# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 11 24_S53 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Wenn in den class meetings einer viel von ſeinen gemachten Erfahrungen zu erzählen wußte, ſo wußte der Erwähnte noch mehr. Die Sünde ſchien ihm fremd zu ſein, ja er hielt ſich gar nicht nehr für fähig, wider den HErrn handeln zu kön⸗ nen. Am allerliebſten erzählte er in den olass meetings den Hergang ſeiner Bekehrung, und war auf folgende Weiſe: „Ich war“, hub er an, „tines Tages allein in meinem Hauſe, lag auf meinen Knieen im Gebete, und dachte, nicht nach⸗ zulaſſen, bis der Heilige Geiſt bei mir eingezogen wäe, denn noch immer fühlte ich, daß ich ein Sünder ſei; da wurde plötzlich meine Stube von einem wunderbaren Lichte erfüllt; ich kämpfte und ung alſo, daß jeder, der mich geſehen hätte, mich für wahnſinnig gehalten haben würde, aber der Hbeilige Geiſt zog damals bei mir ein; und jetzt fühle ich keine Sünde, ſündige auch nicht mehr.“ So endigte der Unglückliche. Doch: „Irret euch nicht, Gott läßt ſich nicht ſpotten“, ſagt Paulus Gal. 6, 7. Bald hörte man, daß das Strohfeuer des Mannes verloſchen ſei, und er aufhöre, ſich für rein und heilig zu erkennen, vielmehr anfange, ſich für den vornehmſten der Sünder zu halten, und das leider im Sinne eines Kains. Um die⸗ ſelbe Zeit hatte die Methodiſten-Gemeinde „große Kirche“, wozu ſich außer Herrn Riemenſchneider, dem Oberprediger, noch Herr Diemer und Brakany eingefunden hatten; die Gemeinde feierte dabei das heilige Abendmahl. Dazu ſollte auch der von ſeinen Sünden ſchwer angefochtene Herbſt (das iſt der Name des Unglücklichen) eingeladen werden; aber dieſer wollte, als er davon gehört hatte, ent— rinnen, weil er ſich für unwürdig hielt, am Mahle des HErrn Theil zu nehmen, und er wohl wußte, daß er ohne Glauben es ſich zum Gerichte thun würde. Aber dieſe Einwendung, von den armen Manne vorgebracht, wurde nicht beachtet. Als die Pre⸗ diger ſahen, daß er nicht willig ſei, zu kommen, zogen ſie ihn zum Tiſche des HErrn, unter dem Vorgeben: der Heilige Geiſt kehre durch den Abendmahlsgenuß wieder zurück. Bei dieſem Ziehen und Zwingen hat ſich vornehmlich „Bru⸗ * der“ Diemer ausgezeichnet. Und der Arme ließ ſich auch zwingen. Da er aber den Biſſen ge⸗ nommen hatte, ward es gar anders mit ihm. Von einer innerlichen Unruhe, mehr als jemals zuvor, gepeinigt und gefoltert, bat er den Prediger, wel⸗ cher nach der Feier des heiligen Abendmahles zur Gemeinde rrdete, aufzuhören, und für ihn und die Seinen zu beten. Als dieſer nicht darauf hören wollte, lief erſterer mit entſtellten Geberden aus der Verſammlung, und gleich einem Wahnſinnigen dem Buſche zu. Die Prediger, auch Herr Peter mit inbegriffen, verließen am andern Tage die Gemeinde, ohne ſich viel um das verirrte Schäf— lein, das noch nicht zurückgekehrt war, und durch ihie Schuld ſich in die Wüſte verlaufen hatte, zu befümmern. Als der Unglückliche ſelbſt am drit⸗ Eten Tage noch nicht nach Hauſe gekomnien war, T wurde er von den Seinen geſucht, und gefunden. Aber nur kurze Zeit blieb er im Hauſe, in das er zurückgeführt