Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 5, Nummer 7 › Seite 53
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1848-11-24, Seite 53
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Bibelleſen 41
Wenn in den class meetings einer viel von
ſeinen gemachten Erfahrungen zu erzählen wußte,
ſo wußte der Erwähnte noch mehr. Die Sünde
ſchien ihm fremd zu ſein, ja er hielt ſich gar nicht
nehr für fähig, wider den HErrn handeln zu kön⸗
nen. Am allerliebſten erzählte er in den olass
meetings den Hergang ſeiner Bekehrung, und
war auf folgende Weiſe: „Ich war“, hub er an,
„tines Tages allein in meinem Hauſe, lag auf
meinen Knieen im Gebete, und dachte, nicht nach⸗
zulaſſen, bis der Heilige Geiſt bei mir eingezogen
wäe, denn noch immer fühlte ich, daß ich ein
Sünder ſei; da wurde plötzlich meine Stube von
einem wunderbaren Lichte erfüllt; ich kämpfte und
ung alſo, daß jeder, der mich geſehen hätte, mich
für wahnſinnig gehalten haben würde, aber der
Hbeilige Geiſt zog damals bei mir ein; und jetzt
fühle ich keine Sünde, ſündige auch nicht mehr.“
So endigte der Unglückliche. Doch: „Irret euch
nicht, Gott läßt ſich nicht ſpotten“, ſagt Paulus
Gal. 6, 7. Bald hörte man, daß das Strohfeuer
des Mannes verloſchen ſei, und er aufhöre, ſich
für rein und heilig zu erkennen, vielmehr anfange,
ſich für den vornehmſten der Sünder zu halten,
und das leider im Sinne eines Kains. Um die⸗
ſelbe Zeit hatte die Methodiſten-Gemeinde „große
Kirche“, wozu ſich außer Herrn Riemenſchneider,
dem Oberprediger, noch Herr Diemer und Brakany
eingefunden hatten; die Gemeinde feierte dabei
das heilige Abendmahl. Dazu ſollte auch der von
ſeinen Sünden ſchwer angefochtene Herbſt (das iſt
der Name des Unglücklichen) eingeladen werden;
aber dieſer wollte, als er davon gehört hatte, ent—
rinnen, weil er ſich für unwürdig hielt, am Mahle
des HErrn Theil zu nehmen, und er wohl wußte,
daß er ohne Glauben es ſich zum Gerichte thun
würde.
Aber dieſe Einwendung, von den armen Manne
vorgebracht, wurde nicht beachtet. Als die Pre⸗
diger ſahen, daß er nicht willig ſei, zu kommen,
zogen ſie ihn zum Tiſche des HErrn, unter dem
Vorgeben: der Heilige Geiſt kehre durch den
Abendmahlsgenuß wieder zurück. Bei dieſem
Ziehen und Zwingen hat ſich vornehmlich „Bru⸗
* der“ Diemer ausgezeichnet. Und der Arme ließ
ſich auch zwingen. Da er aber den Biſſen ge⸗
nommen hatte, ward es gar anders mit ihm. Von
einer innerlichen Unruhe, mehr als jemals zuvor,
gepeinigt und gefoltert, bat er den Prediger, wel⸗
cher nach der Feier des heiligen Abendmahles zur
Gemeinde rrdete, aufzuhören, und für ihn und die
Seinen zu beten. Als dieſer nicht darauf hören
wollte, lief erſterer mit entſtellten Geberden aus
der Verſammlung, und gleich einem Wahnſinnigen
dem Buſche zu. Die Prediger, auch Herr Peter
mit inbegriffen, verließen am andern Tage die
Gemeinde, ohne ſich viel um das verirrte Schäf—
lein, das noch nicht zurückgekehrt war, und durch
ihie Schuld ſich in die Wüſte verlaufen hatte, zu
befümmern. Als der Unglückliche ſelbſt am drit⸗
Eten Tage noch nicht nach Hauſe gekomnien war,
T wurde er von den Seinen geſucht, und gefunden.
