Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 13 › Seite 90

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-02-16, Seite 90

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Obrigkeit 11 · Obrigkeit 9 · Obrigkeit 12 · Obrigkeit 14 · Obrigkeit 22

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der menſchlichen Natur eingepflanzten Begriff des
Rechts ohne geſchriebenes Geſetz mündlich hand⸗

habt.

Desſelbigengleichen finden wir nun auch die
Obrigkeit vor, wo aus dieſem noch unbewußten
Naturſtand ein geordneter Rechtsſtand geworden
iſt, wo die Leute ſich eines beſtinmten Unterſchieds
zwiſchen Gebietenden und Gehorchenden, Obrig⸗
keit und Unterthanen bewußt werden und die
erſteren in beſtimmten, geſchriebenen Geſetzen, die
alle Ausflüſſe des eingebornen Sittengeſetzes der
Liebe ſein ſollen, das Weſen des Rechtes hinaus⸗
führen und über die Vollziehung dieſer Geſetze

wachen.

Auf dieſer Stufe menſchlicher Bildung, nem⸗
lich die wir ſchon in den gebildeten Staaten des
heidniſchen Alterthums vorfinden, iſt auch darin
ein Schritt vorwärts gethan, daß die Leute nicht
mehr in ſolcher Abhängigkeit von der äußern Na⸗
tur ſtehen, wie zur Zeit des Jäger⸗ und Fiſcher⸗
lebens und des Umherziehens mit ihren Horden,
wo ſich jeder Einzelne ſeine geringen häuslichen
Bedürfniſſe ſelber beſchaffte, jeder gleichſam Schu⸗
ſter, Schneider, Zimmermann u. ſ. f. in einer
Perſon war. Auf dieſer höhern Stufe nämlich iſt
eine Theilung der Arbeiten und ein
Tauſch der Erzeugniſſe eingetreten, ſo, daß
z. B. ein Menſch ſein ganzes Leben hindurch
Schneider, ein anderer Schuſter iſt, und jeder
vornehmlich nicht für ſich, ſondern für Andere

arbeitet.

Dadurch aber werden die gegenſeitigen Rechts⸗
verhältniſſe auch mannigfacher und verwickelter
und verlangen eine größere Mehrheit geſchriebener
Geſetze und ihre ordentliche Vollziehung; damit
ein jeder Stand und Beruf fein in ſeinen Schran⸗
ken bleibe und nicht in die Gerechtſame eines
andern ein⸗ und übergreife, aber auch vor deren
Uebergriffen gewahrt ſei; auch die Streitigkeiten
über Mein und Dein inſonderheit mußten jetzt

mannigfaltiger werden.

Da war nun die Obrigkeit hoch von Nöthen,
ſie mochte Namen haben und entſtanden ſein, wie
ſie wollte, um Recht und Gerechtigkeit zu hand⸗
haben, die Uebelthäter aus Furcht vor der Strafe
in heilſamen Schranken zu halten, und in Fällen
der Uebertretung durch angemeſſene Strafe an
dem Uebelthäter das Recht herzuſtellen, Schade
um Schade, Auge um Auge, Zahn um Zahn
u. ſ. f. die Gerechten dagegen wider dieſe Unge⸗
rechten in ihrem guten Rechte zu befrieden und
zu ſchützen, und auf dieſe Weiſe zeitlichen Frieden
und gutes Gemach anzurichten; und hier überall,
ſie heiße nun König oder Herzog, Congreß, Senat
u. ſ. f., iſt ſie Goties Dienerin und Stellvertreterin
in dieſer Sache des weltlichen Rechts, zur Strafe
über die Uebelthäter und zu Lobe den Frommen.

Denn es iſt klar und offenbar, daß ohne die
Obrigkeit und ihr heilſames Regiment der Stär⸗
fere und Gewaltthätige, kraft der eingebornen
Selbſtſucht, allezeit eingriffe in das Recht des
Schwächern, und kein Menſch ſeines Eigenthums
und Lebens ſicher wäre vor der Bosheit des An⸗
dern ;auch würde Zorn und Rachgier im Schwange
gehen, und jeder Mächtige durch ſeinen Anhang

— 0—

ſich über die Andern zum Alleinherren aufzuwer⸗
fen ſuchen u. ſ. f.

