchriſten Glieder des
Leibes Chriſii und ſeiner heiligen Kirche ſein,
denn deren gibt's genug in jedem äußeren Kir⸗
chenverband.
Gotth. Du haſt vollkommen Recht, daß uns
nur der Glaube zu einem lebendigen Glied des
geiſtlichen Leibes Chriſti macht; aber ſage mir
doch, ob der Leib Chriſti nur ein Glied hat oder
viele? und ob dieſe Glieder außer aller Verbin⸗
dung mit einander ſtehen?
Gebh. Ein Leib, der nicht viele Glieder hat,
iſt kein Leib, und wo zwiſchen den Gliedern keine
Gemeinſchaft und lebendiges Zuſammenwirken
mehr ſtattfindet, da iſt's ein todter Leib.
Gotth. Nun ſiehe, jetzt fange ich dich in dei⸗
nen eigenen Worten. Du mußt geſtehen, daß an
einem lebendigen Leibe kein Glied ſein kann, das
nicht mit den andern verkehre und zuſammenwirke;
und behaupteſt doch, man könne ein Glied am
geiſtlichen Leibe Chriſti ſein, ohne mit den andern
Gliedern in Gemeinſchaft zu ſtehen!
Gebh. Kann ich denn nicht auch mit ſolchen
Gliedern des Leibes Chriſti in Gemeinſchaft des
Glaubens ſtehen, die ich gar nicht kenne? ja mit
allen wahren Chriſten, ſo viel ihrer weit und breit
auf der ganzen Erde wohnen?
Gotth. Allerdings. Aber wie erweiſeſt du
denn die Gemeinſchaft des Glaubens gegen die
Chriſten, die du kenneſt? mit denen du an einem
Ort zuſammen wohneſt, und mit denen du in einer
Kirche Gottes Wort hörſt?
Gebh. Gegen dieſe erweiſe ich ſie eben da⸗
durch, daß ich mit ihnen gemeinſchaftlich Gottes
Wort höre, zum Sacrament gehe, bete und einem
jeden diene mit den Gaben, die mir Gott gegeben
hat; wie ja der Apoſtel Paulus ſagt: „Alſo ſind
wir viele ein Leib in Chriſto, aber unter einander
iſt einer des andern Glied, und haben mancherlei
Gaben, nach der Gnade, die uns gegeben iſt.“
Röm. 12, 5. 6.
Gotth. Vortrefflich! Du weißt es recht gut,
und willſt doch nicht die Anwendung davon ma⸗
chen. Nun bedenke einmal, wo Predigt und
Sacrament bliebe, wenn nicht die Chriſten zu einer
ordentlichen Gemeinde zuſammentreten und das
Predigtamt unter ſich aufrichten wollten. Denn
Gott ſendet ja die Prediger nicht unmittelbar vom
Himmel herab, ſondern beruft ſie durch Menſchen.
Einer allein kann das Predigtamt nicht aufrichten,
ſondern dazu gehören mehrere Chriſten, die ge⸗
meinſchaftlich nach Gottes Ordnung einen Predi⸗
ger berufen und unterhalten; und wo darnach
durch die Predigt ein Sünder zu Chriſto bekehrt
wird, da fällt auch ihnen ein Segen davon zu.
Deinethalben aber, wenn du denkſt, es ſei genug,
daß du durch den Glauben ein Glied am Leibe
Chriſti ſeiſt, und brauchteſt dich an keine Ge⸗
meinde äußerlich anzuſchließen, könnte immerhin
die Kirche verfallen, die öffentliche Predigt gar
einſchlafen, kein verlorner Sünder mehr zum Ge⸗
nuß des Heils gelangen. Aller dieſer erſchreck⸗
liche Schaden läge mit auf deinem Gewiſſen;
und du wollteſt doch noch fröhlich und ſicher ſein
und dich tröſten, du ſeieſt ein lebendig Glied des
Leibes Chriſti?
Gott gebe es! aber ich fürchte, ich fürchte —.
Bedenke, was St. Paulus ſagt zu den Epheſern
4, 15.: „Laſſet uns aber rechtſchaffen ſein in der
Liebe, und wachſen in allen Stücken an dem, der
das Haupt iſt, Chriſtus; aus welchem der ganze
Leib zuſammengefüget und ein Glied am andern
hanget, durch alle Gelenke; dadurch eins dem
andern Handreichung thut nach dem Werk eines
jeglichen Gliedes in ſeiner Maße; und machet,
daß der Leib wächſet zu ſeiner ſelbſt Beſſerung;
und das alles in der Liebe.“
Gebh. Du beſchwereſt die Gewiſſen allzu⸗
ſehr. Ich habe noch nie ſo weit gedacht, daß ich
damit die Kirche zerſtöre und Andere an Erlan⸗
gung der Seligkeit hindere, wenn ich mich für
mich allein halte, ohne mich an eine Gemeinde
anzuſchließen.
Gotth. Eben hinter dieſem „ſich allein Hal⸗
ten“ ſteckt die greuliche Selbſtſucht, daß man mehr
auf das Seine ſieht, als auf das, was des Näch⸗
ſten iſt. Wollte Gott! dein Gewiſſen würde recht
beſchwert; denn es iſt wahrlich keine geringe
Sünde. Stelle dir nur vor, was daraus werden
ſollte, wenn ein jeder ſo dächte, wie du; ob dann
nicht nothwendig die öffentliche Verkündigung
des Wortes ganz einginge, und damit auch der
Glaube ganz verlöſchte. Wir ſehen's leider in
der Erfahrung. Wie viele große Anſiedelungen
von deutſchen Leuten gibt es hin und wieder im
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