# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 02 02_S86 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Sinn und Deutung des altdeutſchen Kirchenbaues. Ach bleib bei uns, HErr JEſu Chriſt, Weil es nun Abend worden iſt; Dein Wort, o HErr! das ew'ge Licht, Laß ja bei uns verlöſchen nicht. In dieſer letzten betrübten Zeit Verleih' uns, HErr, Beſtändigkeit, Daß wir dein Wort und Sacrament Rein b'halten bis an unſer End. Dieſes gute Lied des ſeligen Nicolaus Sel⸗ necker wurde in der Kinderſchule, die ich in mei⸗ ner kleinen, lieben Vaterſtadt beſuchte, jedesmal am Nachmittag beim Beſchluß der Schulſtunden von den Kindern und dem Lehrer geſungen, und darum hat es ſich mir mit ſeinem Inhalt und ſei⸗ ner Melodie ſo tief und kräftig eingeprägt, daß ich es ſpäterhin bei unzähligen Gelegenheiten in meinem Herzen habe klingen und wiedertönen hören. Am eheſten fällt einem ein Lied dieſes Inhaltes bei Gelegenheit eines ſolchen Anblickes ein, wie ich auf meinen Reiſen hatte, als ich zum erſten Mal in Straßburg war, und dort den herr⸗ lichen, mächtigen Münſterthurm mit ſeiner Kirche beſah. Damals wenigſtens, als ich zum erſten Mal dort war (es war im Jahr 1820), ſah man an den Bilderwerken oberhalb der Thüren noch allenthalben die Spuren der ſchändlichen Ver⸗ wüſtungen, welche die Männer der Revolution hier, wie überall an dem Schmuck und Bauwerk der Tempel Gottes, angerichtet hatten. Denn der Geiſt und Grund ſolcher Revolutionen ruhet in einem Haß gegen Alles, was heilig iſt. Es iſt nicht etwa nur ein mörderiſcher Widerwille gegen die von Gott geheiligte Perſon des Fürſten und gegen bürgerliches Geſetz und Ordnung, ſondern es iſt der natürliche Widerwille der von Gott ent— fremdeten Menſchennatur gegen Gottes ewigen Geſalbten, gegen Chriſtus, was die Hand der Empörer, welche ſagen, ſie wollen Freiheit und Gleichheit für Alle, bei ihren Zerſtörungen bewegt und leitet. Darum hätten die Revolutionsmänner in Frankreich wie anderwärts, wenn es die arm⸗ ſeligen Schwächlinge nur vermögend geweſen wären, gar gern alle Kirchen und Thürme zer⸗ ſtört; denn ſie konnten überhaupt nicht leiden, was hoch iſt; die Thürme, wie die alten Kirchen, ſind dennoch ſtehen geblieben und werden auch wohl noch länger ſtehen bleiben. Noch länger aber wird, mögen auch die Feinde dagegen wüthen, wie ſie wollen, Gottes Wort, „das ewige Licht“ — „Gottes Wort und Sacrament“ auf Erden beſtehen; der Chriſt ſoll nur beten, daß es doch auch „bei uns“, ſo ſehr unſere Väter und wir es auch von uns geſtoßen und verkannt haben, nie verlöſchen möge. Dieſer innere Kern des Chriſten⸗ thums iſt freilich die Hauptſache, es hat indeß auch das Gehäuſe, ich meine das, was unſere frommen Väter in chriſtlichem Sinne erbaut und ſichtbarlich ins Werk geſtellt haben, ſeine hohe Bedeutung. Namentlich gilt dies von den alten chriſtlichen Kirchengebäuden, welche man die alt⸗ gothiſchen nennt und dergleichen noch in Nürnberg, Augsburg, Regensburg und in gar vielen andern Städten, ja ſogar hie und da (im Kleinen) auf — 86 dem Lande gefunden werden. Damit der Leſer erkennen möge, in was für Verſtand und Sinn unſere chriſtlichen Alten auch ihre Kirchen erbaut haben, will ich einmal heute hierüber Einiges ſagen. Es ſind drei Gnadengaben der Kirche, welche den Menſchen zum Chriſten machen: Taufe, Pre⸗ digt und das Geheimniß der Vereinigung der gött⸗ lichen mit der menſchlichen Natur, oder das Abend⸗ mahl. So ſind auch alle ſolche alten Kirchen ihrer Länge nach in drei Theile getheilt. Denn wenn man zum Haupteingang, der jedes mal gegen Abend hingerichtet iſt, damit der Eintretende, zur Erinne⸗ rung an den ewigen Aufgang, den Hauptaltar gegen Sonnenaufgang hier vor Augen habe, hin⸗ eingeht, kommt man zuerſt zu dem Taufſtein und überhaupt in den Theil der Kirche, welcher der heiligen Taufhandlung und der Erinnerung an den Bund der Taufe mit Gott, durch manche äußere Zeichen, gewidmet war. In dem zweiten Theil der Kirche ſteht (rechts) die Kanzel; denn dieſer Theil iſt der Verkündigung des Evan⸗ geliums, der Predigt beſtimmt. Weiter nach Oſten iſt das letzte Drittel des innern Kirchen⸗ gebäudes meiſt durch Stufen, welche in die Höhe führen, öfters auch durch ein metallenes Gitter⸗ werk von dem zweiten Theil abgeſchieden, und es ſteht am Eingang von dieſem zu jenem das hehre Bild des Gekreuzigten. Jenes letzte, öſtliche Drit⸗ tel enthält in ſich den Hochaltar, bei welchem das Sacrament des Abendmahls gefeiert wird. Wenn