Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 11 › Seite 82
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-02-02, Seite 82
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Bekenntnisſchriften · Bekenntnisſchriften 3 · Bekenntnisſchriften 4 · Bekenntnisſchriften 9
nen oder bei ihr zu bleiben? Wo iſt alſo hier ein
Zwang? Laſſet mich ein Beiſpiel geben. Setzet
den Fall, es bildete ſich eine Geſellſchaft zu dem
Zwecke, zu Hülfe des Vaterlandes in den Krieg
zu ziehen. Viele treten der Geſellſchaft bei. Da
es aber endlich heißt: Auf nun, in den Krieg!
ſiehe, da erheben ſich mehrere und erklären, das ſei
ein ungerechter Zwang; ſie wollten zwar Glieder
des Vereines gerne bleiben, aber ſie ließei ſich
keineswegs zwingen, mit in den Krieg zu ziehen.
Sie ſeien mündige Männer, die ſich ihre Freiheit
nicht nehmen ließen. — Würden ſich ſolche Men—
ſchen nicht vor jedermann lächerlich machen?
Würde man zu ihnen nicht ſagen: Wer hat euch
denn gezwungen, euch uns anzuſchließen? Nach⸗
dem ihr aber freiwillig zu uns getreten ſeid, wie
kömnet ihr Thoren es nun einen Zwang nennen,
wenn von euch gefordert wird, das zu thun, um
deswillen ihr Glieder des Vereins geworden ſeid?
Sehet, liebe lutheriſche Leſer, ebenſo thöricht iſt es,
es einen Glaubenszwang zu nennen, wenn die
lutheriſche Kirche von denen, welche zu ihr gehören
und bei ihr bleiben wollen, fordert, auch lutheriſch
zu glauben und zu lehren.“)
So nichtig aber der Einwurf wegen des angeb⸗
lichen Glaubenszwanges iſt, ſo nichtig iſt dieſer:
wenn man ſich den menſchlichen Symbolen unſe⸗
rer Kirche in vollem Glauben anſchließe und un⸗
terwerfe, ſo ſtelle man dieſelben dadurch den gött—
lichen Büchern der heiligen Schrift gleich, ja ſetze
ſie gewiſſermaßen über ſie. Dieſer Einwurf iſt
darum ohne Grund, weil wir an die Lehren unſerer
Symbole nicht darum glauben, weil ſie in den
Symbolen enthalten, ſondern weil ſie aus dem
Worte Gottes genommen ſind; nicht weil ſie
Luther und andere angeſehene Gottesgelehrte ge⸗
glaubt und gelehrt haben, ſondern weil ſie mit
der heiligen Schrift übereinſtimmen. Ein wahrer
Lutheraner macht die Symbole nicht zur Quelle
und zum Grunde des Glaubens, er nimmt ſie
vielmehr allein darum an, weil ſie aus der Bibel
als ihrer Quelle gefloſſen und auf die Bibel als
ihren Grund gegründet ſind. Macht man aber
darum den Bach zur Quelle, wenn man vom
Bach ſagt, daß darin dasſelbe Waſſer fließe, was
in der Quelle quillt, weil es daraus gefloſſen ſei?
Und ſtellt man darum das Gebäude ſeinem
Grunde gleich, wenn man von dem Gebäude
ſagt, daß es feſt ſtehe auf ſeinem Grunde? Wird
) Wie thöricht es ſei, hier von Glaubenszwang zu re⸗
den, haben ſelbſt Rationaliſten eingeſtehen müſſen. So
ſchreibt unter anderen, von ſeiner bloßen Vernunft belehrt,
v. Ammon in ſeiner Sittenlehre (II, S. 106.): „Die
evangeliſche Kirche kann auf den Vorwand Derer keine
Rückſicht nehmen, welche behaupten, daß ſie den Eid auf
die ſymboliſchen Bücher mit ihrem Glauben, mit ihrer
Ueberzeugung und alſo auch mit ihrem Gewiſſen nicht zu
vereinigen vermöchten. „„Ich glaube nicht an die Göttlich⸗
keit der Bibel, denn ich bin ein Naturaliſt; ich verwerfe die
Erbſünde, denn ich denke pelagianiſch; ich leugne die gött⸗
liche Würde Jeſu und halte ihn nur für den Redner Got⸗
tes an das verblendete Menſchengeſchlecht.““ Aber warum
glaubeſt du das; haſt du ein Recht, von der evangeliſchen
Kirche zu fordern, daß ſie deinetwegen ihre Bekenntniſſe
ändere; nöthigt dich jemand, in ihre Dienſte zu treten, zu
welchen du, gerade dieſer deiner individuellen Anſicht wegen,
weder geſchickt noch fähig biſt?“
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dann nicht das Waſſer — der Quelle, und die
Feſtigkeit — dem Grun de zugeſchrieben?
