Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 25 › Seite 198
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-09-28, Seite 198
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geſangbuch 1
Von dem amerikaniſch-lutheriſchen und refor⸗
mirten Geſangbuch.
Dritter Brief.
Lieber Jakob!
Ich mache mich zum dritten Mal an das un⸗
erquickliche Geſchäft, die ferneren Beweiſe von
der Richtigkeit meines Urtheils über das Geſang—
buch zu liefern. Der Reihe nach komme ich
diesmal an die Lieder von den Sacramenten.
Da hab ich aber nach meiner geringen Erkennt⸗,
niß nicht viel zu ſagen, nur daß, wie ich ſchon in
meinem erſten Briefe geſagt habe, die Hauptlieder
fehlen, wie z. B. Luthers Lieder: Chriſt unſer
HErr zum Jordan kam ꝛc., IEſus Chriſtus un—
ſer Heiland ꝛc., und: Gott ſei gelobet und gebe—
nedeiet ꝛc. Die gehören von Rechtswegen in ein
lutheriſches Geſangbuch. Was die Lieder aber
betrifft, die da ſind, ſo iſt mit wenigen Worten
alles geſagt: daß ſie für die reformirte Kirche
beſſer paſſen, als für die unſere. — Wenn Du ſie
genau durchlieſeſt, ſo wirſt Du es finden. Wenn
Du mit mir nun weiter blätterſt, ſo kommſt Du
zu No. 197. Da will der Dichter vom
„Schöpfer“ belehrt werden, daß er faſſen möge,
was rechte Buße ſei. Ich glaube aber, er hat ſich
nicht recht vom „Schöpfer“ belehren laſſen, ſon⸗
dern er hats beſſer gewußt als der „Schöpfer“.
Denn er fängt gleich an zu zeigen, daß rechte
Buße ſei: „Die Sünde haſſen und das Leben
beſſern“. Nun, da meine ich, wenn ſich einer zum
Lehrer von der rechten Buße aufwerfen will, ſo
muß er zuerſt von der Erkenniniß der Sünde
reden, von Reue und Leid, ehe der Haß kommt.
Nun hat er aber dieſes, ja noch etwas Wichtigeres
nicht gethan. Er hat nemlich nicht vom andern
Hauptſtück der Buße geredet, vom Glauben
an Chriſtum; er ſpringt gleich über zur Beſ⸗
ſerung des Lebens, als könnte man ohne Chriſtum
das Leben beſſern. —Man ſieht, daß da alles wie—
der auf die eigene Fauſt, d. h. eigene Kräfte ab⸗
geſehen iſt. Denke Dir nun einmal, wenn ſo ein
Lied in der Beichte geſungen wird, wie falſch die
Leute durch ſolch einen Geſang belehrt werden.
Wenn Du aber ſagſt, der Pfarrer wird doch nicht
ſo lehren, ſondern der wird doch den Weg Gottes
recht lehren; ſo ſage ich Dir: lieber Jakob, welcher
Pfarrer'ein ſolches Lied ſingen läßt, der lehrt auch
die Leute nicht anders und führt ſie den verkehrten
Weg. Und wenn ein Pfarrer von der Buße recht
lehrt, ſo leſen doch die Leute ſolche Lieder daheim,
und meinen Wunder, wie ſie ſich an einem ſol⸗
chen Lied erbauen, und merkens nicht, wie das
alles ſo widerſprechend iſt. Ja, vielleicht faſſen
ſie das Geleſene viel beſſer auf, als das Gehörte,
und bleiben trotz der richtigen Belehrung auf ver—
kehrtem Wege; zumal da die Lehre eines ſolchen
Liedes dem natürlichen Menſchen eher zuſagt, als
die reine Lehre des Wortes Gottes. Du wirſt
mich verſtehen. —
Suchſt Du nun wieder weiter, ſo findeſt Du
No. 210, das von der Heiligung handelt; aber
Du findeſt im ganzen langen Liede nicht, wie
Du von Sünden los werden kannſt, und durch
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will. Wahrlich, wenn wir armen Leute keine