worden war. Um Mitternacht ver⸗ ließ er nach einigen Tagen abermals ſeine Woh⸗ 53 nung, und begann, wie ehedem, ſeine traurige Wanderſchaft; dieſesmal ungehindert von den Seinen. Dieſe hielten mit der ganzen Gemeinde dafür: der Unglückliche befinde ſich in den Händen des Satans; und um deßwillen hielt es wahr⸗ ſcheinlich Herr Peter für unthunlich, dem beäng⸗ ſtigten Gewiſſen Troſt aus dem Evangelio zu ſpenden. Dieſe ſeine heilige Pflicht wollte er, wie es ſcheint, nicht erkennen. Er nahm deßhalb keinen Anſtand, als ein Feigling, der ſein Unvermögen dem Feinde gegenüber kennt, das Feld zu räumen, in der Zeit, da der Wolf, nach ſeiner eignen Aus— ſage, bereits ein Schaf im Rachen hatte. Aber, lieber Gott, womit hätte er auch dieſes befreien wollen? Womit den zerſchlagenen Geiſt auf⸗ richten? Auf das Gefühl, wie er zu thun ge⸗ wohnt war, konnte er den Armen nicht hinweiſen; das war es ja eben, welches jenen verdammte; und glauben, ohne zu fühlen, hatte Herr Peter zuvor nicht gepredigt, darum fiel ihm auch jetzt nicht ein, es zu thun. Er ließ ſomit den Troſtloſen ganz im Stiche. Dieſer kam, nachdem er abermals, ohne zu eſſen und zu trinken, zwei Tage im Walde umher ge⸗ laufen war, zu einem meiner Gemeindeglieder, und bat vor deſſen Haus um Eſſen und Aufnahme, wo ihm auch beides gewährt wurde. Doch auch hier wollte er nach dreien Tagen wieder davon, um den Quälgeiſtern, in deren Gewalt er ſich fühlte, zu entfliehen; was ihm freilich unmöglich geweſen wäre, weil er dieſe ja in eigner Bruſt trug. In der Angſt ſeines Herzens verlangte er nach mir. Sobald ich davon Nachricht erhalten hatte, begab ich mich zu ihm, um von Dem ihm zu ſagen, der geſandt iſt, „die zerbrochenen Herzen zu verbinden, und zu predigen den Gefangenen eine Erlöſung“ (Jeſ. 61, 1.). Da er meiner anſichtig wurde, überhäufte er mich mit Fragen, als: ob ich ihm helfen könne; ob ich den Heiligen Geiſt habe; ob er noch ſelig werden könne u. ſ. w. Nachdem ich ihm dieſe und ähnliche Fragen be— antwortet hatte, ſuchte ich in Betreff der letzt— erwähnten näher auf den Zuſtand ſeines Herzens einzugehen. Da erzählte er mir, in Gegenwart der Bewohner des Hauſes, mit Weinen, daß ihm erſt jetzt ſeine Sünden und die Folgen derſelben, wie dieſe ihm die Methodiſtenprediger geſchildert haben, recht klar vor Augen ſeien, und er deßhalb von allen Seiten Fluch und Verdammniß, aber nir⸗ gends Gnade erblicke. Hierbei rang er verzweif⸗ lungsvoll die Hände. Ich ſuchte ihn nun von der Meinung der Methodiſtenprediger, auch der ſeines eigenen Herzens, abzubringen, und auf das Wort hinzuführen. Wobei ich der Größe ſeiner „doppelten Sünden“, wie er ſie hieß und die er nicht namhaft machen wollte, die Größe der Gnade Gottes in IEſu gegenüberſtellte. Aber ungläubig wandte er das Angeſicht von mir ab. Und ob⸗ wohl ihm die meiſten der Beiſpiele der göttlichen Gnade und der Troſtſprüche, welche ich anführte, bewußt waren, wollte er doch kein Wort des Lebens auf ſich anwenden. Seine Worte, die er immer wiederholte, waren: „Ich bin verloren.