Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 13 › Seite 91
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-02-16, Seite 91
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Obrigkeit 18 · Obrigkeit 22 · Obrigkeit 23 · Obrigkeit 24
gegen die Obrigkeit, eben als Gottes Dienerin
und Stellvertreterin (ſ. Pſ. 82.), und zwar nicht
gegen die gute Obrigkeit allein, ſondern auch ge⸗
gen die böſe, um ihres Amtes und dieſer göttlichen
Einſetzung willen; als geſchrieben ſteht: „Ehret
den König!“ „Furcht, dem Furcht gebühret; Ehre,
dem Ehre gebühret“; — Worte, die der heilige
Apoſtel ſchrieb, als in Rom ein faſt wahnſinniger
und höchſt grauſamer, blutdürſtiger Unmenſch, der
Kaiſer Nero, regierte. ö
Zum Andern ſollen nach Gottes Wort und
Ordnung die Unterthanen auch ſonderlich für
ihre Obrigkeit Bitte, Gebet und Fürbitte zu dem
HErrn aufheben, auf daß ſie ein geruhiges und
ſtilles Leben führen mögen in aller Gottſeligkeit
und Ehrbarkeit. (1 Tim. 2, 2.)
Zum Dritten ſind ſie Gehorſam und Unter⸗
thänigkeit ſchuldig; nicht aus Furcht vor der
Strafe, nicht aus Hoffnung auf Lohn und Aner⸗
kennung, ſondern, wie geſchrieben ſteht Röm. 13,
5., „um des Gewiſſens willen“, weil eben die
Obrigkeit von Gott verordnet iſt und Gottes Bild
und Ehre an ſich trägt.
Dieſer Gehorſam iſt aber zu leiſten nicht blos
gütigen und väterlichen Oberherren und Regie⸗
mungen, ſondern auch harten und tyranniſchen
Zwangsherren, ſofern ſie nichts gebieten und for⸗
dern, was wider Gottes Gebot iſt, als z. B. un⸗
gerechte Eroberungskriege zu führen, die Bekenner
des reinen Evangeliums zu unterdrücken u. ſ. f.,
denn hier heißt es auch: „Man muß Gott mehr
gehorchen als den Menſchen.“
Zum Vierten auch Schoß und Zoll nach Röm.
12, 6. 7., weil ſie, die Obrigkeit, eben Gottes
Dienerin iſt, die den rechten Schutz handhabt, zur
Strafe über die Uebelthäter und zum Lobe den
Frommen. Wie aber, ſprichſt du, wenn z. B.
die Fürſten ihre Unterthanen über die Maßen mit
Abgaben beſchweren, vielleicht um ein großes
ſtehendes Heer auf den Beinen zu erhalten und
ſich dadurch eine Achtung gebietende Stellung
unter den andern Staaten zu verſchaffen? oder
wenn ſie ein übermäßiges Heer von Beamten
aufrichteten, die auf gut chineſiſch den Nährſtand
faſt unleidlich drückten und beſchwerten? oder
wenn ſie durch den Preßzwang jede freimüthige
Darlegung der Schäden und Gebrechen ihres Re⸗
giments hinderten und gewaltſam unterdrückten?
oder wenn ſie überdieß früher gethane Zuſagen
und Verſprechungen, z. B. eine freie Verfaſſung
zu geben, ihren Völkern nicht hielten? — Wie
nun, ſollten da die Unterthanen, wenn ehrerbietige
Vorſtellungen und Bitten zu öftern Malen nichts
helfen, ſondern der Druck und die Beſchwerung
eher zu⸗als abnimmt, — ſollen, oder dürfen da
die armen geplagten Unterthanen ſich nicht ge⸗
waltſam ſelbſt helfen, ihre Oberherren vertreiben,
oder doch en tſetzen, und ſich ſelbſt andere wählen.
oder gar ſich eine andere, z. B. die Verfaſ⸗
ſung geben, nach der die Oberherrlichkeit in der
Maſſe des Volkes ſelber iſt? — Das ſei ferne!