ſolche ſogenannte altgothiſche Kirchen vollſtändiger und ins Große ausgebaut ſind, da ſieht man das Innere durch zwölf Säulen, erinnernd an die zwölf Apoſtel des HErrn, geſtützt und getragen; über dem Haupteingange ſieht man drei Halbkreiſe von Figuren, wovon der eine Geſchichten aus dem alten, der zweite Geſchichten aus dem neuen Te⸗ ſtament, der dritte aber das zukünftige Gericht darſtellt. Es iſt wohl auch über dieſen Halb⸗ kreiſen ein rundes Fenſter mit bunten Gläſern zu ſehen und dieſe vielfarbigen Gläſer, ſo ſagt man, hätten ſollen die verſchiedenen Wirkungen eines und des ſelben ewigen Lichtes in verſchiedenen Menſchenſeelen darſtellen, ſo wie die ſechs Altäre, welche ſich je drei und drei, außer dem Hauptaltar, an den Seiten ſolcher alten Kirchen finden, und welche alſo mit dem Hochaltar die Siebenzahl darſtellen, auf die ſieben Gemeinden oder Zeiten der Kirche hätten hindeuten ſollen, von denen in der Offenbarung Johannis die Rede iſt. Auch der Höhe nach, ſagt man, ſollten dieſe alten Kir⸗ chengebäude mit Abſicht in drei Theile getheilt ſein, denn der oberſte, in welchem ſich die (meiſt mit Gittern verdeckten) Chöre für die Sänger be⸗ finden, hätte die obere, die triumphirende; der eigentliche Kirchenboden die ſtreitende; die Grab⸗ gewölbe und Grüfte aber, ſo unter dem Boden waren, die leidende Kirche andeuten ſollen, ſo wie man auch ſagt, die beiden Thürme am Haupt⸗ eingang hätten, der eine die ſichtbar weltliche, geſetzgebende Macht, der andere die geiſtliche Macht vorgeſtellt. Mag nun auch eine und die andere dieſer Auslegungen nicht ganz gewiß erſcheinen, ſo ſind die meiſten doch ſehr wahrſcheinlich, und ſo viel iſt ſogar gewiß, daß unſere frommen Alten bei Allem, was ſie thaten und begründeten, an Gott dachten, am allermeiſten aber dann, wenn ſie eine Kirche bauten; während es einem, wenn man manches neumodiſche Kirchengebäude unſe⸗ rer Tage betrachtet, ſo vorkommt, als hätten die Baumeiſter mehr an Theater oder an Tanz und Conzerte gedacht, denn an Gott, an die Predigt ſeines Wortes und an die Feier ſeines Sacra⸗ mentes. Was nun den Dichter des kleinen, kräftigen Liedes: „Ach bleib bei uns, HErr IEſu Chriſt“, was den Nicolaus Selnecker betrifft: ſo war dieſer im Jahr 1532 zu Hersbruck bei Nürnberz geboren, war dann in Wittenberg Melanchthons Schüler und wurde hernach Profeſſor in Jena, ſowie zuletzt Superintendent in Leipzig. Sein Wahlſpruch war: „Mein Heil ſteht allein bei dir.“ Er ſtarb, 1592. Dr. G. H. v. Schubert (Altes und Neues). — * Ein ſeltener Doctor. Unter Luthers intimſten Freunden befand ſich einſt auch ein Arzt, es war dies der Doctor Matthäus Ratzenberger (geſtorben den 3. Januar 1559). Dieſer Mann, ſo treu und fleißig er in ſeinem Berufe war und ſo ernſtlich er es ſich angelegen ſein ließ, in die Arzneiwiſſen⸗ ſchaft immer tiefer einzuvringen, meinte doch kei⸗ nesweges, daß die Gottesgelahrtheit und die An⸗ gelegenheiten der Kirche einem Arzte nichts an⸗ gehen, ſondern beſchämte durch ſeinen Fleiß, in Gottes Wort und Luthers Schriften zu forſchen, und durch ſeinen Eifer, den Seinigen als Biſchof in ſeinem Hauſe und der Kirche im allgemeinen zu dienen, für die Wahrheit und gegen den Irr⸗ thum Zeugniß abzulegen, manchen Theologen. Dies erweckte ihm aber natürlich auch viele Nei⸗ der und Feinde. Als man ihn einſtmals fragte, warum er ſich doch als Arzt ſo viel mit Religions⸗ ſachen zu ſchaffen mache, gab er die ſchöne Ant⸗ wort: „Ich bin nicht auf Hippokrates und Gale⸗ nus (alte Arzneiwiſſenſchaftslehrer) getauft, ſo werden ſie mir auch nicht beiſtehen, wenn ich ein⸗ mal ſterben ſoll. Sie dienen mir und andern zu dieſem Leben, ſo lange Gott will; aber wenn dies Leben aufhöret, ſo gehöret erwas Anderes und Höheres dazu, ſoll man ſelig werden und ewig leben. Und was ich bei der Religion und Kirche thue und thun kann, das thue ich nicht ohne Be⸗ ruf, ich habe Berufs genug; denn in der Taufe habe ich meinem⸗HErrn Chriſto gelobet, Seinen Dienſt aufs treulichſte zu för⸗ dern. Darum bin ich auch je und je zu den Religionshändeln gezogen. Wie kann ich mich denn der Religion und Kirchenſachen äußern? Viel weniger kann ich ſchweigen, wenn ich ſolches hören muß, das der Wahrheit zuwider iſt.“ Gehe hin, lieber Leſer, welchen Beruf du auch haben magſt, und thue deßgleichen. Biſt du ge⸗ tauft, ſo biſt du auch einer aus jenem Prieſter⸗ volk, das verkündigen ſoll die Tugenden deß, der es berufen hat von der Finſterniß zu ſeinem wunderbaren Licht. ö