# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 02 02_S83 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Und o! wie viel hat es gekoſtet, ehe die Kirche nach und nach zu dieſem Schatz rechtgläubiger Schriftauslegung gekommen iſt! Sie iſt die Beute, welche die chriſtliche Kirche aus einem mehr als tauſendjährigen Kampfe mit der Welt, mit den Ketzern und mit dem Teufel davon getragen hat. Millionen haben erſt das Bekenntniß dieſer Lehren mit ihrem Blute beſiegeln müſſen, ehe es ſo rein, klar und hell in unſeren Symbolen auf⸗ gezeichnet werden konnte. Es iſt zum größten Theile die theuer erkaufte Frucht der Reformation. Durch welche ſchreckliche innere Kämpfe und An⸗ fechtungen mußte vor allen erſt ein Luther ſich hindurch winden, wie emſig und unabläſſig mußte er erſt unter viel tauſend Thränen, Seufzern und Gebeten Tag und Nacht in Gottes Wort forſchen, und wie viele mußten mit ihm erſt wider die ganze Welt ſich wappnen und wider ihre Macht und Liſt allein mit Gottes Wort ſich durchſchlagen, ehe dieſe reinen Bekenntniſſe zu Tage kommen konn⸗ ten! Wie viele Fürſten und Könige mußten erſt Land und Leute aufs Spiel ſetzen, ja ganze Län⸗ der ſich verwüſten laſſen (ich erinnere nur an den dreißigjährigen Krieg), damit dieſe Bekenntniſſe auf uns vererbt werden konnten! Wie? und dieſe ſo theuer mit ſo unausſprechlich ſchweren Opfern uns von unſern Vätern erarbei⸗ teten und erkämpften Bekenntniſſe ſollten wir jetzt auf das Geſchrei der Ungläubigen, oder der Schwärmer, oder der gleichgültigen Religions⸗ menger, oder der falſchen Brüder unſeres Namens, wie etwas ganz Werthloſes wegwerfen? Wir wollten die Frucht der Reformation, die Beute tauſendjähriger Kämpfe der ganzen chriſtlichen Kirche aller Zeiten, die geiſtliche Erbſchaft unſerer geiſtlichen Väter lüderlich verſchleudern? Wir wollten das, wofür ſo unzählige Märtyrer geblutet und was die Kirche endlich nach Ueberſtehung der grauſamſten Verfolgungen als ihre Siegstrophäe aufgepflanzt hat, jetzt treulos den Händen der Feinde überliefern und der Lauheit der letzten Zeit zum Opfer bringen? Da ſei Gott für! Aber, ſpricht man, wäre es nicht doͤch gut, man ginge zur Bibel zurück? Iſt dieſe denn nicht ge⸗ nug? Sind die Lehren der Symbole aus der Bibel genommen, wird ſie denn nicht noch jetzt ein jeder auch ohne die Symbole finden können? Wir antworten: An den rechten Symbolen wieder feſthalten, das iſt eben nichts anderes, als zur Bibel zurück kehren, denn die Symbole ſind eben nichts anderes, als Zeugniſſe der Kirche für die Bibel. Wie kann übrigens ein Menſch hoffen, daß er jetzt das Licht allein finden werde, wornach die Chriſtenheit lange Jahrhunderte hindurch ſo ernſtlich geforſcht hat? Wird uns wohl Gott in dieſer Zeit den Heiligen Geiſt dazu geben, daß wir das finden, was Gott ſchon ſeine Kirche hat finden laſſen, wenn wir das bereits Gefundene nicht annehmen, ſondern erſt ſelbſt ſuchen wollen? Nein, wer die reine Lehre nicht von der Kirche, der Gott dieſelbe ſchon ſeit 1800 Jahren gegeben und vor 300 Jahren beſonders herrlich geoffen⸗ baret hat, als ein demüthiger Schüler annehmen will, dem wird Gott nicht Licht und Gnade geben, ſie ſelbſt zu finden. 