Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 13 › Seite 102
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-02-16, Seite 102
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Leiden Chrini
der ihm gemachten Anſchuldigungen zu überzeu⸗
gen und von ihm ſelbſt die Urſachen zu verneh⸗
men, warum ein großer Theil die Gemeinſchaft
mit ihm aufgegeben habe, allein ſeine Heftigkeit,
mit der er mir begegnete, benahm mir alle Luſt,
weiter mit ihm zu ſprechen.
Ich geſiehe Dir offen, daß ich ſehr mit mir
ſelbſt kämpfte, als ich wieder nach Hauſe kam,
und bei mir ſelbſt überlegte, ob ich hier predigen
ſolle oder nicht. Es graute mir vor der Winkel—
ſchleicherei der Methodiſten; um keinen Preis
wollte ich auf dieſer meiner Reiſe in irgend einer
Weiſe gegen die apoſtoliſche Regel, 2 Cor. 10,
15. und 16., verſtoßen. Da ich aber von meh—
reren Lutheranern, die mich aufſuchten, wieder⸗
hoͤlt um eine Predigt gebeten wurde; da ſie mir
ferner die Verſicherung gaben, daß ſie in keiner
Verbindung mit Herrn E. ſtänden, und das
darum, weil er kein lutheriſcher Prediger ſei, noch
ſein wolle; und da ſie endlich ſehnlichſt die Bil—
dung einer lutheriſchen Gemeinde zu wünſchen
erklärten, ſo ſagte ich ihnen auf den heutigen
Abend eine Predigt zu. Zufälliger Weiſe traf ich
noch am geſtrigen Tage mit Herrn E. zuſammen.
Er war etwas freundlicher gegen mich und fragte
mich, ob ich noch predigen werde? Ich bejahte es,
jedoch mit der Erklärung, daß ich Gottesdienſt
nur denen halten wolle, die gegenwärtig zu keiner
Gemeinde gehörten.
Den heutigen Tag benützte ich theils zu meiner
Predigtvorbereitung, theils zu etlichen Beſuchen
und Vertheilung von Schriften. Der Gottes⸗
dienſt fand Abends 7 Uhr in einem ſchönen, ge—
räumigen Saal des Courthauſes ſtatt. Der Saal
war von Zuhörern beiderlei Geſchlechts angefüllt,
unter denen ſich auch Herr E. befand. Ich hatte
mir Jerem. 3, 15. zum Texte gewählt. Im Ein—
gange ſprach ich von dem Zweck und der Ver—
anlaſſung meines Hiererſcheinens und ſtellte ſo⸗
dann aus dem Terte vor: „Wie reich geſegnet
eine Gemeinde iſt, der Gott einen Hirten nach
ſeinem Herzen gibt; 1. was von einem Prediger
erfordert werde, um ein Hirte nach Gottes Herzen
zu ſein, und 2., welch ein reicher Segen durch
einen ſolchen einer Gemeinde zu Theil werde.
Am Schluſſe meiner Predigt verwahrte ich mich
gegen den Vorwurf der Winkelſchleicherei, indem ich
erklärte uud bezeugte, daß ich mich bei dieſem Vor⸗
trage nur an diejen igen meiner Glaubensgenoſſen
habe wenden wollen, die ohne Zuſammenhang
mit einer Gemeinde und einem Hirten ſtänden,
und forderte dieſelben auf, ihren traurigen Zu⸗
ſtand aufzugeben und einen bekenntnißtreuen
Prediger ſich zu berufen. Nach der Predigt
wurde ich um unſere Adreſſe gebeten, wie auch
um Exemplare des Lutheraner und der Synodal⸗
conſtitution und erhielt von allen, die ich ſprach,
das Verſprechen, nicht eher zu ruhen, als bis ein
lutheriſches Predigtamt unter ihnen beſtände.
Die Zahl der deutſchen Lutheraner ſcheint hier
ziemlich groß zu ſein und ich habe gute Hoffnung,
daß dieſelben bald zu einer eigenen Gemeinde
zuſammentreten werden, wenn anders ſie nicht
wieder gleichgültig, oder durch allerlei Lügen über
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ſehnlicher, als daß Herr E. in Lehre und Praxis
lutheriſch wäre; da er aber das nicht im gering⸗
ſten iſt, ſo können wir nichts anderes wünſchen,
als daß unſere Glaubensgenoſſen ſich von ihm
ferne halten und neben der evangeliſchen Ge⸗
meinde eine rein lutheriſche gebildet und dieſelbe
mit einem tüchtigen Manne verſorgt werde.
Ich bin bei der Schilderung meines miſſioni—
renden Verfahrens in B. abſichtlich ins Einzelne
gegangen, um Dich und die Brüder in den Stand
zu ſetzen, ein richtiges Urtheil über dasſelbe zu
fällen. Ueberzeugt, nach dem Willen des HErrn
und der Praris unſerer Kirche gemäß gehandelt
zu haben, ſchließe ich dieſen Bericht.
Dein aufrichtiger
Lochner.
(Schluß folgt.)
Paſſionsſtimmen aus den Schriften alter Kir⸗
chenlehrer vor der Zeit der Refarmation.
Erwache, meine Seele, erhebe dich eilends vom
Staube, betrachte geſpannten Blicks den merk⸗
würdigen Mann, den dir der Spiegel der evan—
geliſchen Geſchichte vor Augen hält. Wer iſt, der
dort eintritt mit dem Antlitze eines Königs, und
mit der Schmach des niedrigſten Knechtes be⸗
laden? Gekrönt geht er, aber ſeine Krone iſt eine
Dornenkrone, die ihm tauſend Blutmale drückt.
