Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 11 › Seite 83

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1849-02-02, Seite 83

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Bekenntnisſchriften · Bekenntnisſchriften 2 · Bekenntnisſchriften 13

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Und o! wie viel hat es gekoſtet, ehe die Kirche
nach und nach zu dieſem Schatz rechtgläubiger
Schriftauslegung gekommen iſt! Sie iſt die
Beute, welche die chriſtliche Kirche aus einem mehr
als tauſendjährigen Kampfe mit der Welt, mit
den Ketzern und mit dem Teufel davon getragen
hat. Millionen haben erſt das Bekenntniß dieſer
Lehren mit ihrem Blute beſiegeln müſſen, ehe es
ſo rein, klar und hell in unſeren Symbolen auf⸗
gezeichnet werden konnte. Es iſt zum größten
Theile die theuer erkaufte Frucht der Reformation.
Durch welche ſchreckliche innere Kämpfe und An⸗
fechtungen mußte vor allen erſt ein Luther ſich
hindurch winden, wie emſig und unabläſſig mußte
er erſt unter viel tauſend Thränen, Seufzern und
Gebeten Tag und Nacht in Gottes Wort forſchen,
und wie viele mußten mit ihm erſt wider die ganze
Welt ſich wappnen und wider ihre Macht und Liſt
allein mit Gottes Wort ſich durchſchlagen, ehe
dieſe reinen Bekenntniſſe zu Tage kommen konn⸗
ten! Wie viele Fürſten und Könige mußten erſt
Land und Leute aufs Spiel ſetzen, ja ganze Län⸗
der ſich verwüſten laſſen (ich erinnere nur an den
dreißigjährigen Krieg), damit dieſe Bekenntniſſe
auf uns vererbt werden konnten!

Wie? und dieſe ſo theuer mit ſo unausſprechlich
ſchweren Opfern uns von unſern Vätern erarbei⸗
teten und erkämpften Bekenntniſſe ſollten wir jetzt
auf das Geſchrei der Ungläubigen, oder der
Schwärmer, oder der gleichgültigen Religions⸗
menger, oder der falſchen Brüder unſeres Namens,
wie etwas ganz Werthloſes wegwerfen? Wir
wollten die Frucht der Reformation, die Beute
tauſendjähriger Kämpfe der ganzen chriſtlichen
Kirche aller Zeiten, die geiſtliche Erbſchaft unſerer
geiſtlichen Väter lüderlich verſchleudern? Wir
wollten das, wofür ſo unzählige Märtyrer geblutet
und was die Kirche endlich nach Ueberſtehung der
grauſamſten Verfolgungen als ihre Siegstrophäe
aufgepflanzt hat, jetzt treulos den Händen der
Feinde überliefern und der Lauheit der letzten Zeit
zum Opfer bringen? Da ſei Gott für!

Aber, ſpricht man, wäre es nicht doͤch gut, man
ginge zur Bibel zurück? Iſt dieſe denn nicht ge⸗
nug? Sind die Lehren der Symbole aus der
Bibel genommen, wird ſie denn nicht noch jetzt
ein jeder auch ohne die Symbole finden können?
Wir antworten: An den rechten Symbolen wieder
feſthalten, das iſt eben nichts anderes, als zur
Bibel zurück kehren, denn die Symbole ſind eben
nichts anderes, als Zeugniſſe der Kirche für die
Bibel. Wie kann übrigens ein Menſch hoffen,
daß er jetzt das Licht allein finden werde, wornach
die Chriſtenheit lange Jahrhunderte hindurch ſo
ernſtlich geforſcht hat? Wird uns wohl Gott in
dieſer Zeit den Heiligen Geiſt dazu geben, daß
wir das finden, was Gott ſchon ſeine Kirche hat
finden laſſen, wenn wir das bereits Gefundene
nicht annehmen, ſondern erſt ſelbſt ſuchen wollen?
Nein, wer die reine Lehre nicht von der Kirche,
der Gott dieſelbe ſchon ſeit 1800 Jahren gegeben
und vor 300 Jahren beſonders herrlich geoffen⸗
baret hat, als ein demüthiger Schüler annehmen
will, dem wird Gott nicht Licht und Gnade geben,
ſie ſelbſt zu finden.

