# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 02 16_S90 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) der menſchlichen Natur eingepflanzten Begriff des Rechts ohne geſchriebenes Geſetz mündlich hand⸗ habt. Desſelbigengleichen finden wir nun auch die Obrigkeit vor, wo aus dieſem noch unbewußten Naturſtand ein geordneter Rechtsſtand geworden iſt, wo die Leute ſich eines beſtinmten Unterſchieds zwiſchen Gebietenden und Gehorchenden, Obrig⸗ keit und Unterthanen bewußt werden und die erſteren in beſtimmten, geſchriebenen Geſetzen, die alle Ausflüſſe des eingebornen Sittengeſetzes der Liebe ſein ſollen, das Weſen des Rechtes hinaus⸗ führen und über die Vollziehung dieſer Geſetze wachen. Auf dieſer Stufe menſchlicher Bildung, nem⸗ lich die wir ſchon in den gebildeten Staaten des heidniſchen Alterthums vorfinden, iſt auch darin ein Schritt vorwärts gethan, daß die Leute nicht mehr in ſolcher Abhängigkeit von der äußern Na⸗ tur ſtehen, wie zur Zeit des Jäger⸗ und Fiſcher⸗ lebens und des Umherziehens mit ihren Horden, wo ſich jeder Einzelne ſeine geringen häuslichen Bedürfniſſe ſelber beſchaffte, jeder gleichſam Schu⸗ ſter, Schneider, Zimmermann u. ſ. f. in einer Perſon war. Auf dieſer höhern Stufe nämlich iſt eine Theilung der Arbeiten und ein Tauſch der Erzeugniſſe eingetreten, ſo, daß z. B. ein Menſch ſein ganzes Leben hindurch Schneider, ein anderer Schuſter iſt, und jeder vornehmlich nicht für ſich, ſondern für Andere arbeitet. Dadurch aber werden die gegenſeitigen Rechts⸗ verhältniſſe auch mannigfacher und verwickelter und verlangen eine größere Mehrheit geſchriebener Geſetze und ihre ordentliche Vollziehung; damit ein jeder Stand und Beruf fein in ſeinen Schran⸗ ken bleibe und nicht in die Gerechtſame eines andern ein⸗ und übergreife, aber auch vor deren Uebergriffen gewahrt ſei; auch die Streitigkeiten über Mein und Dein inſonderheit mußten jetzt mannigfaltiger werden. Da war nun die Obrigkeit hoch von Nöthen, ſie mochte Namen haben und entſtanden ſein, wie ſie wollte, um Recht und Gerechtigkeit zu hand⸗ haben, die Uebelthäter aus Furcht vor der Strafe in heilſamen Schranken zu halten, und in Fällen der Uebertretung durch angemeſſene Strafe an dem Uebelthäter das Recht herzuſtellen, Schade um Schade, Auge um Auge, Zahn um Zahn u. ſ. f. die Gerechten dagegen wider dieſe Unge⸗ rechten in ihrem guten Rechte zu befrieden und zu ſchützen, und auf dieſe Weiſe zeitlichen Frieden und gutes Gemach anzurichten; und hier überall, ſie heiße nun König oder Herzog, Congreß, Senat u. ſ. f., iſt ſie Goties Dienerin und Stellvertreterin in dieſer Sache des weltlichen Rechts, zur Strafe über die Uebelthäter und zu Lobe den Frommen. Denn es iſt klar und offenbar, daß ohne die Obrigkeit und ihr heilſames Regiment der Stär⸗ fere und Gewaltthätige, kraft der eingebornen Selbſtſucht, allezeit eingriffe in das Recht des Schwächern, und kein Menſch ſeines Eigenthums und Lebens ſicher wäre vor der Bosheit des An⸗ dern ;auch würde Zorn und Rachgier im