# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 11 24_S55 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) könnt. Sie thaten, wie ihnen befohlen war, und nachdem ſie erfahren hatten, daß Nonnus in der Kirche des heiligen Märtyrers Julianus*) ſeine herberge habe, kehrten ſie zu der Schauſpielerin zurück. Dieſe ſchrieb auf der Stelle folgenden Brief an ihn: „Dem frommen Jünger Chriſti, Nonnus, eine Sünderin und Schülerin des Satans. Ich habe von Deinem Gott gehört, daß er den Himmel verlaſſen hat, und herabgekommen iſt auf die Erde, um die Sünder ſelig zu machen,“*) ja daß Er, zu welchem nicht einmal die Cherubim auf⸗ zublicken wagen, ſich ſo ſehr erniedriget hat, daß er den Zöllnern ſich nahte, und mit den Sündern Umgang pflegte. Darum wirſt Du, mein Herr! der Du ſchon ſo weit vorgerückt biſt in der Hei⸗ fligung und, obgleich Du IEſum Chriſtum, der des ſamaritiſchen Weibes am Brunnen 1) ſich ſo gnädig annahm, mit leiblichen Augen noch nicht geſchaut haſt, doch Sein wahrer Verehrer und Jünger biſt, wie ich von vielen Chriſten verſi⸗ chern hörte, — Du wirſt mich gewiß nicht ver— ſchmähen, die ich durch Dich den Heiland kennen zu lernen wünſche, und durch Dich tüchtig ge— macht werden möchte, einſt Sein heiliges Antlitz zu ſchauen.“ Hierauf ſchrieb Biſchof Nonnus zurück: „Wer Du auch ſeieſt, Gott kennet Dich; Dein ganzer Wandel und Deine Geſinnung iſt offenbar vor Ihm. Jedoch ſage ich Dir, führe mich Schwachen in keine Verſuchung; denn ich bin ein ſündiger Menſch. Iſt Dein Verlangen nach dem wahren Glauben und nach gottgefälliger Rechtſchaffenheit echter Art, und verlangſt Du mich deswegen zu ſprechen, ſo mag es geſchehen zu einer Zeit und an einem Ort, wo die übrigen Biſchöfe dabei ſind, aber allein kann ich Dich nicht ſprechen.“ 4) Kaum hatte ſie dieſen Brief geleſen, ſo machte ſie ſich vol Freuden auf den Weg, eilte zur Kirche des Märtyrers Julianus, und ließ dem Nonnus ihre Ankunft melden. Nachdem dieſer die ſämmt⸗ lichen Biſchöfe zu ſich gebeten hatte, ließ er die Dirne hereintreten. Sie erſchien mit zur Erde geſenktem Blick, warf ſich auf den Boden nieder, Julianus, ein chriſtlicher Biſchof, wurde im dritten 4.Hahrhundert um des Evangeliums willen hingerichtet. Die Chriſten jener Zeit erbauten ihre Kirchen gerne an einem Orte, wo die Ueberreſte der Blutzeugen (Märtyrer) begra⸗ ben lagen. *1) Hiermit bezog ſie ſich wohl auf Bibelſtellen, welche Nonnus ſelbſt in ſeiner Predigt vorgebracht hatte, z. B. Matth. 18, 11. — 1 Tim. 1, 15. — Matth. 1, 21. 9, 13. — Joh. 12, 47. — Jeſ. 6, 3. — Matth. 11, 5. — Luc. 7, 22. — Luc. 15. 1) Das Beiſpiel dieſer von JEſu mit ſo freundlichem Ernſte behandelten Sünderin (Joh. 4, 18.) war für Pela- gia beſonders troſtreich, da ſie mit ähnlichen Sünden ſich befleckt hatte, wie jene. In der heiligen Schrift iſt für die Aengſtlichkeit ſchwacher Gewiſſen trefflich geſorgt durch die Mannigfaltigkeit der Beiſpiele von ſolchen, welche ſich in ihrer Noth au JEſum gewandt, und bei ihm Vergebung und Hülfe gefunden haben. 