andern Wegweiſer hätten, als ſolche Lieder, dann
wären wir ſchlecht berathen. Ich kann mir
nicht anders denken, als daß dieſe Leute ſelbſt
den rechten Weg nicht gewußt haben, und wie
kann dann ein Blinder dem andern den Weg
weiſen? —
Das Lied No. 216 ſcheint dem Apoſtel Pau⸗
lus nachäffen zu wollen, es iſt aber ſchlecht gelun
gen. Im 6. Vers redet das Lied gerade, wie alle
ſelbſtgerechten Leute reden, die ſich mit dem fal⸗
ſchen Troſte behelfen, daß Gott nur offenbare
Sünden ſtrafe, und die haben ſie ja nicht; die
„Gebrechen“ und „Schwachheiten“ aber, die
haben nichts weiter auf ſich, denn der Vater iſt
ja barmherzig. — Von einem glaubensvollen Aus-
ruf über Chriſtum, wie Paulus that, iſt nichts
zu leſen, ſondern der Verfaſſer probirt (Vers 7)
ſein Beſtes, ſo gut er es kann, gerecht zu leben,
und damit Punktum. — Man wills ihm aber
faſt anmerken, dem armen Mann, daß ſein ſelbſt⸗
gemachter Troſt ſeine Seele nicht ganz zufrieden
geſtellt haben mag. Wie könnte es aber anders
ſein? —
Jetzt wollen wir ein anderes Schubfach auf⸗
machen, wo die „Sittenlehren“ drin ſind, und da
kommen Dir gleich in Nro. 229 im Aten Vers ein
paar Worte unter die Augen, die aber ganz ver—
kehrt ſtehen und ſchnurſtracks gegen die Lehre der
Schrift anſtoßen. Da heißts: „Heiligt euch und
glaubt.“ Man muß alſo ſich erſt heilig machen
und dann glauben. Da kämen wir wohl ewig
nicht zum Glauben, aber auch nicht zur Seligkeit,
wenn wir uns erſt heiligen müßten! Gott Lob,
daß die „Boten“ des Evangelinms nicht ſo lehren,
wie der Dichter da ſagt. — Du aber entgegneſt
vielleicht: Der Mann hat es gewiß nicht ſo ge—
meint, wie Du es ihm auslegſt, er hats eben ſo
geſtellt, daß ſichs reimt. Es mag ſein, daß Du
Recht haſt; aber ſchlimm genug, wenn man auf
Koſten der Ordnung des Heils ſo lang reimt, bis
dieſelbe verdreht iſt. Ich verſteh freilich nichts
vom Liederdichten, aber ich glaub ſo viel und be—
haupte es auch, daß alles, alſo auch die Lieder,
dem Glauben ähnlich ſein müſſen. Röm. 12, 7.
Uebrigens ſo gerne ich oft möchte Deine Ein—
wendungen gelten laſſen und meine Ueberzeugung
ändern, ſo bekomme ich doch allemal wieder ſtärkere
Beweiſe, daß ich mich nicht irre. Da haſt Du
für das Geſagte wieder das Lied Nro. 232.
Wenn Du da noch zweifeln kannſt, dann muß
ich Dir offen ſagen, lieber Jakob, Du biſt nicht
aufrichtig; ja Du ſündigſt, wenn Du noch einen
Augenblick dieſes traurige Geſangbuch in Schutz
nimmſt. Siehe, da werden der „Tugend Vor—
theile im Sterben“ gerühmt. Da muß ich,
ob ich will oder nicht, abermals einen tiefen Seuf—
zer laſſen. O, Jakob, Jakob! wenn wir einmal
auf unſer Sterbebette kommen, da wird uns unſere
Tugend ſchlecht zu ſtatten kommen, und wenn wir
uns derſelben getröſten wollen, dann wehe uns!
wir werden ſammt der Tugend zum Teufel fahren
und der wird ſich noch freuen, daß er ſo tugend—
hafte Leute hat verblenden können. Du erſchrickſt
wen oder was Dich Gott heiligen kann und vor meinen ſtarken Worten; aber erſchrick nur,
ich kann nicht anders, es iſt nur zu große Wahr⸗
heit. Wo iſt denn in der ganzen heiligen Schrift
die Rede, daß man das „glückſelig zu ſterben,
erwerben“ könne, wie der letzte Vers ſagt.
