Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 13 › Seite 89
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-02-16, Seite 89
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Obrigkeit. ö 4 · Obrigkeit. ö 5 · Obrigkeit 27
Belligirt von C. g. W. Wulther.
ger Cutheraner.
„Gottes Mlort und Xuthers Jehr' vergehet nun und nimmermehr.“
Herausgegeben von der deutſchen evangeliſch⸗lutheriſchen Synode von Miſſouri, Ohio und anderen Staaten.
St. Louis, Mo., den 6. TFebruar 1849.
Hahrgang 5.
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welche denſelben
(Eingeſandt von Dr. Sihler.)
Gottes Wort zu der Menſchen Thun in Hin⸗
ſicht auf den Stand der Dinge in Deutſchland.
Es iſt ja allen unſern Leſern zur Genüge be⸗
kannt, wie es in unſerm alten Vaterlande im
Laufe des vorigen Jahres bereits hergegangen iſt
und noch hergeht, wie in den meiſten Ländern die
Unterthanen hin und her wider ihre Obrigkeit
aufgeſtanden ſind und von den Fürſten und Her⸗
ren theils die Abſtellung drückender Beſchwerun⸗
gen, theils die Erfüllung gegebener Verſprechun⸗
gen in gewaltthätiger Selbſthülfe ertrotzt haben.
Doch nicht dieſes allein iſt geſchehen, ſondern in
einzelnen Gegenden hat ſich auch das Landvolk
erhoben und die Burgen und Schlöſſer des Adels
verbrannt und dabei verheert und zerſtört, was
ihm möglich geweſen.
Nun iſt zwar nicht zu leugnen, daß die Deut⸗
ſchen in mancherlei Hinſicht von ihren verſchiede⸗
nen Fürſten hart beſchwert und eng bevormundet
ſind. Da ſind 3. B. die gewaltigen ſtehenden
Heere, die hin und her über die Hälfte der Staats⸗
tinkünfte koſten und eine große Maſſe von Ab⸗
gaben den arbeitenden Klaſſen auf den Hals
legen; da iſt die ungeheure Zahl der Beamten
mit ihrer unermeßlichen Vielregiererei, durch die
ſie das Volk in eine unnatürliche Zwangsjacke
tinſchnüren und ihm jede freie Bewegung faſt
unmöglich machen; da iſt eine engherzige, miß⸗
nauiſche Oberaufſicht über Alles, was geſchrieben
wird, die jede freimüthige Aeußerung über die
Gebrechen des beſtehenden Regiments gewaltſam
unterdrückt, indeß ſie antichriſtiſchen und gottes⸗
läſterlichen Schriften kein Hinderniß in den Weg
legt. Da iſt — doch dies drückt mehr die Kinder
Gottes als die Kinder der Freiheit — da iſt die
klägliche Gefangenſchaft der Kirche in den Ban⸗
den der weltlichen Obrigkeit, die nicht etwa nur
das äußerliche Schutzregiment handhaben will,
das ihr zuſteht, ſondern auch die innerliche Re⸗
gierung der Kirche, die ihr nicht zuſteht; kleinere
örtliche Uebelſtände aber, die auch aus dieſer viel⸗
regiereriſchen“) Unart der deutſchen Fürſten ent
) Wird übrigens in Deutſchland zu viel, ſo wird hier
zu wenig regiert. Die Obrigkeit hat hier unleugbar nicht
ſprungen, finden ſich überall reichlich vor, und
üben auf das Volk einen höchſt läſtigen Druck aus.
Wie nun, — ſo ſchreien die Freiheitshelden, ſo
treiben die Zeitungsſchreiber, ſo hetzen die Volks⸗
redner — wie nun, ſollte das jetzt ſo überaus auf⸗
geklärte und mündige Volk dieſen Druck ſammt
der ganzen Fürſtenherrſchaft nicht auf einmal ab⸗
ſchütteln, da es lange genug geduldet hat und die
Beſchwerung eher zu⸗ als abnimmt? Sollte es
jetzt nicht an der Zeit ſein, daß es ſich in Maſſe
wider ſeine Fürſten erhebe, mit Gewalt ihr Re⸗
giment abthue und aus ſich ſelber nach hieſigem
Vorbild ein Volksregiment aufrichte?
Laſſet uns dieſe Frage und was damit näher
zuſammenhängt, nicht nach den geſchwinden Ein⸗
fällen der fleiſchlichen Vernunft, ſondern nach
Gottes Wort, als der untrüglichen, unwandel⸗
baren Wahrheit, beantworten.
