Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 7 › Seite 55
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-11-24, Seite 55
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könnt. Sie thaten, wie ihnen befohlen war, und
nachdem ſie erfahren hatten, daß Nonnus in der
Kirche des heiligen Märtyrers Julianus*) ſeine
herberge habe, kehrten ſie zu der Schauſpielerin
zurück. Dieſe ſchrieb auf der Stelle folgenden
Brief an ihn:
„Dem frommen Jünger Chriſti, Nonnus, eine
Sünderin und Schülerin des Satans. Ich habe
von Deinem Gott gehört, daß er den Himmel
verlaſſen hat, und herabgekommen iſt auf die
Erde, um die Sünder ſelig zu machen,“*) ja daß
Er, zu welchem nicht einmal die Cherubim auf⸗
zublicken wagen, ſich ſo ſehr erniedriget hat, daß
er den Zöllnern ſich nahte, und mit den Sündern
Umgang pflegte. Darum wirſt Du, mein Herr!
der Du ſchon ſo weit vorgerückt biſt in der Hei⸗
fligung und, obgleich Du IEſum Chriſtum, der
des ſamaritiſchen Weibes am Brunnen 1) ſich ſo
gnädig annahm, mit leiblichen Augen noch nicht
geſchaut haſt, doch Sein wahrer Verehrer und
Jünger biſt, wie ich von vielen Chriſten verſi⸗
chern hörte, — Du wirſt mich gewiß nicht ver—
ſchmähen, die ich durch Dich den Heiland kennen
zu lernen wünſche, und durch Dich tüchtig ge—
macht werden möchte, einſt Sein heiliges Antlitz
zu ſchauen.“
Hierauf ſchrieb Biſchof Nonnus zurück: „Wer
Du auch ſeieſt, Gott kennet Dich; Dein ganzer
Wandel und Deine Geſinnung iſt offenbar vor
Ihm. Jedoch ſage ich Dir, führe mich Schwachen
in keine Verſuchung; denn ich bin ein ſündiger
Menſch. Iſt Dein Verlangen nach dem wahren
Glauben und nach gottgefälliger Rechtſchaffenheit
echter Art, und verlangſt Du mich deswegen zu
ſprechen, ſo mag es geſchehen zu einer Zeit und
an einem Ort, wo die übrigen Biſchöfe dabei ſind,
aber allein kann ich Dich nicht ſprechen.“ 4)
Kaum hatte ſie dieſen Brief geleſen, ſo machte
ſie ſich vol Freuden auf den Weg, eilte zur Kirche
des Märtyrers Julianus, und ließ dem Nonnus
ihre Ankunft melden. Nachdem dieſer die ſämmt⸗
lichen Biſchöfe zu ſich gebeten hatte, ließ er die
Dirne hereintreten. Sie erſchien mit zur Erde
geſenktem Blick, warf ſich auf den Boden nieder,
Julianus, ein chriſtlicher Biſchof, wurde im dritten
4.Hahrhundert um des Evangeliums willen hingerichtet. Die
Chriſten jener Zeit erbauten ihre Kirchen gerne an einem
Orte, wo die Ueberreſte der Blutzeugen (Märtyrer) begra⸗
ben lagen.
*1) Hiermit bezog ſie ſich wohl auf Bibelſtellen, welche
Nonnus ſelbſt in ſeiner Predigt vorgebracht hatte, z. B.
Matth. 18, 11. — 1 Tim. 1, 15. — Matth. 1, 21. 9, 13.
— Joh. 12, 47. — Jeſ. 6, 3. — Matth. 11, 5. — Luc.
7, 22. — Luc. 15.
1) Das Beiſpiel dieſer von JEſu mit ſo freundlichem
Ernſte behandelten Sünderin (Joh. 4, 18.) war für Pela-
gia beſonders troſtreich, da ſie mit ähnlichen Sünden ſich
befleckt hatte, wie jene. In der heiligen Schrift iſt für
die Aengſtlichkeit ſchwacher Gewiſſen trefflich geſorgt durch
die Mannigfaltigkeit der Beiſpiele von ſolchen, welche ſich
in ihrer Noth au JEſum gewandt, und bei ihm Vergebung
und Hülfe gefunden haben.
11) Nonnus traute der Schauſpielerin nicht, die ſeines
Glaubens und Eifers vielleicht ſpotten wollte. Er wollte
lein Aergerniß geben, und darum auch den böſen Schein
meiden. Wir wollen von ihm lernen, vorſichtig zu ſein
im Umgange mit Perſonen anderen Geſchlechtes, auch wenn
ſie nicht bloß ſich fromm ſtellen, ſondern wirklich fromm
ſind. Es frommet nicht alles, was erlaubt iſt.
