Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 11 › Seite 86
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-02-02, Seite 86
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Der irdiſche Beruf. — 2 · Geſangbuch · Gotteshaus · Gotteshaus 3
Sinn und Deutung des altdeutſchen
Kirchenbaues.
Ach bleib bei uns, HErr JEſu Chriſt,
Weil es nun Abend worden iſt;
Dein Wort, o HErr! das ew'ge Licht,
Laß ja bei uns verlöſchen nicht.
In dieſer letzten betrübten Zeit
Verleih' uns, HErr, Beſtändigkeit,
Daß wir dein Wort und Sacrament
Rein b'halten bis an unſer End.
Dieſes gute Lied des ſeligen Nicolaus Sel⸗
necker wurde in der Kinderſchule, die ich in mei⸗
ner kleinen, lieben Vaterſtadt beſuchte, jedesmal
am Nachmittag beim Beſchluß der Schulſtunden
von den Kindern und dem Lehrer geſungen, und
darum hat es ſich mir mit ſeinem Inhalt und ſei⸗
ner Melodie ſo tief und kräftig eingeprägt, daß
ich es ſpäterhin bei unzähligen Gelegenheiten in
meinem Herzen habe klingen und wiedertönen
hören. Am eheſten fällt einem ein Lied dieſes
Inhaltes bei Gelegenheit eines ſolchen Anblickes
ein, wie ich auf meinen Reiſen hatte, als ich zum
erſten Mal in Straßburg war, und dort den herr⸗
lichen, mächtigen Münſterthurm mit ſeiner Kirche
beſah. Damals wenigſtens, als ich zum erſten
Mal dort war (es war im Jahr 1820), ſah man
an den Bilderwerken oberhalb der Thüren noch
allenthalben die Spuren der ſchändlichen Ver⸗
wüſtungen, welche die Männer der Revolution
hier, wie überall an dem Schmuck und Bauwerk
der Tempel Gottes, angerichtet hatten. Denn der
Geiſt und Grund ſolcher Revolutionen ruhet in
einem Haß gegen Alles, was heilig iſt. Es iſt
nicht etwa nur ein mörderiſcher Widerwille gegen
die von Gott geheiligte Perſon des Fürſten und
gegen bürgerliches Geſetz und Ordnung, ſondern
es iſt der natürliche Widerwille der von Gott ent—
fremdeten Menſchennatur gegen Gottes ewigen
Geſalbten, gegen Chriſtus, was die Hand der
Empörer, welche ſagen, ſie wollen Freiheit und
Gleichheit für Alle, bei ihren Zerſtörungen bewegt
und leitet. Darum hätten die Revolutionsmänner
in Frankreich wie anderwärts, wenn es die arm⸗
ſeligen Schwächlinge nur vermögend geweſen
wären, gar gern alle Kirchen und Thürme zer⸗
ſtört; denn ſie konnten überhaupt nicht leiden,
was hoch iſt; die Thürme, wie die alten Kirchen,
ſind dennoch ſtehen geblieben und werden auch
wohl noch länger ſtehen bleiben. Noch länger
aber wird, mögen auch die Feinde dagegen wüthen,
wie ſie wollen, Gottes Wort, „das ewige Licht“
— „Gottes Wort und Sacrament“ auf Erden
beſtehen; der Chriſt ſoll nur beten, daß es doch
auch „bei uns“, ſo ſehr unſere Väter und wir es
auch von uns geſtoßen und verkannt haben, nie
verlöſchen möge. Dieſer innere Kern des Chriſten⸗
thums iſt freilich die Hauptſache, es hat indeß
auch das Gehäuſe, ich meine das, was unſere
frommen Väter in chriſtlichem Sinne erbaut und
ſichtbarlich ins Werk geſtellt haben, ſeine hohe
Bedeutung. Namentlich gilt dies von den alten
chriſtlichen Kirchengebäuden, welche man die alt⸗
gothiſchen nennt und dergleichen noch in Nürnberg,
Augsburg, Regensburg und in gar vielen andern
Städten, ja ſogar hie und da (im Kleinen) auf
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dem Lande gefunden werden. Damit der Leſer
erkennen möge, in was für Verſtand und Sinn
unſere chriſtlichen Alten auch ihre Kirchen erbaut
haben, will ich einmal heute hierüber Einiges
ſagen.
