Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 8 › Seite 62

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-12-22, Seite 62

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Bibelleſen 41 · Einigkeit 10 · Geſetz 28

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leſe, damit er ſich einen Schatz göttlicher Wahrheit
ſammle, und dadurch tüchtig werde, göttliche Ge⸗
danken zu denken und göttliche Werke zu üben.
Haſt du keine Luſt dazu, ſo richteſt du dich ſelbſt;
ſagſt du aber, wie ſo Viele, es fehle dir an Zeit,
ſo frage ich dich: ſpeiſeſt, tränkeſt du nicht täglich
deinen Leib? Nimmſt du dir nicht Zeit dazu
Morgens, Mittags, Nachmittags, Abends?
Würde dein Leib nicht ſchwach und krank werden,
ja würde er nicht ſterben, wenn du ihn nicht ſpei⸗
ſen und tränken wollteſt? Der Menſch lebt aber
nicht vom Brod allein, ſondern von einem jeg⸗
lichen Wort, das durch den Mund Gottes gehet.
Hungert dich nicht darnach, und ſpeiſeſt du deine
Seele nicht damit, ſo zeigeſt du eben nur, daß du
mehr Leib als Seele biſt.

2) Lies mit einfältigem Auge, mit
einem Auge, das Gott ſucht und ſein ewiges Heil.
Fehlt dir ein ſolches Auge, ſo bitte darum. Ein
Schalksauge ſieht und findet in ſeiner Verblendung
das Eine nicht, was Noth thut. Es lieſ't wohl
in der Bibel, aber höchſtens um daraus zu lernen,
nicht aber um darnach zu leben. Die Phariſäer
und Schriftgelehrten waren auch Meiſter der
Schrift; aber es fehlte ihnen die Buße, die Jo⸗
hannes predigte, und der Glaube, den Chriſtus
fordert. Einfalt und Lauterkeit ſind überhaupt
die beiden ſtarken Flügel des Glaubens, die unſere
Seele ſicher nach Oben tragen. (1 Cor. 4, 12)

3) Lies mit betendem Herzen. Das
Gebet gibt unſerm Gemüthe nicht nur die rechte
Stille und Faſſung, den göttlichen Unterricht zu
vernehmen, es öffnet uns auch das Verſtändniß
der heiligen Schrift. Es ſchließt das Herz und
die Schrift auf. Wer mit frommem Gebet lieſ't,
bleibt gewiß nicht ungeſegnet. Wie Luther ſagt:
„Ich vergleiche die heilige Schrift mit einem herr—
lichen Fruchtgarten, in den keine hungernde Seele
vergebens geht; denn wo ſie an einen Baum oder
Sträuchlein klopft, kann ſie verſichert ſein, daß
eine Frucht oder ein Beerlein herabfällt.“ — Die
Bäume und Sträuche ſind die Abſchnitte und
Sprüche der heiligen Schrift; das Anklopfen iſt
das kindliche demüthige Gebet.

4) Lies mit ſteter Anwendung Deſſen,
was du lieſeſt, auf dein Herz und Le—
ben. Verlaß dich nicht auf das Bibelleſen, als
ob das ganze Chriſtenthum darin allein beſtehe.
Nein, ſtets ſoll dir beim Bibelleſen vor Augen
ſchweben das Wort: „So ihr ſolches wiſſet, ſelig
ſeid ihr, ſo ihr es thut.“ — Lies deshalb auch
nie zuviel auf einmal. Es iſt kein Geſetz, daß
du immer ein ganzes Buch oder Capitel in Einem
weg leſen ſouſt. Suche, ſo oft du die Bibel auf-
ſchlänſt, Antwort auf die wichtigſte aller Fragen:

Was muß ich thun, daß ich ſelig werde?;
Biſt du noch ſchwach und unerfahren im Worte
Gottes, ſo lies erſt das Leichteſte und Verſtänd⸗
lichſte, die Lebensgeſchichte Jeſu nach den vier
Cvangelien, gründlich und wiederholt, dann die
Apoptelgeſchichte (das iſt ja auch die Ordnung
der heiligen Schrift), und geh ſo allmählich wei⸗
ter zum Brief an die Römer und an die Hebräer.
Glaubſt du hierüber hinreichendes Licht empfan—
gen zu haben, erſt dann lies die Offenbarung