11) Nonnus traute der Schauſpielerin nicht, die ſeines Glaubens und Eifers vielleicht ſpotten wollte. Er wollte lein Aergerniß geben, und darum auch den böſen Schein meiden. Wir wollen von ihm lernen, vorſichtig zu ſein im Umgange mit Perſonen anderen Geſchlechtes, auch wenn ſie nicht bloß ſich fromm ſtellen, ſondern wirklich fromm ſind. Es frommet nicht alles, was erlaubt iſt. 55 umfaßte die Füße des Biſchofs, und ſagte: „Ich bitte Dich, mein Herr! thue wie Dein Meiſter JIEſus Chriſtus, erzeige mir Barmherzigkeit, und laß mich eine Chriſtin werden. Siehe, ich bin ein Meer“) von Sünden und ein Abgrund von Ungerechtigkeit, und möchte gerne getauft werden.“ Nachdem Nonnus es mit vieler Mühe dahin ge⸗ bracht hatte, daß ſie aufſtand, ſagte er: „Die Kirchengeſetze verordnen, daß keine Hure getauft werden dürfe, ſie ſtelle denn Bürgen, welche dafür gut ſind, daß ſie ſich nicht mehr in ihr voriges Sündenleben ſtürze.“ Als ſie dieſen Ausſpruch des Biſchofs hörte, warf ſie ſich abermals auf die Erde, umfaßte ſeine Füße, netzte ſie mit ihren Thränen, trocknete ſie mit ihren Haaren, und ſagte: „Du ſollſt Gott Rechenſchaft ablegen für meine Seele; und Dir ſoll die Schuld meiner Thaten zugerechnet werden, wenn Du mir Sün⸗ derin die Taufe verweigerſt. Du ſollſt kein Theil haben an Gott mit den Heiligen, wenn Du mich nicht dem Sündendienſte entziehſt. Du ſollſt ein Gottesleugner und Götzendiener werden, wenn Du mich nicht heute noch eine Braut Chriſti wer⸗ den läſſeſt, und mich Ihm zum Eigenthum über⸗ gibſt.“ Als die verſammelten Biſchöfe ſahen, daß dieſe Sünderin ganz erfüllt war von dem Verlangen nach einem gottſeligen Leben, wunderten ſie ſich und bekannten, ſie hätten nie ſolchen Glauben und ſolche Heilsbegierde geſehen. Auf der Stelle wurde nun der Diakon Jacobus zum Erzbiſchof geſandt mit dem Auftrage, ihm die ganze Geſchichte zu erzählen, und ihn zu bitten, daß er eine Dia⸗ koniſſin““) mit ihm ſchicken möchte. Mit hoher Freude vernahm er dieſe Nachricht und rief aus: „Dachte ich mir's doch, ehrwürdiger Nonnus! als ich Dich für mich reden ließ, daß ein herrlicher Erfolg Deine Bemühung krönen müſſe.“ Darauf gab er dem Diakon die Diakoniſſin Donna aus Rom mit. Dieſe traf die Sünderin noch zu den Füßen des Nonnus, der ſie endlich, aber mit vie⸗ ler Mühe, dazu brachte, daß ſie wieder aufſtand und Muth faßte. Dann ſagte er zu ihr: „Be⸗ kenne Deine Sünden.“ Sie antwortete: „Wenn ich mein ganzes Herz durchforſche, ſo finde ich nichts Gutes in mir. Ich weiß, daß meine Sün⸗ den ſchwer und zahllos ſind, wie der Sand des Meeres: ich vertraue aber auf Gott, daß er mir die unermeßliche Schuld meiner Uebertretungen vergeben und mich wieder gnädig anſehen werde.“ Hierauf fragte der Biſchof: „Wie heißt Dein Name?“ Sie erwiederte: „Mein eigentlicher Name, den meine Eltern mir gaben, iſt Pelagia; die Einwohner von Antiochia aber nannten mich Margaretha (d. i. Perle); ich war aber nichts anderes, als eine wohlgeſchmückte und feingezierte Wohnung des Satans.“ Darauf empfing ſie die Taufe, das Zeichen des Kreuzes und den Leib des HErrn. Die Diako⸗ *) Eine Anſpielung auf ihren Namen! Pelagia, d. i. Meer. **) Die Diakoniſſinnen hatten zwar vornehmlich die Pflicht, für arme und kranke Frauen zu ſorgen; indeſſen war es ſehr natürlich, daß man ihnen, den bewährteſten chriſtlichen Frauen, zuweilen auch die Seelſorge für einzelne Perſonen ihres Geſchlechtes übertrug. niſſin Donna aber wurde von da an ihre geiſtliche Mutter, nahm ſie zu ſich in ihre Zelle, und ſorgte mit treuer Liebe für ihre fernere Belehrung und Unterweiſung. Und am Abend ſagte der Biſchof Nonnus zu ſeinem Diakon Jacobus: „Ich ſage Dir, mein lieber Diakon, heute iſt Freude im Himmel.