Laß Dichs nicht irren, daß auch das Wörtlein
„erbe“ da ſteht, das ſteht offenbar nur da, daß
ſichs wieder reimt. Das ganze Lied gibt das
vollkommenſte Zeugniß dafür. Sag einmal,
wenn Du nicht wider Dein Gewiſſen und wider
das von Dir erkannte Wort Gottes ſündigen
willſt, ob ſolche Lieder nicht gottlos zu nennen
ſind und ob ein ehrlicher Pfarrer ein ſolches
Buch mit gutem Gewiſſen gebrauchen kann, wo
Chriſtus und Belial, Licht und Finſterniß, Wahr⸗
heit und Lüge ſo offenbar gemengt iſt? Ich ge—
ſtehe es, daß ich nun wohl einſehe, wie ein armer
Pfarrer von ſeinem Gewiſſen geplagt ſein muß,
wenn eine Gemeinde darauf beſtehen will, das
Geſangbuch ſei gut und ſchön und dürfe des⸗
wegen nicht abgeſchafft werden. Nein, wenn ich
Pfarrer wäre, ich würde mein Gewiſſen nicht
mit der ſchrecklichen Sünde beflecken können, da
durch, daß ich den Leuten ſolche Bücher in den
Händen laſſen oder gar ſie noch anpreiſen ſollte,
wie viele alſo thun.
Ich muß aber nun zum Schluſſe eilen und da
will ich Dir aus Nro. 252 abermals eine Probe
geben, daß meine Beweiſe richtig ſind. Da wird
das „hohe Urbild der Vollkommenheit“ zum Ziel
geſetzt und alle die Tugenden genannt, die man
üben muß, wenn man dem „hohen Urbild der
Vollkommenheit“ ähnlich, ja gleich, werden
will (Vers 7), denn das „ſchafft auf Erden ſchon
Freuden und im Himmel hohe Seligkeit“! —
Willſt Du, Jakob, nun ſo weiſe ſein, wie der
Herr Sucro, ſo ſtreb nach dem „hohen Urbild der
Vollkommenheit“ und es fehlt Dir die Seligkeit
nicht. — — Nicht wahr, das iſt Dir doch ein
wenig zu bunt? Auch wird es Dir hoffentlich
nicht einfallen, daß dieſe Lieder von „Nebendingen“
handeln, wie die Leute ſo gern ſagen. Nein, ſie
handeln von den Grundwahrheiten, die zur Selig⸗
keit nöthig ſind; ſie verkündigen ein falſches
Evangelium und wer ein falſches Evangelium
verkündiget, der ſei verflucht; das ſag nicht ich,
ſondern der Apoſtel Gal. 1,8. Mit blutendem
Herzen muß ich ſchließen, wenn ich daran gedenfe,
wie unſere Gemeinde ſo lange ein ſo verfluchtes
Evangelium unter ſich leiden koönnte, in der Mei⸗
nung, daß es das rechte, das „ſchöne“ ſei, und
wie viele Gemeinden noch ſo betrogen werden von
ihren Hirtem und ſich betrügen laſſen mit dem Gift
der falſchen Lehre. Gott erbarme ſich!
Dein Bruder
Andreas.
(Letzter Brief folgt.)
Zweimal zwei und fünfzig auserleſene Bi⸗
bliſche Hiſtorien aus dem Alten und Neuen
Teſtamente, der Jugend zum Beſten abgefaſet
von Johann Hühnern.
Es gereicht uns zu großer Freude, die Erſchei⸗
nung dieſes in der letzten, zwanzigſten Nummer
bereits angekündigten Werkchens hierdurch un⸗
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