Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 17 › Seite 135
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-05-25, Seite 135
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Werke 20
meinen Glauben, da will ich bei bleiben, nicht
weiter denken, fragen, oder hören, noch klügeln,
wie ſich das oder dies reime, noch dich hören, ob
du gleich einen andern Tert oder Sprüche her⸗
bringeſt, als dem zuwider aus deinem Kopf ge⸗
zogen, und deinen Geifer daran geſchmieret. Denn
dies wird nicht wider ſich ſelbſt noch einigen Artikel
des Glaubens ſein, ob es wohl in deinem Kopf
wider einander iſt, und ſich nicht reimet. Aber
hiervon iſt anderswo genug geſaget.
Aehnlichkeit und Unterſchied zwiſchen der wah⸗
ren Gottſeligkeit und der geſchmückten
Scheinheiligkeit.
Ein Pfeil fliegt durch die Luft in großer Ge⸗
ſchwindigkeit, ein Vogel auch; eine Uhr iſt in
ſteter Bewegung, die Pulsader am menſchlichen
Leibe auch; der Topf ſteht am Feuer, ſiedet und
prudelt, daß das Waſſer überfließt, die Quelle
ſtößt auch ihr Waſſer auf und läßt ihr Strömlein
von ſich fließen; wer ſiehet aber nicht, was zwi⸗
ſchen dieſen allen für ein Unterſchied iſt? Jene
Dinge haben ihre Bewegung durch einen äußer⸗
lichen und gewaltſamen Antrieb, haben aber
ſonſt kein Leben in ſich. Wenn der Pfeil die
Höhe erreicht hat, zu welcher ihn die Macht des
Bogens trieb, ſo fällt er wieder herunter; wenn
die Uhr abgelaufen iſt, ſo ſteht ſie ſtille; wenn
das Feuer zurückgelegt wird, ſo hat des Topfes
Prudeln und Ueberfließen ein Ende. Dieſe aber,
der Vogel, die Pulsader, die Springquelle, be⸗
wegen ſich aus einer innerlichen, ihnen zuſtehen⸗
den Kraft, freiwillig und ſtetig. So iſt es auch
mit den Heuchlern, welche den Schein eines gott⸗
ſeligen Lebens haben, und die Kraft verleugnen,
und den Gottſeligen, welche ihre geiſtliche Lebens⸗
kraft aus der Gnade und aus der Vereinigung
mit Chriſto IEſu haben. Es iſt unter ihnen
ein ſolcher Unterſchied, als zwiſchen einem künſt⸗
lich gemalten und einem natürlich ſchönen Luſt⸗
garten. Jener kann mir die Augen eine Zeit⸗
lang beluſtigen, wenn ich aber die Hand aus⸗
ſtrecke, und will Blumen ſammeln und Früchte
brechen, ſo iſt es ein plattes Brett oder angeſtri⸗
chenes Tuch und nichts mehr; dieſer aber kann
nicht nur meine Augen weiden, ſondern auch mein
Herz erquicken und meinen Magen ſättigen.
Ebenſo kann ein Künſtler ein Bild eines Men⸗
ſchen oder Thiers zurichten, das ſich reget und be⸗
weget; aber es lebt darum nicht. — —
Scriver.
Rechte Rache und beſte Selbſthülfe.
In dem franzöſiſchen Dorfe Querry hatten die
Bauern gerechte Beſchwerden gegen ihren Guts⸗
herrn. Die Gährung war groß, und auf dem
Punkte auszubrechen.
die Kanzel und ſprach: „Meine Freunde, der Tag
der Freiheit und der Rache iſt angebrochen. Der
Beſitzer dieſes Dorfs iſt bisher ein Tyrann ge⸗
weſen; er muß alſo beſtraft werden. Bei einem
ſo gerechten Vorhaben kann ich meine Gemeinde
nicht verlaſſen, erlaubt mir alſo euer Anführer
zu ſein und ſchwöret alle, meinem Beiſpiele zu
folgen; ſie ſchwuren, und der Pfarrer fuhr fort:
Ich ſchwöre mich zu rächen, daß ich ihm verzeihe;
denn Gott ſpricht: rächet euch ſelbſt nicht, meine
Liebſten, ſondern gebet Raum dem Zorn Gottes.
