Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 8 › Seite 60

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-12-22, Seite 60

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Erziehungsmittel

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bis er wieder aus dem großen Haus dort heraus⸗
kommt.“ Dann ging er ſeines Wegs mit gutem
Gewiſſen, wie ein Bote wieder hingeht, woher er
gekommen iſt, wenn er ſeine Brieftaſche einem
andern Boten übergeben hat und von ihm beſchei⸗
nigt worden iſt.

Die Langöhrin, als ſie nun ganz herrenlos ge⸗
worden war, ſenkte zwar ihr ſorgenſchweres Haupt
noch etwas tiefer, wich aber keinen Schritt von der
Stelle, ſo viel auch der Unbilden waren, die ſie auf
dem ſchmalen Hochpflaſter, wo ſie ſtand, zu erfah⸗
ren hatte. Die Hiebe, die ihr die Spaziergänger,
unwillig darüber, daß ſie ihr ausweichen mußten,
im Vorübergehen verabreichten, nahm ſie ruhig
hin und ſprach nur bei ſich ſelbſt: „Der William
klopft mir ohnedieß das Jahr über meinen grauen
Rock zu wenig aus.“ Aber eine Magd aus der
Nachbarſchaft, die ſie über das Hochpflaſter hinun⸗
terſchieben wollte, klemmte ſie an das Haus, daß
dieſelbe ſchrie und froh war, als ſie zwiſchen der
Wand und dem Rücken des Laſtthiers wieder her⸗
vor durfte. Und mit den zwei kleinen Schorn⸗
ſteinkehrern, die ſie bei den Ohren nahmen und
fortziehen wollten, wurde ſie auch ſchneller fertig,
denn es ihre Widerſacher gedachten. Sie ſchüttelte
ein wenig mit dem Kopfe, und die zwei Jungen
fielen rechts und links von ihr ab, wie ein Apfel⸗
baum ſeine Aepfel abwirft, wenn er vom großen
Winde bewegt wird.

Endlich nach einer Stunde oder darüber kam
William aus dem großen Hauſe mit den hohen
Fenſtern wieder zurück, und ſagte zu ſeiner Eſelin,
indem er ſich mit ihr vollends aus der Stadt
hinauszog, wohl auch dazwiſchen ſtehen blieb:
„Gelt, Jenny, ich bin Dir zu lange ausgeblieben?
Aber es hat nicht anders ſein können. Ein Mann
in dem großen Hauſe, der weit über das Meer
hergekommen iſt, erzählte von den Heiden. Er
hat es mit eigenen Augen geſehen, wie die böſen
Mütter ihre Kinder in die Erde vergraben oder im
Feuer verbrennen, oder im Waſſer erſäufen, oder
den Krokodilen vorwerfen, welche ſie mitten ent⸗
zwei beißen und verſchlucken, wie unſere Schwarze
daheim eine Maus. In großen Städten, ſagte
er, ſieht man allenthalben winſelnde Kinder liegen,
die man vor die Häuſer hinausgeworfen hat, wie
bei uns junge Katzen, die man nicht aufziehen
will. Und den alten Leuten geht es nicht beſſer.
Wenn ſie ſchwach werden und keinen Taug mehr
geben, nimmt ſie der Sohn und gibt ihnen einen
Schlag vor den Kopf, oder ſcharrt ſie bei leben⸗
digem Leibe ein. Aber die Stechmücken und
Flöhe und anderes Ungeziefer taſten ſie nicht an,
damit ſie den Vater derſelben, den Teufel, nicht
beleidigen. Denn den lieben Gott kennen ſie nicht,
ſo fürchten ſie den Böſen über Alles und beten
ihn an.“

Hier wurde William in ſeinem Berichte unter⸗
brochen. Sein Laſtthier trat beiſeit aus, und
ſtreckte ſich nach einer ſaftigen Diſtel, die am Wege
ſtand. Während es aber ein Blatt nach dem
andern pflückte, fuhr er in ſeinen lauten Gedanken
fort und ſprach: „Ja, ſagte der Mann in dem
großen Hauſe, die Heiden haben es unter der Herr⸗

