Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 4, Nummer 5 › Seite 34
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1847-11-04, Seite 34
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Abendmahl
Ueber Privat⸗ und allgemeine Beichte.
(Von Paſtor Keyl.)
(Fortſetzung.)
Beweis, daß in den beſten Zeiten der lu⸗
theriſchen Kirche die allgemeine Beichte
weder neben der Privatbeichte, noch weit
weniger aber allein gebräuchlich ge—
weſen ſei.
Die Symboliſchen Bücher erwähnen dieſe oͤf—
fentliche Abſolution mit keiner Sylbe, wovon ſich
Jeder durch den Augenſchein überzeugen kann.
Es wird zwar im kleinen Katechismus einmal die
„gemeine“ Beichte erwähnt, allein darunter wird
offenbar nur die gewöhnliche allgemeine Kirchen⸗
beichte verſtanden, die ein Einzelner vor dem
Beichtvater ablegte. Demnach muß man auf die
Frage: was lehren die Symboliſchen Bücher von
der allgemeinen Beichte? antworten: ſie lehren
davon gar nicht ausdrücklich. Hätten ſie aber
dieſelbe billigend erwähnt, ſo würden ſie damit
ſowohl der Geſchichte als ihrer eigenen Lehre
widerſprochen haben. Der Geſchichte, denn in
der päbſtlichen Kirche war bis zur Zeit der Re⸗
formation nur allein die Privatbeichte gebräuch⸗
lich; wenn nun die Lutheraner im 11. Art. der
Augsb. Confeſſion und an andern Orten erklä⸗
ren, daß ſie dieſen löblichen Kirchengebrauch kei⸗
neswegs fallen laſſen, ſondern in ihren Kirchen
auch ferner feſt halten wollten, ſo konnten ſie nur
eben dadurch den Vorwurf der Neuerungsſucht
von ſich abweiſen; hätten ſie aber verſucht einen
ſo völlig unbekannten Gebrauch in der Kirche ein⸗
zuführen, wie damals die allgemeine Beichte war,
ſo konnte ihnen leicht der Vorwurf der Neuerungs⸗
ſucht gemacht werden. Die Symboliſchen Bücher
aber würden auch ihrer eignen Lehre wider⸗
ſprochen haben; denn ſie lehren deutlich, daß die
Beichte wegen der Abſolution beibehalten werde,
wodurch die Gewalt der Schlüſſel einen jeden in⸗
ſonderheit losſpricht von Sünden, die Predigt
des Evangelii einem jeden inſonderheit ver⸗
kündigt, daß jeder in ſonderheit von dem
Beichtvater verhört, unterwieſen und getröſtet
werden ſolle (ſiehe die Anweiſung zur Beichte im
kleinen Katechismus), und daß es endlich gottlos
ſei, die Privatabſolution aus der Kirche abzuthun;
— dieſer Lehre hätten ſie widerſprochen, wenn ſie
der allgemeinen Beichte und Abſolution gleiche
Geltung und gleichen Werth wie der Privat⸗
beichte zugeſchrieben hätten; folglich kann die all⸗
gemeine Beichte aus den Symboliſchen Büchern
nicht als ein alter Gebrauch unſerer Kirche gerecht⸗
fertigt werden; ebenſowenig aber mit den Schrif⸗
ten Dr. Luthers, worin zwar einigemal von
der „oͤffentlichen“ Beichte die Rede iſt, allein nur
als von der, welche vor Gott im Vaterun ſer und
vor unſerem beleidigten Nächſten geſchieht, im
Gegenſatz gegen heimliche Beichte oder Privat⸗
beichte vor dem Beichtvater.
Es findet ſich jedoch in den Werken Dr. Lu⸗
thers eine von ihm und ſeinen Collegen ausge⸗
gangene Schrift an den Rath zu Nürnberg von
gemeiner und beſonderer Abſolution vom Jahr
1539, welche darüber völligeꝗGewißheit zu geben
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ſcheint, daß er wirklich den Gebrauch der öffent⸗
lichen Beichte neben der Privatbeichte geſtattet
habe. Allein bei genauer Erwägung aller Um⸗
ſtände wird es ſich zeigen, daß dieſer Annahme
manche gewichtige Gründe entgegenſtehen, deren
vollſtändige Widerlegung kaum zu erwarten ſein
dürfte; geſetzt aber auch, daß dies wirklich geſchähe,
ſo iſt doch aus dieſem beſondern Falle noch keine
Folgerung für die ganze lutheriſche Kirche aller
Zeiten und aller Orten zu ziehen. Dies ſoll nun
in Bezug auf die erwähnte Schrift Dr. Luthers
deutlich nachgewieſen, zuvor aber die Veran⸗
laſſung und der Hauptinhalt derſelben kurz dar⸗
gelegt werden.