Aber nur kurze Zeit blieb er im Hauſe, in das er
zurückgeführt worden war. Um Mitternacht ver⸗
ließ er nach einigen Tagen abermals ſeine Woh⸗
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nung, und begann, wie ehedem, ſeine traurige
Wanderſchaft; dieſesmal ungehindert von den
Seinen. Dieſe hielten mit der ganzen Gemeinde
dafür: der Unglückliche befinde ſich in den Händen
des Satans; und um deßwillen hielt es wahr⸗
ſcheinlich Herr Peter für unthunlich, dem beäng⸗
ſtigten Gewiſſen Troſt aus dem Evangelio zu
ſpenden. Dieſe ſeine heilige Pflicht wollte er, wie
es ſcheint, nicht erkennen. Er nahm deßhalb keinen
Anſtand, als ein Feigling, der ſein Unvermögen
dem Feinde gegenüber kennt, das Feld zu räumen,
in der Zeit, da der Wolf, nach ſeiner eignen Aus—
ſage, bereits ein Schaf im Rachen hatte. Aber,
lieber Gott, womit hätte er auch dieſes befreien
wollen? Womit den zerſchlagenen Geiſt auf⸗
richten? Auf das Gefühl, wie er zu thun ge⸗
wohnt war, konnte er den Armen nicht hinweiſen;
das war es ja eben, welches jenen verdammte;
und glauben, ohne zu fühlen, hatte Herr Peter
zuvor nicht gepredigt, darum fiel ihm auch jetzt
nicht ein, es zu thun. Er ließ ſomit den Troſtloſen
ganz im Stiche.
Dieſer kam, nachdem er abermals, ohne zu eſſen
und zu trinken, zwei Tage im Walde umher ge⸗
laufen war, zu einem meiner Gemeindeglieder, und
bat vor deſſen Haus um Eſſen und Aufnahme,
wo ihm auch beides gewährt wurde. Doch auch
hier wollte er nach dreien Tagen wieder davon,
um den Quälgeiſtern, in deren Gewalt er ſich
fühlte, zu entfliehen; was ihm freilich unmöglich
geweſen wäre, weil er dieſe ja in eigner Bruſt
trug. In der Angſt ſeines Herzens verlangte er
nach mir. Sobald ich davon Nachricht erhalten
hatte, begab ich mich zu ihm, um von Dem ihm
zu ſagen, der geſandt iſt, „die zerbrochenen Herzen
zu verbinden, und zu predigen den Gefangenen
eine Erlöſung“ (Jeſ. 61, 1.). Da er meiner
anſichtig wurde, überhäufte er mich mit Fragen,
als: ob ich ihm helfen könne; ob ich den Heiligen
Geiſt habe; ob er noch ſelig werden könne u. ſ. w.
Nachdem ich ihm dieſe und ähnliche Fragen be—
antwortet hatte, ſuchte ich in Betreff der letzt—
erwähnten näher auf den Zuſtand ſeines Herzens
einzugehen. Da erzählte er mir, in Gegenwart der
Bewohner des Hauſes, mit Weinen, daß ihm erſt
jetzt ſeine Sünden und die Folgen derſelben, wie
dieſe ihm die Methodiſtenprediger geſchildert haben,
recht klar vor Augen ſeien, und er deßhalb von
allen Seiten Fluch und Verdammniß, aber nir⸗
gends Gnade erblicke. Hierbei rang er verzweif⸗
lungsvoll die Hände. Ich ſuchte ihn nun von
der Meinung der Methodiſtenprediger, auch der
ſeines eigenen Herzens, abzubringen, und auf das
Wort hinzuführen. Wobei ich der Größe ſeiner
„doppelten Sünden“, wie er ſie hieß und die er
nicht namhaft machen wollte, die Größe der Gnade
Gottes in IEſu gegenüberſtellte. Aber ungläubig
wandte er das Angeſicht von mir ab. Und ob⸗
wohl ihm die meiſten der Beiſpiele der göttlichen
Gnade und der Troſtſprüche, welche ich anführte,
bewußt waren, wollte er doch kein Wort des Lebens
auf ſich anwenden. Seine Worte, die er immer
wiederholte, waren: „Ich bin verloren.“ Und
als ich hinzugeſetzt hatte: „durch eigne Schuld,
ſo er nicht ergreifen wolle, was ihm der HErr zur
Rettung darbiete“, fing er ein Geheul an, daß es
mir unmöglich war, noch mehr mit ihm zu ſprechen.