“ Und als ich hinzugeſetzt hatte: „durch eigne Schuld, ſo er nicht ergreifen wolle, was ihm der HErr zur Rettung darbiete“, fing er ein Geheul an, daß es mir unmöglich war, noch mehr mit ihm zu ſprechen. Ich betete noch mit den Anweſenden zum HErrn für den Unglücklichen, und verließ darnach mit ſchwerem Herzen den gefährlich Kranken. Nach einigen Tagen mußte ich ſchon wieder hören, daß er, mit dem Vorſatze, niemanden aus ſeinem Hauſe mehr lebend unter die Augen zu kommen, in das Gehölz entlaufen ſei. Und er hielt auch leider Wort. Wohl wäre es möglich geweſen, es zu verhindern; aber er konnte Tage lang im Buſche umherlaufen, ohne daß er von den Seinen geſucht worden wäre, oder ſein „Seelſorger“, Herr Peter, ein Verlangen gezeigt hätte, den verlornen Sohn zum Vater zurückzuführen. Aber freilich, des Unglücklichen Familie beſteht aus lauter „bekehr⸗ ten Chriſten“ (ſie gehören nämlich der Methodiſten⸗ kirche an) und waren ſomit rein; der Vater da⸗ gegen ſah nichts als Sünde an ſich. Um deß⸗ willen, um der vermeintlichen Heiligkeit willen zerriſſen Kinder und Gattin die Bande, welche ſie ſo eng mit dem Unglücklichen verknüpften, und welche Bande ſelbſt einem Heiden heilig gelten. In dem Bewußtſein, daß ſeine nächſten Freunde ſeine Feinde geworden ſind, erſchrack der Verlorne früher ſchon, wenn ihm geſagt wurde, er müſſe nach Hauſe gehen. Nachdem er nun ohngefähr ſechs Wochen lang unſtät und flüchtig, den Methodiſten zu einem warnenden und drohenden Exempel, umhergeirrt war, wurde er endlich im Buſche, an einem Baume lehnend, todt gefunden. Jedermann erſchrack mehr darüber, als die ihm einſtmals zunächſt geſtanden haben. Ganz kalt vernahmen ſie die Nachricht von dem Tode des Gatten und Vaters. Die Leiche, welche in das Haus, das ehedem ihnen gehörte, gebracht wurde, ſollte am andern Morgen beerdiget werden; auch hieß es, daß Herr Peter, der damals in Sydney war (eine kleine Stadt, 18 Meilen von hier), dazu eintreffen und eine Predigt halten ſollte. Der Zug zum Kirchhofe fand am folgenden Tage zur beſtimmten Zeit ſtatt. Begierig, zu hören, was Herr Peter am Grabe eines Unglücklichen, den er ſelbſt ins Unglück ge⸗ ſtürzt hatte, zu ſagen wiſſe, ſchloß ich mich dem Zuge an. Hierbei konnte ich zwar die ganze Methodiſtengemeinde ſehen, aber keine Betrübniß über den vorliegenden erſchütternden Fall auf den Geſichtern leſen; ſo daß ich die klagenden Worte des HErrn auch hier beſtätiget fand: „Aber ſie wollten nicht aufmerken, und kehrten mir den Rücken zu, und verſtockten ihre Ohren, daß ſie nicht hörten.“ Sach. 7, 11. Mein Verlangen, von Herrn Peter eine Predigt zu hören, wurde nicht geſtillt; bald mußte ich vernehmen, daß der⸗ ſelbe nicht angekommen wäre. Ehe wir an dem Beerdigungsplatze angelangt waren, wurde ich daher von ſämmtlichen Methodiſten gebeten, da ihr Prediger nicht erſchienen ſei, eine Rede zu halten; welches ich auch zu thun verſprach. Ich redete zu der Gemeinde, deren Glieder ehemals der lutheriſchen Kirche angehörten, über Pſ. 119, 105.: „Dein Wort iſt meines Fußes Leuchte“ ꝛc. Bei dieſer Gelegenheit wies ich den Verführten nach, daß ſie von dieſem Worte gewichen ſeien,