Schwange gehen, und jeder Mächtige durch ſeinen Anhang — 0— ſich über die Andern zum Alleinherren aufzuwer⸗ fen ſuchen u. ſ. f. Summa: Es iſt eine große Wohlthat Gottes um die Obrigkeit, ſo daß bei den alten Perſern die Sitte beſtand, nach dem Ableben jedes Königs einige Zeit eine völlig geſetzloſe Willkühr eintre⸗ ten zu laſſen; damit ein Jeder den Nutzen der Obrigkeit aus Erfahrung kennen und ſchätzen lerne. Nachdem wir alſo jene zwiefache Vorfrage: Ob die Obrigkeit nothwendig und welches ihre oberſte Urſache ſei, kürzlich beantwortet und erör⸗ tert haben, ſo gehen wir jetzt näher an die Beant⸗ wortung unſrer erſten Frage: Was die Obrigkeit den Unterthanen ſchuldig ſei? Das Erſte nun iſt dieſes, daß ſie ihr ganzes Amt in der Furcht Gottes führe; ſie ſoll zunächſt deß eingedenk ſein: daß ſie eben von Gott verord⸗ net, und ihr Beruf ein göttlicher ſei, ſie heiße nun Kaiſer oder König, oder Kurfürſt oder Präſident, Senat, Congreß u. ſ. f. und ſie möge nun ihre Herrſchaft ererbt haben, oder durch Wahl des Volks an die Spitze der Angelegenheiten geſtellt ſein, die Furcht Gottes ſoll billig ihr ganzes Re⸗ giment innerlich durchdringen und ſie ſoll nicht vergeſſen, daß es der König aller Könige, der Herr aller Herren iſt, der durch ſie ſein Recht unter den Leuten handhabt, daß demgemäß ihr ganzes Amt ein ſtetiger Gottesdienſt ſei, und die Aus⸗ richtung dieſes Amtes zunächſt auf Gottes Ehre hinaus laufen müſſe; ſie ſoll es wohl im Gedächt⸗ niß tragen, daß der HErr nach Pſalm 82. Richter iſt unter den Göttern (d. h. den irdiſchen Obrig⸗ keiten, die an Gottes Statt regieren), daß Ge⸗ rechtigkeit und Gericht ſeines Stuhles Feſtung iſt, und daß er zu ſeiner Zeit geſtrenge Rechenſchaft von ihr fordern werde. Und weil es ein ſo großes und ſchweres Amt iſt, ſo ſoll ſie fleiig Gott um Gnade und Weis⸗ heit anrufen, es nach ſeinem Willen und Gefallen getreulich auszurichten, und Salomo's Exempel vor Augen haben, der beim Antritt ſeiner Regie⸗ rung nicht um Reichthum bat und langes Leben u. dgl., ſondern um ein weiſes, verſtändiges Herz, um nach Gottes Ordnung Recht und Gerechtig⸗ keit anzurichten unter Israel. Das Andere, das die Obrigkeit dem Volke ſchuldig iſt, beſteht darin, daß ſie das Wohl und Wehe desſelben auf einem väterlichen Herzen trage und bewege und aus der Liebe des Nächſten alle Verrichtungen ihres Amtes hinausführe. Zu dieſen Verrichtungen aber gehören vornehm⸗ lich folgende: ö Zum Erſten liegt ihr ob, weiſe und heilſame Geſetze abzufaſſen, die näher oder ferner Ausflüſſe der heiligen zehn Gebote ſind, und die betreffenden Fälle alſo zu erledigen, daß, ohne Anſehen der Per⸗ ſon, Gottes wahres und ewiges Recht dargeſtellt und hinausgeführt werde, und hiebei iſt es gleich, ob es Ordnungsgeſetze ſind, um vornehmlich die Sirei⸗ tigkeiten um Mein und Dein beizulegen, oder Strafgeſetze, um das Recht an dem Verletzer, je nach ſeiner Uebertretung, herzuſtellen, und zugleich als Riegel und Bollwerke zu dienen, um durch Furcht vor der Strafe den