83

Gott theilt ſeine Gaben verſchieden aus; er
gibt nicht jedem alle; er gibt auch nicht zu jeder
Zeit alle; er gibt jedem Chriſten und jeder Zeit
ihr beſonderes Maaß. Daher ſoll ein Chriſt die
Gaben des andern und das ſpätere Geſchlecht die
Gaben des früheren benutzen! Ja, es iſt ſo Got⸗

tes heiliger, weiſer und ſeliger Wille, daß alle

Menſchen, wie ſie Eine große leibliche Familie
ſind, deren ſpätere Geſchlechter von den früheren
abſtammen, ſo auch Eine große geiſtliche Familie
werden, deren jüngere Glieder von den älteren ge⸗
zeugt ſind. Darum ſagt St. Paulus im Namen
aller Gläubigen von der Kirche: „Die iſt unſer
aller Mutter“; und darum ſtellt Chriſtus ſeine
Kirche in den verſchiedenen Zeiten und Ländern
nicht als eine Anzahl von mehreren neben und
nach einander ſtehenden Bäumen dar, ſondern
vergleicht ſie einem einzigen Baume, der aus Einem
kleinen Samenkorn hervorgekeimt iſt, durch alle
Jahrhunderte hindurch aber immer höher und
höher wächſt, immer mehr Jahrringe anſetzt und
endlich ſo weit ſich ausbreitet, daß die Vögel un⸗
ter dem Himmel kommen und unter ſeinen Zwei⸗
gen niſten. Die jetzige Kirche ſoll alſo mit der
vorigen in dem Verhältniſſe der Tochter zur Mut⸗
ter ſtehen und wir alle ſollen ihre Kinder, Söhne
und Töchter, Zweige dieſes Baumes, Steine die⸗
ſes Gebäu's, Glieder dieſes Leibes ſein. Der
Glaube der alten Kirche ſoll der Glaube auch
der jetzt lebenden ſein; ihre Lehre, ihre Rede
und ihr Bekenniniß auch unſere Lehre, unſere
Rede und unſer Bekenntniß; ihr Sieg über
die Beſtreiter der Wahrheit auch unſer Sieg, die
Schätze ihrer Erkenntniß auch unſer Eigenthum
ſein.

O laſſet uns darum, ihr theuren Glaubensge⸗
noſſen, vor dem Dünkel derer uns hüten, die ſo
auf eigenen Füßen ſtehen wollen, daß ſie auf dem
alten Bau der alten Kirche nicht fortbauen, ſon⸗
dern etwas Neues aufrichten wollen. Laſſet uns
bedenken, daß es, wie der Apoſtel ſchreibt an die
Epheſer im Aten Capitel, nur Einen Leib, Einen
Glauben und Eine Taufe, alſo auch nur Eine
wahre Kirche und nur Eine rechte Lehre gebe, die
nicht jetzt erſt gefunden werden ſoll, ſondern immer
war und unveränderlich bleibt bis an das Ende
der Tage, daß daher alle neuen Lehren und
neuen Kirchen falſche Lehren und falſche
Kirchen ſind. Denn die Kirche hat die Verheißung:
„Meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt
habe, ſollen von deinem Munde nicht weichen,
noch von dem Munde deines Samens und Kin⸗
deskindes, ſpricht der HErr, von nun an bis in
Ewigkeit.“ Jeſ. 59, 21. „Laſſet uns darum an⸗
ſchauen den Fels, davon wir gehauen ſind, und

des Brunnen Gruft, daraus wir gegraben ſind“,

Jeſ. 51, 1., nemlich unſere Kirche, und feſt halten
an ihrem Bekenntniſſe als an unſerem eigenen.
Damit ſtellen wir uns mit allen Kindern Gottes
und Zeugen der Wahrheit in Reih und Glied;
damit beweiſen wir uns als ebenbürtige Kinder

unſerer gläubigen Väter; damit ſchließen wir uns

an die wahre Kirche aller Zeiten und Länder an,
damit nehmen wir Theil an dem Sieg aller red⸗
lichen Streiter für das unverfalſchte Wort Gottes