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umfaßte die Füße des Biſchofs, und ſagte: „Ich
bitte Dich, mein Herr! thue wie Dein Meiſter
JIEſus Chriſtus, erzeige mir Barmherzigkeit, und
laß mich eine Chriſtin werden. Siehe, ich bin
ein Meer“) von Sünden und ein Abgrund von
Ungerechtigkeit, und möchte gerne getauft werden.“
Nachdem Nonnus es mit vieler Mühe dahin ge⸗
bracht hatte, daß ſie aufſtand, ſagte er: „Die
Kirchengeſetze verordnen, daß keine Hure getauft
werden dürfe, ſie ſtelle denn Bürgen, welche dafür
gut ſind, daß ſie ſich nicht mehr in ihr voriges
Sündenleben ſtürze.“ Als ſie dieſen Ausſpruch
des Biſchofs hörte, warf ſie ſich abermals auf die
Erde, umfaßte ſeine Füße, netzte ſie mit ihren
Thränen, trocknete ſie mit ihren Haaren, und
ſagte: „Du ſollſt Gott Rechenſchaft ablegen für
meine Seele; und Dir ſoll die Schuld meiner
Thaten zugerechnet werden, wenn Du mir Sün⸗
derin die Taufe verweigerſt. Du ſollſt kein Theil
haben an Gott mit den Heiligen, wenn Du mich
nicht dem Sündendienſte entziehſt. Du ſollſt ein
Gottesleugner und Götzendiener werden, wenn
Du mich nicht heute noch eine Braut Chriſti wer⸗
den läſſeſt, und mich Ihm zum Eigenthum über⸗
gibſt.“
Als die verſammelten Biſchöfe ſahen, daß dieſe
Sünderin ganz erfüllt war von dem Verlangen
nach einem gottſeligen Leben, wunderten ſie ſich
und bekannten, ſie hätten nie ſolchen Glauben
und ſolche Heilsbegierde geſehen. Auf der Stelle
wurde nun der Diakon Jacobus zum Erzbiſchof
geſandt mit dem Auftrage, ihm die ganze Geſchichte
zu erzählen, und ihn zu bitten, daß er eine Dia⸗
koniſſin““) mit ihm ſchicken möchte. Mit hoher
Freude vernahm er dieſe Nachricht und rief aus:
„Dachte ich mir's doch, ehrwürdiger Nonnus! als
ich Dich für mich reden ließ, daß ein herrlicher
Erfolg Deine Bemühung krönen müſſe.“ Darauf
gab er dem Diakon die Diakoniſſin Donna aus
Rom mit. Dieſe traf die Sünderin noch zu den
Füßen des Nonnus, der ſie endlich, aber mit vie⸗
ler Mühe, dazu brachte, daß ſie wieder aufſtand
und Muth faßte. Dann ſagte er zu ihr: „Be⸗
kenne Deine Sünden.“ Sie antwortete: „Wenn
ich mein ganzes Herz durchforſche, ſo finde ich
nichts Gutes in mir. Ich weiß, daß meine Sün⸗
den ſchwer und zahllos ſind, wie der Sand des
Meeres: ich vertraue aber auf Gott, daß er mir
die unermeßliche Schuld meiner Uebertretungen
vergeben und mich wieder gnädig anſehen werde.“
Hierauf fragte der Biſchof: „Wie heißt Dein
Name?“ Sie erwiederte: „Mein eigentlicher
Name, den meine Eltern mir gaben, iſt Pelagia;
die Einwohner von Antiochia aber nannten mich
Margaretha (d. i. Perle); ich war aber nichts
anderes, als eine wohlgeſchmückte und feingezierte
Wohnung des Satans.“
Darauf empfing ſie die Taufe, das Zeichen des
Kreuzes und den Leib des HErrn. Die Diako⸗
*) Eine Anſpielung auf ihren Namen! Pelagia, d. i.
Meer.