Mit königlichem Purpur iſt er bekleidet, aber ſtatt
zur Ehre ſoll er ihm zur Schande ſein. Ein
Scepter führt er in der Hand, aber ſein ehrwür⸗
diges Haupt wird damit gemißhandelt. Man
beugt die Kniee vor ihm, betet ihn an, ruft ihn
als König aus, und flugs ſpringt man wiederum
heran, um ſeine Wange zu beſpeien, ihm Kinn
und Hals mit Fäuſten zu zerſchlagen. Entkleidet
wird er und mit Geißeln zerfleiſcht, mit ehernen
Nägeln ſchmachvoll inmitten von Verbrechern ans
Kreuz geheftet, Ströme von Blut quellen aus
ſeinen tiefen Wunden. Wer iſt es nun, der unter
allen Peinigungen ſeinen Mund nicht aufthut,
um zu klagen, zu drohen oder zu verdammen, der
vielmehr am Ende ein Segenswort über ſeine
Feinde ausſpricht, wie es die Welt nie gehört
hatte? Wer iſt aber auch der, mit dem Himmel
und Erde leiden, deſſen Tod ſelbſt Todte lebendig
macht? Siehe, meine Seele, das iſt dein HErr
IEſus Chriſtus, dein Erlöſer, der eingeborene
Sohn Gottes, wahrer Gott und wahrer Menſch,
der allein von Allen, die unter der Sonne wan⸗
deln, ohne Sünde erfunden worden.
Eckbert, Stimulus amoris, C. II.
Zwar hatte das Feuer, welches der himmliſche
Vater in ſeinem Sohne der Erde gab, ſchon lange
gebrannt, aber das Holz des Kreuzes brachte ihm
neue Kräfte. Das Oel der Barmherzigkeit, wel⸗
ches hier hinzu kam, ſteigerte ſeine Gluth, und
die Schmähworte und Läſterungen der Juden
drangen gleich einem heulenden Sturmwinde
heran, der die Flamme bis gen Himmel empor⸗
ſteigen ließ. Siehe, da ward ſelbſt das volle
Herz des Schächers entzündet. Den Wirkungen
uns irre werden. Ich wünſchte freilich nichts einer ſolchen Liebe konnte er nicht länger wider⸗
ſtehen, inniges Mitleid ergriff ihn, und in laute
Wehklagen brach er nicht über ſein, ſondern über
des HErrn unſchuldiges Leiden aus.
Tauler, Geiſtreiche Betrachtungen des
Lebens und Leidens Chriſti, C. 42.
Was haſt du verbrochen, theuerſter Gottesſohn,
daß du alſo gerichtet wardſt? Was war die
Urſache deines Todes, was der Grund deiner
Verdammung? Ich, ich bin die Geißel deines
Schmerzes, ich habe dich an's Kreuz gebracht mit
allen ſeinen Qualen. O über den wunderbaren
Rechtsſpruch und geheimnißvollen Rathſchluß!
Es ſündigt der Gottloſe, und beſtraft wird der
Gerechte; was der Böſe verdient, leidet der Gute;
was der Knecht verſchuldet, bezahlt der Herr, was
der Menſch begeht, nimmt Gott auf ſich.
Wie tief, o Gottes Sohn, hat ſich deine De⸗
muth herabgelaſſen! Wie herrliche Gnade, wie
hohe Güte, wie innige Liebe, wie großes Mitleid
haſt du gezeigt! Ich thue Uebels, du trägſt die
Strafe; ich bin ſtolz, du erniedrigeſt dich; ich bin
unmäßig, du leideſt Hunger; ich ſuche nach Ver⸗
gnügen, du läßt dich mit Nägeln durchbohren;
ich koſte die Süßigkeit des Apfels, du die Bitter⸗
keit der Galle; mit mir lacht und freut ſich Eva,
mit dir weint und leidet Maria.
Anſelm, oratio 2.
Als das unſchuldige Lamm drei Stunden lang
am Kreuze gehangen und zu gleicher Zeit die
irdiſche Sonne im Mitgefühl mit dem Schöpfer
ihre Strahlen verborgen hatte, da, nachdem Alles3
vollbracht war, vertrocknete er ſelber, der Quell
des Lebens, um die neunte Stunde, indem IEſus,
Gott und Menſch, mit ſtarkem Geſchrei und Thrä⸗
nen ſeinen Geiſt in des Vaters Hände befahl und
verſchied. Der Vorhang des Tempels zerriß von
oben bis unten, die Erde erbebte, die Felſen zer⸗
borſten, die Gräber thaten ſich auf. Da hängt
er nun, der ſchön iſt vor allen Menſchenkindern,
mit erloſchenen Augen, mit erblaßten Wangen,
ein Opfer ſüßen Geruches vor der Herrlichkeit des
Vaters, um den ſchweren Zorn von uns zu wen⸗
den. So ſchaue jetzt, heiliger und gerechter HEn,
herab von deinem Throne und deiner himmliſchen
Wohnung. Siehe' hin auf das Antlitz deines
Geſalbten. Betrachte das heilige Opfer, welches
dir unſer Hoherprieſter darbringt für unſere Sün⸗
den, und laß dich verſöͤhnen wegen der Miſſethat
deines Volkes. Siehe aber auch du, o erlöſ'te
Menſchheit, wer, was — und wie groß Er iſt.
der für dich am Kreuze hängt, deſſen Tod dit
Todten auferwecket, deſſen Dahinſcheiden Himmel
und Erde in Trauer verſetzt, ja harte Felſen zumn
Mitgefüͤhl zwingt. O, menſchliches Herz, härter
biſt du als jeglicher Stein, wenn du im Gedan⸗
ken an ein ſolches Sühnopfer nicht mit Furcht
erfüllt und von Mitleid gerührt, nicht in Reue
erweicht und von Liebe bewegt wirſt.
Bonaventura, Signum vitae.
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