# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1849 02 02_S82 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) nen oder bei ihr zu bleiben? Wo iſt alſo hier ein Zwang? Laſſet mich ein Beiſpiel geben. Setzet den Fall, es bildete ſich eine Geſellſchaft zu dem Zwecke, zu Hülfe des Vaterlandes in den Krieg zu ziehen. Viele treten der Geſellſchaft bei. Da es aber endlich heißt: Auf nun, in den Krieg! ſiehe, da erheben ſich mehrere und erklären, das ſei ein ungerechter Zwang; ſie wollten zwar Glieder des Vereines gerne bleiben, aber ſie ließei ſich keineswegs zwingen, mit in den Krieg zu ziehen. Sie ſeien mündige Männer, die ſich ihre Freiheit nicht nehmen ließen. — Würden ſich ſolche Men— ſchen nicht vor jedermann lächerlich machen? Würde man zu ihnen nicht ſagen: Wer hat euch denn gezwungen, euch uns anzuſchließen? Nach⸗ dem ihr aber freiwillig zu uns getreten ſeid, wie kömnet ihr Thoren es nun einen Zwang nennen, wenn von euch gefordert wird, das zu thun, um deswillen ihr Glieder des Vereins geworden ſeid? Sehet, liebe lutheriſche Leſer, ebenſo thöricht iſt es, es einen Glaubenszwang zu nennen, wenn die lutheriſche Kirche von denen, welche zu ihr gehören und bei ihr bleiben wollen, fordert, auch lutheriſch zu glauben und zu lehren.“) So nichtig aber der Einwurf wegen des angeb⸗ lichen Glaubenszwanges iſt, ſo nichtig iſt dieſer: wenn man ſich den menſchlichen Symbolen unſe⸗ rer Kirche in vollem Glauben anſchließe und un⸗ terwerfe, ſo ſtelle man dieſelben dadurch den gött— lichen Büchern der heiligen Schrift gleich, ja ſetze ſie gewiſſermaßen über ſie. Dieſer Einwurf iſt darum ohne Grund, weil wir an die Lehren unſerer Symbole nicht darum glauben, weil ſie in den Symbolen enthalten, ſondern weil ſie aus dem Worte Gottes genommen ſind; nicht weil ſie Luther und andere angeſehene Gottesgelehrte ge⸗ glaubt und gelehrt haben, ſondern weil ſie mit der heiligen Schrift übereinſtimmen. Ein wahrer Lutheraner macht die Symbole nicht zur Quelle und zum Grunde des Glaubens, er nimmt ſie vielmehr allein darum an, weil ſie aus der Bibel als ihrer Quelle gefloſſen und auf die Bibel als ihren Grund gegründet ſind. Macht man aber darum den Bach zur Quelle, wenn man vom Bach ſagt, daß darin dasſelbe Waſſer fließe, was in der Quelle quillt, weil es daraus gefloſſen ſei? Und ſtellt man darum das Gebäude ſeinem Grunde gleich, wenn man von dem Gebäude ſagt, daß es feſt ſtehe auf ſeinem Grunde? Wird ) Wie thöricht es ſei, hier von Glaubenszwang zu re⸗ den, haben ſelbſt Rationaliſten eingeſtehen müſſen. So ſchreibt unter anderen, von ſeiner bloßen Vernunft belehrt, v. Ammon in ſeiner Sittenlehre (II, S. 106.): „Die evangeliſche Kirche kann auf den Vorwand Derer keine Rückſicht nehmen, welche behaupten, daß ſie den Eid auf die ſymboliſchen Bücher mit ihrem Glauben, mit ihrer Ueberzeugung und alſo auch mit ihrem Gewiſſen nicht zu vereinigen vermöchten. „„Ich glaube nicht an die Göttlich⸗ keit der Bibel, denn ich bin ein Naturaliſt; ich verwerfe die Erbſünde, denn ich denke pelagianiſch; ich leugne die gött⸗ liche Würde Jeſu und halte ihn nur für den Redner Got⸗ tes an das verblendete Menſchengeſchlecht.