Es ſind drei Gnadengaben der Kirche, welche
den Menſchen zum Chriſten machen: Taufe, Pre⸗
digt und das Geheimniß der Vereinigung der gött⸗
lichen mit der menſchlichen Natur, oder das Abend⸗
mahl. So ſind auch alle ſolche alten Kirchen ihrer
Länge nach in drei Theile getheilt. Denn wenn
man zum Haupteingang, der jedes mal gegen Abend
hingerichtet iſt, damit der Eintretende, zur Erinne⸗
rung an den ewigen Aufgang, den Hauptaltar
gegen Sonnenaufgang hier vor Augen habe, hin⸗
eingeht, kommt man zuerſt zu dem Taufſtein und
überhaupt in den Theil der Kirche, welcher der
heiligen Taufhandlung und der Erinnerung an
den Bund der Taufe mit Gott, durch manche
äußere Zeichen, gewidmet war. In dem zweiten
Theil der Kirche ſteht (rechts) die Kanzel; denn
dieſer Theil iſt der Verkündigung des Evan⸗
geliums, der Predigt beſtimmt. Weiter nach
Oſten iſt das letzte Drittel des innern Kirchen⸗
gebäudes meiſt durch Stufen, welche in die Höhe
führen, öfters auch durch ein metallenes Gitter⸗
werk von dem zweiten Theil abgeſchieden, und es
ſteht am Eingang von dieſem zu jenem das hehre
Bild des Gekreuzigten. Jenes letzte, öſtliche Drit⸗
tel enthält in ſich den Hochaltar, bei welchem das
Sacrament des Abendmahls gefeiert wird. Wenn
ſolche ſogenannte altgothiſche Kirchen vollſtändiger
und ins Große ausgebaut ſind, da ſieht man das
Innere durch zwölf Säulen, erinnernd an die
zwölf Apoſtel des HErrn, geſtützt und getragen;
über dem Haupteingange ſieht man drei Halbkreiſe
von Figuren, wovon der eine Geſchichten aus dem
alten, der zweite Geſchichten aus dem neuen Te⸗
ſtament, der dritte aber das zukünftige Gericht
darſtellt. Es iſt wohl auch über dieſen Halb⸗
kreiſen ein rundes Fenſter mit bunten Gläſern zu
ſehen und dieſe vielfarbigen Gläſer, ſo ſagt man,
hätten ſollen die verſchiedenen Wirkungen eines
und des ſelben ewigen Lichtes in verſchiedenen
Menſchenſeelen darſtellen, ſo wie die ſechs Altäre,
welche ſich je drei und drei, außer dem Hauptaltar,
an den Seiten ſolcher alten Kirchen finden, und
welche alſo mit dem Hochaltar die Siebenzahl
darſtellen, auf die ſieben Gemeinden oder Zeiten
der Kirche hätten hindeuten ſollen, von denen in
der Offenbarung Johannis die Rede iſt. Auch
der Höhe nach, ſagt man, ſollten dieſe alten Kir⸗
chengebäude mit Abſicht in drei Theile getheilt
ſein, denn der oberſte, in welchem ſich die (meiſt
mit Gittern verdeckten) Chöre für die Sänger be⸗
finden, hätte die obere, die triumphirende; der
eigentliche Kirchenboden die ſtreitende; die Grab⸗
gewölbe und Grüfte aber, ſo unter dem Boden
waren, die leidende Kirche andeuten ſollen, ſo wie
man auch ſagt, die beiden Thürme am Haupt⸗
eingang hätten, der eine die ſichtbar weltliche,
geſetzgebende Macht, der andere die geiſtliche Macht
vorgeſtellt. Mag nun auch eine und die andere
dieſer Auslegungen nicht ganz gewiß erſcheinen, ſo
ſind die meiſten doch ſehr wahrſcheinlich, und ſo
viel iſt ſogar gewiß, daß unſere frommen Alten
bei Allem, was ſie thaten und begründeten, an
Gott dachten, am allermeiſten aber dann, wenn
ſie eine Kirche bauten; während es einem, wenn
man manches neumodiſche Kirchengebäude unſe⸗
rer Tage betrachtet, ſo vorkommt, als hätten die
Baumeiſter mehr an Theater oder an Tanz und
Conzerte gedacht, denn an Gott, an die Predigt
ſeines Wortes und an die Feier ſeines Sacra⸗
mentes.