Es war im Jahr 1539 unter den lutheriſchen
Predigern darüber eine Uneinigkeit entſtanden,
daß Andreas Oſiander aus mehreren Gründen
ſich weigerte, die öffentliche Abſolution zu gebrau⸗
chen, wie das Wenzeslaus Link und ſeine ande⸗
ren Collegen thaten, indem er auf den ausſchließ⸗
lichen Gebrauch der Privatbeichte drang. Auf
Erfordern des Raths faßte nun Dr. Luther mit
ſeinen Collegen ein theologiſches Gutachten ab,
worin er Folgendes ſagt: „Wiewohl wir die Pri⸗
vatabſolution für ſehr chriſtlich und tröſtlich hal⸗
ten, und daß ſie ſoll in der Kirchen erhalten wer⸗
den, . . . ſo können und wollen wir doch die Ge⸗
wiſſen nicht ſo hart beſchweren, als ſollte keine
Vergebung der Sünden ſein, ohne allein durch die
Privatabſolution.“ Dies zu beweiſen, führt er die
Heiligen des Alten Teſtaments an, welche ſich an
die allgemeinen Verheißungen des Evangelii ge⸗
halten hätten, wie auch diejenigen thun müßten,
welche keinen Prediger haben könnten. Er lehrt
ferner: „Das Evangelium ſelbſt iſt eine gemeine
Abſolution, denn es iſt eine Verheißung, deren ſich
alle und ein Jeder inſonderheit annehmen ſollen
aus Gottes Befehl und Gebot. Darum können
wir die gemeine Abſolution nicht als unchriſtlich
verbieten und condemniren, dieweil ſie doch dazu
dient, daß ſie die Zuhörer erinnert, daß ſich ein
jeder des Evangelii annehmen ſolle, daß es eine
Abſolution ſei und ihm auch gehöre, wie denn
Eure Form zu ſolcher Erinnerung geſtalt iſt.“ Auf
den Einwand, die Abſolution ſolle nicht in den
Haufen hinein geſprochen'werden, weil ſich dar⸗
unter ſolche befinden könnten, für die der Binde⸗
ſchlüſſel gehöre, antwortet Dr. Luther, daß der
letztere (der Bann) nur bei den öffentlichen Sün⸗
den anwendbar ſei, die heimlichen aber würden
insgemein durch das Predigtamt gebunden. „Alſo
bindet die Predigt alle Ungläubigen und giebt
dagegen zugleich allen Gläubigen Vergebung....
Daß auch gedachte Abſolution conditionalis (be⸗
dingte) iſt, iſt ſie wie ſonſt auch eine gemeine
Predigt und eine jede Abſolution. Beide gemein
und privat hat die Condition (Bedingung) des
Glaubens; denn ohne Glauben entbindet ſie
nicht, und iſt darum nicht ein Fehlſchlüſſel.“
Endlich gibt Dr. Luther den Rath: „Oſiander
ſolle zum Gebrauch der öffentlichen Abſolution,
als die ſeinem Gewiſſen zuwider ſei, nicht ge⸗
drungen werden, er ſolle aber auch den andern
Theil, der ſie gebrauche, um des Friedens willen
unangefochten laſſen, hingegen von dieſem eben⸗
falls unangefochten bleiben, und beide Theile ſoll⸗
ten zugleich die Leute zur Privatabſolution ermah⸗
nen. In dieſer Schrift wird der Beichte, we⸗
der der Privatbeichte noch der allgemeinen, mit
keinem Worte Erwähnung gethan, ſondern es iſt
durchgängig nur von der Abſolution die Rede;
auch findet ſich darin nichts vom Sacrament, oder
von Communicanten, ſondern nur von Zuhö⸗
rern. Schon deshalb kann daraus kein bündi⸗
ger Beweis, daß die allgemeine Beichte gemeint
ſei, hergenommen werden. Auch iſt daraus nicht
zu beweiſen, daß Dr. Luther die öffentliche Abſo⸗
lution für eben ſo gut, als die Privatabſolution
gehalten habe; denn letztere erklärt er für „ſehr
chriſtlich und tröſtlich“; er will, daß beide Theile
die Leute dazu ermahnen ſollen; von jener, der
öffentlichen, aber ſagt er nur, daß er ſie nicht als
unchriſtlich verbieten und condemniren könne.