Die Rache iſt mein, ich will vergelten, ſpricht der
HErr! Jedermann ſei unterthan der Obrigkeit,
die Gewalt über ihn hat; denn es iſt keine —.
keit ohne von Gott; wo aber eine Obrigkeit iſt,
die iſt von Gott verordnet. Wer ſich nun wider
die Obrigkeit ſetzt, der widerſtrebt Gottes Ordnung,
Ddie aber widerſtreben, werden über ſich ein Urtheil
empfangen. Seid unterthan aller menſchlichen
Ordnung um des HErin willen. — Dem Beiſpiel
Da trat der Pfarrer auf
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ihres Seelenhirten und dem geleiſteten Eide ge⸗
treu, ließen die Bauern ihrem Gutsherrn Ver⸗
zeihung widerfahren.
Sartorius' Lebensſpiegel.
Das böſe B.
Eine kräftige Mutter hatte drei artige, muntere
Kinder, die eben auch, wie andere Kinder, in ihrer
Munterkeit jezuweilen ſehr unartig wurden. Da
pflegte die Mutter das Ausklopfſtöckchen zu ge⸗
brauchen, und das nicht blos zum Scherz. Eine
Dame von der neuern, zarten Bildung, welche
Ruthe und Stock bei den Kindern nur dann zu⸗
ließe, „wenn letztere Thiere und keine Menſchen
wären“, zankte mit ihr darüber und rief: „Wie
grauſam gehen Sie mit dieſen lieblichen Engeln
um! Sie ſchlagen ihnen ja Haut und Fleiſch her⸗
unter!“ Die Mutter bemerkte lächelnd, wenn ihre
Kleinen Engel wären, dann hätte es mit Haut⸗
und Fleiſchherunterſchlagen keine Gefahr. In
der Wahrheit aber habe ſie erſt noch drei hübſche
Bengelein, und da müßte nothwendig, zwar nicht
Haut und Fleiſch, aber das B herunter, ſollte ſie
hüſche Engelein krigen. Ja, fuhr ſie fort, glau⸗
ben Sie mir, meine Beſte! es hat jedes Kind ſo
ein gewiſſes böſes B vorne dran, das nun einmal
ohne Klopfen ſchwer weggeht. Auf dieſes hat's
mein Stöcklein abgeſehen; ſeine Zunge ſagt immer
dies: „B! B! du böſes B! herunter, herunter,
herunter von dem lieben Kinde!“
Es war auch wirklich ſchon etwas — ſo zu
ſagen — Engelſchönes, wenn ihr Kind die thrä⸗
nenfeuchte, hochrothe Wange an das Knie
ſchmiegte, über das es erſt zur Züchtigung gelegt
war, und ſchluchzte: Mutterle, will fromm ſein!
—*
Die Wahrheit.
Nach Hans Sachs: aus „des Knaben Wunderhorn“.
Vier Jungfräulein von hohem Stamm,
Die waren bei einander:
Ignis Feuer die erſte mit Nam,
Aqua Waſſer die ander.
Aer die Luft, ſo hieß die Dritt',
Dann Veritas die Wahrheit,
Die ſtand da in des Gartens Mitt'
Und ieuchtete in Klarheit.
„Ich ſehne mich gar oft nach euch“,
Sprach ſie mit klugen Sinnen,
„Drum ſaget mir, eh ich entfleuch,
Wo ſoll ich euch ſtets finden?“
Das Feuer ſprach: „Schlag an ein'n Stein
Mii guten Schwertes Spitzen,
So werd ich ſchnelle bei dir ſein
Und freudig Funken ſpritzen.“
Das Waſſer ſprach: „Wo Binſen ſtehn,
Da ſollſt du nach mir graben,
Du wirſt mich bei der Wurzel ſehn,
Da will ich dich erlaben.“
Die Luft ſprach: „Wenn an einem Baum
Die Blättlein gehn und nicken,
Da bin ich auch im ſelben Raum
Und will dich bald erquicken.“
All' drei ſie ſprachen wonnſamlich:
„Du edele Wahrheite,
Wo ſollen wir denn finden dich?“
Die Wahrheit ſprach: „Im Leide.“
O ihr Schweſtern, Mord über Mord!
Kein eigen Haus mir bleibet;
Man findet mich nicht hier und dort,
Ein jeder mich vertreibet.
Ich pocht auch bei Gelehrten an,
Weil ehrlich iſt ihr Wandel;
Doch iſt ihr Wort ein Lug und Wahn
Und ſpärlich nach dem Handel.
Sie fingen mich und banden mich,
Begoſſen mich mit Dinten
In mein ſchneeweißes Angeſicht,
Ich mußte ſchier erblinden.
