# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 12 22_S62 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) leſe, damit er ſich einen Schatz göttlicher Wahrheit ſammle, und dadurch tüchtig werde, göttliche Ge⸗ danken zu denken und göttliche Werke zu üben. Haſt du keine Luſt dazu, ſo richteſt du dich ſelbſt; ſagſt du aber, wie ſo Viele, es fehle dir an Zeit, ſo frage ich dich: ſpeiſeſt, tränkeſt du nicht täglich deinen Leib? Nimmſt du dir nicht Zeit dazu Morgens, Mittags, Nachmittags, Abends? Würde dein Leib nicht ſchwach und krank werden, ja würde er nicht ſterben, wenn du ihn nicht ſpei⸗ ſen und tränken wollteſt? Der Menſch lebt aber nicht vom Brod allein, ſondern von einem jeg⸗ lichen Wort, das durch den Mund Gottes gehet. Hungert dich nicht darnach, und ſpeiſeſt du deine Seele nicht damit, ſo zeigeſt du eben nur, daß du mehr Leib als Seele biſt. 2) Lies mit einfältigem Auge, mit einem Auge, das Gott ſucht und ſein ewiges Heil. Fehlt dir ein ſolches Auge, ſo bitte darum. Ein Schalksauge ſieht und findet in ſeiner Verblendung das Eine nicht, was Noth thut. Es lieſ't wohl in der Bibel, aber höchſtens um daraus zu lernen, nicht aber um darnach zu leben. Die Phariſäer und Schriftgelehrten waren auch Meiſter der Schrift; aber es fehlte ihnen die Buße, die Jo⸗ hannes predigte, und der Glaube, den Chriſtus fordert. Einfalt und Lauterkeit ſind überhaupt die beiden ſtarken Flügel des Glaubens, die unſere Seele ſicher nach Oben tragen. (1 Cor. 4, 12) 3) Lies mit betendem Herzen. Das Gebet gibt unſerm Gemüthe nicht nur die rechte Stille und Faſſung, den göttlichen Unterricht zu vernehmen, es öffnet uns auch das Verſtändniß der heiligen Schrift. Es ſchließt das Herz und die Schrift auf. Wer mit frommem Gebet lieſ't, bleibt gewiß nicht ungeſegnet. Wie Luther ſagt: „Ich vergleiche die heilige Schrift mit einem herr— lichen Fruchtgarten, in den keine hungernde Seele vergebens geht; denn wo ſie an einen Baum oder Sträuchlein klopft, kann ſie verſichert ſein, daß eine Frucht oder ein Beerlein herabfällt.“ — Die Bäume und Sträuche ſind die Abſchnitte und Sprüche der heiligen Schrift; das Anklopfen iſt das kindliche demüthige Gebet. 4) Lies mit ſteter Anwendung Deſſen, was du lieſeſt, auf dein Herz und Le— ben. Verlaß dich nicht auf das Bibelleſen, als ob das ganze Chriſtenthum darin allein beſtehe. Nein, ſtets ſoll dir beim Bibelleſen vor Augen ſchweben das Wort: „So ihr ſolches wiſſet, ſelig ſeid ihr, ſo ihr es thut.“ — Lies deshalb auch nie zuviel auf einmal. Es iſt kein Geſetz, daß du immer ein ganzes Buch oder Capitel in Einem weg leſen ſouſt. Suche, ſo oft du die Bibel auf- ſchlänſt, Antwort auf die wichtigſte aller Fragen: Was muß ich thun, daß ich ſelig werde?; Biſt du noch ſchwach und unerfahren im Worte Gottes, ſo lies erſt das Leichteſte und Verſtänd⸗ lichſte, die Lebensgeſchichte Jeſu nach den vier Cvangelien, gründlich und wiederholt, dann die Apoptelgeſchichte (das