Seine Hauptabſicht iſt offenbar die, daß die Ge⸗
wiſſen nicht ſo hart beſchwert werden dürften, als
ſollte keine Vergebung der Sünden ſein, ohne all⸗
ein durch Privatabſolution, was eben Oſiander
behauptete. Hier aber handelt es ſich nicht um
einen Gewiſſensrath für Nothfälle, ſondern um
Feſthaltung eines ſeit Jahrhunderten üblichen
Kirchengebrauchs, nicht um Ausnahmen, ſondern
um die Regel ſelbſt. Daß aber Dr. Luther die
Beibehaltung der öffentlichen Abſolution wohl
nicht für immer angerathen habe, erhellet nament⸗
lich aus einem Briefe an Oſiander, worin er die⸗
ſelbe nur ſo lange beibehalten wiſſen will, „bis
nach wieder beſänftigten Gemüthern ohne Aerger⸗
niß der Seelen in dieſer Sache ein Entſchluß
gefaßt werden könne.“
Außer dieſen innern Gründen ſind auch noch
äußere vorhanden, welche der Annahme im
Wege ſtehen, als rede Dr. Luther in jener Schrift
der allgemeinen Beichte das Wort. Er erwähnt
nemlich eine bei den Nürnberger Predigern ge⸗
bräuchliche Form der öffentlichen Abſolution;
allein eine ſolche iſt in der damals gebräuchlichen
Agende von 1533 nicht zu finden, während ſie
für die Privatabſolution zwei Formulare enthält.
Dagegen kommt am Schluſſe der Ermahnung an
die Communicanten vor dem heiligen Abendmahl
eine „nochmalige“ förmliche Abſolution vor, wor⸗
auf ſich vielleicht jene Worte Dr. Luthers be⸗
ziehen. Seckendorf meint, daß jener Streit wegen
der Abſolution, welche nach der Predigt von der
Canzel ertheilt werde, entſtanden ſei; allein von
ſolchem Gebrauche findet ſich in der ganzen Nürn⸗
berger Kirchenordnung keine Spur. Es iſt leicht
möglich, daß jener berühmte Geſchichtsforſcher von
einer ſolchen beſondern Form gewußt, oder aus an⸗
dern Urkunden jene nähere Beſtimmung über den
Gegenſtand des Streits geſchöpft hat. Dieſe und
ähnliche Ungewißheiten hindern die zulängliche
Beweisführung aus dieſer Schrift, daß Dr. Luther
die Beibehaltung der allgemeinen Beichte ange⸗
rathen hätte.
Geſetzt aber auch, daß dies in Bezug auf die
Nürnberger Gemeinden mit der ſtärkſten Beweis⸗
kraft dargethan werden könnte, ſo folgt daraus
noch keineswegs, daß dies Gutachten als eine
Regel und Richtſchnur für andre lutheriſche Ge⸗
English translation AI translation
On Private and General Confession.
(By Pastor Keyl.)
(Continuation.)
Proof that, in the best times of the Lutheran Church, general confession was customary neither alongside private confession, nor still less on its own.
The Symbolical Books do not mention this public absolution with a single syllable, as anyone can convince himself by direct inspection. It is true that in the Small Catechism the "common" confession is mentioned once, but by this is evidently meant only the ordinary general church confession which a single individual made before the confessor. Accordingly, to the question, "What do the Symbolical Books teach concerning general confession?" one must answer: they do not teach anything about it explicitly at all. But had they mentioned it with approval, they would thereby have contradicted both history and their own doctrine. History, because in the papal church, up to the time of the Reformation, only private confession was in use; now when the Lutherans, in Article 11 of the Augsburg Confession and elsewhere, declare that they by no means abandon this praiseworthy church custom but intend to continue holding to it in their churches, it was precisely by this that they could reject the charge of seeking innovations; but had they attempted to introduce into the church a practice as utterly unknown as general confession then was, the charge of seeking innovations could easily have been brought against them. The Symbolical Books, however, would also have contradicted their own doctrine; for they teach clearly that confession is retained on account of absolution, whereby the power of the keys looses each person individually from sins; that the preaching of the Gospel proclaims to each person individually; that each individual is to be examined, instructed, and comforted by the confessor (see the instructions on confession in the Small Catechism); and finally, that it is godless to abolish private absolution from the church. They would have contradicted this doctrine had they ascribed to general confession and absolution the same standing and the same worth as to private confession; consequently general confession cannot be justified from the Symbolical Books as an old custom of our church—nor can it be so justified from the writings of Dr. Luther, in which, although "public" confession is spoken of a few times, it is meant only in the sense of that confession which takes place before God in the Lord's Prayer and before our offended neighbor, as opposed to secret confession, or private confession before the confessor.