Wollen die gedrückten und beſchwerten Unter⸗
thanen Chriſten, und nicht Heiden ſein, ſo bindet
folgendes Wort Gottes ihr Herz und Gewiſſen:
„Wer ſich wider die Obrigkeit ſetzet, der wider⸗
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ſtrebet Gottes Ordnung, die aber widerſtreben,
werden über ſich ein Urtheil empfangen.“ (Röm.
13, 2.)
So Unrecht nämlich auch die Oberherren ha⸗
ben mögen, ſo iſt jedenfalls Aufruhr und Empö⸗
rung noch ein größeres Unrecht, und es iſt eben
beſſer Unrecht leiden, als Unrecht thun, denn die⸗
ſes Letztere iſt ſchnurſtracks wider Gottes Wort
und das Gewiſſen; Erſteres aber ſchadet dem
chriſtlichen Gewiſſen und Herzen nicht, ſondern
nützet ihm vielmehr, ſofern der Chriſt es, wie bil⸗
lig, als eine väterliche Züchtigung ſeines Gottes
willig auf- und annimmt. Nach dem göttlichen
Geſetze nämlich beſehen, iſt es ein geringes Ding,
wenn wir, nach menſchlichem Rechte gemeſſen, ein
noch ſo großes Unrecht leiden; denn wir haben,
als Sünder von Natur, viel ärgere Strafen von
Gott verdient, als ſchlechte Obrigkeit, oder etwa
Hunger, Schwert und Peſtilenz iſt, nämlich den
Tod, Hölle, Teufel und ewige Verdammniß.
Nach dem Evangelium aber beſehen, trifft uns
dieſe letztere ewige Strafe gar nicht, ſo wir von
Herzen an Chriſtum glauben, und auch jenes zeit⸗
liche Uebel der böſen Obrigkeit iſt dann eigentlich
nicht mehr Strafe, ſondern väterliche Heim⸗
ſuchung, um den noch rückſtändigen alten Adam
heilſam zu kreuzigen und abzutödten und immer
mehr dem HErrn Chriſto uns ähnlich zu machen,
der uns ein Vorbild gelaſſen hat, daß wir ſollen
nachfolgen ſeinen Fußtapfen; denn wie er nicht
wieder ſchalt, da er geſcholten wurde, wie er nicht
drohete, da er lit, ſo wollen wir es auch machen;
und wie Er es dent heimſtellte, der da recht rich⸗
tet, ſo ſollen auch wir uns nicht ſelber rächen, ſon⸗
dern dem Zorne Gottes Raum geben, der auch der
gottloſen Obrigkeit vergelten wird nach ihren
Werken, und die Frucht ihres Weſens auf ihren
Kopf bringen.
Helfen wir uns aber ſelber aus Kreuzesflucht
und fleiſchlicher Ungeduld, ſo fallen wir ſelber in
Goties Gericht und ziehen ärgere Plage auf uns,
als böſe Obrigkeit iſt. Oder iſt es nicht ein
ſchrecklicheres Uebel, wenn in Folge ſolcher fleiſch⸗
lichen Selbſthülfe blutige Parteikämpfe oder gar
weiter um ſich greifende Bürgerkriege entſtehen?
wenn ein Zuſtand völliger Geſetzloſigkeit und
Zuchtloſigkeit eintritt, und Gott dann dieſem Zu⸗
ſtand alſo ein Ende macht, daß er einen gewalti⸗
gen Zwingherrn den Streitenden über den Hals
ſchickt, der ſie nicht, wie der frühere, mit Ruthen,
ſondern mit Scorpionen züchtigt? Es gehet ihnen
dann, wie den Fröſchen in der Fabel, die wollten
den Klotz nicht als König leiden, ſo bekamen ſie
den Storch, der fraß ſie alle auf.
Und dieſes Ende könnte vielleicht die Sache in
Deutſchland nehmen, daß die königlich Geſinnten
und die Republikaner ſich zuerſt untereinander
beißen und freſſen, bis endlich der Bär aus dem
Norden über beide kommt, und mit ſeinen gewal⸗
tigen Tatzen, zumal die Letztern, in den Staub
legt und mächtig darniederhält.