Wir ſtellen aber zuerſt dieſe Frage:
I. Was iſt die chriſtliche Obrig-
keit ihren Unterthanen ſchul⸗
dig? und ſodann erſt
II. Was ſind die chriſtlichen Un⸗
terthanen ihrer Obrigkeit
ſchuldig?
I. Ehe wir an die Beantwortung dieſer Frage
gehen, ſo laſſet uns etwas bei einer zwiefachen
Vorfrage ſtehen bleiben; nämlich: ob die Obrig⸗
keit nothwendig, und welches ihre oberſte Urſache
das ihr gebührende Anſehn, und dies kommt daher, daß
das Volk (als Wähler) ſie nicht als Gottes, ſondern als
ihr Geſchöpf, Werk und Ordnung anſieht. Und weil hier
alſo die Obrigkeit eine Creatur der Volkswahl und Volks⸗
gunſt iſt, ſo kommt daher wieder der Uebelſtand, daß ſie
nicht ſelten, um populär und beliebt zu bleiben und etwa
wieder gewählt zu werden, ſo wenig Ernſt und heilſame
Strenge zumal in der Vollziehung der Strafgeſetze beweiſet.
Daher z. B. die unzähligen und oft ſo bedeutenden Un⸗
glücksfälle auf Eiſenbahnen und Dampfſchiffen, von denen
man in Deutſchland nichts hört. Würde hier der ſchuldige
Theil, wenn er mit dem Leben davon kommt, nach Gebühr
beſtraft, ſo würden dieſe Unglücksfälle bald aufhören. Ader
ſolche gonloſe, leichifertige Großmörder empfangen faſt nie
irgend eine, geſchweige die gerechte Strafe, nemlich das
Zuchthaus, indeß ein verwahrloſ'ter Bube von etwa fünf⸗
zehn Jahren, der eines geringen Diebſtahls ſich ſchuldig
gemacht, alsbald dahineinkommt. Menſchenleben iſt eben
hier zu Lande wohlfeiler als Geld und Gut. —
ſei? Beides beantwortet kurz das göttliche Wort,
wenn es ſagt: „Es iſt keine Obrigkeit ohne von
Gott, wo aber Obrigkeit iſt, die iſt von Gott ver⸗
ordnet.“ Röm. 13, 1.
Hieraus erkennen wir alſo, daß Gott ſelber das
Amt der welilichen Obrigkeit geſetzet und daß es
folglich nothwendig ſei; denn Gott verordnet
nichts Unnöthiges. Und zwar iſt die Obrigkeit
um zweierlei Urſachen willen von Gott geordnet;
die eine iſt, daß ſie ſein Bild und Ehre auf Erden
darſtelle, nämlich, daß ſie im Kleinen das ſei, was
er weſentlich und urſprünglich im Großen und
Ganzen iſt, d. i., daß ſie unter ſeiner Oberherr⸗
lichkeit als ſeine Statthalterin Recht und Gerech⸗
tigkeit anrichte auf Erden, und gleichſam das
Maaß und die Ordnung des ſittlich geſelligen
Zuſammenlebens der Menſchen ſei, von den ein⸗
zelnen Familien an bis zu großen und mächtigen
Völkern; die andere iſt, daß ſie durch das Geſetz
und ſeine Strafdrohung in dieſem ihrem Regi⸗
ment, ſonderlich den gröbern Ausbrüchen der
Sünde möglichſt wehre.
Fragen wir aber die Geſchichte und Erfahrung,
ſo finden wir, daß dieſe Ordnung von Anbeginn
vorhanden war, wenn gleich in ſehr verſchiedener
Geſtalt. ö
In den einzelnen Familien, aus denen jedes
größere Gemeinweſen zuſammengeſetzt iſt, finden
wir ſogar unter den Heiden, daß der Vater das
leitende Oberhaupt iſt, zu dem die andern Glieder
des Hauſes in einem untergeordneten Verhältniß
ſtehen. Er ordnet und beſtimmt, wie es in ſeiner
Familie ſoll gehalten werden; ſein Wille iſt das
Geſetz des Hauſes und er überwacht die Aus⸗
führung desſelben, er ſtraft die Uebertreter, und
lobt, die es halten u. ſ. w.
Ein ähnliches Verhältniß finden wir dann fer⸗
ner in Horden und Stämmen, die meiſt von
einem Stammvater herkommen, und in die
Länge und Breite gewachſen ſind. Da iſt keine
noch ſo wilde Bande, wo nicht ein Häuptling
wäre, der meiſt an Verſtand und Willen die an⸗
dern Hausväter übertrifft, und außer ſonſtigen
größern Gaben, je nach Art und Bildung der
Leute, auch die Gabe der Leitung hat, und den
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