Was nun den Dichter des kleinen, kräftigen
Liedes: „Ach bleib bei uns, HErr IEſu Chriſt“,
was den Nicolaus Selnecker betrifft: ſo war
dieſer im Jahr 1532 zu Hersbruck bei Nürnberz
geboren, war dann in Wittenberg Melanchthons
Schüler und wurde hernach Profeſſor in Jena,
ſowie zuletzt Superintendent in Leipzig. Sein
Wahlſpruch war: „Mein Heil ſteht allein bei
dir.“ Er ſtarb, 1592.
Dr. G. H. v. Schubert (Altes und Neues).
—
*
Ein ſeltener Doctor.
Unter Luthers intimſten Freunden befand ſich
einſt auch ein Arzt, es war dies der Doctor
Matthäus Ratzenberger (geſtorben den
3. Januar 1559). Dieſer Mann, ſo treu und
fleißig er in ſeinem Berufe war und ſo ernſtlich er
es ſich angelegen ſein ließ, in die Arzneiwiſſen⸗
ſchaft immer tiefer einzuvringen, meinte doch kei⸗
nesweges, daß die Gottesgelahrtheit und die An⸗
gelegenheiten der Kirche einem Arzte nichts an⸗
gehen, ſondern beſchämte durch ſeinen Fleiß, in
Gottes Wort und Luthers Schriften zu forſchen,
und durch ſeinen Eifer, den Seinigen als Biſchof
in ſeinem Hauſe und der Kirche im allgemeinen
zu dienen, für die Wahrheit und gegen den Irr⸗
thum Zeugniß abzulegen, manchen Theologen.
Dies erweckte ihm aber natürlich auch viele Nei⸗
der und Feinde. Als man ihn einſtmals fragte,
warum er ſich doch als Arzt ſo viel mit Religions⸗
ſachen zu ſchaffen mache, gab er die ſchöne Ant⸗
wort: „Ich bin nicht auf Hippokrates und Gale⸗
nus (alte Arzneiwiſſenſchaftslehrer) getauft, ſo
werden ſie mir auch nicht beiſtehen, wenn ich ein⸗
mal ſterben ſoll. Sie dienen mir und andern zu
dieſem Leben, ſo lange Gott will; aber wenn
dies Leben aufhöret, ſo gehöret erwas Anderes und
Höheres dazu, ſoll man ſelig werden und ewig
leben. Und was ich bei der Religion und Kirche
thue und thun kann, das thue ich nicht ohne Be⸗
ruf, ich habe Berufs genug; denn in der
Taufe habe ich meinem⸗HErrn Chriſto
gelobet, Seinen Dienſt aufs treulichſte zu för⸗
dern. Darum bin ich auch je und je zu den
Religionshändeln gezogen. Wie kann ich mich
denn der Religion und Kirchenſachen äußern?
Viel weniger kann ich ſchweigen, wenn ich ſolches
hören muß, das der Wahrheit zuwider iſt.“
Gehe hin, lieber Leſer, welchen Beruf du auch
haben magſt, und thue deßgleichen. Biſt du ge⸗
tauft, ſo biſt du auch einer aus jenem Prieſter⸗
volk, das verkündigen ſoll die Tugenden deß, der
es berufen hat von der Finſterniß zu ſeinem
wunderbaren Licht. ö
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