**) Die Diakoniſſinnen hatten zwar vornehmlich die
Pflicht, für arme und kranke Frauen zu ſorgen; indeſſen
war es ſehr natürlich, daß man ihnen, den bewährteſten
chriſtlichen Frauen, zuweilen auch die Seelſorge für einzelne
Perſonen ihres Geſchlechtes übertrug.
niſſin Donna aber wurde von da an ihre geiſtliche
Mutter, nahm ſie zu ſich in ihre Zelle, und ſorgte
mit treuer Liebe für ihre fernere Belehrung und
Unterweiſung. Und am Abend ſagte der Biſchof
Nonnus zu ſeinem Diakon Jacobus: „Ich ſage
Dir, mein lieber Diakon, heute iſt Freude im
Himmel.*) Darum wollen auch wir uns freuen,
und zu unſerm gewöhnlichen Abendbrode dießmal
etwas Oel und Wein!“*) hinzufügen.
*
Der Chriſten Reichthum.
Die Chriſten wären alle ſehr reich, wenn ſie es
nur wüßten oder glaubten; denn ſie ſind Kinder
Gottes, folglich auch Erben Gottes und Miterben
Chriſti. Himmel und Erde, alles gehört Chriſto
an, und weil die Chriſten Miterben Chriſti und
Mitgenoſſen ſeiner Herrlichkeit und Seligkeit ſind,
ſo ſind ſie unausſprechlich reich. Alles iſt unſer,
ſagt deswegen Paulus. Aber weil die Leute das
nicht ſehen und glauben, ſo hört man immer
ſeufzen: Ach, wenn ich nur reich wäre! wenn ich
nur Geld hätte! Paulus ſagte: Ich halte das
Geld und alles für Gaſſenkoth, ſeindem ich einen
Blick in die gnadenreiche Erkenntniß IEſu
Chriſti gethan habe. Boos.
„Ein wenig Sauerteig verſäuert den ganzen
Teig.“ Gal. 5, 9.
Es hat zu jeder Zeit ſeine Punkten, worin die
Welt will. daß man ihr nachgeben ſoll, wofür ſie
dann hernach das Uebrige unangefochten laſſen
wolle. Wer ſich aber in dieſe unlautere Ver⸗
miſchung nicht einläßt, der muß nicht uur Ver⸗
folgung leiden, ſondern auch den Vorwurf tragen,
er ſei ſelbſt ſchuldig; man verfolge nicht die
Wahrheit, er leide um ſeines Eigen ſinns willen.
Rieger.
Eingeſandt.)
Red Bird.
Die Indianer am St. Peters-Fluſſe in Wis⸗
conſin hatten von den Weißen mancherlei Unrecht
erlitten
beſchloſſen, Blutrache zu nehmen. Red Bird
wurde beauftragt, Fleiſch zu holen, wie die In⸗
dianer ſich ausdrücken. Ein Freund der Weißen,
machte er einen weiten Umweg und ſagte, er könne
kein Fleiſch finden. Dafür wurde er verſpottet
und Memme geſcholten. Er beſchloß, ſeinen
Ruhm als Braver zu retten, und ging mit zwei
andern Indianern in die Prairie. Sie ſralpirten
zwei Männer und ein Kind.
Sobald dieſer Mord bekannt wurde, zogen Ge⸗
neral Atkinſon von St. Louis und Major Whiſt⸗
Ihre Häuptlinge verſammelten ſich und
ler von Fort Howard aus, um den ſchuldigen
Stamm zu beſtrafen. Sie lagerten ſich am Ufer
*) Nach dem Spruch IEſu Luc. 15,7. — Lieber Leſer,
meineſt Du, daß auch ſchon Deinetwegen ein ſolcher Freu⸗
dentag im Himmel gefeiert worden ſei? Wenn Du Grund
haſt, daran zu zweifeln, ſo laß den heutigen Tag zu einem
ſolchen Feſttage werden. Wer weiß, ob es nicht morgen zu
ſpät iſt!
**) Das Oel, aus den Oliven gepreßt, wird im Mor⸗
genlande ſo gebraucht, wie bei uns Butter und Schmalz. —
Gott läſſet den Wein wachſen, daß er erfreue des Menſchen
Herz. Pſalm 104, 15. Das erkannten alſo auch jene Chri⸗
ſten der erſten Zeit, bei aller ſonſtigen Strenge ihrer Lebens⸗
weiſe, an; und der wichtige Unterſchied, der zwiſchen ihnen
und der Welt Statt fand, beſtand vornehmlich darin, daß
ſie deſſen ſich freuten, worüber auch Gott und ſeine heiligen
Engel ſich freuen, des Seelenheiles ihrer Mitmenſchen, und
daß ſie in ſolchem Maße ſich freuten, daß ſie hintennach
nicht Urſache hatten, mit Bußthränen ihre Freuden zu be⸗
weinen.
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