There is found, however, among the works of Dr. Luther, a document issued by him and his colleagues to the Council of Nuremberg, concerning common and particular absolution, from the year 1539, which seems to give complete certainty that he did indeed permit the use of public confession alongside private confession. Yet upon careful consideration of all the circumstances, it will become apparent that several weighty reasons stand against this assumption, a complete refutation of which can hardly be expected; but even granting that this were indeed accomplished, no conclusion could yet be drawn from this particular case for the whole Lutheran Church of every time and place. This shall now be clearly demonstrated with regard to the aforementioned document of Dr. Luther, but first the occasion and principal content of it shall be briefly presented.
In the year 1539 a disagreement had arisen among the Lutheran preachers over the fact that Andreas Osiander, for several reasons, refused to use public absolution as Wenceslaus Link and his other colleagues did, insisting instead on the exclusive use of private confession. At the Council's request, Dr. Luther, together with his colleagues, drew up a theological opinion in which he says the following: "Although we hold private absolution to be very Christian and comforting, and hold that it should be retained in the churches ... yet we can not and will not burden consciences so heavily as though there were no forgiveness of sins except through private absolution alone." To prove this, he cites the saints of the Old Testament, who held to the general promises of the Gospel, as those must also do who can have no preacher. He further teaches: "The Gospel itself is a general absolution, for it is a promise which all, and each one in particular, should lay hold of by God's command and mandate. Therefore we cannot forbid and condemn general absolution as unchristian, since it does serve to remind hearers that each one should lay hold of the Gospel, that it is an absolution and belongs to him also—just as your formula is framed as such a reminder." To the objection that absolution should not be spoken into the crowd, because among them there might be some for whom the key of binding was appropriate, Dr. Luther answers that the latter (the ban) applies only to public sins, whereas secret sins are generally bound through the preaching office. "Thus preaching binds all unbelievers, while at the same time giving forgiveness to all believers.... That the aforesaid absolution is also conditional is true just as it is of a general sermon and of every absolution as well. Both, general and private, have the condition of faith; for without faith it does not release, and is therefore not a false key." Finally Dr. Luther gives the counsel: "Osiander should not be compelled to use public absolution, as it is contrary to his conscience; but he too should, for the sake of peace, leave unmolested the other party who does use it, and remain likewise unmolested by them; and both parties should at the same time exhort the people to private absolution."
In this document, no mention whatever is made of confession, either private or general, but throughout it speaks only of absolution; nor is anything found in it about the sacrament or about communicants, but only about hearers. For this reason alone no conclusive proof can be drawn from it that general confession is meant. Nor can it be proven from it that Dr. Luther held public absolution to be just as good as private absolution; for the latter he declares to be "very Christian and comforting," and he wishes both parties to exhort the people to it; but of the former, the public kind, he says only that he cannot forbid and condemn it as unchristian. His main intention is evidently that consciences should not be burdened so heavily as though there were no forgiveness of sins except through private absolution alone—which was precisely what Osiander maintained. But here the issue is not a counsel of conscience for cases of emergency, but the maintenance of a church custom in use for centuries—not exceptions, but the rule itself. That Dr. Luther did not, in fact, advise the retention of public absolution forever is evident particularly from a letter to Osiander, in which he wishes it to be retained only so long as "until, after minds have again been calmed, a decision can be reached in this matter without offense to souls."
Besides these internal reasons there are also external ones that stand in the way of assuming that Dr. Luther, in that document, speaks in favor of general confession. He mentions, namely, a form of public absolution customary among the Nuremberg preachers; but no such form is to be found in the liturgy (Agende) then in use, from 1533, although it contains two formularies for private absolution. Instead, at the end of the exhortation to communicants before the Holy Supper there occurs a formal absolution given "once more," to which Dr. Luther's words may perhaps refer. Seckendorf holds that this dispute arose over an absolution given from the pulpit after the sermon; but no trace of such a custom is found anywhere in the entire Nuremberg church order. It is quite possible that that famous historian knew of some such particular form, or drew this more precise determination of the subject of the dispute from other documents. These and similar uncertainties prevent an adequate proof, on the basis of this document, that Dr. Luther had advised the retention of general confession.
But even granting that this could be demonstrated with the strongest force of proof with regard to the Nuremberg congregations, it by no means follows that this opinion should be regarded as a rule and standard for other Lutheran con-