Ich betete noch mit den Anweſenden zum HErrn
für den Unglücklichen, und verließ darnach mit
ſchwerem Herzen den gefährlich Kranken. Nach
einigen Tagen mußte ich ſchon wieder hören, daß
er, mit dem Vorſatze, niemanden aus ſeinem Hauſe
mehr lebend unter die Augen zu kommen, in das
Gehölz entlaufen ſei. Und er hielt auch leider
Wort. Wohl wäre es möglich geweſen, es zu
verhindern; aber er konnte Tage lang im Buſche
umherlaufen, ohne daß er von den Seinen geſucht
worden wäre, oder ſein „Seelſorger“, Herr Peter,
ein Verlangen gezeigt hätte, den verlornen Sohn
zum Vater zurückzuführen. Aber freilich, des
Unglücklichen Familie beſteht aus lauter „bekehr⸗
ten Chriſten“ (ſie gehören nämlich der Methodiſten⸗
kirche an) und waren ſomit rein; der Vater da⸗
gegen ſah nichts als Sünde an ſich. Um deß⸗
willen, um der vermeintlichen Heiligkeit willen
zerriſſen Kinder und Gattin die Bande, welche ſie
ſo eng mit dem Unglücklichen verknüpften, und
welche Bande ſelbſt einem Heiden heilig gelten.
In dem Bewußtſein, daß ſeine nächſten Freunde
ſeine Feinde geworden ſind, erſchrack der Verlorne
früher ſchon, wenn ihm geſagt wurde, er müſſe
nach Hauſe gehen.
Nachdem er nun ohngefähr ſechs Wochen lang
unſtät und flüchtig, den Methodiſten zu einem
warnenden und drohenden Exempel, umhergeirrt
war, wurde er endlich im Buſche, an einem Baume
lehnend, todt gefunden. Jedermann erſchrack mehr
darüber, als die ihm einſtmals zunächſt geſtanden
haben. Ganz kalt vernahmen ſie die Nachricht
von dem Tode des Gatten und Vaters. Die
Leiche, welche in das Haus, das ehedem ihnen
gehörte, gebracht wurde, ſollte am andern Morgen
beerdiget werden; auch hieß es, daß Herr Peter,
der damals in Sydney war (eine kleine Stadt,
18 Meilen von hier), dazu eintreffen und eine
Predigt halten ſollte. Der Zug zum Kirchhofe
fand am folgenden Tage zur beſtimmten Zeit ſtatt.
Begierig, zu hören, was Herr Peter am Grabe
eines Unglücklichen, den er ſelbſt ins Unglück ge⸗
ſtürzt hatte, zu ſagen wiſſe, ſchloß ich mich dem
Zuge an. Hierbei konnte ich zwar die ganze
Methodiſtengemeinde ſehen, aber keine Betrübniß
über den vorliegenden erſchütternden Fall auf den
Geſichtern leſen; ſo daß ich die klagenden Worte
des HErrn auch hier beſtätiget fand: „Aber ſie
wollten nicht aufmerken, und kehrten mir den
Rücken zu, und verſtockten ihre Ohren, daß ſie
nicht hörten.“ Sach. 7, 11. Mein Verlangen,
von Herrn Peter eine Predigt zu hören, wurde
nicht geſtillt; bald mußte ich vernehmen, daß der⸗
ſelbe nicht angekommen wäre. Ehe wir an dem
Beerdigungsplatze angelangt waren, wurde ich
daher von ſämmtlichen Methodiſten gebeten, da
ihr Prediger nicht erſchienen ſei, eine Rede zu
halten; welches ich auch zu thun verſprach. Ich
redete zu der Gemeinde, deren Glieder ehemals der
lutheriſchen Kirche angehörten, über Pſ. 119, 105.:
„Dein Wort iſt meines Fußes Leuchte“ ꝛc.
Bei dieſer Gelegenheit wies ich den Verführten
nach, daß ſie von dieſem Worte gewichen ſeien,
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