Summa: Es iſt eine große Wohlthat Gottes
um die Obrigkeit, ſo daß bei den alten Perſern
die Sitte beſtand, nach dem Ableben jedes Königs
einige Zeit eine völlig geſetzloſe Willkühr eintre⸗
ten zu laſſen; damit ein Jeder den Nutzen der
Obrigkeit aus Erfahrung kennen und ſchätzen lerne.
Nachdem wir alſo jene zwiefache Vorfrage:
Ob die Obrigkeit nothwendig und welches ihre
oberſte Urſache ſei, kürzlich beantwortet und erör⸗
tert haben, ſo gehen wir jetzt näher an die Beant⸗
wortung unſrer erſten Frage: Was die Obrigkeit
den Unterthanen ſchuldig ſei?

Das Erſte nun iſt dieſes, daß ſie ihr ganzes
Amt in der Furcht Gottes führe; ſie ſoll zunächſt
deß eingedenk ſein: daß ſie eben von Gott verord⸗
net, und ihr Beruf ein göttlicher ſei, ſie heiße nun
Kaiſer oder König, oder Kurfürſt oder Präſident,
Senat, Congreß u. ſ. f. und ſie möge nun ihre
Herrſchaft ererbt haben, oder durch Wahl des
Volks an die Spitze der Angelegenheiten geſtellt
ſein, die Furcht Gottes ſoll billig ihr ganzes Re⸗
giment innerlich durchdringen und ſie ſoll nicht
vergeſſen, daß es der König aller Könige, der Herr
aller Herren iſt, der durch ſie ſein Recht unter
den Leuten handhabt, daß demgemäß ihr ganzes
Amt ein ſtetiger Gottesdienſt ſei, und die Aus⸗
richtung dieſes Amtes zunächſt auf Gottes Ehre
hinaus laufen müſſe; ſie ſoll es wohl im Gedächt⸗
niß tragen, daß der HErr nach Pſalm 82. Richter
iſt unter den Göttern (d. h. den irdiſchen Obrig⸗
keiten, die an Gottes Statt regieren), daß Ge⸗
rechtigkeit und Gericht ſeines Stuhles Feſtung iſt,
und daß er zu ſeiner Zeit geſtrenge Rechenſchaft
von ihr fordern werde.

Und weil es ein ſo großes und ſchweres Amt
iſt, ſo ſoll ſie fleiig Gott um Gnade und Weis⸗
heit anrufen, es nach ſeinem Willen und Gefallen
getreulich auszurichten, und Salomo's Exempel
vor Augen haben, der beim Antritt ſeiner Regie⸗
rung nicht um Reichthum bat und langes Leben
u. dgl., ſondern um ein weiſes, verſtändiges Herz,
um nach Gottes Ordnung Recht und Gerechtig⸗
keit anzurichten unter Israel.

Das Andere, das die Obrigkeit dem Volke
ſchuldig iſt, beſteht darin, daß ſie das Wohl und
Wehe desſelben auf einem väterlichen Herzen trage
und bewege und aus der Liebe des Nächſten alle
Verrichtungen ihres Amtes hinausführe.

Zu dieſen Verrichtungen aber gehören vornehm⸗
lich folgende: ö

Zum Erſten liegt ihr ob, weiſe und heilſame
Geſetze abzufaſſen, die näher oder ferner Ausflüſſe
der heiligen zehn Gebote ſind, und die betreffenden
Fälle alſo zu erledigen, daß, ohne Anſehen der Per⸗
ſon, Gottes wahres und ewiges Recht dargeſtellt und
hinausgeführt werde, und hiebei iſt es gleich, ob
es Ordnungsgeſetze ſind, um vornehmlich die Sirei⸗
tigkeiten um Mein und Dein beizulegen, oder
Strafgeſetze, um das Recht an dem Verletzer, je
nach ſeiner Uebertretung, herzuſtellen, und zugleich
als Riegel und Bollwerke zu dienen, um durch
Furcht vor der Strafe den häufigen gröbern Aus⸗