und werden Mitgenoſſen des vollen Segens der
Reformation. —

Noch eins iſt es, worauf wir unſere Leſer, ehe
wir ſchließen, aufmerkſam machen wollen. So
klar und deutlich nemlich die heilige Schrift iſt,
daß, was die Hauptlehren, die zur Seligkeit zu
wiſſen nöthig ſind, betrifft, ſie ein Kind verſtehen
kann, ſo hat es doch bald im Anfange des Chri⸗
ſtenthums Männer gegeben, welche zwar vorgaben,
auch an Chriſtum und an die Bibel zu glauben,
und die doch die klarſten Stellen der heiligen
Schrift oft ſo verdrehten, daß ſie inſonderheit ein⸗
fältige, vorwitzige und neuerungsſüchtige Leute
leicht überredeten, daß die heilige Schrift etwas
ganz anderes lehre, als was ſie lehrt.

Durch ſolche ſchlaue Verfälſcher der reinen Lehre
wurden daher ſchon die Schüler der Apoſtel be⸗
wogen, die ganze chriſtliche Lehre in einem kurzen
Bekenntniß von drei Hauptartikeln zuſammenzu⸗
faſſen, welche man das apoſtoliſche Symbo⸗
lum nennt, und was daher als das erſte auch
unter die Symbole unſerer Kirche aufgenommen
worden iſt. Durch dieſes einfache Symbolum
wurde auch der Einfältigſte in den drei erſten
Jahrhunderten in den Stand geſetzt, ſchon damals
ſich einſchleichende falſche Lehrer zu erkennen und
ſich vor ihnen zu hüten. Als jedoch ſpäter im
vierten Jahrhundert ein neuer Ketzer, Namens
Arius, aufſtand, welcher leugnete, daß Chriſtus
wahrer Gott von Ewigkeit ſei, da wurde das ſo⸗
genannte nicäniſche und athanaſianiſche
Symbolum im Namen und mit Beiſtimmung der
ganzen chriſtlichen Kirche aufgeſetzt, ſo daß nun
wiederum ſelbſt der Einfältigſte aus dieſen Be⸗
kenntniſſen leicht unterſcheiden konnte, ob ſein
Previger zu jenem und anderen damals graſſiren⸗
den Ketzern halte oder nicht. O, es iſt nicht aus⸗
zuſprechen, wie wichtig es geweſen iſt, daß dieſe
drei erſten allgemeinen (ökumeniſchen) Symbole
in der Kirche geblieben ſind! Dadurch hat ſich
ſelbſt in der finſterſten Zeit des Pabſtthums die
rechte Lehre von der hochheiligen Dreieinigkeit,
von Chriſti Gottheit, von ſeinen Werken, von ſei⸗
ner Verſöhnung, kurz, die allerwichtigſten zur Se⸗
ligkeit unentbehrlichſten Glaubensartikel erhalten
trotzdem, daß die Bibel faſt ganz dem Volke aus
den Händen gewunden war. Welcher Feind der
Symbole kann dies leugnen und wer kann ein
Chriſt ſein, ohne darüber Gott zu loben und zu
preiſen? ö

Doch als Gott vor 300 Jahren wieder durch
Dr. Martin Luther ſeine Kirche reinigte, wie
wichtig war es auch da, daß damals im Namen
aller, welche in dieſer Zeit zur reinen Lehre ſich
bekannten, wieder neue Bekenntniſſe der alten ver⸗
dunkelt geweſenen Wahrheit aufgeſetzt wurden,
aus denen ein jeder, auch der Einfältigſte, erſehen
kann, welches denn eigentlich die rechte Lehre der
wahren Kirche ſei! Wie viele Millionen haben
inſonderheit aus dem kleinen Catechismus
Lutheri und aus der Augsburgiſchen Con—⸗
feſſion die ſeligmachende Wahrheit kennen und
glauben gelernt!

Wir ſehen ferner aus der Geſchichte unſerer
Kirche, wie bald nach Luthers Tode die größte

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