iſt ja auch die Ordnung der heiligen Schrift), und geh ſo allmählich wei⸗ ter zum Brief an die Römer und an die Hebräer. Glaubſt du hierüber hinreichendes Licht empfan— gen zu haben, erſt dann lies die Offenbarung 62 Johannis, vergiß aber nie dabei, daß es ein mit ſieben Siegeln verſchloſſenes, geheimnißvolles pro⸗ phetiſches Buch iſt, und daß „Chriſtum lieb ha⸗ ben beſſer iſt, denn alles Wiſſen“. ‚ 5) Soll ich zum Schluſſe noch einen Rath geben, ſo ſprich nicht zu viel über das Wort Gottes, wenn du etwas gelernt und verſtanden haſt; die ſchwer beladenen Wagen pflegen nicht ſo ſchnell zu fahren, und die Bäche, die am mei⸗ ſten Geräuſch machen und plätſchern, am wenig⸗ ſten tief zu ſein. Es iſt nicht damit geſagt, daß du gar nichts ſagen ſollſt. Weß das Herz voll iſt, darf auch der Mund übergehen. Aber Alles zu ſeiner Zeit, und getrieben vom Heiligen Geiſte; denn welche der Geiſt Gottes treibt, die ſind Got— tes Kinder. — Gehörſt du aber andrerſeits zu de⸗ nen, die, wie gerne ſie das Wort Gottes auch hören und leſen, doch, wie es ihnen ſcheinen möchte, zu wenig davon zu erzählen wiſſen, wäh⸗ rend Andere ſo viel davon behalten und reden können, ſo laß dir zum Schluſſe die Geſchichte von der armen Frau und ihrem Siebe erzählen, ob vielleicht ein Troſt für dich darin enthalten ſei. Ein frommer Prediger ging einſt etwas ferne von ſeinem Pfarrorte am Ufer eines Baches ſpa— zieren; da bemerkte er eine arme Frau, welche Wolle wuſch. Sie hatte die Wolle in ein Sieb gethan, und tauchte dasſelbe zu wiederholten Ma— len in das Waſſer, bis die Wolle ganz rein und weiß war. Der Prediger ging auf ſie zu, und ließ ſich in eine Unterredung mit ihr ein. Da er zu ſeinem Erſtaunen bemerkte, daß ſie ihm mit großer Ehrfurcht begegnete, ja ſogar Aeußerun— gen der Dankbarkeit that, ſo fragte er ſie, ob ſie ihn denn kenne? „Ja freilich, Herr Pfarrer“, ant⸗ wortete das arme Weib, „und ich glaube, daß ich die ganze Ewigkeit hindurch Gott dafür preiſen werde, daß ich Sie kennen gelernt habe. Ich habe Sie zu V. vor einigen Jahren predigen ge— hört, und ich hoffe, daß Ihre Predigt von dem HErrn als Mittel gebraucht worden iſt, mir das ſeligſte Gut meines Lebens zu beſcheeren.“ — Nun, erwiederte der Prediger, das freuet mich herzlich; aber ſaget mir doch, liebe Frau, was habe ich denn damals in der Predigt geſagt? — „Ach, Herr Pfarrer“, ſagte dieſe, „deſſen kann ich mich nicht mehr entſinnen; ich habe ein gar ſchwa⸗ ches Gedächtniß.“ — Aber wie iſt's möglich, fragte der Pfarrer, daß ihr dieſer Predigt ſo viel ver— danket, wenn ihr euch nicht einmal des Inhaltes erinnert? —„Lieber Herr Pfarrer“, antwortete die Frau, „mein armes Herz gleicht dieſem Siebe, das auch das Waſſer nicht in ſich behalten kann; aber während das Waſſer durchläuft, rei— nigt Ues die Wolle. So kann mein Gedächt⸗ niß auch die Worte nicht behalten; aber dem HErrn ſei Dank dafür, daß die Worte des Evan— geliums mein Herz gereinigt haben, daß ich die Sünde nicht mehr liebe; ich verlange von Herzen den Willen des HErrn IEſu zu thun, und bitte Ihn alle Tage, auch unter der Aibeit, daß Er mich reinige von aller Miſſethat und thun lehre nach ſeinem Wohlgefallen.