ſchaft des Teufels noch ſchlimmer, als wenn die

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Schafe zu dem Wolfe ſagten: Sei Du unſer
Gott. Du kannſt es Dir vorſtellen, Jenny, wie
der ſie traktiren würde. Und gerade ſo macht es
der Teufel mit ſeinen Unterthanen, den Heiden.
Er läßt ihnen keine gute Stunde. und zieht ihnen
die Haut über den Kopf. Hat auch an vielen
Chriſten ſelbſt treue Bundesgenoſſen, die ihnen
den Branntwein verkaufen, daß ſie ſchaarenweiſe
zu Grunde gehen, wie die Fliegen an der gepfef⸗
ferten Milch.“

Bei dieſen Worten ergrimmite William ſo in ſei⸗
nem Herzen, daß er ſich ſelbſt vergaß und ſeiner
Eſelin einen Streich mit der flachen Hand auf den
Rücken gab. Das Laſtthier nahm den Schlag
für ein Zeichen an, daß es weiter ſollte, und ſetzte
auch ſeinen Weg willig fort, obgleich an der Diſtel
nicht nur etliche Blätter, ſondern auch die Krone
noch übrig waren, weswegen es auch im Wegge⸗
hen einen wehmüthigen Rückblick darauf warf.

Der Knabe aber ſchritt auf der geiſtlichen Bahn
weiter, auf der ihm der Mann in dem großen
Hauſe vorausgegangen war, und ſprach: „Den
Teufel aber — und das, gute Jenny, wirſt ſelber
Du nicht abſprechen wollen — darf man nicht mit
den armen Heiden thun laſſen, was er will. Man
muß wider ihn ſtreiten und die Elenden aus ſei⸗
nen Zähnen reißen. Wollte auch gern ſelbſt wider
ihn ziehen, kann aber nicht von meiner Mutter
weg.“

Unter dieſen und ähnlichen Anreden an ſeine
Jenny kam der Knabe heim. Dort war ſein erſtes
Geſchäft, das müde Laſtthier mit Streu und Fut⸗
ter zu verſorgen. Dann begab er ſich zu ſeiner
Mutter in die Stube, und legte die Kupfermün⸗
zen, die er aus dem verkauften Sand gelöſ't hatte,
der Reihe nach auf den Tiſch, daß ſie leicht über⸗
zählt werden konnten.

Während er dies that, ſagte er ein Mal über
das andere: „Mutter, wir ſollten doch für die
armen Heiden auch Etwas thun! — Mutter, kön⸗
nen wir denn für die armen Heiden gar nichts
thun? — Mutter, wie wär's, wenn wir für die
armen Heiden auch Etwas thäten?“

Das Sandweib, welches lange nur mit dem
Kopf geſchüttelt hatte, antwortete endlich: „O,
William, was können wir thun? Ich bin ein
ſchwaches Weib und Du ein Knabe. Selber ge⸗
hen können wir nicht, und Etwas geben können
wir auch nicht. Sieh, da liegen ſechs und zwanzig
Pence auf dem Tiſch. Dieſe zwölf brauchen wir
für Brod, dieſe ſechs zum Pachtgeld für die Sand⸗
gruben, dieſe zwei zum Hauszins, dieſe drei für
Kleider und Schuhe, dieſe zwei für Steinkohlen
und dieſen letzten zu den Sandſäcken und zu den
Hufeiſen für Jenny. Und für die armen Heiden
bleibt leider nichts als der leere Tiſch.“

So ſprach das Weib, und trug die ſechs und
zwanzig Pence, welche ſie nach und nach mit der
rechten Hand in die linke geſtrichen hatte, in die
Kammer hinaus. William folgte ihr bald und
legte ſich nachdenklich auf ſeinen Strohſack.

Was er aber mit ſeinem Nachdenken heraus⸗
brachte, wird der freundliche Leſer bald merken.