Zum Zweiten iſt es ihre Pflicht, dieſe Geſetz
in Brauch und Uebung zu bringen, und für ihrt
Vollziehung ernſte Sorge zu tragen; denn was
helfen die beſten Geſetze, wenn ſie nicht gewiſſen⸗
haft in That und Wirkung geſetzt werden? ö
Dies gilt aber auch beſonders für die Ausrich⸗
tung der Strafgeſetze und ſonderlich der Todes⸗
ſtrafe (nach 1 Moſe 9.), die leider wider Gottes
Wort und Ordnung ein Staat der Union (Mi⸗
chigan) bereits abgeſchafft hat. Und nicht ſelten
hört man von wirren Chriſten den Wahn aus⸗
ſprechen, als ſei die Todesſtrafe wider das Evan⸗
gelium, indeß doch Chriſtus das Schwert beſtätigt
hat, da er zu Petrus ſprach: „Stecke dein Schwer
an ſeinen Ort, denn wer das Schwert (zu räche⸗
riſcher Selbſthülfe oder angreifender Bosheit)
nimmt, der ſoll durch das Schwert umkommen!“;
ſodann ſagt aber auch der Heilige Geiſt durch
Paulum Röm. 13, 4.: „ſie (die Obrigkeit) trägt
das Schwert nicht umſonſt; ſie iſt Gottes Die⸗
nerin, eine Rächerin zur Strafe über den, der
Böſes thut!“

Zum Dritten ſoll die Obrigkeit Maß halten im
Auflegen von Abgaben und Steuern; denn ob⸗
wohl es billig iſt, daß die Unterthanen Schoß ent⸗
richten, um das Amt der Obrigkeit zu erhalten,
und den Schutz der Geſetze zu genießen, ſo ſollen
doch die Oberherrn keine tyranniſche Gewalt üben
und Geld erpreſſen, um es entweder in Pracht und
Wolluſt zu vergeuden, oder ungerechte Eroberungs⸗
kriege zu führen, oder koſtſpieligen Liebhabereien
zu fröhnen, oder für ihre Familien große Schätzt
aufzuhäufen. Denn wie geſagt, ihr Regiment
ſoll väterlich ſein; und das Volk iſt nicht um der
Obrigkeit willen, ſondern dieſe um des Volkes
willen da.

Zum Vierten iſt es die Pflicht der Obrigkeit,
die Unterthanen zu einer gewiſſen Mündigkeit all⸗
mählich heranzuziehen, daß ſie fähig und geſchikt
werden, in ihren Vertretern einen gewiſſen Antheil
und Mitwirkung an der Geſetzgebung und Re⸗
gierung verfaſſungsmäßig zu erlangen. Auch
hierin ſollen billig die weltlichen Oberherren
den Vätern im Hausregiment nacharten; denn,
wie dieſe ihre Söhne zur häuslichen Selbſtſtändig⸗
keit nach und nach heranbilden und ihnen deßhalb
unter ihrer Oberaufſicht dieſe und jene Theile det
Hausverwaltung zur eigenen Beſorgung übethe⸗
ben, — alſo ſollten z. B. die Fürſten und Landes⸗
väter auch thun, daß ſie ihre Landeskinder auch
zu einer gewiſſen Mitwirkung in der Verwaltung
des bürgerlichen Gemeinweſens heranzögen und
ihnen auch unter ihrer Oberleitung dieſes und
jenes Stück dieſer Verwaltung anvertrauten.

Nähmen die Fürſten und Herren dieſes Stück
der Volkserziehung recht in Acht, und wären ſie
wahre Landesväter gegen ihre Lan deskinder, ſo
würde von ihrer Seite kein Same des Aufftandel
geſäet und ſie zögen kein Verderben über ihtt
eigenen Häupter zuſammen. —

II. Wir kommen aber jetzt zur Beantwortung
der andern Frage, was nämlich die Unterthanen
der Obrigkeit, oder die Gehorchenden den Gebie⸗
tenden ſchuldig ſeien?

brüchen der Sünde zu wehren.

Das Erſte. nun iſt Achtung und Ehrerbietung

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