“ Dieſes kleine Geſchichtchen mag vielleicht dem Einen oder Andern gute Dienſte thun, und ihm zeigen, die Kraft des Wortes Gottes an ſeinem Herzen zu erfahren, und es ſo auf die rechte Weiſe zu behalten. Man hört oft die Klage, daß man, um des ſchwachen Ge⸗ dächtniſſes willen, die gehörten oder geleſenen Worte nicht behalten und wieder erzählen könne. Lieber Leſer, nicht darauf kommt es an, daß dir die Laute der Worte im Gedächtniß bleiben, ſon⸗ dern daß die Kraft der Worte, die ſe⸗ lige Wirkung der Worte dir im Her⸗ zen bleibe, und das Wort Gottes dein Herz rein mache. Wenn dann das Waſſer auch durch das Sieb wieder durchläuft, das thut nichts, wenn's nur den Unrath mit fort nimmt und das Herz reinigt, daß es weiß werde, wie Wolle. (Jeſaias 1, 18.) Kannſt du denn auch durch Wiedererzählung des Gehörten oder Geleſenen die Andern nicht erbauen — die Gaben ſind ver⸗ ſchieden —, ſo kannſt und ſollſt du doch durch dei— nen Wandel für Andere zur Erbauung werden, daß ſie deine guten Werke ſehen, und ihren Vater im Himmel preiſen. Das ſollen wir aber Alle; ſonſt hilft all unſer Reden nichts, und wenn wir mit Menſchen- und Engelzungen redeten. Gott wolle uns dazu ſtär⸗ ken in unſerer Schwachheit! 2* — Einigkeit. Wenn die Wäſſerlein kämen zu Hauf, Gäb' es wohl einen Fluß; Weil jedes nimmt ſeinen eignen Lauf, Eins ohne das andre vertrocknen muß. (Sartorius' Lebensſpiegel.) 2— Von der dreifachen Art, wie Menſchen das göttliche Geſetz gebrauchen. „Es ſind dreierlei Schüler des Geſetzes. Die erſten, die das Geſetz hören und verachten, führen ein ruch'os Leben, ohne Furcht; zu dieſen kommt das Geſetz nicht; und ſind bedeutet durch die Kalbdiener in der Wüſte, um welcher willen Moſe die Tafeln entzwei warf, und das Geſetz nicht zu ihnen brachte, 2 Moſ. 32, 6. 19. Die andern, die es angreifen mit eigner Kraft zu erfüllen, ohne Gnade, die ſind be— deutet durch die, ſo Moſis Antlitz nicht ſehen konnten, da er zum andernmal die Tafeln brachte, 2 Moſ. 34, 30. Zu dieſen kommt das Geſetz; aber ſie leiden (ertragen) es nicht; darum machen ſie eine Decke darüber und führen ein heuchleriſch Lrben mit äußerlichen Werken des Geſetzes; wel⸗ ches doch das Geſetz alles zu Sünden macht, wo die Decke abgethan wird. Denn das Geſetz er— weiſet, daß unſer Vermögen nichts ſei ohne Chriſti Gnade. Die Dritten ſind, die Moſen klar ohne Decke ſehen. Das ſind die, die des Geſetzes Mei— nung verſtehen, wie es unmöglich Ding fordere. Da gehet die Sünde in Kraft, 1 Cor. 15, 56. Da iſt der Tod machtig, da iſt des Go⸗ liaths Spieß wie ein Weberbaum und ſeine Sta⸗ chel hat 600 Seckel Erzes, daß alle Kinder Iſrael vor ihm fliehen, ohne der einige David. Chriſtus unſer HErr, erlöſet uns von dem allen. Denn