Aber, ſpricht man, ſind die kirchlichen Symbole
nicht von irrthumsfähigen Menſchen geſchrieben?
Wer mag ſich alſo auf ſie verlaſſen? Wir ant⸗
worten: Es iſt hier nicht die Frage, ob die Ver⸗
faſſer der Symbole Menſchen waren, die da irren
konnten, ſondern ob ſie in den Lehren, die ſie
in jenen Büchern bekannt und niedergelegt haben,
geirrt haben. Daß ſie irren konnten, das ge⸗
ſtehen wir gern zu, aber daß ſie in den aufgezeich⸗
neten Artikeln des Glaubens geirrt haben, das
leugnen wir. Daß die Art und Weiſe, wie
in unſeren Symbolen die bibliſchen Lehren bekannt
und vertheidigt werden, eine menſchliche und
darum nicht vollkommene ſei, wer dürfte das ver⸗
neinen? Daß aber die Lehren ſelbſt menſchlich,
unvollkommen und fehlerhaft ſeien, das verneinen
wir allen Ernſtes, denn damit würden wir Gottes
Wort ſelbſt für unvollkommen und fehlerhaft er⸗
klären. Oder wird das Gold zu zerbrechlichem
Thon, ſo bald es in irdenen zerbrechlichen Ge—
fäßen getragen wird? Wird eine Wahrheit dann
zu einem Irrthum, wenn ſie von einem irrthums⸗
fähigen Menſchen bekannt und aufgezeichnet
wird? Wird eine Bibellehre dadurch eine Men—
ſchenlehre, wenn diejenigen, die dafür Zeugniß
ablegen, Menſchen ſind? Wird Gottes ewiges
Wort, wenn es durch den Mund eines ſterblichen
Sünders geht, dann zu einer veränderlichen Weis⸗
heit dieſer Welt? — Ach, ſo hätten alſo auch alle
die Millionen theurer Märtyrer, weil ſie Menſchen
waren, die irren konnten, nicht für ewig feſte.
Wahrheit, ſondern für ungewiſſe Anſichten und
Vermuthungen unter namenloſen Martern ihr
Blut vergoſſen? So dürfte alſo auch die Kirche
Chriſti, weil ſie aus Menſchen beſteht, nie ſagen:
Wir haben die Wahrheit gefunden!? — O, hin⸗
weg mit ſolchem gottesläſterlichem Skepticismus,
d. i. mit ſolcher heidniſchen Verzweiflung an der
Auffindung der Wahrheit! Eben dazu iſt ja den
Menſchen die Bibel gegeben, daß ſie nicht mehr
ohne Licht, ohne Hoffnung und ohne Gewißheit
in dieſer Welt umher irren müſſen, ſondern, der
Welt und Hölle trotzend, in feſtem Glauben jauch⸗
zen können: Wir haben die Wahrheit gefunden!
Und eben die Kirche ſoll ja ein Pfeiler und eine
Grundfeſte der Wahrheit ſein (1 Tim. 3, 15.);
wenn nirgends in der Welt, ſo ſoll doch in der
Kirche dieſes köſtlichſte aller Güter der Menſchen
zu finden ſein.
Was ſoll alſo das Geſchrei der Feinde unſerer
Kirche: Eure Symbole haben Menſchen, welche
ja irren konnten, geſchrieben, darum laßt ſie fah⸗
ren, denn ſie ſind ungewiß!? Iſt das nicht ein
lieblicher Schluß: Jeder Menſch kann irren,
die Bekenner unſeres Glaubens waren Men⸗
ſchen, alſo haben ſie geirrt? Sind denn die
Herren, welche ſo ſchließen, nicht auch Menſchen?