83 Gott theilt ſeine Gaben verſchieden aus; er gibt nicht jedem alle; er gibt auch nicht zu jeder Zeit alle; er gibt jedem Chriſten und jeder Zeit ihr beſonderes Maaß. Daher ſoll ein Chriſt die Gaben des andern und das ſpätere Geſchlecht die Gaben des früheren benutzen! Ja, es iſt ſo Got⸗ tes heiliger, weiſer und ſeliger Wille, daß alle Menſchen, wie ſie Eine große leibliche Familie ſind, deren ſpätere Geſchlechter von den früheren abſtammen, ſo auch Eine große geiſtliche Familie werden, deren jüngere Glieder von den älteren ge⸗ zeugt ſind. Darum ſagt St. Paulus im Namen aller Gläubigen von der Kirche: „Die iſt unſer aller Mutter“; und darum ſtellt Chriſtus ſeine Kirche in den verſchiedenen Zeiten und Ländern nicht als eine Anzahl von mehreren neben und nach einander ſtehenden Bäumen dar, ſondern vergleicht ſie einem einzigen Baume, der aus Einem kleinen Samenkorn hervorgekeimt iſt, durch alle Jahrhunderte hindurch aber immer höher und höher wächſt, immer mehr Jahrringe anſetzt und endlich ſo weit ſich ausbreitet, daß die Vögel un⸗ ter dem Himmel kommen und unter ſeinen Zwei⸗ gen niſten. Die jetzige Kirche ſoll alſo mit der vorigen in dem Verhältniſſe der Tochter zur Mut⸗ ter ſtehen und wir alle ſollen ihre Kinder, Söhne und Töchter, Zweige dieſes Baumes, Steine die⸗ ſes Gebäu's, Glieder dieſes Leibes ſein. Der Glaube der alten Kirche ſoll der Glaube auch der jetzt lebenden ſein; ihre Lehre, ihre Rede und ihr Bekenniniß auch unſere Lehre, unſere Rede und unſer Bekenntniß; ihr Sieg über die Beſtreiter der Wahrheit auch unſer Sieg, die Schätze ihrer Erkenntniß auch unſer Eigenthum ſein. O laſſet uns darum, ihr theuren Glaubensge⸗ noſſen, vor dem Dünkel derer uns hüten, die ſo auf eigenen Füßen ſtehen wollen, daß ſie auf dem alten Bau der alten Kirche nicht fortbauen, ſon⸗ dern etwas Neues aufrichten wollen. Laſſet uns bedenken, daß es, wie der Apoſtel ſchreibt an die Epheſer im Aten Capitel, nur Einen Leib, Einen Glauben und Eine Taufe, alſo auch nur Eine wahre Kirche und nur Eine rechte Lehre gebe, die nicht jetzt erſt gefunden werden ſoll, ſondern immer war und unveränderlich bleibt bis an das Ende der Tage, daß daher alle neuen Lehren und neuen Kirchen falſche Lehren und falſche Kirchen ſind. Denn die Kirche hat die Verheißung: „Meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt habe, ſollen von deinem Munde nicht weichen, noch von dem Munde deines Samens und Kin⸗ deskindes, ſpricht der HErr, von nun an bis in Ewigkeit.“ Jeſ. 59, 21. „Laſſet uns darum an⸗ ſchauen den Fels, davon wir gehauen ſind, und des Brunnen Gruft, daraus wir gegraben ſind“, Jeſ. 51, 1., nemlich unſere Kirche, und feſt halten an ihrem Bekenntniſſe als an unſerem eigenen. Damit ſtellen wir uns mit allen Kindern Gottes und Zeugen der Wahrheit in Reih und Glied; damit beweiſen wir uns als ebenbürtige Kinder unſerer gläubigen Väter; damit ſchließen wir uns an die wahre Kirche aller Zeiten und Länder an, damit