Sollte es aber fürs Erſte alſo hinauslaufen,
daß die Republikaner ſiegen, und keine äußere
Macht über ſie kommt, ſo iſt doch ſehr zu beſorgen,
daß aus ihnen ſelber, über kurz oder lang, Einer
aufſteht, der die Alleinherrſchaft gewaltthätig an
ſich bringt, wie die Geſchichte alter und neuer Zeit
das mehrfach belegt.
Summa: Gewaltſame Selbſthülfe und Selbſt⸗
rache beſchwerter Unterthanen gegen ihre unge⸗
rechte Obrigkeit iſt ſchnurſtracks wider Gottes
Wort und Ordnung, und iſt nichts, denn eine
Berauſchung aus dem Taumelbecher der fleiſch⸗
lichen Freiheit, den der Satan, der Lügner und
Mörder von Anbeginn, den Kindern des Unglau⸗
bens voll eingeſchenkt hat, um ſie unter Vorſpie⸗
gelung der Freiheit zu ſeinen Knechten zu machen,
und ſie in den Stricken des Verderbens gefangen
zu führen, nach ſeinem Willen. Deßhalb iſt
denn auch der Sinn ihres Herzens und das Ge⸗
ſchrei ihres Mundes: „Laſſet uns zerreißen ihre
Bande und von uns werfen ihre Seile!“ (Pſ. 2.)
eigentlich wider die allerhöchſte Majeſtät Gottes
im Himmel geredet, deſſen Feinde und Verächter
ſie ſind. „Aber, der im Himmel wohnet, der
lachet ihrer und der HErr ſpottet ihrer. Er wird
mit ihnen reden in ſeinem Zorn und mit ſeinem
Grimm wird er ſie ſchrecken.“ Wie nun aber,
ſprichſt du, wie ſoll ein chriſtliches Volk ſich nach
Gottes Wort und Ordnung halten, wenn es
einen harten und ungerechten Oberherrn hat, der
es mit faſt unleidlicher Beſchwerung belegt, und
auf alle demüthige und ehrerbietige Bitte um Ab⸗
ſtellung auch nur des gröbſten Drucks nichts gibt,
ſondern darnach ſein Volk eher härter plagt, denn
zuvor, wie Pharao mit Iſrael that?
Das Erſte iſt, daß es ſich unter die gewaltige
Hand Gottes demüthige und daran gedenke, daß
es mit ſeinen Sünden ja noch viel mehr zeitliche
Strafen und eigentlich die ewige Verdammniß
der Höllen wohl verdient habe, und daß auch jetzt
noch viel böſe und gottloſe Leute unter ihnen
ſeien, die unter gütigen und gelinden Oberherren
nur immer roher und frecher fortſündigen würden
und denen ſonderlich hoch von Nöthen iſt, daß ſie
tüchtig geplagt und der Muthwille ihres Fleiſches
gedämpft werde. Gott nämlich ſtraft einen Bu⸗
ben mit dem andern, gottloſe Unterthanen durch
gottloſe Fürſten und umgekehrt.
Das Andere iſt dieſes, daß ſie zu Gott ſchreien
und zunächſt für ihre, vom Teufel verblendeten
Dränger den HErrn anrufen, nachdem geſchrieben
ſtehet, Matth. 5, 44.: „Liebet eure Feinde, ſeg⸗
net, die euch fluchen, thut wohl denen, die euch
haſſen, bittet für die, ſo euch beleidigen und ver⸗
folgen, auf daß ihr Kinder ſeid eures Vaters im
Himmel.“
So nun dieſes ehrlich und aufrichtig geſchieht,
ſo wird Gott der Zweien eines thun: entweder
nämlich wird der gottloſe Oberherr, ſo er zum
ewigen Leben verordnet iſt, gründlich in ſich ſchla⸗
gen, ſich zum HErrn bekehren und ein chriſtlicher
Fürſt werden, oder die Fürbitte des chriſtlichen
Volkes wird zu dieſem zurückkehren, die Ver⸗
ſtockung des Tyrannen wird, wie bei Pharao,
ſichtlich zunehmen, und der HErr wird ohne Zu⸗
thun des Volkes ſeine Gerichte an ihm hinaus⸗
führen, wie z. B. an Pharao und den gottloſen
Königen Israels, und auf dieſe Weiſe die Unter⸗
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