““ Aber warum glaubeſt du das; haſt du ein Recht, von der evangeliſchen Kirche zu fordern, daß ſie deinetwegen ihre Bekenntniſſe ändere; nöthigt dich jemand, in ihre Dienſte zu treten, zu welchen du, gerade dieſer deiner individuellen Anſicht wegen, weder geſchickt noch fähig biſt?“ 8²2 dann nicht das Waſſer — der Quelle, und die Feſtigkeit — dem Grun de zugeſchrieben? Aber, ſpricht man, ſind die kirchlichen Symbole nicht von irrthumsfähigen Menſchen geſchrieben? Wer mag ſich alſo auf ſie verlaſſen? Wir ant⸗ worten: Es iſt hier nicht die Frage, ob die Ver⸗ faſſer der Symbole Menſchen waren, die da irren konnten, ſondern ob ſie in den Lehren, die ſie in jenen Büchern bekannt und niedergelegt haben, geirrt haben. Daß ſie irren konnten, das ge⸗ ſtehen wir gern zu, aber daß ſie in den aufgezeich⸗ neten Artikeln des Glaubens geirrt haben, das leugnen wir. Daß die Art und Weiſe, wie in unſeren Symbolen die bibliſchen Lehren bekannt und vertheidigt werden, eine menſchliche und darum nicht vollkommene ſei, wer dürfte das ver⸗ neinen? Daß aber die Lehren ſelbſt menſchlich, unvollkommen und fehlerhaft ſeien, das verneinen wir allen Ernſtes, denn damit würden wir Gottes Wort ſelbſt für unvollkommen und fehlerhaft er⸗ klären. Oder wird das Gold zu zerbrechlichem Thon, ſo bald es in irdenen zerbrechlichen Ge— fäßen getragen wird? Wird eine Wahrheit dann zu einem Irrthum, wenn ſie von einem irrthums⸗ fähigen Menſchen bekannt und aufgezeichnet wird? Wird eine Bibellehre dadurch eine Men— ſchenlehre, wenn diejenigen, die dafür Zeugniß ablegen, Menſchen ſind? Wird Gottes ewiges Wort, wenn es durch den Mund eines ſterblichen Sünders geht, dann zu einer veränderlichen Weis⸗ heit dieſer Welt? — Ach, ſo hätten alſo auch alle die Millionen theurer Märtyrer, weil ſie Menſchen waren, die irren konnten, nicht für ewig feſte. Wahrheit, ſondern für ungewiſſe Anſichten und Vermuthungen unter namenloſen Martern ihr Blut vergoſſen? So dürfte alſo auch die Kirche Chriſti, weil ſie aus Menſchen beſteht, nie ſagen: Wir haben die Wahrheit gefunden!? — O, hin⸗ weg mit ſolchem gottesläſterlichem Skepticismus, d. i. mit ſolcher heidniſchen Verzweiflung an der Auffindung der Wahrheit! Eben dazu iſt ja den Menſchen die Bibel gegeben, daß ſie nicht mehr ohne Licht, ohne Hoffnung und ohne Gewißheit in dieſer Welt umher irren müſſen, ſondern, der Welt und Hölle trotzend, in feſtem Glauben jauch⸗ zen können: Wir haben die Wahrheit gefunden! Und eben die Kirche ſoll ja ein Pfeiler und eine Grundfeſte der Wahrheit ſein (1 Tim. 3, 15.); wenn nirgends in der Welt, ſo ſoll doch in der Kirche dieſes köſtlichſte aller Güter der Menſchen zu finden ſein. Was ſoll alſo das Geſchrei der Feinde unſerer Kirche: Eure Symbole haben Menſchen, welche ja irren konnten, geſchrieben, darum laßt ſie fah⸗ ren, denn ſie ſind ungewiß!? Iſt das nicht ein lieblicher Schluß: Jeder Menſch kann irren, die Bekenner unſeres Glaubens waren Men⸗ ſchen, alſo haben ſie geirrt? Sind denn die Herren, welche ſo ſchließen, nicht auch Menſchen? Warum ſtellen ſolche Symbolſtürmer nicht vor allem ihr Ding als unzuverläſſig und ungewiß