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Johannis, vergiß aber nie dabei, daß es ein mit
ſieben Siegeln verſchloſſenes, geheimnißvolles pro⸗
phetiſches Buch iſt, und daß „Chriſtum lieb ha⸗
ben beſſer iſt, denn alles Wiſſen“. ‚

5) Soll ich zum Schluſſe noch einen Rath
geben, ſo ſprich nicht zu viel über das Wort
Gottes, wenn du etwas gelernt und verſtanden
haſt; die ſchwer beladenen Wagen pflegen nicht
ſo ſchnell zu fahren, und die Bäche, die am mei⸗
ſten Geräuſch machen und plätſchern, am wenig⸗
ſten tief zu ſein. Es iſt nicht damit geſagt, daß
du gar nichts ſagen ſollſt. Weß das Herz voll
iſt, darf auch der Mund übergehen. Aber Alles
zu ſeiner Zeit, und getrieben vom Heiligen Geiſte;
denn welche der Geiſt Gottes treibt, die ſind Got—
tes Kinder. — Gehörſt du aber andrerſeits zu de⸗
nen, die, wie gerne ſie das Wort Gottes auch
hören und leſen, doch, wie es ihnen ſcheinen
möchte, zu wenig davon zu erzählen wiſſen, wäh⸗
rend Andere ſo viel davon behalten und reden
können, ſo laß dir zum Schluſſe die Geſchichte
von der armen Frau und ihrem Siebe
erzählen, ob vielleicht ein Troſt für dich darin
enthalten ſei.

Ein frommer Prediger ging einſt etwas ferne
von ſeinem Pfarrorte am Ufer eines Baches ſpa—
zieren; da bemerkte er eine arme Frau, welche
Wolle wuſch. Sie hatte die Wolle in ein Sieb
gethan, und tauchte dasſelbe zu wiederholten Ma—
len in das Waſſer, bis die Wolle ganz rein und
weiß war. Der Prediger ging auf ſie zu, und
ließ ſich in eine Unterredung mit ihr ein. Da er
zu ſeinem Erſtaunen bemerkte, daß ſie ihm mit
großer Ehrfurcht begegnete, ja ſogar Aeußerun—
gen der Dankbarkeit that, ſo fragte er ſie, ob ſie
ihn denn kenne? „Ja freilich, Herr Pfarrer“, ant⸗
wortete das arme Weib, „und ich glaube, daß ich
die ganze Ewigkeit hindurch Gott dafür preiſen
werde, daß ich Sie kennen gelernt habe. Ich
habe Sie zu V. vor einigen Jahren predigen ge—
hört, und ich hoffe, daß Ihre Predigt von dem
HErrn als Mittel gebraucht worden iſt, mir das
ſeligſte Gut meines Lebens zu beſcheeren.“ —
Nun, erwiederte der Prediger, das freuet mich
herzlich; aber ſaget mir doch, liebe Frau, was
habe ich denn damals in der Predigt geſagt? —
„Ach, Herr Pfarrer“, ſagte dieſe, „deſſen kann ich
mich nicht mehr entſinnen; ich habe ein gar ſchwa⸗
ches Gedächtniß.“ — Aber wie iſt's möglich, fragte
der Pfarrer, daß ihr dieſer Predigt ſo viel ver—
danket, wenn ihr euch nicht einmal des Inhaltes
erinnert? —„Lieber Herr Pfarrer“, antwortete die

Frau, „mein armes Herz gleicht dieſem Siebe, das

auch das Waſſer nicht in ſich behalten kann; aber
während das Waſſer durchläuft, rei—
nigt Ues die Wolle. So kann mein Gedächt⸗
niß auch die Worte nicht behalten; aber dem
HErrn ſei Dank dafür, daß die Worte des Evan—
geliums mein Herz gereinigt haben, daß ich die
Sünde nicht mehr liebe; ich verlange von
Herzen den Willen des HErrn IEſu zu thun, und
bitte Ihn alle Tage, auch unter der Aibeit, daß
Er mich reinige von aller Miſſethat und thun
lehre nach ſeinem Wohlgefallen.“