Mit Büchern ſchlugen ſie mich dumm
Und kratzten mich und krallten
Und zogen mich beim Haar herum,
Zur Thür hinaus mich brallten.“
Sie wollte klagen noch viel mehr,
Ein Thürlein thät erklingen,
Ein Krit'ker kam ganz grad daher,
Davon that ſie ſich ſchwingen.
Der Hirtenbrief
des Herrn Paſlors Grabau zu Buffalo vom Jahre
1840. Nebſt den zwiſchen ihm und mehre⸗
ren lutheriſchen Paſtoren von Miſſouri ge⸗
wechſelten Schriften. Der Oeffentlichkeit
übergeben als eine Proteſtation gegen Gel⸗
tendmachung hierarchiſcher Grundſätze inner⸗
halb der lutheriſchen Kirche.
Unter dieſem Titel iſt ſoeben ein Büchlein er⸗
ſchienen, herausgegeben von mebreren lutheriſchen
Predigern aus dem Staate Miſſouri und bevor⸗
wortet von Paſtor Löber in Altenburg, Perry Co.,
Mo. Um den Leſer in den Stand zu ſetzen, ein
Urtheil zu gewinnen über das, was er von dem
Büchlein zu erwarten hat, ſo theilen wir aus dem
Vorworte Folgendes mit:
„Gegen wohl- oder übelgemeinte Urtheile müſ⸗
ſen wir vor allen Dingen erklären:
Erſtens: Gott weiß es und unſere nachſtehen⸗
den Briefe und Zeugniſſe beweiſen es, daß wir
nicht unſere Ehre, nicht Zank und Zwieſpalt ge⸗
ſucht, oder ohne Noth jenen Streit angefangen,
ſondern ſo lange gezögert, gewarnt und geduldet
und nur zuletzt dem Drange unſeres Gewiſſens
und den Aufforderungen vieler Brüder nicht län⸗
ger widerſtanden haben, die ganze Sache der Oef⸗
fentlichkeit zu übergeben. Zweitens wurden wir
dazu noch beſonders durch den Umſtand genöthigt,
daß Herr Paſtor Grabau und ſeine gleichgeſinnten
Amtsbrüder nebſt 18 Deputirten ihrer Gemeinden
uns in einem öffentlichen Synodalbericht vom
Jahre 1845 von Seiten unſerer Lehre, unſeres
Amtes und unſeres Lebens aufs Bitterſte ange⸗
griffen, beſchimpft und ſomit ſelbſt herausgefordert
haben, uns nun auch öffentlich zu verantworten,
welches wir jedoch noch bis in das dritte Jahr
hinausgeſchoben, während welcher Zeit wir auch
noch wiederholt, aber leider! vergeblich verſucht
haben, ob wir nicht durch eine perſönliche Ver⸗
ſtändigung mit jenen Paſtoren die zwiſchen uns
und ihnen obwaltende Streitigkeit beilegen könn⸗
ten. Drittens können wir im Voraus verſichern,
daß ſichs bei dieſem Streit nicht etwa um bloßes
Wortgezänk, oder um gleichgültige Dinge, ſon⸗
dern um ſehr theure und wichtige Wahrheiten
handelt, deren unverfälſchte Bewahrung für die
ganze Kirche, ſonderlich auch zu dieſer Zeit, nur
von dem ſegensreichſten Einfluß durch Gottes
Gnade werden kann.
Jene Lehrartikel aber, von welchen in dieſem
Büchlein vornehmlich gehandelt wird, ſind inſon⸗
derheit der Artikel von dem Verhältniß des
Predigtamts zur Gemeine, von der
Berufung zu dieſem Amte, von der
Ordination, von dem geiſtlichen
Prieſterthum aller wahren Chriſten,
von der geiſtlichen Freiheit derſelben,
vom Gebrauch guter Kirchenordnun⸗
gen u. ſ. w.“
Die ganze Schrift beſteht aus folgenden Theilen:
Vorwort.
1. Der Hirtenbrief des Herrn Paſtors Grabau.
2. Beurtheilung des Hirtenbriefs, wozu der
Verfaſſer uns aufgefordert hatte.
3. Herrn Paſtor Grabaus vermeinte Wider⸗
legung unſrer vorſtehenden Beurtheilung.
4. Ein zu der vorigen Widerlegung gehöriger
Brief des Herrn Paſtors Grabau an Herrn
Paſtor Brohm in New York.
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