Den andern Tag ſtand er eine Stunde eher auf
als gewöhnlich, und ſagte zu ſeiner Eſelin, indem

er ihr das Morgenfutter in die Krippe wafrf:
„Von nun an, Jenny, müſſen wir jeden Tag
zwei Mal in die Stadt, das eine Mal für unſere
Mutter und das andere Mal für die armen Hei⸗
den. Und darum darfſt Du auch nicht mehr ſo
langſam gehen, wie die alte Lady Dungal in dit
Kirche, ſondern mußt machen, daß Du vom Wege
kommſt. Ich will mich auch nirgends mehr län⸗

ger aufhalten, als es nöthig iſt.“ ö

William hielt auch Wort.
jeder Straßenecke ſtehen, und ging nicht eher, als
bis er geſehen, oder wo möglich geleſen hatte, was
auf den neuen Anſchlägen ſtand; ſonſt begleitett
er oft, wenn er ſeinen Sand ſchnell abgeſetzt hatte,
die kleinen Savoyarden und ihre Murmelthiett
von Gaſſe zu Gaſſe; ſonſt war er bei jedem Aus⸗
rufen der Erſte und Letzte; von nun aber ging er
vor alle dem vorüber, wie ein Candidat, der ſeine
erſte Predigt im Kopfe hat. Und wenn ſeine zweite
Ladung Sand keinen rechten Abgang mehr finden
wollte, ſo rief er deſto lauter: „Kauft Sand für
die armen Heiden!“ ſo fanden ſich immer wieder
Käuferinnen, und dazwiſchen eine und die andere,
die einen Penny mehr gab, als er forderte, meiſt
dem Knaben zu lieb, der, wo man es verlangte,
nach ſeiner Weiſe von dem Heidenthum das er⸗
zählte, was er ſogleich nach ſeiner Anweſenheit
in dem großen Hauſe ſeiner Jenny mitgetheilt
hatte.

So trieb er es vierzehn Tage, und bemerkte in
ſeinem Eifer für die Heiden nicht, wie ſeine Eſelin
ihren Kopf immer tiefer und tiefer hängen ließ.
Als er ſie aber am Sonntage darauf in dem
Straßengraben weidete, gingen ihm auf einmal
die Augen auf und er ſagte erſchrocken: „O, Jenny,
wie ſchlecht ſiehſt Du aus! Alle Deine Rippen
kann man zählen, und Dein Rückgrat ſteht heraus,
wie der Kiel an einem Bord, und Deine Augen
liegen ſo tief, wie die Kellerfenſter hinter dem
Eiſengitter. Aber ich weiß ſchon, woher es kommt.
Jeden Tag zwei Mal in die Stadt, und doch nicht
mehr zu freſſen als ſonſt! Das iſt zu viel für
Dich. Doch ſei nur ruhig. Von nun an gehen
wir immer nur über den andern Tag zwei Mal
in die City, und dazwiſchen hole ich Dir ſo viel
Futter, daß Du ſchmauſen kannſt, wie der Lord⸗
mayor an ſeinem Tiſch in Guildhall.“

Obgleich aber William von nun an nur über
den andern, oft auch nur über den dritten Tag
Sand für die armen Heiden feil hatte, ſo legte er
doch in einem Jahre ein Säcklein voll Pence und
Schillinge für ſie zurück.

Damit ſuchte er eines Tages den Mann auf.
der in dem großen Hauſe von den Heiden zu reden
pflegte, d. h. er ſtellte ſich unter die Thüre und
wartete auf ihn. Und als er kam, zog er mit der
einen Hand ſein Käpplein vom Kopfe, und mit
der andern hielt er ihm das Säcklein hin und
ſprach: „Wir möchten auch Etwas für die armen
Heiden geben.“

Und der freundliche Leſer weiß wohl, daß er
damit ſich und ſeine Eſelin meinte, welche mit zwei
leeren Sandſäcken auf dem Rücken hinter ihm
ſtand. Aber der Mann wußte es noch nicht und
fragte daher den Knaben, wer die andere Perſon

Sonſt blieb er an 1

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