hin? Warum ſagen ſie denn am Schluſſe ihrer Predigt nicht: Liebe Zuhörer, ihr wißt, ich bin ein Menſch, der irren kann, darum glaubet ja nicht feſt, daß das wahr ſei, was ich gepredigt habe!? Warum predigen ſie überhaupt noch? Sie werden ſagen: Ja, wir verlangen keinen un⸗ bedingten Glauben; wo man uns überführt, daß wir geirrt haben, ſind wir bereit zu widerrufen. Wohlan, ſo geſtehet ihr ſelbſt ein, worauf es hier ankommt. Es iſt vemlich nicht genug, daß man ſage, die Schreiber der Bekenntniſſe haben irren können, ſondern daß man es auch beweiſe, daß und wo ſie geirrt haben. Wie getroſt können wir Lutheraner daher ſein! Denn dieſen Beweis hat noch kein Menſch geliefert. Mit der Vernunft und mit ſeines Herzens Gedanken hat man wohl wider unſere Bekenntniſſe fechten, mit Gottes Wort ſie aber nie widerlegen können. Man hat wohl bei vielen Lehren derſelben, wenn man ſeine Vernunft und ſein Herz fragte, mit Nicodemus ſagen müſſen: „Wie mag ſolches zu⸗ gehen?“ aber nie hat man ihnen, wie den Syn⸗ bolen anderer Kirchen, entgegen ſtellen können: „Es ſtehet geſchrieben!ꝰ Man hat wohl ſeit drei⸗ hundert Jahren der lutheriſchen Kirche es zum Vorwurf gemacht, daß ſie ſich zu ſteif und hart an den Buchſtaben der heiligen Schrift in ihren Symbolen halte, aber nur ſelten hat man es nur zu behaupten gewagt und noch nie erweiſen können, daß ſie davon abgegangen ſei. Wür⸗ den wir daher von der Lehre der Symbole abfal⸗ len, ſo würden wir nicht von Menſchen-, ſondern von Gotteswort ſelbſt abfallen; nicht Luthem, ſondern Chriſtum verleugnen; nicht nur aufhören, mit Recht Lutheraner, ſondern auch aufhören, mit Recht Chriſten zu heißen. — Doch es ſprechen jetzt viele: geſetzt den Fall, eure Bekenntniſſe ſtimmten völlig mit der heiligen Schrift überein, ſo könnt ihr doch nicht leugnen, daß es eben nur menſchliche Bekenntniſſe ſind; warum will man alſo nicht lieber allein zur Bibel, als zu dem lauteren Worte Gottes, zurück⸗ gehen? Wir antworten hierauf Folgendes. Es iſt eben Thorheit, die Bibel den Symbolen entgegen zu ſtelleu. Die Bibel iſt, ſo zu ſagen, das Bekennt⸗ niß Gottes an uns; die Symbole aber ſind un⸗ ſer Bekenntniß an Gott. Die Bibel iſt die Frage Gottes an die Menſchen: Glaubt ihr an mein Wort? die Symbole ſind die Antwort der Men⸗ ſchen: Ja, HErr, wir glauben, was du ſagſt. Die Bibel iſt der Schacht, in welchem alle Schätze der Weisheit und Erkenntniß Gottes verborgen liegen; die Symbole ſind die Schatzkammern, in welchen die Kirche die von ihr im Laufe der Jahr⸗ hunderte aus dem Bibelſchacht mit vieler Mühe ausgegrabenen und zu Tage geförderten Schätze wie in einem geiſtlichen Magazin und Zeughaus niedergelegt hat. Die Bibel mit ihren Lehren ſind die Handſchriften Gottes von unſerer Selig⸗ keit, die der Satan immer zu verfälſchen und für unecht zu erklären trachtet; die Symbole enthal⸗ ten die beigelegten Urkunden, aus welchen man erſieht, wie die Kirche jene Lehren je und je ge⸗ glaubt und wie ſie ſie immer feſtgehalten hat. Die Bibel iſt das geoffenbarte Wort Gottes ſelbſt; die Symbole aber ſind das rechte Verſtändniß des Wortes Gottes, welches Gott ſeiner Kirche ge⸗ ſchenkt hat.