häufigen gröbern Aus⸗ Zum Zweiten iſt es ihre Pflicht, dieſe Geſetz in Brauch und Uebung zu bringen, und für ihrt Vollziehung ernſte Sorge zu tragen; denn was helfen die beſten Geſetze, wenn ſie nicht gewiſſen⸗ haft in That und Wirkung geſetzt werden? ö Dies gilt aber auch beſonders für die Ausrich⸗ tung der Strafgeſetze und ſonderlich der Todes⸗ ſtrafe (nach 1 Moſe 9.), die leider wider Gottes Wort und Ordnung ein Staat der Union (Mi⸗ chigan) bereits abgeſchafft hat. Und nicht ſelten hört man von wirren Chriſten den Wahn aus⸗ ſprechen, als ſei die Todesſtrafe wider das Evan⸗ gelium, indeß doch Chriſtus das Schwert beſtätigt hat, da er zu Petrus ſprach: „Stecke dein Schwer an ſeinen Ort, denn wer das Schwert (zu räche⸗ riſcher Selbſthülfe oder angreifender Bosheit) nimmt, der ſoll durch das Schwert umkommen!“; ſodann ſagt aber auch der Heilige Geiſt durch Paulum Röm. 13, 4.: „ſie (die Obrigkeit) trägt das Schwert nicht umſonſt; ſie iſt Gottes Die⸗ nerin, eine Rächerin zur Strafe über den, der Böſes thut!“ Zum Dritten ſoll die Obrigkeit Maß halten im Auflegen von Abgaben und Steuern; denn ob⸗ wohl es billig iſt, daß die Unterthanen Schoß ent⸗ richten, um das Amt der Obrigkeit zu erhalten, und den Schutz der Geſetze zu genießen, ſo ſollen doch die Oberherrn keine tyranniſche Gewalt üben und Geld erpreſſen, um es entweder in Pracht und Wolluſt zu vergeuden, oder ungerechte Eroberungs⸗ kriege zu führen, oder koſtſpieligen Liebhabereien zu fröhnen, oder für ihre Familien große Schätzt aufzuhäufen. Denn wie geſagt, ihr Regiment ſoll väterlich ſein; und das Volk iſt nicht um der Obrigkeit willen, ſondern dieſe um des Volkes willen da. Zum Vierten iſt es die Pflicht der Obrigkeit, die Unterthanen zu einer gewiſſen Mündigkeit all⸗ mählich heranzuziehen, daß ſie fähig und geſchikt werden, in ihren Vertretern einen gewiſſen Antheil und Mitwirkung an der Geſetzgebung und Re⸗ gierung verfaſſungsmäßig zu erlangen. Auch hierin ſollen billig die weltlichen Oberherren den Vätern im Hausregiment nacharten; denn, wie dieſe ihre Söhne zur häuslichen Selbſtſtändig⸗ keit nach und nach heranbilden und ihnen deßhalb unter ihrer Oberaufſicht dieſe und jene Theile det Hausverwaltung zur eigenen Beſorgung übethe⸗ ben, — alſo ſollten z. B. die Fürſten und Landes⸗ väter auch thun, daß ſie ihre Landeskinder auch zu einer gewiſſen Mitwirkung in der Verwaltung des bürgerlichen Gemeinweſens heranzögen und ihnen auch unter ihrer Oberleitung dieſes und jenes Stück dieſer Verwaltung anvertrauten. Nähmen die Fürſten und Herren dieſes Stück der Volkserziehung recht in Acht, und wären ſie wahre Landesväter gegen ihre Lan deskinder, ſo würde von ihrer Seite kein Same des Aufftandel geſäet und ſie zögen kein Verderben über ihtt eigenen Häupter zuſammen. — II. Wir kommen aber jetzt zur Beantwortung der andern Frage, was nämlich die Unterthanen der Obrigkeit, oder die Gehorchenden den Gebie⸗ tenden ſchuldig ſeien? brüchen der Sünde zu wehren. Das Erſte. nun iſt Achtung und Ehrerbietung