nehmen wir Theil an dem Sieg aller red⸗ lichen Streiter für das unverfalſchte Wort Gottes und werden Mitgenoſſen des vollen Segens der Reformation. — Noch eins iſt es, worauf wir unſere Leſer, ehe wir ſchließen, aufmerkſam machen wollen. So klar und deutlich nemlich die heilige Schrift iſt, daß, was die Hauptlehren, die zur Seligkeit zu wiſſen nöthig ſind, betrifft, ſie ein Kind verſtehen kann, ſo hat es doch bald im Anfange des Chri⸗ ſtenthums Männer gegeben, welche zwar vorgaben, auch an Chriſtum und an die Bibel zu glauben, und die doch die klarſten Stellen der heiligen Schrift oft ſo verdrehten, daß ſie inſonderheit ein⸗ fältige, vorwitzige und neuerungsſüchtige Leute leicht überredeten, daß die heilige Schrift etwas ganz anderes lehre, als was ſie lehrt. Durch ſolche ſchlaue Verfälſcher der reinen Lehre wurden daher ſchon die Schüler der Apoſtel be⸗ wogen, die ganze chriſtliche Lehre in einem kurzen Bekenntniß von drei Hauptartikeln zuſammenzu⸗ faſſen, welche man das apoſtoliſche Symbo⸗ lum nennt, und was daher als das erſte auch unter die Symbole unſerer Kirche aufgenommen worden iſt. Durch dieſes einfache Symbolum wurde auch der Einfältigſte in den drei erſten Jahrhunderten in den Stand geſetzt, ſchon damals ſich einſchleichende falſche Lehrer zu erkennen und ſich vor ihnen zu hüten. Als jedoch ſpäter im vierten Jahrhundert ein neuer Ketzer, Namens Arius, aufſtand, welcher leugnete, daß Chriſtus wahrer Gott von Ewigkeit ſei, da wurde das ſo⸗ genannte nicäniſche und athanaſianiſche Symbolum im Namen und mit Beiſtimmung der ganzen chriſtlichen Kirche aufgeſetzt, ſo daß nun wiederum ſelbſt der Einfältigſte aus dieſen Be⸗ kenntniſſen leicht unterſcheiden konnte, ob ſein Previger zu jenem und anderen damals graſſiren⸗ den Ketzern halte oder nicht. O, es iſt nicht aus⸗ zuſprechen, wie wichtig es geweſen iſt, daß dieſe drei erſten allgemeinen (ökumeniſchen) Symbole in der Kirche geblieben ſind! Dadurch hat ſich ſelbſt in der finſterſten Zeit des Pabſtthums die rechte Lehre von der hochheiligen Dreieinigkeit, von Chriſti Gottheit, von ſeinen Werken, von ſei⸗ ner Verſöhnung, kurz, die allerwichtigſten zur Se⸗ ligkeit unentbehrlichſten Glaubensartikel erhalten trotzdem, daß die Bibel faſt ganz dem Volke aus den Händen gewunden war. Welcher Feind der Symbole kann dies leugnen und wer kann ein Chriſt ſein, ohne darüber Gott zu loben und zu preiſen? ö Doch als Gott vor 300 Jahren wieder durch Dr. Martin Luther ſeine Kirche reinigte, wie wichtig war es auch da, daß damals im Namen aller, welche in dieſer Zeit zur reinen Lehre ſich bekannten, wieder neue Bekenntniſſe der alten ver⸗ dunkelt geweſenen Wahrheit aufgeſetzt wurden, aus denen ein jeder, auch der Einfältigſte, erſehen kann, welches denn eigentlich die rechte Lehre der wahren Kirche ſei! Wie viele Millionen haben inſonderheit aus dem kleinen Catechismus Lutheri und aus der Augsburgiſchen Con—⸗ feſſion die ſeligmachende Wahrheit kennen und glauben gelernt! Wir ſehen ferner aus der Geſchichte unſerer Kirche, wie bald nach Luthers Tode die größte