Warum ſtellen ſolche Symbolſtürmer nicht vor
allem ihr Ding als unzuverläſſig und ungewiß
hin? Warum ſagen ſie denn am Schluſſe ihrer
Predigt nicht: Liebe Zuhörer, ihr wißt, ich bin
ein Menſch, der irren kann, darum glaubet ja
nicht feſt, daß das wahr ſei, was ich gepredigt
habe!? Warum predigen ſie überhaupt noch?
Sie werden ſagen: Ja, wir verlangen keinen un⸗
bedingten Glauben; wo man uns überführt, daß
wir geirrt haben, ſind wir bereit zu widerrufen.
Wohlan, ſo geſtehet ihr ſelbſt ein, worauf es hier
ankommt. Es iſt vemlich nicht genug, daß man
ſage, die Schreiber der Bekenntniſſe haben irren
können, ſondern daß man es auch beweiſe,
daß und wo ſie geirrt haben. Wie getroſt
können wir Lutheraner daher ſein! Denn dieſen
Beweis hat noch kein Menſch geliefert. Mit der
Vernunft und mit ſeines Herzens Gedanken hat
man wohl wider unſere Bekenntniſſe fechten, mit
Gottes Wort ſie aber nie widerlegen können.
Man hat wohl bei vielen Lehren derſelben, wenn
man ſeine Vernunft und ſein Herz fragte, mit
Nicodemus ſagen müſſen: „Wie mag ſolches zu⸗
gehen?“ aber nie hat man ihnen, wie den Syn⸗
bolen anderer Kirchen, entgegen ſtellen können:
„Es ſtehet geſchrieben!ꝰ Man hat wohl ſeit drei⸗
hundert Jahren der lutheriſchen Kirche es zum
Vorwurf gemacht, daß ſie ſich zu ſteif und hart
an den Buchſtaben der heiligen Schrift in ihren
Symbolen halte, aber nur ſelten hat man es nur
zu behaupten gewagt und noch nie erweiſen
können, daß ſie davon abgegangen ſei. Wür⸗
den wir daher von der Lehre der Symbole abfal⸗
len, ſo würden wir nicht von Menſchen-, ſondern
von Gotteswort ſelbſt abfallen; nicht Luthem,
ſondern Chriſtum verleugnen; nicht nur aufhören,
mit Recht Lutheraner, ſondern auch aufhören, mit
Recht Chriſten zu heißen. —
Doch es ſprechen jetzt viele: geſetzt den Fall,
eure Bekenntniſſe ſtimmten völlig mit der heiligen
Schrift überein, ſo könnt ihr doch nicht leugnen,
daß es eben nur menſchliche Bekenntniſſe
ſind; warum will man alſo nicht lieber allein zur
Bibel, als zu dem lauteren Worte Gottes, zurück⸗
gehen?
Wir antworten hierauf Folgendes. Es iſt eben
Thorheit, die Bibel den Symbolen entgegen zu
ſtelleu. Die Bibel iſt, ſo zu ſagen, das Bekennt⸗
niß Gottes an uns; die Symbole aber ſind un⸗
ſer Bekenntniß an Gott. Die Bibel iſt die Frage
Gottes an die Menſchen: Glaubt ihr an mein
Wort? die Symbole ſind die Antwort der Men⸗
ſchen: Ja, HErr, wir glauben, was du ſagſt.
Die Bibel iſt der Schacht, in welchem alle Schätze
der Weisheit und Erkenntniß Gottes verborgen
liegen; die Symbole ſind die Schatzkammern, in
welchen die Kirche die von ihr im Laufe der Jahr⸗
hunderte aus dem Bibelſchacht mit vieler Mühe
ausgegrabenen und zu Tage geförderten Schätze
wie in einem geiſtlichen Magazin und Zeughaus
niedergelegt hat. Die Bibel mit ihren Lehren
ſind die Handſchriften Gottes von unſerer Selig⸗
keit, die der Satan immer zu verfälſchen und für
unecht zu erklären trachtet; die Symbole enthal⸗
ten die beigelegten Urkunden, aus welchen man
erſieht, wie die Kirche jene Lehren je und je ge⸗
glaubt und wie ſie ſie immer feſtgehalten hat. Die
Bibel iſt das geoffenbarte Wort Gottes ſelbſt; die
Symbole aber ſind das rechte Verſtändniß des
Wortes Gottes, welches Gott ſeiner Kirche ge⸗
ſchenkt hat.
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