# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 02 05_S90 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Falſchen unterſcheiden lernen, ſo muß man nicht bloß ſolche hören, die einerlei Anſicht ſind, ſondern wenn man Prediger verſchiedener Glaubensmei⸗ nungen hört, ſo kann man am beſten das Wahre herausfinden. Gotth. Und dieſe verſchiedenen Prediger und Secten mit ihren verſchiedenen Glaubens⸗ meinungen werden dich am Ende ſo verwirrt machen, daß du den Glauben gar darüber ver⸗ lierſt, wenn dich Gott nicht aus beſonderer Barm⸗ herzigkeit bewahrt. Gebh. Ach Gott! wer mag doch in dieſer jammerwollen, zerriſſenen Zeit errettet und ſelig werden; man weiß gar nicht mehr, woran man ſich halten ſoll. Gotth. An nichts, als an das ewige feſte, unüberwindliche Wort Gottes. Das iſt der helle Stern und das klare Licht, das uns nicht irren läßt, das iſt die untrügliche und unwandelbare Richtſchnur, darnach wir alles prüfen und richten können. Gebh. Aber haben nicht auch die Secten dieſe Richtſchnur, behaupten ſie nicht auch nach dieſer Richtſchnur zu glauben und zu leben? und doch glauben ſie anders als wir; das bringt einen manchmal in Zweifel, ob man in allen Fällen ge⸗ wiß entſcheiden könne, welches die rechte Lehre des göttlichen Wortes ſei. Gotth. Dieſer Zweifel wird durch das Bei⸗ ſpiel der edlen Bervenſer widerlegt (Apg. 17, 11.); dieſe nahmen die heilige Schrift zu ihrer Richt⸗ ſchnur und prüften darnach die Lehre des Apoſtels Paulus. Gelang es nun dieſen, dadurch zur un⸗ umſtößlichen Glaubensgewißheit zu kommen, warum ſollte es nicht einem jeden redlichen Chri⸗ ſten gelingen? Wenn man es nur auch ſo machte wie ſie, Gott ernſilich um Erleuchtung ſeines Hei⸗ ligen Geiſtes bäte, bußfertig von ſeinen Sünden ließe und ſein Leben nach Goites Wort anſtellte, ſo würde es nicht lange Zeit bedürfen, um zu einer feſten gewiſſen Ueberzeugung der ſeligmachenden Wahrheit zu kommen. Aber daran fehlt es bei den Meiſten; ſie hören wohl mitunter eine Predigt, empfangen einige Eindrücke, loben dieſelbe; aber weiter kommt's nicht. So wird denn auch nimmer ein feſter Glaubensgrund im Herzen gelegt, es läßt ſich wägen und wiegen von jeglichem Wind der Lehre und hängt ganz von augenblicklichen Eindrücken ab. Da kann's ja wohl ſein, daß ein⸗ mal eine nervenerſchütternde Methodiſtenpredigt einen ſtärkern Eindruck auf ein ſolches ungewiſſes Herz macht, als eine glaubensgeſunde lutheriſche Predigt, und der nächſte Gedanke iſt, ob man nicht lieber zu den Methodiſten gehen ſollte. Geht es dir nun etwa auch ſo, ſo rathe ich dir, doch einmal recht nüchtern zu werden, und dein Herz zu grün⸗ den auf die ungefälſchte Lehre des göttlichen Wor⸗ tes, wie du ſie ganz einfach, klar und gründlich findeſt in unſerer unübertrefflichen Augsburgiſchen Coufeſſion und in dem Katechismus Luthers. Den ſtudire und verwandle in Saft und Blut, und du wirſt dich bald des Hin- und Herlaufens ſchämen, und keine andere Speiſe mehr begehren, als die kerngeſunde Nahrung, die dir unſere Kirche darreicht. 90 Gebh. Nun, die Augsburgiſche Confeſſion und Luthers Katechismus iſt ja das Grundbe⸗ kenntniß unſres Glaubens; ich habe noch nie daran gezweifelt, daß die darin enthaltene Lehre die rechte reine Lehre des göttlichen Wortes ſei. Gotth. Und doch kannſt du noch anſtehen, dich einer Kirche anzuſchließen, die dieſes Grund⸗ bekenntniß hat? Es ſcheint faſt, als wäreſt du mit dir ſelbſt in Widerſpruch. Gebh. Ich wüßte nicht, warum? Gotth. Du bekennſt dich, ſo wie du dich jetzt erklärt haſt, zu der Lehre und zu dem Glauben unſrer Kirche, aber dieſes Bekenntniß verleugneſt du wieder durch die That, indem du dich der Kirche nicht anſchließen willſt, deren Glauben du bekenneſt. Gebh. Was hat denn das Bekenntniß des Glaubens zu thun mit dem Anſchluß an die Kirche? Gotth. Du kannſt ja deinen Glauben nicht anders öffentlich bekennen, als wenn du dich der Kirche gliedlich anſchließeſt, deren Glauben du bekennſt. Wer will denn ſonſt wiſſen, was du für einen Glauben haſt, wenn du dich keiner Kirche anſchließeſt. Es trifft dich dann der ge⸗ gründete Verdacht, daß du nichts glaubſt. Schon die in Gottes Wort gebotene Pflicht des Bekennt⸗ niſſes macht dir den Anſchluß an die Kirche zur unerläßlichen Gewiſſenspflicht. Gebh. In dem Stücke gebe ich dir Recht, aber doch ſehe ich nicht ein, warum ich ſchlechter⸗ dings in äußerliche, gliedliche Gemeinſchaft mit