*) Darum wollen auch wir uns freuen, und zu unſerm gewöhnlichen Abendbrode dießmal etwas Oel und Wein!“*) hinzufügen. * Der Chriſten Reichthum. Die Chriſten wären alle ſehr reich, wenn ſie es nur wüßten oder glaubten; denn ſie ſind Kinder Gottes, folglich auch Erben Gottes und Miterben Chriſti. Himmel und Erde, alles gehört Chriſto an, und weil die Chriſten Miterben Chriſti und Mitgenoſſen ſeiner Herrlichkeit und Seligkeit ſind, ſo ſind ſie unausſprechlich reich. Alles iſt unſer, ſagt deswegen Paulus. Aber weil die Leute das nicht ſehen und glauben, ſo hört man immer ſeufzen: Ach, wenn ich nur reich wäre! wenn ich nur Geld hätte! Paulus ſagte: Ich halte das Geld und alles für Gaſſenkoth, ſeindem ich einen Blick in die gnadenreiche Erkenntniß IEſu Chriſti gethan habe. Boos. „Ein wenig Sauerteig verſäuert den ganzen Teig.“ Gal. 5, 9. Es hat zu jeder Zeit ſeine Punkten, worin die Welt will. daß man ihr nachgeben ſoll, wofür ſie dann hernach das Uebrige unangefochten laſſen wolle. Wer ſich aber in dieſe unlautere Ver⸗ miſchung nicht einläßt, der muß nicht uur Ver⸗ folgung leiden, ſondern auch den Vorwurf tragen, er ſei ſelbſt ſchuldig; man verfolge nicht die Wahrheit, er leide um ſeines Eigen ſinns willen. Rieger. Eingeſandt.) Red Bird. Die Indianer am St. Peters-Fluſſe in Wis⸗ conſin hatten von den Weißen mancherlei Unrecht erlitten beſchloſſen, Blutrache zu nehmen. Red Bird wurde beauftragt, Fleiſch zu holen, wie die In⸗ dianer ſich ausdrücken. Ein Freund der Weißen, machte er einen weiten Umweg und ſagte, er könne kein Fleiſch finden. Dafür wurde er verſpottet und Memme geſcholten. Er beſchloß, ſeinen Ruhm als Braver zu retten, und ging mit zwei andern Indianern in die Prairie. Sie ſralpirten zwei Männer und ein Kind. Sobald dieſer Mord bekannt wurde, zogen Ge⸗ neral Atkinſon von St. Louis und Major Whiſt⸗ Ihre Häuptlinge verſammelten ſich und ler von Fort Howard aus, um den ſchuldigen Stamm zu beſtrafen. Sie lagerten ſich am Ufer *) Nach dem Spruch IEſu Luc. 15,7. — Lieber Leſer, meineſt Du, daß auch ſchon Deinetwegen ein ſolcher Freu⸗ dentag im Himmel gefeiert worden ſei? Wenn Du Grund haſt, daran zu zweifeln, ſo laß den heutigen Tag zu einem ſolchen Feſttage werden. Wer weiß, ob es nicht morgen zu ſpät iſt! **) Das Oel, aus den Oliven gepreßt, wird im Mor⸗ genlande ſo gebraucht, wie bei uns Butter und Schmalz. — Gott läſſet den Wein wachſen, daß er erfreue des Menſchen Herz. Pſalm 104, 15. Das erkannten alſo auch jene Chri⸗ ſten der erſten Zeit, bei aller ſonſtigen Strenge ihrer Lebens⸗ weiſe, an; und der wichtige Unterſchied, der zwiſchen ihnen und der Welt Statt fand, beſtand vornehmlich darin, daß ſie deſſen ſich freuten, worüber auch Gott und ſeine heiligen Engel ſich freuen, des Seelenheiles ihrer Mitmenſchen, und daß ſie in ſolchem Maße ſich freuten, daß ſie hintennach nicht Urſache hatten, mit Bußthränen ihre Freuden zu be⸗ weinen.