Dieſes kleine Geſchichtchen mag vielleicht dem

Einen oder Andern gute Dienſte thun, und ihm
zeigen, die Kraft des Wortes Gottes an
ſeinem Herzen zu erfahren, und es ſo
auf die rechte Weiſe zu behalten. Man hört
oft die Klage, daß man, um des ſchwachen Ge⸗
dächtniſſes willen, die gehörten oder geleſenen
Worte nicht behalten und wieder erzählen könne.
Lieber Leſer, nicht darauf kommt es an, daß dir
die Laute der Worte im Gedächtniß bleiben, ſon⸗
dern daß die Kraft der Worte, die ſe⸗
lige Wirkung der Worte dir im Her⸗
zen bleibe, und das Wort Gottes dein Herz
rein mache. Wenn dann das Waſſer auch durch
das Sieb wieder durchläuft, das thut nichts,
wenn's nur den Unrath mit fort nimmt und das
Herz reinigt, daß es weiß werde, wie Wolle.
(Jeſaias 1, 18.) Kannſt du denn auch durch
Wiedererzählung des Gehörten oder Geleſenen
die Andern nicht erbauen — die Gaben ſind ver⸗
ſchieden —, ſo kannſt und ſollſt du doch durch dei—
nen Wandel für Andere zur Erbauung
werden, daß ſie deine guten Werke ſehen, und
ihren Vater im Himmel preiſen.

Das ſollen wir aber Alle; ſonſt hilft all unſer
Reden nichts, und wenn wir mit Menſchen- und
Engelzungen redeten. Gott wolle uns dazu ſtär⸗
ken in unſerer Schwachheit!

2*
—

Einigkeit.
Wenn die Wäſſerlein kämen zu Hauf,
Gäb' es wohl einen Fluß;
Weil jedes nimmt ſeinen eignen Lauf,
Eins ohne das andre vertrocknen muß.
(Sartorius' Lebensſpiegel.)

2—

Von der dreifachen Art, wie Menſchen das
göttliche Geſetz gebrauchen.

„Es ſind dreierlei Schüler des Geſetzes. Die
erſten, die das Geſetz hören und verachten,
führen ein ruch'os Leben, ohne Furcht; zu dieſen
kommt das Geſetz nicht; und ſind bedeutet durch
die Kalbdiener in der Wüſte, um welcher willen
Moſe die Tafeln entzwei warf, und das Geſetz
nicht zu ihnen brachte, 2 Moſ. 32, 6. 19.

Die andern, die es angreifen mit eigner
Kraft zu erfüllen, ohne Gnade, die ſind be—
deutet durch die, ſo Moſis Antlitz nicht ſehen
konnten, da er zum andernmal die Tafeln brachte,
2 Moſ. 34, 30. Zu dieſen kommt das Geſetz;
aber ſie leiden (ertragen) es nicht; darum machen
ſie eine Decke darüber und führen ein heuchleriſch
Lrben mit äußerlichen Werken des Geſetzes; wel⸗
ches doch das Geſetz alles zu Sünden macht, wo
die Decke abgethan wird. Denn das Geſetz er—
weiſet, daß unſer Vermögen nichts ſei ohne Chriſti
Gnade.

Die Dritten ſind, die Moſen klar ohne Decke
ſehen. Das ſind die, die des Geſetzes Mei—
nung verſtehen, wie es unmöglich Ding
fordere. Da gehet die Sünde in Kraft, 1 Cor.
15, 56. Da iſt der Tod machtig, da iſt des Go⸗
liaths Spieß wie ein Weberbaum und ſeine Sta⸗
chel hat 600 Seckel Erzes, daß alle Kinder Iſrael
vor ihm fliehen, ohne der einige David. Chriſtus
unſer HErr, erlöſet uns von dem allen. Denn

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