einer Gemeinde treten müſſe. Um ein Glied am Leibe Chriſti zu ſein, gehört ja nichts als der le⸗ bendige Glaube an ihn. Wenn's der äußere Kirchenverband thun ſollte, dann müßten auch die Heuchler und Maulchriſten Glieder des Leibes Chriſii und ſeiner heiligen Kirche ſein, denn deren gibt's genug in jedem äußeren Kir⸗ chenverband. Gotth. Du haſt vollkommen Recht, daß uns nur der Glaube zu einem lebendigen Glied des geiſtlichen Leibes Chriſti macht; aber ſage mir doch, ob der Leib Chriſti nur ein Glied hat oder viele? und ob dieſe Glieder außer aller Verbin⸗ dung mit einander ſtehen? Gebh. Ein Leib, der nicht viele Glieder hat, iſt kein Leib, und wo zwiſchen den Gliedern keine Gemeinſchaft und lebendiges Zuſammenwirken mehr ſtattfindet, da iſt's ein todter Leib. Gotth. Nun ſiehe, jetzt fange ich dich in dei⸗ nen eigenen Worten. Du mußt geſtehen, daß an einem lebendigen Leibe kein Glied ſein kann, das nicht mit den andern verkehre und zuſammenwirke; und behaupteſt doch, man könne ein Glied am geiſtlichen Leibe Chriſti ſein, ohne mit den andern Gliedern in Gemeinſchaft zu ſtehen! Gebh. Kann ich denn nicht auch mit ſolchen Gliedern des Leibes Chriſti in Gemeinſchaft des Glaubens ſtehen, die ich gar nicht kenne? ja mit allen wahren Chriſten, ſo viel ihrer weit und breit auf der ganzen Erde wohnen? Gotth. Allerdings. Aber wie erweiſeſt du denn die Gemeinſchaft des Glaubens gegen die Chriſten, die du kenneſt? mit denen du an einem Ort zuſammen wohneſt, und mit denen du in einer Kirche Gottes Wort hörſt? Gebh. Gegen dieſe erweiſe ich ſie eben da⸗ durch, daß ich mit ihnen gemeinſchaftlich Gottes Wort höre, zum Sacrament gehe, bete und einem jeden diene mit den Gaben, die mir Gott gegeben hat; wie ja der Apoſtel Paulus ſagt: „Alſo ſind wir viele ein Leib in Chriſto, aber unter einander iſt einer des andern Glied, und haben mancherlei Gaben, nach der Gnade, die uns gegeben iſt.“ Röm. 12, 5. 6. Gotth. Vortrefflich! Du weißt es recht gut, und willſt doch nicht die Anwendung davon ma⸗ chen. Nun bedenke einmal, wo Predigt und Sacrament bliebe, wenn nicht die Chriſten zu einer ordentlichen Gemeinde zuſammentreten und das Predigtamt unter ſich aufrichten wollten. Denn Gott ſendet ja die Prediger nicht unmittelbar vom Himmel herab, ſondern beruft ſie durch Menſchen. Einer allein kann das Predigtamt nicht aufrichten, ſondern dazu gehören mehrere Chriſten, die ge⸗ meinſchaftlich nach Gottes Ordnung einen Predi⸗ ger berufen und unterhalten; und wo darnach durch die Predigt ein Sünder zu Chriſto bekehrt wird, da fällt auch ihnen ein Segen davon zu. Deinethalben aber, wenn du denkſt, es ſei genug, daß du durch den Glauben ein Glied am Leibe Chriſti ſeiſt, und brauchteſt dich an keine Ge⸗ meinde äußerlich anzuſchließen, könnte immerhin die Kirche verfallen, die öffentliche Predigt gar einſchlafen, kein verlorner Sünder mehr zum Ge⸗ nuß des Heils gelangen. Aller dieſer erſchreck⸗ liche Schaden läge mit auf deinem Gewiſſen; und du wollteſt doch noch fröhlich und ſicher ſein und dich tröſten, du ſeieſt ein lebendig Glied des Leibes Chriſti? Gott gebe es! aber ich fürchte, ich fürchte —. Bedenke, was St. Paulus ſagt zu den Epheſern 4, 15.: „Laſſet uns aber rechtſchaffen ſein in der Liebe, und wachſen in allen Stücken an dem, der das Haupt iſt, Chriſtus; aus welchem der ganze Leib zuſammengefüget und ein Glied am andern hanget, durch alle Gelenke; dadurch eins dem andern Handreichung thut nach dem Werk eines jeglichen Gliedes in ſeiner Maße; und machet, daß der Leib wächſet zu ſeiner ſelbſt Beſſerung; und das alles in der Liebe.“ Gebh. Du beſchwereſt die Gewiſſen allzu⸗ ſehr. Ich habe noch nie ſo weit gedacht, daß ich damit die Kirche zerſtöre und Andere an Erlan⸗ gung der Seligkeit hindere, wenn ich mich für mich allein halte, ohne mich an eine Gemeinde anzuſchließen. Gotth. Eben hinter dieſem „ſich allein Hal⸗ ten“ ſteckt die greuliche Selbſtſucht, daß man mehr auf das Seine ſieht, als auf das, was des Näch⸗ ſten iſt. Wollte Gott! dein Gewiſſen würde recht beſchwert; denn es iſt wahrlich keine geringe Sünde. Stelle dir nur vor, was daraus werden ſollte, wenn ein jeder ſo dächte, wie du; ob dann nicht nothwendig die öffentliche Verkündigung des Wortes ganz einginge, und damit auch der Glaube ganz verlöſchte. Wir ſehen's leider in der Erfahrung. Wie viele große Anſiedelungen von deutſchen Leuten gibt es hin und wieder im